SHAKESPEARE

 


 

 

 



1564 (?) - 1616

   

BISHER GESEHEN 

OTHELLO   I   MAß FÜR MAß   I  KÖNIG LEAR   I   DER KAUFMANN VON VENEDIG   I   HAMLET   I   RICHARD III.  I

WAS IHR WOLLT    I   DER STURM   I   MACBETH   I   TITUS ANDRONICUS   I   VIEL LÄRM UM NICHTS   I   

ROMEO UND JULIA   I   EIN SOMMERNACHTSTRAUM   I    SCHLACHTEN! - NACH DEN ROSENKRIEGEN   I  

TROILUS UND CRESSIDA   I  Der widerspenstigen Zähmung


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OTHELLO

Das Thema der Eifersucht ist mit dem Thema des Fremdseins verbunden. Die Eifersucht zerstört Othellos ganze Identität, am Ende empfindet er sich nicht nur als betrogener Ehemann, sondern auch als fremder Eindringling, als Neger.

Man hat Othello als Nigger gespielt, als Neger und öfter als dunkelhäutiger Berber, doch auf den Schwärzegrad der Haut kommt es nicht an. "Othello" ist keine Rassentragödie. Dennoch spielt die Hautfarbe eine Rolle: ähnlich wie Shylock, der Jude von Venedig ist der Mohr von Venedig ein Fremder, doch anders als Shylock ist er hoch- geachtet, ein zuverlässiger und kühner Kondottiere, den man braucht und ehrt und den man freilich seine Fremdheit fühlen läßt, wenn es um intime Beziehungen geht wie um die Ehe mit einer Venezianerin.
Othellos grenzenloses Vertrauen auf die Ordnung und das Recht ist leicht zu zerstören und in grenzenloses Mißtrauen zu verwandeln. 

Der Verlust des Vertrauens stürzt ihn ins Chaos. Sein menschlicher Adel macht ihn zum leichten Opfer von Winkelzügen, deren unmenschliche Schmutzigkeit außerhalb seiner Vorstellungswelt liegen. Seine vielzitierte Eifersucht ist viel mehr als Eifersucht: das sich steigernde, von Jago genährte, falsche Gefühl, daß er getäuscht worden sei.

Aufführung zur Wiedereröffung der Kammerspiele in München.

 

DIE ERFAHRUNG MACHT DEN HASS, NICHT DIE IDEOLOGIE (Emilia)


VERSTÖREND STARK 

Zur Wiederaufnahme von Othello  in den Kammerspielen in München

Die zweite Sicht auf diese Fabel über das Alter in einer vom Krieg geprägten  Männerclique verstört wiederum.  Es war ein starker Theaterabend, geprägt von der konsequent durchgehaltenen schwarz-weiß  Lichtsetzung von Max Keller und der emotionalen Klanggestaltung des Pianisten Jens Thomas.  Eine Fabel, die  an eigene Schwächen, Ängste und Abgründe erinnert.  Und dazu die starken Schauspieler: Der abgrundtief böse und verschlagene Jago (Wolfgang Pregler), der von der fast unerträglichen Fäkalsprache zu einer schleimiger Überzeugungsrhetorik wechselte, wie er sie gerade brauchte um Unheil anzurichten (Bearbeitung des Shakespeare Textes von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel). Berührend die Darstellung des Beziehungsgefüges der unschuldig-schuldigen Desdemona (Julia Jentsch) und es schuldig-unschuldigen Othellos (Thomas Thieme).

 

Günther Senkel sagt zur Geschichte:

"In Othello begegnet uns ein alter Mann mit einer jungen Frau. Das schafft in der Umgebung erst einmal Naserümpfen: Wie kommt er zu der, das passt doch gar nicht ... und dadurch kommt man auch zur Frage des Selbstwertgefühls dieses alten Mannes. Er sieht sich die ... Konkurrenten an und stellt fest, sie sind jünger und schöner als er, sie können seiner Frau mehr bieten. Er bewegt sich in einer Reflexionsschleife, in der auch sein Selbstvertrauen zugrunde geht. Das ist die heute geradezu aktuelle Frage des Alterns, und die Hautfarbe kommt als zusätzliches Gewürz dazu."

