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  SEITEN ÜBER GOTT, WELT UND MENSCH                      THEODOR ALBERTUS MAGNUS FREY

FRANZ WITTENBRINK

WITTENBRINK MIT CAROLINE EBNER



Die Welt wird schöner mit jedem Tag

 

Metamorphosen

 

Kein schöner Land

 

Männer

 

Alle Lust will Ewigkeit

 


Etwas über Franz Wittenbrink . . .

 

Friedrich Nietzsche

DOCH 
ALLE LUST WILL EWIGKEIT 


"Eins!

O Mensch! Gib acht!

Zwei!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

Drei!

"Ich schlief, ich schlief -,

Vier!

Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -

Fünf!

Die Welt ist tief,

Sechs!

Und tiefer als der Tag gedacht.

Sieben!

Tief ist ihr Weh -,

Acht!

Lust - tiefer noch als Herzeleid:

Neun!

Weh spricht: Vergeh!

Zehn!

Doch alle Lust will Ewigkeit -,

Elf!

- will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Zwölf!"

Der vierte Satz von Mahlers III. Symphonie enthält das vom Altsolo 
gesungenes Stück von Friedrich Nietzsche, 
Zarathustras Nachtwandlerlied "O Mensch! Gib acht!" 
aus "Also sprach Zarathustra


             Anne Weber                Wiebke Puls               Caroline Ebner       

    

Besprechung von Egbert Tholl in der SZ  vom 15,1,2007

"Die drei Damen [befinden] sich in einem Zwischenreich zwischen Leben und Tod. Zersauste Verführerinnen zum Tode sind sie, mit Medusenhaupthaar, Selbstmörderinnenmal um den Hals, Blutstropfen im Gesicht. Komm mit auf unseren Charon.Kahn, der Tod ist das einzig Wahre, danach sehnen wir uns. Bis dahin spielen wir sehr drollig mit unseren Zehen, sind wild und sexy. Sehr, sehr sexy. Denn wenn die Lust Ewigkeit will, sehnt sie sich nach dem Tod, denn der dauert. Man muss halt die Lust mit hinüber nehmen."

"[Doris Schade als Taubenmutterl] wohnt ein Zauber inne. Sie ist der Tod. Sie leuchtet wie ein kleines Mädchen. Wenn so das Sterben kommt, dann möchte man sofort tot umfallen. Doris Schade singt auch, 'Satisfaction'. Ein Traum. Alles ... Zugabe singen die anderen vier für sie, an sie 'You make me feel like a natural woman'. Die Träne quillt, weil das so unglaublich zauberhaft süß ist."

"[Der Liederabend] ist geschlossen, atmosphärisch dicht, musikalisch (auch dank Friedrich Paravicini am Cello) weit gespannt." 

 

Ein paar Frauen, in der Blüte ihrer Jugend, sind einer merkwürdigen Lust verfallen: Mit Liedern von Pergolesi bis Meredith Monk von Schubert und Mozart bis zu Kate Bush und den Beatles feiern sie den Tod als ein skuril-sinnenfrohes Fest, träumen vom Vergehen und spielen mit dem Verlust der Lebensgeister.

 

 LIEDER

 


"Der Tod das ist die kühle Nacht" (Heine/Brahms)


Frühwald:

Das schönste Gedicht aus [dem] "Buch der Lieder" ist für mich immer noch aus der "Heimkehr" das Gedicht "Der Tod das ist die kühle Nacht". Das ist ein häufig vertontes Gedicht, das überhaupt nicht gebrochen ist. Aber es ist die junge Nachtigall in diesem Gedicht, die mich so fasziniert. Ich bin einmal gefragt worden, was mein Lieblingsvogel sei und ich behaupte bis zum heutigen Tat, dass die junge Nachtigall in Heines Liedern mein Lieblingsvogel ist.

 

Der Tod, das ist die kühle Nacht,

Das Leben ist der schwüle Tag.

Es dunkelt schon, mich schläfert,

Der Tag hat mich müd' gemacht.

 

Über mein Bett erhebt sich ein Baum,

Drin singt die junge Nachtigall;

Sie singt von lauter Liebe,

Ich hör es sogar im Traum.

