EINE RAUMSYMPHONIE

WIEDERERÖFFNUNG AM 2. DEZEMBER 2007 

ST. ULRICH IN SEEG

Du stellst meine Füße auf weiten Raum 
und mein Herz in dein offenes Geheimnis


Aus Psalm 31, Vers 9

 


Was der Dichter Reiner Kunze über die Wieskirche ausdrückte,

gilt auch für die Seeger Kirche:

"Fingerabdruck des himmels

Der göttliche daumen war eingefärbt

über und über mit licht"

 

Kann man prägnanter sagen, 
wie sich die Schönheit eines Raumes mit dem Göttlichen verbinden läßt? 

 

 

 

 

 

 


Am 2. Dezember 2007 wurde in einem Festakt im Gemeindezentrum und mit einem feierlichen Pontifikalamt mit Diözesanbischof Walter Mixa die Wiedereröffnung eindrucksvoll in einer sehr bewegenden Art gefeiert.


Hier ein kurzer Bericht meiner Eindrücke:  

Nach der Begrüßung durch den Pfarradminstrator Harald Heinrich berichtete Generalkonservator Prof. Egon-Johannes Greipl  über den schwierigen Verlauf der gesamten Restaurierungsarbeiten. 

Greipl wies darauf hin, dass in der Zeit des 18. Jahrhunderts mit den Rokokobauwerken der bedeutendste Beitrag Bayerns und Schwabens zur Kunstgeschichte gelungen ist.  Die Epoche ist von europäischen Bedeutung und die Seeger Ulrichskirche stellt eines der Hauptwerke dar. Sie ist eine große, eine in der ersten Reihe stehende Kirche dieser Zeit.

Er schilderte die vielfältigen Probleme, die mit einer Restaurierung hinsichtlich der Substanzerfassung, der Statik, des Zustandes des Stucks und den zu ziehenden Folgerungen aus den aufgefundenen Farbschichten verbunden waren,  um dann darauf einzugehen, wie diese Kirche viele Sinne - nicht nur über die Augen,  sondern - über Musik und Glocken die Ohren , über den Weihrauch auch den Geruchssinn -  anspricht. 

Er machte deutlich, dass die Welt um 1750 eine andere war. Zu dieser Zeit war Licht, vor allem ein lichter Raum für das Erleben der Menschen etwas seltenes. Für die einfachen Gläubigen, die in dunklen, gedrückten Räumen lebten, war deshalb der Gottesdienst in der hellen, heiteren Kirche ein Gegenstand des Staunens, eine tiefe Erfahrung. Sie war eine Wahrnehmung, die uns in unserer Zeit der Überfülle,  die ja auch eine Überfülle von Licht hervorbrachte, verloren zu gehen droht. Greipl plädierte, dass wir mit Erfurcht und Bescheidenheit mit dem Werk unserer Vorfahren umgehen. Johann Jakob Herkomer und Johann Baptist Enderle haben diesen Raum für Gott und für die Augen der einfachen Menschen im 18. Jahrhundert,  nicht für die Gebildeten und für die Kunsthistoriker von heute, geschaffen. 

Greipl würdigte die eindrucksvolle Persönlichkeit von Pfarrer Alois Meisburger, der ein kenntnisreicher und tatkräftiger, manchmal auch eigensinniger und schlitzohriger Partner war.


Danach referierte der Architekt Prof. Josef Schwarz über den Verlauf der Restaurierung. Hier Einzelheiten . . .

Er kennzeichnete die Kirche als ein ausgezeichnetes Beispiel, in dem sich Funktion und Raum, Kunst und Architektur verbinden.

Bewegend war  wie anschließend
Theo Waigel die Geschichte der Restaurierung und deren Finanzierung in einer gelungenen Mischung aus ernsten und humorvollen Passagen darstellte. So erzählte er zum Beispiel folgende Episode. Ein Bauer, der von Pfarrer Meisburger gefragt wurde, ob er mit eine Spende zur Kirchenrenovierung größere Chancen hätte,  in den Himmel zu kommen, antwortete er: "Verspreche ka i nix, aber probiere tät is". 
Bei der Beurteilung der Frage, ob eine umfassende oder schrittweise Restaurierung sinnvoll sei, fand Waigel ein treffendes Bild: "Man springt über einen Abgrund nicht in zwei Sprüngen". Er stellte den bedeutenden Beitrag von Gemeindespenden (über 500 000 € von insgesamt 2,3 Mio. €) heraus.
Auch erwähnte er, dass Bundespräsident Horst Köhler, ein Protestant,  von der Kirche so beeindruckt war, dass er darum bat: "Wenn ihr eine schöne Messe feiert, dann lad's mich ein". 