 

 

OTHELLO

THOMAS THIEME

JAGO

WOLFGANG PREGLER

DESDEMONA

JULIA JENTSCH

PIANIST

JENS THOMAS

REGIE

LUK PERCEVAL



Julia Jentsch und Thomas Thieme

 



Beispiele aus der "Jugendsprache unplugged" (Langenscheidt):

abkacken: versagen
Alimentenkabel: Penis
Beraterpommes: Sushi
chillen: entspannen
Erzeugerfraktion: Eltern
Feinkostgewölbe: dicker Bauch
Geh kacken: geh weg
igeln: miteinander schlafen
litern: viel Alkohol drinken
nietzschen: intellektuell daherreden
Nullchecker: Dummkopf
Parmesanregen: Schuppen
Pippi Langstrumpf: Kondom
Schlampenstempel: Steißtatoo
Vertreterschal: Krawatte

 



DER STURM

 

Stefan Puchers Sichtweise auf der Bühne der Kammerspiele in München  (2007) konnte mich trotz aller Filmeffekte nur leicht bewegen.  Einen Sturm der Gefühle verstand sie nicht zu entfachen! Ich erinnere mich aber gerne an die Auführung in der Regie von Dieter Dorn aus dem Jahre 1994.

 

"Die Magische Gewalt der Harmonie, der besten Arzney für eine zerrüttete Phantasie, heile dein izt untüchtiges Gehirn" (Prospero)


Thomas Holzmann als Prospero und Anna Schudt als Miranda in der Aufführung unter der Regie von Dieter Dorn in den Kammerspielen (2.5.1994)

Bearbeitung eines Szenenfoto von Oda Sternberg

 

 

 

 

OTHELLO

DESDEMONA

JAGO

DIE ERFAHRUNG MACHT DEN HASS, NICHT DIE IDEOLOGIE

 

ZWEI ÜBERSETZUNGEN

Wolf Graf Baudissin

Desdemona.
Ich hört es so! . . . Die Männer, o die Männer! Glaubst du, auf dein Gewissen sprich, Emilia, daß wirklich Weiber sind, die ihre Männer so gröblich täuschen?

Emilia.
Solche gibt's, kein Zweifel.

Desdemona.
Tätest du dergleichen, um die ganze Welt? 

Emilia.
Nun, tätet Ihrs nicht?

Desdemona.
Nein, beim Licht des Himmels!

Emilia.
Ich tät es auch nicht bei des Himmels Licht, Ich könnt es ja im Dunkeln.

Desdemona.
Tätst du dergleichen um die ganze Welt?

Emilia.
Die Welt ist mächtig weit; der Lohn wär groß, Klein der Verstoß.

Desdemona.
Gewiß, du tätst es nicht! 

Emilia.
Gewiß, ich täte es und machte es wieder ungetan, wenn ichs getan hätte. Nun freilich täte ich so etwas nicht für einen Fingerring, noch für Ellen Battist, noch für Mäntel, Röcke und Hauben oder solchen armsel'gen Kram; aber für die ganze Welt? - Ei, wer hätte da nicht Lust, dem Manne Hörner aufzusetzen und ihn zum Welt- kaiser zu machen? Dafür wagte ich das Fegfeuer!

Desdemona.
Ich will des Todes sein, tät ich solch Unrecht auch um die ganze Welt.

Emilia.
Ei, nun, das Unrecht ist doch nur ein Unrecht in der Welt, und wenn Euch die Welt für Eure Mühe zuteil wird, so ists ein Unrecht in Eurer eignen Welt. Ihr könnt es geschwind zu Recht machen.

Desdemona.
Ich glaube doch, es gibt kein solches Weib..