 

Tag und Nacht diesem Ideal der Liebe nachzuträumen und es niemals zu erreichen, das hat Heinrich Heine dargestellt


Flemmer:

Dieses Gedicht ist natürlich noch schön rund sozusagen, es stellt noch nicht diese letzte Verletzung dar. Ich habe hier soeben ein anderes Gedicht von ihm aufgeschlagen, bei dem das eben nicht mehr so ist: "Sie liebten sich beide, doch keiner / Wollt' es dem andern gestehn, / Sie sahen sich an so feindlich, / Und wollten vor Liebe vergehn. // Sie trennten sich endlich und sahn sich / Nur noch zuweilen im Traum, / Sie waren längst gestorben, / Und wußten es selber kaum." Das ist doch fast schon brutal: Damit ist im Grunde diese Fremdheit gemeint, die einen erschaudern lassen könnte, die zwischen diesen Liebenden schon existiert, ohne dass sie sich das eingestehen, ohne dass sie das selbst schon wissen. Dafür gibt es in diesem "Buch der Lieder" einige Beispiele.

Frühwald:

Aber das ist doch eine große Erkenntnis: Dass auch diejenigen, die sich innig lieben, im Letzten einander fremd bleiben, und dass die wahre Liebe überhaupt nur im Traum vorhanden sein kann, und dass der Mensch in dieser Welt diesem Ideal der wahren Liebe überhaupt nie auch nur nahe kommen kann, weil diese letzte Fremdheit, weil eine ganz eisige Fremdheit zwischen den Menschen waltet. Das hat Heine erkannt und daraus entstanden seine Schmerzen.

Alpha-Forum-extra 03.04.2004: Der Spötter im Exil - Heinrich Heine

Prof. Dr. Wolfgang Frühwald im Gespräch mit Dr. Walter Flemmer

YOUKALI


Kurt Weill / Roger Fernay

Ob in Deutschland, Frankreich oder Amerika, Kurt Weills kontrastreiche Musiksprache erstaunte immer wieder durch eine Vielseitigkeit, in der Avantgarde und Assimilation auf das selbstverständlichste miteinander verbunden sind. Nur die wenigsten wissen, dass Jazz-Standards wie ‚Speak Low’ oder ‚September Song’ und der französische Tango ‚ Youkali’ beispielsweise aus Weills Feder stammen. Interpreten wie Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Frank Sinatra oder auch Nick Cave und Elvis Costello haben nicht nur einmal bewiesen, dass Weills Kompositionen auf das Vielseitigste musikalisch umgesetzt werden können und heute ebenso Gültigkeit finden wie damals. "Youkali", Text: Roger Fernay (1934) wurde zur "Hymne der Resistance" für Lys Gauty



Youkali
Tango Habanera 

C’est presque au bout du monde,
Ma barque vagabonde,
Errant au gré de l’onde,
M’y conduisit un jour.
L’île est toute petite,
Mais la fée qui l’habite
Gentillement nous invite
À en faire le tour.
Youkali, c’est le pays de nos désirs,
Youkali, c’est le bonheur, c’est le plaisir,
Youkali, c’est la terre où l’on quitte tous les soucis,
C’est dans notre nuit,
Comme une éclaircie,
L’étoile qu’on suit,
C’est Youkali!


Youkali, c’est le respect de
tous les voeux échangés,
Youkali, c’est le pays des beaux amours partagés,
C’est l’espérance

Qui est au coeur de tous les humains,
La délivrance
Que nous attendons tous pour demain,
Youkali, c’est le pays de nos désirs,
Youkali, c’est le bonheur, c’est le plaisir,
Mais c’est un rêve, une folie,
Il n’y a pas de Youkali!

Et la vie nous entraîne,
La sente quotidienne,
Mais la pauvre âme humaine,
Cherchant partout l’oubli,
A pour quitter la terre,
Su trouver le mystère
Où nos rêves se terrent
En quelque Youkali...

Youkali, c’est le pays de nos désirs,
Youkali, c’est le bonheur, c’est le plaisir,
Youkali, c’est la terre où l’on quitte tous les soucis,
C’est dans notre nuit,
Comme une éclaircie,
L’étoile qu’on suit,
C’est Youkali! 


