*

  

  

 

 

 

Vom Finden

 

 

Die Sechs

 

 

Im Du erfahre ich,

daß mich das Sein angeht,

daß es sich an mich richtet,

daß ich verletzbar und

beglückbar bin.

 

 

Das Du

schenkt sich,

gibt sich hin,

berührt

und durchdringt damit auch

meine Seiten des Ichs.

Im Du

werde ich angesprochen,

wird die Dreiheit meines Ichs

Sechsfach durchbrochen.

 

 

Die Beziehungen

von Ich und Du

verdoppeln die Dreiheit

zur sechseckigen Gestalt.

Die Farben, die Töne des Ichs

mischen und verbinden sich,

das Klangbild des Lebens

entsteht.

Die Symphonie

erklingt im miteinander.

  

Violett,

in dem sich

Blau und Rot

durchdringen,

gibt dem Empfinden ein Wollen,

damit daraus die Tat entsteht,

wie auch aus dem Tun

das Empfinden

immer wieder

neue Anstöße erfährt.

 

 

Grün

blüht auf

aus dem Blau des Empfindens

und wird zusammen

mit dem Gelb

des lichten Denkens

zur Hoffung,

daß sich Sinn zeigen kann

in immer neuem Werden.

 

 

Verschränken sich

Tun und Lassen

mit dem in erfüllter Leere

sich selbst vergessenden Denkens,

wird Orange,

die Symbolfarbe,

die auszudrücken vermag,

wie eng Körper und Geist

aufeinander angewiesen sind.

 


Die verdoppelte Dreiheit,

sie bindet die Seiten des Ichs

enger aneinander

und näher zur Mitte hin.

In ihrer Farbigkeit

erscheint die Sehnsucht

nach der heilenden Einheit

von

Körper,

Seele

und Geist.

 

 

In diesem Miteinander

kann das Ich

den Weg finden,

der den Verlust der Einheit

für Augenblicke in Lust

vergessen macht.

So wird in der Vereinigung

von Ich und Du

das Werden im Sein bezeugt,

und in der Verschmelzung

von Ich und Du

neues Leben,

neues Werden gezeugt.

 

 

Im anderen Ich

begegne ich mir selbst,

im Du

erfahre Ich das Andere,

wie auch das mir Gleiche.

Erst in dieser unablässigen

Erfahrung der Begegnung

wird der Mensch

zum Individuum

und die Menschen

zur Gattung.

 

 

Erst im Du

finde ich mich,

erhalte ich

durch den Ruf des Du

meinen Namen.

 

 

Finde ich mich im Du,

entsteht eine Gestalt,

die mehr ist

als nur die Zuordnung

der Elemente.

Vom Du her

wird mir der Sinn im Dasein

eröffnet.

Im sechseckigen Stern

blinkt

das Licht

des Ursprungs.

 

< zurück zum Seitenanfang
<< zurück zur Gesamtstruktur des Werks
weiter zum nächsten Satz der Symphonien
>>

 

 

 

Zu den mitreißensten Kapiteln zählt die liebestrunkene Epoche mit Alma Mahler. Auch die letzten Spuren Wiener Jugendstils wurden nun weggefegt. Porträt, Allegorie, Landschaft - alles verband sich mit einem Schlage zu neuer dramatischer Wucht, als 1912 die Witwe von Gustav Mahler in Kokoschkas Leben trat und eine ungleiche, fast bis zur Selbstzerstörung gehende Leidenschaft begann. Mit dem dräuenden Liebesschwur der "Windsbraut" schuf Kokoschka ein Bild von Shakespearscher Tonlage: im tosendem Dunkel des Lebenssturms treiben die nackt Umschlungenen dahin. Wünsche, Prophezeiungen und Ahnungen malte Kokoschka seiner Geliebten auf Fächer. Von unerschöpflicher Zärtlichkeit sind die Briefe an die kühle Witwe, der die Wiener Gesellschaft letztlich wichtiger war als die heftige Leidenschaft des genialen Außenseiters. Die Anreden an Alm überstürzen sich: Mein liebes Almi! Meine über alles geliebte süße Alma! Mein süßes, kleines Mädchen Almili! Mein Almi, Du süßer kleiner Kerl! Meine wunderbare Geliebte! Der Verbindung mit Alma Mahler entsprang ein Kind, das Alma aber abtreiben ließ. Von der im Sanatorium Genesenden nahm Kokoschka einen Wattebausch voll Blut und trug diesen bis zuletzt bei sich: "Dies ist mein einziges Kind!"

 


Peter Handke

"Phantasien der Wiederholung"

 

"Ich glaube jetzt zu wissen: Es gibt zum einen das schweigende, das ruhige Ich, und zum zweiten das auf dieses einredende, andere 'Ich': dieses schmeichelt jenem, lobt es, verhimmelt es, und verteufelt es dann, immerzu sprechend, ausdrückend, meinend, urteilend, einordnend, vergleichend, sich selber kommentierend - immer jedenfalls (das merk dir) dabei, das stille, das ruhige Ich zu verderben.

Dieses Gerede-Ich, mit nichts beschäftigt als das ruhige Ich anzureden, sieht keinen Baum, hört kein Rauschen, spürt keine Wurzel unter den Füßen - es redet nur immer, zwischenträgerisch, verderblich (wie Goethes 'Mittler'), während das ruhige Ich, wenn es endlich einmal das mephistophelische (eigentlich ist das andere Ich nicht das mephistophelische, sondern das törichte). - 

Und dann gibt es eines, das die beiden gegensätzlichen Ich umschließt und die Gegensätze im guten aufhebt: das innehaltende, verlangsamende, phantasierende, ausdrückliche Denken: dieses ist dann meine strahlende Rüstung; oder: das phantasierende (umphantasierende) Ich ist mein Schreiber."