Emilia.
Ei, zehn für eins und noch soviel in Kauf, die Welt, um die sie spielten, gleich zu füllen! Allein mich dünkt, es ist der Männer Schuld, daß Weiber fallen. Wenn sie pflichtvergessen in fremden Schoß vergeuden unsern Schatz; Wenn sie, verkehrt in laun'scher Eifersucht, ans Haus uns fesseln; wenn sie gar uns schlagen, wenn sie in Leichtsinn unser Gut vertun, dann schwillt auch uns die Galle; wir sind fromm, wir haben Sinne auch, wir sehn und riechen und haben einen Gaumen für süß und herb wie unsre Männer. Was bezwecken sie, wenn sie uns andre vorziehn? Ist es Lust? Ich denke, ja. Treibt sie Leidenschaft? Ich denke, ja. Ists Schwachheit, die sie tört? Gewiß! und haben wir nicht Leidenschaft? Nicht Hang zur Lust? Und Schwachheit gleich den Männern? Wars seine Bosheit, die uns Böses lehrte!

Desdemona.
Gut Nacht! Und laß mich, Herr, in fremden Sünden nicht eigne Sünde: laß mich Beßrung finden!

DER 13. SZENE AUS DEM IV. AKT

Christoph Martin Wieland

Desdemona.
Ich hab' es sagen gehört; o diese Männer, diese Männer! Sag mir einmal, Aemilia, glaubst du in deinem Gewissen, daß es Weiber giebt, die ihre Männer auf eine so grobe Art hintergehen?

Aemilia.
Es giebt solche, das ist nur keine Frage.

Desdemona.
Wolltest du um die ganze Welt so was thun?

Aemilia.
Wie, thätet ihr's nicht?

Desdemona.
Nein, bey diesem himmlischen Licht!

Aemilia.
Ich bey diesem himmlischen Licht auch nicht; es liesse sich eben so gut im Dunkeln thun.

Desdemona.
Wolltest du eine solche That um die ganze Welt thun?

Aemilia.
Die ganze Welt ist gleichwol ein hübsches ansehnliches Ding, es wär' ein feiner Preis für ein so kleines Verbrechen.

Desdemona.
Bey meiner Treu, ich denke, du thätest es nicht.

Aemilia.
Und bey meiner Treu, ich denk', ich thät' es; mit dem Vorbehalt, daß es das erste und lezte mal seyn sollte. Wahrhaftig, ich thäte so was nicht um einen Finger-Ring, noch für ein paar Ellen Kammer-Tuch, noch für einen neuen Unterrok, oder eine Kappe, oder so was armseliges; aber für die ganze Welt! Welches Weib wollte ihren Mann nicht zu einem Hahnrey machen, damit er Herr von der ganzen Welt würde? Dafür wollt' ich noch wol das Fegfeuer wagen.


Desdemona.

Ich will des Todes seyn, wenn ich so was Unrechtes um die ganze Welt thun wollte.

Aemilia.
Wie, das Unrecht ist nur ein Unrecht in der Welt; und da ihr die Welt für eure Mühe bekämet, so wär' es ein Unrecht in eurer Welt, und ihr könntet es bald recht machen.


Desdemona.

Ich kan nicht glauben, daß es ein solches Weib giebt.

Aemilia.
O Ja, wohl ein duzend und so viele oben drein, daß sie die Welt, um die sie spielten, bevölkern könnten. Allein, ich denke, der Fehler ligt an den Männern, wenn ihre Weiber fallen; gesezt, sie vergessen ihre Pflichten gegen uns, und verschwenden an andre, was uns gehört; oder sie brechen in eine verdrießliche Eifersucht aus, und belegen uns mit sclavischem Zwang; oder sie schlagen uns, oder sie bringen uns unser Vermögen durch; wahrhaftig, wir haben auch Galle, und so sanft wir sind, so rächen wir uns doch gerne, wenn wir beleidigt werden. Unsre Herren Männer sollen wissen, daß ihre Weiber so gut Empfindlichkeit haben als sie; sie sehen, und riechen, und haben einen Geschmak für süß und sauer, so gut wie ihre Männer. Was thun sie, wenn sie uns mit andern vertauschen? Ist es Spaß? Ich will es glauben: Geschieht es aus Leidenschaft? Ich will es glauben: Ist es eine menschliche Schwachheit? es mag auch seyn. Und haben wir nicht auch Leidenschaften? Lieben wir den Zeitvertreib nicht auch? Sind wir nicht so gebrechlich als sie? Sie mögen uns also nur wohl begegnen; oder sie sollen wissen, daß wenn wir sündigen, sie unsre Lehrmeister gewesen sind.