Hier die Übersetzung von Friedrich Darge (Dresden). 
Herzlichen Dank dafür:


1. Es liegt fast am Ende der Welt
Mein umherstreifendes Boot
Irrt, getrieben von den Wellen
Wird mich eines Tages hintragen.
Die Insel ist ganz klein,
Aber die gute Fee, die dort lebt
lädt uns freundlich ein,
Die Fahrt zu unternehmen.

Youkali, das ist das Land unserer Wünsche,
Youkali, das ist das Glück, das ist die Freude,
Youkali, das ist das Land,
in dem man alle Sorgen vergisst,
Es ist in unserer Nacht wie ein Silberstreif,
der Stern, dem man folgt, das ist Youkali.

Youkali, dort werden die guten Worte eingelöst,
Youkali, das ist das Land der erwiderten Liebe,
Es ist die Hoffnung in der Herzen der Menschen,
Die Erlösung, die wir alle für das Morgen erwarten,
Youkali, das ist das Land unserer Wünsche,
Youkali, das ist das Glück, das ist die Freude,

Aber es ist ein Traum, eine Spinnerei,
Es gibt kein Youkali.

2. Und das Leben reißt uns fort,
Ermüdend, alltäglich,
Aber die arme Seele des Menschen
Immer auf der Suche nach Vergessen,
Hat, um der Erde zu entfliehen,
Gewußt, ein Mysterium zu finden,
In das sich unsere Träume verkriechen,
In irgendein Youkali.

Youkali . . .

 



Das Chanson entstammt dem 1934 komponierten Stück Marie Galante, einem Auftragswerk aus der Zeit in Paris, als Weill in schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen lebte. Marie Galante war bei der Uraufführung nur mäßig erfolgreich. Populär wurden aber einige französische Lieder daraus und der zunächst rein instrumentale Tango Youkali, der erst 1946 die vorliegende Textfassung erhielt. Zu den weiteren bekannt gewordenen Nummern aus Marie Galante gehört das (opernhafte) Le train du ciel. 




Doris Schade, 
eine wunderbare Schauspielerin, 
interpretierte als "Taubenmutterl" anrührend:

Wenn ich ein Vöglein wär,

Satisfaction

und als Zugabe: Das Hobellied



Rolling Stones

Satisfaction

Ich find´ einfach keine Befriedigung, nein,
so sehr ich es auch versuche und versuche...
Ich kann sie nicht finden, find einfach keine...

Wenn ich Auto fahre und dieser Mann da im Radio kommt,
dann informiert er mich mehr und mehr von diesem überflüssigen Zeug,
das angeblich meine Vorstellungskraft anheizen soll...

Ich krieg´ sie nicht. Oh nein...
Hey, eins sage ich euch:
Ich find´ einfach keine Befriedigung, nein,
so sehr ich es auch versuche und versuche....
Ich kann sie nicht finden, find einfach keine...

Wenn ich vor´m Fernseher sitze und der Typ dann kommt
und mir erzählen will, wie weiß meine Hemden sein sollten...
Na, der kann doch kein richtiger Mann sein, er raucht ja nicht mal
diesselben Zigaretten wie ich...

Ich krieg sie halt nicht. Oh nein...
Hey, das sage ich euch:
Ich find´ einfach keine Befriedigung, nein,
so sehr ich es auch versuche und versuche...
Ich kann sie nicht finden, find´ einfach keine...

Wenn ich so um die Welt reise und erst dies machen
und dann jenes unterschreiben muß...
und wenn ich mich dann an irgendein Mädchen ´ranmachen will,
die zu mir sagt: Baby, du solltest vielleicht besser nächste Woche kommen...
Seht ihr: Dann befinde ich mich mitten in einer Pechsträhne
Und ich krieg´ sie einfach nicht. Oh nein...
Hey, eins sage ich euch: Ich find´ sie nicht, ich find´ sie nicht,
ich krieg´ keine Befriedigung, keine Befriedigung, einfach keine Befreidigung...