Abschließend dankten der Kirchenpfleger Xaver Kiderle und Bürgermeister Manfred Rinderle den vielen Menschen, die in unterschiedlichster Art und Weise - von den Reinigungsfrauen bis zu den Geldgebern -  dieses großartige Seeger Gemeinschaftswerks gemeistert haben. Umrahmt wurde der Festakt von besinnlich-beschwingter Saitenmusik und einer Ausstellung über die Restaurierungsgeschichte. Die Restauratoren haben ein Meisterwerk vollbracht. 

 

PONTIFIKALAMT ZUR WIEDERERÖFFUNG 

 


Der Gottesdienst bewegte mich nicht zuletzt deshalb sehr, da ich vor 61 Jahren am  1. Adventssonntag (1.12.1946) hier getauft wurde und in den Kinder- und Jugendjahren mich der Raum  sehr prägte. Noch heute sind manche meiner Zeichnungen von den Durchblicken, den Verknüpfung der Gestaltebenen dieses Raumes sowie der Linienführung der Ornamente geprägt.

Nach dem feierlichen Einzug unter den Klängen der restaurierten Orgel sang die Gemeinde mit der Harmoniemusik, die im Altarraum postiert war, das Lied "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit . . . Ein Lied passend zum Advent, das mich aber auch an die Theoästhetik, die HERRLICHKEIT,  von Hans Urs von Balthasar erinnerte. Die Bedeutung der Schönheit zur Erfahrung des Göttlichen, die Öffnung des göttlichen Geheimnisses zu uns, fand in dieser Eröffnung seinen treffenden Ausdruck. Das Lied war auch deshalb sehr gut gewählt,  da die Musik aus dem Jahre 1704 stammt, also der Zeit,  in der Johann Jakob Herkomer die Pläne für die Kirche erstellte.

Welches Lied könnte die Lage der Seeger Kirche treffender beschreiben, als  "Ein Haus voll Glorie schauet, weit über alle Land . . . ",  so die Vorsitzenden des Pfarrgemeinderates, Frau Annemarie Mayer,  in ihren Grußworten, in denen sie die Verdienste von Pfarrer Meisburger  und Pfarrer Ganal,  aber auch der ganzen Pfarrgemeinde hervorhob. 

Danach erfüllte die Musik des 18. Jahrhunderts den Raum. Sehen und Hören, Hören und Sehen verbanden sich. Die Lichter des Raumes glänzten ein Spur heller  als Mozarts "Kyrie - Andante maestoso - Più andante" gespielt vom Seeger Kirchenchor mit Orchester eindrucksvoll erklang. Die Krönungsmesse war auch deshalb das passende Werk, da sie ihren Namen auf die „Krönung“ eines wundertätigen Gnadenbildes in der Wallfahrtskirche Maria Plain im Jahre 1751 zurückzuführen ist. Zum 28. Jahrestag soll die Messe ebendort uraufgeführt worden sein.  Die Krönung Marias ist in der Seeger Kirche z.B. auch am rechten Seitenaltar dargestellt. Wahrscheinlicher erscheint aus heutiger Sicht aber, dass die Uraufführung am Ostersonntag 1776 im Salzburger Dom erfolgte. J.B. Enderle stellte sein faszinierendes Deckenfresko im Jahre 1770 fertig.

Die Lesungen waren aus Jesaja 2, 1-5 mit der eindringlichen Textstelle: "Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen." sowie  aus dem Brief von Paulus an die Römer,  in dem es heißt: "Bedenkt die gegenwärtige Zeit: Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf. Denn jetzt ist das Heil uns näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden.  Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe. Darum lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrenhaft leben wie am Tag, ohne maßloses Essen und Trinken, ohne Unzucht und Ausschweifung, ohne Streit und Eifersucht. Legt (als neues Gewand) den Herrn Jesus Christus an und sorgt nicht so für euren Leib, dass die Begierden erwachen."

Kräftiger als sonst kam mir das anschließende dreifache Halleluja vor.

Die "Frohe Botschaft" war aus Mt. 24,37-44: 

"Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.  Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, zu welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht.  Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet."