Desdemona.
Gute Nacht, gute Nacht; der Himmel gebe mir Gnade, anstatt Böses mit Bösem zu vertreiben, das Böse gut zu machen!






DENN ZEIT IST WIE EIN WIRT NACH HEUT'GER MODE,
DER LAU DEM GAST DIE HAND DRÜCKT, WENN ER SCHEIDET,
DOCH AUSGESTRECKTEN ARMS, ALS WOLLT' ER FLIEGEN,
UMSCHLINGT DEN, WELCHER EINTRITT.
STETS LÄCHELT WILLKOMM', LEBEWOHL GEHT SEUFZEND.

NIE HOFFE WERT FÜR DAS, WAS WAR, DEN LOHN;
DENN SCHÖNHEIT, WITZ
GEBURT, VERDIENST, WOHLTAT, ALLE SIND SIE KNECHTE
DER NEIDSCHEN, VERLEUMDUNGSSÜCHT'GEN ZEIT.

NATUR MACHT HIERIN ALLE MENSCHEN GLEICH;
EINSTIMMIG PREIST MAN NEUGEBORNEN TAND,
WARD ER AUCH AUS VERGANGNEM NUR GEFORMT,
UND SCHÄTZT DEN STAUB. EIN WENIG ÜBERGOLDET,
WEIT MEHR ALS GOLD, EIN WENIG ÜBERSTÄUBT.

DIE GEGENWART RÜHMT GEGENWÄRT'GES NUR.


Priamus / Nestor Barbara Nüsse    Hektor / Agamemnon Hans Kremer    
Paris / Menelaus Bernd Grawert   
Troilus Oliver Mallison 
Thersites Joel Harmsen   
Andromache / Cassandra / Kalchas Annette Paulmann    
Cressida Julia Jentsch   
Achilles Christoph Luser 
Ajax Peter Brombacher   
Ulysses Wolfgang Pregler 
Diomedes Stefan Merki   
Patroklus Frederik Tidén 

Regie Luk Perceval    Licht Max Keller

www.nachtkritik.de  Peter Schneeberger

"
Hier ist nichts mehr gut. So radikal wie in kaum einem seiner anderen Stücke zerstört Shakespeare in "Troilus und Cressida" jeden Funken Hoffnung. (...) Begossen wie ein nasser Pudel steht Schauspielerin Annette Paulmann als hysterisch hellsichtige Cassandra in einer der Regenschüsseln, schwenkt die langen Ärmel ihrer Zwangsjacke, tobt und weint und schreit sich vergebens die Seele aus dem Leib. Immer wieder gelingen Luk Perceval im Verlauf des nur zweistündigen Abends Bilder von ähnlich hoher Suggestionskraft und emotionaler Wucht: Wenn Troilus und Cressida einander zum ersten Mal küssen, schüchtern verdeckt unter einem gelben Wollpullover, scheint im Theater an der Wien die Zeit still zu stehen. Wenn am Ende das große Gemetzel beginnt und Achilles dem wehrlosen Hektor eine schwere Eisenstange über den Schädel zieht, steigert Perceval die Szene zum grauenvollen Totentanz. "Der schrecklichste der Schrecken ist der Mensch in seinem Wahn", sagt Agamemnon. Luk Perceval hat dem Wahn freien Lauf gelassen."


 

 

 

 

MAß FÜR MAß I

Berliner Ensemble
Peymann

Zweitaufführung im Mai 2001 in Berlin gesehen

Entfesselte Begierden

Claus Peymann inszeniert «Mass für Mass» am Berliner Ensemble

Der Herzog von Wien leistet sich ein Spiel. Er bestellt einen Verwalter und lässt seine Untertanen tanzen wie Puppen. Er jagt sie durch Schreck und Glück und Wollust und Todesangst und ist doch selbst nur eine Marionette. In der Hand Gottes oder des Schicksals oder, denn wir sind ja im Theater, des Regisseurs?