 

 

Ferdinand Raimund 
in seinem Zaubermärchen 
»Der Verschwender«, 1834


1. 
Da streiten sich die Leut herum
Oft um den Wert des Glücks,
Der eine heißt den andern dumm,
Am End' weiß keiner nix.
Da ist der allerarmste Mann
Dem andern viel zu reich:
Das Schicksal setzt den Hobel an
Und hobelt alles Gleich!

2. 
Die Jugend will stets mit Gewalt
In allem glücklich sein,
Doch wird man nur ein wenig alt,
Da gibt man sich schon drein.
Oft zankt mein Weib mit mir, o Graus!
Das bringt mich nicht in Wut;
Da klopf ich meinen Hobel aus
Und denk: du brummst mir gut !

3. 
Zeigt sich der Tod einst, mit Verlaub,
Und zupft mich: Brüderl kumm!
Da stell ich mich ein wenig taub
Und schau mich gar nicht um.
Doch sagt er: "Lieber Valentin,
Mach keine Umständ, geh!"
So leg ich meinen Hobel hin
Und sag der Welt ade!

 

Wittenbrink's Liederabende

 

 Die Welt wird schöner mit jedem Tag

       

  Stephan Zinner  Caroline Ebner     


Frühlingsglaube

Franz Schubert

Text: Ludwig Uhland

Die linden Lüfte sind erwacht
sie säuseln und wehen Tag und Nacht,
sie schaffen an allen Enden.
O frischer Duft, o neuer Klang!
Nun, armes Herze, sei nicht bang!
Nun muß sich alles, alles wenden!

Die Welt wird schöner mit jedem Tag,
man weiß nicht, was noch werden mag.
Das Blühen will nicht enden.
Es blüht das fernste, tiefste Tal;
nun, armes Herze, vergiß die Qual!
Nun muß sich alles, alles wenden

 

Metamorphosen






 
Tanja Schleiff

  

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OVID    METAMORPHOSEN     XV. BUCH - Pythagoras

Alles verändert sich nur, nichts stirbt. Herüber, hinüber 

Irrt der belebende Hauch, und in andre beliebige Glieder

Ziehet er ein und geht aus Tieren in menschliche Leiber

Und Getier von uns und besteht so ewige Zeiten.

Wie das geschmeidige Wachs, zu neuer Gestalt sich bequemend,

Weder verbleibt, wie es war, noch hält an den selbigen Formen.

Was war, das bleibet dahinten;

Was nicht war, das wird, und jede Minute verjüngt sich.

Keines verbleibt in derselben Gestalt, und Veränderung liebend

Schafft die Natur stets neu aus anderen andere Formen,

Und in der Weite der Welt geht nichts - das glaubt mir - verloren;

Wechsel und Tausch ist nur in der Form. Entstehen und Werden

Heißt nur anders als sonst anfangen zu sein, und Vergehen

Nicht mehr sein wie zuvor. Sei hierhin jenes versetzet,

Dieses vielleicht dorthin: im Ganzen ist alles beständig.

Unter dem selbigen Bild - so glaub' ich - beharrt auf die Dauer

Nichts in der Welt.

