TEILHARD DE CHARDIN

1. MAI 1881       -       10. APRIL 1955

 

 

LITANEI DES HERZENS

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HERZ DES HERZENS

 

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HERZ DER MATERIE

 

Aufgrund meiner Erziehung und meiner Religion hatte ich bis dahin [bis zum Theologiestudium in Hastings (England) in den Jahren 1908 - 1912] stets folgsam, ... eine grundlegende Andersartigkeit zwischen Materie und Geist angenommen.

Leib und Seele, Unbewußtes und Bewußtes: zwei "Substanzen" von verschiedener Natur, zwei "Arten" des Seins, auf unbegreifliche Weise im lebendigen Zusammengesetzten verbunden, von denen man, so versicherte man mir, um jeden Preis fest annehmen mußte, daß die erste (meine göttliche Materie!) nur die demütige Dienerin (um nicht zu sagen Widersacherin) der zweiten wäre: diese (d.h. der Geist) war in meinen Augen seit langem schon deshalb etwas Minderwertiges, als sie nicht mehr war als ein Schatten, den man im Prinzip zwar durchaus ehren mußte, für den ich aber (gefühlsmäßig und intellektuell gesprochen) in Wirklichkeit überhaupt kein lebendiges Interesse empfand.

Man stelle sich deshalb mein inneres Erlebnis der Befreiung und der Entfaltung vor, als ich bei meinen ersten noch zögernden Schritten in einem "evolutiven" Universum feststellte, daß der Dualismus, ... sich wie ein Nebel vor der aufgehenden Sonne auslöste.

Materie und Geist: gar nicht zwei Dinge, - sondern zwei Zustände, zwei Gesichter ein und desselben kosmischen Stoffes, je nachdem man ihn betrachtet oder in der Richtung verlängert, in der (wie Bergson sagen würde) er sich bildet - oder im Gegenteil in der Richtung, in der er sich auflöst.

 

(Teilhard in: Herz der Materie, S. 42f.)

 

HYMNE AN DIE MATERIE

Gesegnet seist du, herbe Materie, unfruchtbarer Boden, harter Fels, 
du, die du nur der Gewalt weichst und uns zwingst zu arbeiten, 
wenn wir essen wollen.

Gesegnet seist du, gefahrvolle Materie, gewalttätiges Meer, unzähmbare Leidenschaft, 
du, die du uns verschlingst, wenn wir dich nicht anketten.

Gesegnet seist du, machtvolle Materie, unwiderstehliche Evolution, immer neugeborene Wirklichkeit, 
du, die du in jedem Augenblick unsere Rahmen sprengst, uns zwingst, die Wahrheit immer weiter zu verfolgen.

Gesegnet seist du, universelle Materie, grenzenlose Dauer, uferloser Äther - dreifacher Abgrund der Sterne, der Atome und der Generationen - 
du, die du, unsere engen Maße überflutend und auflösend, uns die Dimensionen Gottes offenbarst.

Gesegnet seist du, undurchdringliche Materie, du, die du, überall zwischen unsere Seelen und die Welt der Wesenheiten gespannt, uns vor Verlangen schmachten läßt, den nahtlosen Schleier der Phänomene zu durchstoßen.

Gesegnet seist du, tödliche Materie, du, die du uns, eines Tages in uns zerfallend, mit Gewalt in das Herz selbst dessen einführen wirst, was ist.

Ohne dich Materie, ohne deine Angriffe, ohne dein Herausreißen würden wir träge, stillstehend, kindisch, unwissend um uns selbst und um Gott dahinleben.

Du schlägst und du verbindest - du widerstehst und du beugst dich - du stürzest um und du baust auf - du verkettest und du befreist - Saft unserer Seelen, Hand Gottes, Fleisch Christi, Materie, ich segne dich.

Ich segne dich, Materie, und ich grüße dich, nicht so, wie dich die hohen Herren der Wissenschaft 
und die Tugendprediger verkürzt oder entstellt beschreiben - eine Zusammenhäufung, so sagen sie, brutaler Kräfte oder niedriger Neigungen -, sondern so, wie du mir heute erscheinst, in deiner Totalität und in deiner Wahrheit.

Ich grüße dich, unerschöpfliche Fähigkeit des Seins und der Transformation, in der die erwählte Substanz keimt und wächst.

Ich grüße dich, universelle Potenz der Annäherung und Vereinigung, durch die sich die Menge der Monaden verbindet und in der sie alle auf der Straße des Geister konvergieren.

Ich grüße dich, harmonische Quelle der Seelen, klarer Kristall, aus dem das Neue Jerusalem gewonnen wird.

Ich grüße dich, mit schöpferischer Kraft geladenes, göttliches Milieu, vom Geist bewegter Ozean, von dem inkarnierten Wort gekneteter und beseelter Ton.

In dem Glauben, deinem unwiderstehlichen Ruf zu gehorchen, stürzen sich die Menschen häufig aus Liebe zu dir in den äußeren Abgrund egoistischen Genießens. - Ein Widerschein täuscht sie, oder ein Echo. Das sehe ich jetzt.

Um dich, Materie, zu erreichen, müssen wir im Ausgang von einem universellen Kontakt mit allem, was sich hier unten regt, nach und nach spüren, wie zwischen unseren Händen die besonderen Formen von all dem, was wir halten, verschwinden, bis wir nur noch im Ringen mit der einzigen Wesenheit aller Konsistenzen und aller Vereinigungen bleiben.

Wir müssen, wenn wir dich haben wollen, dich im Schmerz sublimieren, nachdem wir dich wollüstig in unsere Arme genommen haben.

Du herrschest, Materie, in den erhabenen Höhen, wo die Heiligen glauben, dir auszuweichen - so durchsichtiges und so bewegliches Fleisch, daß wir dich nicht mehr von einem Geist unterscheiden.

Trage mich dorthin empor, Materie, durch das Bemühen, die Trennung und den Tod - trage mich dorthin, wo es endlich möglich sein wird, das Universum keusch zu umarmen!

     

Zwei Zeichnungen zur "Hymne an die Materie" (TAM)

TAM 28.6.2007

Materie und Geist

Hymne an die Materie

 

 

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