Als ein politisches Stück jedenfalls bringt Claus Peymann Shakespeares «Mass für Mass» im Berliner Ensemble nicht auf die Bühne. Brecht nannte die an Verhängnissen reiche Komödie «das philosophischste aller shakespearischen Werke», Peymann entdeckt in ihr fesselloses Theater, ohne Wenn und Aber. Auf der weißen, vom Portal bis fast in den Bühnenhimmel ragenden Treppe Karl-Ernst Herrmanns wird komödiantisches Feuer angefacht, dass die Funken nur so stieben. Und wenn Ruhe gebraucht wird, für Kloster, Kerker oder Regierungssitz, dreht sich die Treppe um ihre eigene Achse, schafft nun mit schwarzem Untergrund einen Bunker mit schräg noch oben fliehender Rückwand. Aber um Ruhe geht es eigentlich nicht.

Das ganze Personal, vom Herzog über den Stellvertreter bis zu den Huren, Zuhältern, Abenteurern des seltsamen Regierungsbezirks, lebt in einer musikalisch vibrierenden Unruhe. Heftige Gemütsbewegungen durchlaufen die Glieder wie in elektrischen Wellen, formen die Gesichter schamlos um. So wandelt sich eine aufregende Parabel über Macht und Missbrauch von Macht, über die Verantwortung der «Hochgestellten» gegenüber Gesetz und Recht in ein übermütiges Menschen-Puppen-Spektakel. Wie an Fäden gezogen, müssen Liebende und Hassende, Richter und Henker durch die Himmel und Höllen des Lebens hindurch, mit gnadenlosem körperlichem Einsatz. Wenn sie es geschafft haben, bleibt nur Erschöpfung, auch Ratlosigkeit: Die Spieler lagern sich bedächtig auf die Treppe, schauen ins Publikum, das Spiel ist aus.

Den Stellvertreter, der bei Peymanns Shakespeare-Deutung für den Aufstand der Gefühle und der Triebe sorgt, nicht für gesellschaftliche Unruhe, spielt Michael Maertens. Zunächst beherrscht, drahtig und akkurat, als eitlen Höflingmit kostbarer Brille und tiefschwarzer Gewandung. Aber wenn diesen Angelo, in der Begegnung mit der angehenden Nonne Isabella, die sexuelle Begierde überkommt und schliesslich in die Glieder fährt bis zur stöhnenden, röhrenden Entladung, erklimmen schauspielerische Lust, Eleganz und Körperbeherrschung einsame Höhen. Sylvie Rohrer als Isabella steht Maertens dabei nicht nach, sie spielt ein Kind von entwaffnender Naivität, tänzelnd und die Füße werfend, süß und wild und unschuldig aufgedreht in einer geradezu verrückten Art. Die Begegnungen zwischen Angelo und Isabella gehören, in ihrem choreographischen Raffinement, in der steigenden Hitze der überkochenden Gefühle zu den grossen Momenten der Inszenierung. - Das will den Exzess, das leugnet strenge, böse Hintergründe, gewiss. Aber es ist großses Theater.

Die Übersetzung von Thomas Brasch, in Vers und Prosa, sucht den heutigen Zugang, sie ist anschaulich, gestisch, geht bis in den Alltagsjargon hinein, scheut tagespolitische Einlagen nicht. Sie kommt den Schauspielern sehr entgegen, ordnet das Ensemble der scheinbar zusammenhanglosen Figuren auf ihre Weise. Den Herzog spielt Hans- Michael Rehberg, mit trockenem Spott, einer mühsam gebändigten geilen Neugier und nackter Angst, wenn ihm das Spiel zu entgleiten droht. Ulrich Matthes als Tunichtgut Lucio bringt als Einziger Schärfe in das Geschehen, Lust an der Provokation, am Umsturz böser Verhältnisse, und spielt das sehr klug, sehr bedacht - ein anderer Ton. Peymanns entfesseltes Theater erntet stürmischen Beifall.