Weil ich auf offener See nun treib' und die Segel den Winden
Gab zum Blähn: nichts ist von Bestand in der Weite des Weltalls.
Rings ist Fluß, und jedes Gebild ist geschaffen zum Wechsel.
Selber die Zeit auch gleitet dahin in beständigem Gange,
Anders nicht als ein Strom; denn Strom und flüchtige Stunde
Stehen im Lauf nie still. Wie Woge von Woge gedrängt wird,
Immer die kommende schiebt auf die vordere, selber geschoben,
Also fliehen zugleich und folgen sich immer die Zeiten,
Unablässig erneut; was war, das bleibet dahinten;
Was nicht war, das wird, und jede Minute verjüngt sich.
Gegen das Licht auch siehst du die Nacht aus dem Meere sich heben,
Aber der finsteren Nacht nachfolgen die glänzenden Strahlen.
Anders erweist sich der Himmel gefärbt, wen alles ermüdet
Liegt im Schoße der Ruh, und wenn hell auf schneeigem Rosse
Lucifer kommt, und anders, wenn früh die pallantische Göttin,
Kündend den Tag, Schein wirft in die Welt, die harret des Phöbus.
Rot ist auch Sols Schild, wenn er steigt vom Grunde der Erde,
Morgens zu sehn und rot, wenn er sinkt vom Grunde der Erde,
Doch in der Höh ist er hell, weil droben sich breitet des Äthers
Reinere Luft und ferne sich hält von der trübenden Erde.
Nie auch bleibt die Gestalt der bei Nacht sichtbaren Diana
Völlig dieselbe und gleich; denn stets ist kleiner als morgen
Heute das Bild, wenn die Scheibe sich dehnt, doch engt sie sich, größer.
Wie, und siehest du nicht in vier abwechselnde Formen
Treten das Jahr, nachahmend den Gang von unserem Leben?
Saftreich ist es und zart, ganz ähnlich dem Alter des Knaben,
In dem erwachsenden Lenz. Dann strotzen die neuen Gewächse,
Kraft noch missend und Halt, und ergötzen mit Hoffnung den Landmann.
Dann blüht alles umher, und fröhlich im Schmelze der Blumen
Prangt das Gefild, doch fehlt noch festes Beharren dem Laube.
Tüchtiger geht nach dem Lenz nun über das Jahr in den Sommer,
Rüstigem Jüngling gleich; denn es ist kein anderes Alter
Reicher in Fülle der Kraft, keins heißer in drängendem Streben.
Danach folget der Herbst, der ohne das Feuer der Jugend
Reif dastehet und mild und zwischen dem Greis und dem Jüngling
Mäßig in Mitten sich hält, schon grau an den Schläfen gesprenkelt.
Schaurig mit wankendem Schritt kommt endlich der greisende Winter,
Völlig der Haare beraubt, und trägt er sie, weiß an dem Haupte.
An uns selber erfährt ja auch rastlose Verwandlung
Immer der Leib, und was wir gewesen und sind, wir verbleiben
Morgen es nicht. Einst war ein Tag, wo im Schoße der Mutter
Nur als Samen und Keim zukünftiger Menschen wir wohnten.
Bildende Hand anlegte Natur, und daß vom gedehnten
Leibe der Mutter umspannt die lebendige Bürde gezwängt sei,
Wollte sie nicht und ließ sie heraus an die ledigen Lüfte.
Jetzo gebracht ans Licht lag ohne Vermögen der Säugling;
Bald auf vieren bewegt' er nach Sitte der Tiere die Glieder,
Und er begann allmählig mit noch unsicheren Knieen
Wankend zu stehen und half durch schwache Versuche den Sehnen.
Stark dann wird er und rasch, und über die Strecke der Jugend
Geht er, und ist dann auch vollendet der mittleren Jahre
Dienstzeit, geht's abwärts auf der Bahn hinfälligen Alters.
Dieses zerrüttet und macht zunichte der früheren Jahre
Rüstige Kraft, und Milon der Greis sieht weinend die Arme,
Die, den herkulischen gleich, von straff sich spannenden Muskeln
Hatten gestrotzt ehdem, schlaff hängen in nichtiger Ohnmacht.
Weinend im Spiegel erblickt auch Tyndarus' Tochter des Alters
Runzeln und fragt bei sich, warum zweimal sie entführt sei.
Du, aufzehrende Zeit, und du, mißgünstiges Alter,
Ihr bringt alle Verderb, und benagt vom Zahne des Wechsels
Macht ihr alles gemach im schleichenden Tode vergehen.
 
Ohne Bestand sind auch, die wir Elemente benennen.
Was für Wechsel sie trifft, - merkt auf - ich will es verkünden.
Vier Grundstoffe bewahrt, die alles erzeugen, des Weltalls
Ewiger Bau. Zwei haben Gewicht: mit der Erde die Welle,
Die gehn nieder zum Grund, von der eigenen Schwere gezogen.
Ebensoviel sind ohne Gewicht und streben zur Höhe,
Frei vom Drucke: die Luft und, reiner als jene, das Feuer.
Daraus, wenn sie getrennt auch sind, nimmt seine Entstehung
Alles, in sie fällt alles zurück. Das zersetzete Erdreich
Löst sich in flüssiges Naß, und das flüchtig gewordene Wasser
Schwindet in Dunst und Luft, und wieder, enthoben der Schwere,
Schwingt sich die dünneste Luft in die Höhe zum feurigen Aether.
Dann geht wieder der Weg rückwärts in der nämlichen Folge.
Denn in die trägere Luft geht über verdichtetes Feuer;
Wasser entsteht aus der Luft; zum Erdreich ballt sich die Welle.
 