Bischof Mixa sprach in der Predigt die anwesende Prominenz persönlich an. Bist Du wirklich bereit Thomas Goppel, Theo Waigel ... Walter Mixa, bist Du, Du , Du wirklich bereit?  Und es folgte das ehrliche Eingeständnis, dass die Bereitschaft sich auf das Kommen des Menschensohnes einzustellen, nicht sehr groß ist. Er verwies auf den Kirchenraum und bezeichnete ihn als einen "Festsaal des Glaubens, der Freude und Glücksgefühl atmet" um dann aber gleich darauf hinzuweisen, dass an erster Stelle das Bereithalten stehen sollte. Die heutige Kirche unterliege großen Herausforderungen und gefordert sei, wachsam zu sein. Er nahm dann Bezug auf das Deckenfresko von Balthasar Riepp, das die Schlacht gegen die Ungarn 955 vor den Toren Augsburgs zeigt,  und stellte die Frage. "Welche Entwicklung hätte Europa genommen, wenn Ulrich nicht gehandelt hätte? Sind wir bei den heutigen Entwicklungen wachsam genug? Ulrich griff die Ungarn nicht an,  sondern verteidigte die abendländische Kultur. Nur wenige Jahrzehnte später nahmen die Ungarn dann das Christentum an (Am Weihnachtsfest des Jahres 1000 ließ sich Stephan mit einer von Papst Silvester II. übersandten Krone zum "Apostolischen König" krönen und wurde so zum Begründer des christlichen Königreiches Ungarn). 
Auch das
Fresko im Langhaus von J.B. Enderle zeigt mit der Seeschlacht von Lepanto die Verteidigung des christlichen Europas. (Am 7. Oktober 1571 besiegte die katholische Seestreitmacht unter Juan d' Austria, dem Stiefbruder des spanischen Königs, die türkische Mittelmeerflotte im Golf von Lepanto in der Seeschlacht von Lepanto vernichtend. Der Sieg wurde dem "Gebetssturm" zugerechnet, bei dem in ganz Europa im Vorfeld der Seeschlacht das Rosenkranzgebet gebetet wurde. In der Folge stiftete Papst Gregor XIII. 1573 das Rosenkranzfest. Nach dem Sieg über die Türken bei Peterwardein am 5. August 1716 erhob Papst Klemens XI.  das Fest zu einem allgemeinen Fest der ganzen Kirche.)

Und wieder fragte Mixa: Wie halten wir es heute? Er stellte heraus, wie wichtig der interreligiöse Dialog ist,  stellte aber auch die Frage, ob das Christentum heute den Herausforderungen ausreichend begegnet. Zum Schluss nahm er auf das Segelschiff des Seeger Wappens Bezug. So ein Schiff aus Glaube, Hoffnung und Liebe sollten die Christen sein.

Nach den Fürbitten, die Gläubige aller Alterstufen vorbrachten, sang der Kirchenchor das dreigliedrige Credo Allegro molto - Adagio - Tempo I aus der Krönungsmesse. Im Laufe der Messfeier wurde vor der Wandlung noch das Sanktus Andante maestoso - Allegro assai, und das Benediktus  Allegretto - Allegro assai und danach das Agnus Dei Andante sostenuto - Allegro con spirito eindrucksvoll vorgetragen. 

Weitere musikalische Elemente waren das Lied "O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf. . .". Bei diesem Pontifikalamt,  in diesem Raum,  in dem man sich dem Himmel ein stückweit näher fühlte, bekamen diese - den Himmel öffnenden Worte - einen besonderen Klang.  Während der Kommunion stimmte die Harmoniemusik Seeg den adventlichen Choral "Tochter Zion ..." an. Beendet wurde der Gottesdienst mit dem Loblied, aller Loblieder "Großer Gott wir loben dich" und ich hatte den Eindruck, dass die ganze Gemeinde aus vollem Herzen für das gelungene Werk der Restaurierung sang. Ein bewegender Tag, der sicher vielen lange in Erinnerung bleiben wird und für Seeg  ein historisches Ereignis darstellt.
Nach dem Segen und vor dem festlichen Auszug verlieh
Kunstminister Thomas Goppel die Bayerische Denkmalschutzmedaille 2007 an Theo Waigel:

In der Begründung heißt es:
"Die tiefe Verbundenheit mit seiner Heimat und den Kulturschätzen Bayerns zeichnen Bundesfinanzminister a. D. Dr. Theo Waigel aus Seeg, Lkr. Ostallgäu, Schwaben, besonders aus. Mit seinem Namen macht er sich seit Jahren bei zahlreichen Denkmälern gerade in seiner Heimat Allgäu für denkmalpflegerische Maßnahmen stark und wirbt unermüdlich Gelder ein. Sein jüngster Einsatz galt der Gesamtinstandsetzung der Kirche in Seeg, die kürzlich erfolgreich abgeschlossen werden konnte. Da die Kirchengemeinde die große finanzielle Last nicht hätte bewältigen können, hat Dr. Waigel ein Kuratorium gegründet und mit dessen Hilfe zahlreiche Spender und Fördergeber gewonnen. Der glückliche Abschluss dieser Restaurierung wäre ohne seinen hohen persönlichen Einsatz so nicht möglich gewesen."


AUSSCHNITT EINES FOTOS AUS DER ALLGÄUER ZEITUNG VOM PONTIFIKALAMT AM 2.12.2007