Christoph Funke in der NZZ

 

Maß für Maß (Shakespeare-Neuübersetzung fürs Berliner Ensemble)
Erstaufführung der Neuübersetzung am 5. Mai 2001 am Berliner Ensemble
Regie: Claus Peymann

2001
Thomas Brasch starb am 03. November 2001 in Berlin.

MAß FÜR MAß II

Residenztheater
Dorn

 

Deutsch von Michael Wachsmann

Es spielen Beatrix Doderer, Sunnyi Melles, Catalina Navarro-Kirner, Eva Schuckardt,
Peter Albers, Robert Joseph Bartl, Ulrich Beseler, Rainer Bock, Burchard Dabinnus, Jörg Hube, Stefan Hunstein, Janko Kahle, Thomas Loibl, Oliver Möller, Helmut Pick, Helmut Stange, Philipp Wirz und Lena Dörrie

Regie Dieter Dorn
Bühne Jürgen Rose
Kostüme Jürgen Rose
Musik Rudolf Gregor Knabl

 

Kritik aus der ZEIT von Peter Kümmel:

„Dein bestes Ruhn ist Schlaf, Den rufst du oft und zitterst vor dem Tod,Der doch nichts weiter! (…)Du hast zu eigen Jugend nicht noch Alter, Nein, gleichsam nur den Schlaf am Nachmittag,Der beides träumt.“

 

Diese Worte stammen aus Shakespeares Maß für Maß, auch ein Stück, das mit Wien zu tun hat, denn dort spielt es. Die Aufführung, von der nun die Rede ist, stammt aber aus München. Am Residenztheater hat Dieter Dorn Maß für Maß inszeniert, und er zeigt uns ein viertes Muster des Träumens: das Wachträumen in Rollen, das Theaterspielen.

Eines Tages merkt Herzog Vincentio, dass er sein Amt nicht mehr erträgt: „I love the people / But do not like to stage me to their eyes.“ Er liebt das Volk, aber er mag nicht, wenn es ihn sieht. Der Schauspieler Rainer Bock spricht diese Sätze hastig, als sei ihm aufgegangen, dass eine Lebensrolle einfach zu wenig ist. Also sucht er sich eine neue. Er schiebt einen Statthalter ins Licht und rettet sich selbst mit einem Sprung in die Nacht. Von nun an beobachtet er aus dem Dunkeln, im Kostüm eines Mönchs, sein Volk und seinen Stellvertreter.

Angelo, der Statthalter (Stefan Hunstein), steht nun baff er vor dem Schreibtisch des Herzogs. Zunächst ist die Macht ihm nur Papier, aber bald wird er das Papier erwecken – zu Schmerz, Blut und Strenge. Er geißelt die Unzucht, und er begeht selbst Unzucht – mit dem Volk, das er aus Lust zügelt. Die Macht fiel ihm in den Schoß, dort gärt sie nun. Der Herzog sieht das alles aus seinem Kapuzenversteck; er bleibt im Hintergrund und inszeniert von dort aus Staat und Volk, ein Traumspiel zum Vergnügen eines Schlaflosen.

Die Münchner Inszenierung ist dann stark, wenn sie die leere Kostbarkeit überwindet, die Dieter Dorns Theater bedroht. Und sie ist stark, wenn Rainer Bock das Wort hat. Es ist ein Vergnügen zuzusehen, wie Bocks Kaltblüterkopf von Ideen gewärmt und hin und her geworfen wird. Sein schlafverwüstetes Gesicht und sein Sprechen, das bitteren Überblick verrät – dieser Gegensatz macht den Mann unverwechselbar. Er wirkt wie einer, der soeben geweckt wurde, aber er hat die kühle Stimme eines Mannes, der nie ruht. Er ist immer wach, aber sein Volk hält er in dauernder Nacht. Er preist die Vernunft, aber seine Untertanen macht er zu Komparsen seiner Tagträume.

Das Leben ist die kleine Fläche zwischen Traum und Tod. Vincentio krallt sich auf ihr fest. Er hat erst Mönch werden müssen, um mit voller Lust Herzog sein zu können. Die Mönchserfahrung lässt ihn, als er die Kutte abwirft, das Volk noch fester packen. Er wird nie mehr schlafen. Zu sehr fürchtet er die Ungetüme, die im Schlaf nisten.

JON FOSSE

EIFERSUCHT

DA KOMMT NOCH WER

ER (Stephan Bissmeier)

SIE (Katharina Schubert)

Der Mann (Oliver Mallison)

Regie (Christiane Pohle)

Werther ist von jenem berühmten Bild gefangengenommen: Lotte schneidet Brot und verteilt die Scheiben an ihre Brüder und Schwestern. Lotte ist ein Kuchen, und dieser Kuchen wird aufgeteilt: jedem sein Stück: ich bin nicht der einzige - ich bin in gar keiner Hinsicht der einzige, ich habe Brüder, Schwestern, ich muß teilen, muß mich in der Teilung fügen: sind die Schicksalsgöttinnen, die Moiren, nicht ebenfalls Göttinnen der Teilung - deren letzte die Stumme ist, die Todesgöttin?