Keines verbleibt in derselben Gestalt, und Veränderung liebend
Schafft die Natur stets neu aus anderen andere Formen,
Und in der Weite der Welt geht nichts - das glaubt mir - verloren;
Wechsel und Tausch ist nur in der Form. Entstehen und Werden
Heißt nur anders als sonst anfangen zu sein, und Vergehen
Nicht mehr sein wie zuvor. Sei hierhin jenes versetzet,
Dieses vielleicht dorthin: im Ganzen ist alles beständig.
Unter dem selbigen Bild - so glaub' ich - beharrt auf die Dauer
Nichts in der Welt.

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KEIN SCHÖNER LAND


Vor dem morgigen Besuch [ 14.1.2005 ] der Münchner Kammerspiele mit unserem Besuch aus Seeg hier die Besprechung in der Süddeutschen Zeitung von Kristina Maidt-Zinke.

 (Foto: Rabanus)
Das Verblüffende an [Wittenbrinks] künstlerischem Konzept ist, dass es keiner theoretischen Erklärung bedarf, dass es ganz ohne Worte auskommt, die jenseits der Liedtexte liegen, und auf minimale szenische Zutaten angewiesen ist. Wenn das funktionieren soll, dann muss ein ausgeklügelte Dramaturgie dahinter stecken, die etwas von der Ökonomie der Empfindungen weiß. ... Was sich auf der Bühne abspielt, lässt sich leicht auf einen Nenner bringen: Sieben Personen suchen eine Heimat, und sie finden sie nur im Gesang. Da ist der grantelnde alte Zecher, der schon fast mumifiziert wirkt und dann wieder zu überraschenden Ausbrüchen neigt, hinreißend verkörpert und beseelt von dem großen alten Volksschauspieler Toni Berger. Seinen Enkel auf Rollschuhen, der ihn aus dem Wirtshaus holen will und dann selber dort hängen bleibt, spielt der stimmlich enorm vielseitige Christian Friedel. Hannes Hellmann gibt den hedonistischen Intellektuellen in Reinhard-Mey-Tonlage, Stephan Zinner einen Kellner mit umwerfender Blues-Röhre. Zu den Gästen zählen ferner Annette Paulmann und Anneke Schwab, deren Gesang abwechseln unter die Haut geht oder in die Knochen fährt, sowie Berivan Kaya als Einwanderin mit schwermütig verhangener Stimme und milieufremder Eleganz. Gut fünfzig Lieder sind es, in denen die Kommunikation über Tische und Bänke stattfindet, und viele von ihnen haben mit ‚Heimat’ oder mit dem schönen Land, das Deutschland heißt, erst auf den zweiten Blick etwas zu tun. Vom ‚Hoamat, o Hoamat’ der legendären Volkssängerin Bally Prell bis zum ‚Schrei nach Liebe’ der Gruppe Die Ärzte reicht das Spektrum, von Frank Sinatras ‚My Kind Of Town’ bis zu Ernst Jandls ‚Sommerlied. Songs von Rühm, Qualtinger und Funny van Dannen stehen neben Brecht- und Heine Vertonungen von Franz Wittenbrink, Element of Crime und Erst Allgemeine Verunsicherung gehen mit türkischen Volksweisen und dem heimwehkranken Freddy Quinn eine musikalisch wie inhaltlich überzeugende Verbindung ein. Dass die Wirkung des Abends weit über die eines Kompottpourris hinausgeht, verdankt sich nicht nur dem Können der Sänger-Darsteller und der klug zurückhaltenden Regie von Frank Wittenbrink und Stephanie Mohr, sondern vor allem einer Auswahl und Zusammenstellung von Texten und Musik, die eine bezwingende innere Logik entfaltet. Kein erhobener Zeigefinger muss hier darauf hinweisen, dass Heimat wie Heimatlosigkeit globale Phänomene geworden sind, keine satirische Kettensäge ist vonnöten, um den tiefen Spalt sichtbar zu machen, der durch die deutsche Seele geht. So locker das Lachen sitzt und so nahe das Gruseln bisweilen rückt, so tief vermag Schuhmanns ‚Mondnacht’ zu rühren, und so seltsam wird einem ums Herz, wenn am Ende das mehrstimmig gesetzte ‚Mich wundert, dass ich so fröhlich bin’ aus dem Off ertönt, während Nebel über dem verlassenen Biergarten aufsteigt. Großer Jubel, viele Zugaben.“