Als Eifersüchtiger leide ich vierfach: weil ich eifersüchtig bin, weil ich mir meine Eifersucht zum Vorwurf mache, weil ich fürchte, daß meine Eifersucht den Anderen verletzt, weil ich mich von einer Banalität knechten lasse: ich leide darunter, ausgeschlossen zu sein, aggressiv zu sein, verrückt zu sein und gewöhnlich zu sein.

Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, Frankfurt 2003

Es geht darum, Unsichtbares sichtbar zu machen. Das ist weniger mystisch, als es klingt. Unsere Beziehungen - zwischen Freunden, Kollegen, zwischen Liebenden - sind eben unsichtbar, sie spielen sich unter der Haut ab, unter den Bühnenbrettern. Darum wird "im wirklichen Leben" auch so viel über Beziehungen geschwiegen. Weil sie im seelischen Raum stattfinden, weil sie uns wirklich zutiefst berühren. Sie sind unser Wichtigstes, unser am stärksten Gefährdetes, unser Gefährlichstes. ... Auf Norwegisch wie auf Italienisch, auf Farsi wie auf Japanisch braucht es Pausen, damit das Ungehörte hörbar, das Unsichtbare sichtbar werden kann. ...

Bei Fosse  sind die Pausen so elementar. Seine Kunst besteht darin, um die Pausen herum ein wenig Text so anzuordnen, daß das, was sich in den Pausen ereignet hörbar wird, daß es spricht und nicht stumm bleibt, daß es sichtbar wird, das schon da war, aber nicht besprochen, sondern beschwiegen wurde - und auch jetzt, auf der Bühne, wo SIE und ER sich gegenüberstehen, vor dem alten, stummen Haus, das so viel weiß uns do wenig preisgibt, wird dies Stumme Unsichtbar nicht besprochen, es kommt nicht zur Sprache - aber es spricht.

Aus "Sprechende Pausen" von Hinrich Schmidt-Henkel"

Zeichenstunde
von Wjatscheslaw Kuprijanow


Einem Kind gelingt es nicht
die Größe des Meeres zu zeichnen.
Einem Kinde gelingt es nicht
die Größe der Erde zu zeichnen.
Ihm wollen die Meridiane nicht zusammenlaufen
bei ihm kreuzen die Parallelen sich.
Es lässt
den Erdball
ins Himmelsfreie
aus dem Koordinatennetz aufsteigen.
Ihm wollen
die Entfernungen nicht übereinstimmen
ihm wollen
die Grenzen nicht gelingen
es glaubt
Berge sollen nicht höher
als Hoffnung sein
und das Meer soll
nicht tiefer als Trauer sein.
Das Glück
soll nicht weiter
als die Erde sein
die Erde
soll nicht größer sein
als ein kindliches Herz.
© Wjatscheslaw Kuprijanow

 

 

Collage tam unter Verwendung von Fotos von Thoma Dashuber

 

"Selbst wenn sich die Darsteller aus dem Shakespearestück hinauslehnten, geschah das maßvoll und der Sache dienlich. Es gab keine überflüssigen Regieeinfälle, noch irgendwelche Schnörkel eines Manierismus. Jeder Versuch, einen noch tieferen Sinn als den des Spiels um Liebe in dieses Stück implantieren zu wollen, hätte der Unternehmung geschadet. So erlebten die Zuschauer die volle Schönheit des Dramas aus der Feder des genialen Briten und zugleich eine sehr moderne, der Vorlage verpflichtete Inszenierung. Zu keinem Augenblick der zweistündigen Inszenierung kamen Längen auf und das Publikum feierte die Darsteller und die Mannschaft um Regisseur Gloger begeistert. Der Applaus und die Bravos waren unbedingt gerechtfertigt!"

Kritik von Wolf Banitzki

 

 




theodor frey

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