 


Am 15.1.2005 haben wir ihn noch als alten Grantler am Biertisch in Wittenbrinks Liederabend "Kein schönen Land" erleben dürfen. Auf der Bank im Biergarten sang er mit erstaunlicher Stimme "Es steht ein Soldat am Wolgastrand" um sich dann selbst zu fragen: "Warum denn eigentlich?"

Toni Berger ist tot. Am Samstag, den 29.1.2005, hat ihn der Boandlkramer im 84. Lebensjahr erwischt. Unvergesslich diese Rolle im "Brandner Kaspar". Nun sitzt er wohl, so Thomas Tieringer in der SZ, neben dem Bayrhammer auf der Wolke und schaut hoffentlich glücklich auf die Bühne der Kammerspiele, wo er in seinen letzten Lebenstagen angekommen war.

Indendant Baumbauer meint: "Er war ein Volksschauspieler, wie es keine mehr gibt, ein toller Kollege für die Jungen". Und Stephan Zinner, sein junger Rock-Kollege in 'Kein schöner Land' sagt's deutlich: "Scheiße! Was soll man da sagen? Super war's mit ihm. Ein echter Rock'n Roller stirbt nicht jeden Tag."

Aber nicht nur ein bayerischer Volksschauspieler war Toni Berger. Er war unter Barlog am Schillertheater in Berlin im Ensemble mit Martin Held und Berta Drews. Als Lietzau, mit dem er sich nicht verstand, die Intendanz übernahm und Walter Felsenstein im Münchner Residenztheater Schillers "Wallenstein" 1972 inszenierte kam er wieder nach München. Dort spielte er auch den Meister Anton in Hebbels 'Maria Magdalena', den Famulus in Goethes 'Faust', Rollen in Horvath und Nestroy Stücken und und und ....

Ehrlich, wie's nur geht spielte er für uns, bis er starb. Danke Toni Berger.

 

 

MÄNNER



ZUM VIDEO DER KAMMERSPIELE . . .



 "Gerade noch haben sie gejammert und geschaudert, gezittert und gebebt, gefiebert und gehofft und nun? Nun sitzen sie gemeinsam einsam in ihrer Weltverzweiflung fad und öd in den Schalensitzen. ... Sie bilden die Solidargemeinschaft derer, die es - herrjeh! - auch nicht immer leicht haben. Sie sind ein Rudel tränenschwerer Fans und Väter, Verliebter und Verlassener, Söhne und Gatten."
[Es geht] "um Elementares: um die Frauen (die Mütter im Besonderen), um die 

Liebe, rote Stiefel und geile Säue, um das erste Mal, das letzte Mal und um einen kleinen Bären mit großen Ohren. Darin gehen die "Männer"" auf, schwingen sich empor, und wer eben noch elend und waidwund war, weidet sich nun als Heldentenor oder Sexmachine am eigenen Männerdasein. "We will rock you" ist man sich plötzlich wieder gewiss und weiß vor lauter Testosteron gar nicht mehr wohin mit sich. Diesen Zustand gilt es zu erhalten und deshalb wird gesungen. Noch ein Bier! Noch eine Stadionwurst! Noch ein Lied! Noch ein Chor gegen die Welt! Noch ein Choral für die Liebe! . . . Es geht um viel mehr. Doch ganz tief im Innern, begraben unter der Schwere einer übervollen Stadionseele, beschleicht die "Männer" eine Ahnung: Jenseits ihrer Stadiontribüne, außerhalb des schützenden Stadionkessels, lauert womöglich ihre nächste, ganz private Heimniederlage."

Aus der Beschreibung des Staatstheater Hannover: