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Acht
       

Sechseck mit geteiltem Kreis
       

Entzweiung
       

Fluch - Segen
       

Alle Farben mit Schwarz
       

Hassen - Lieben
       

Was ist sinnvoll?
      

Vernichtung - Versöhnung
       

Angst vor dem Schuldigsein
      

Gut - Bös
      

Tod
      

Die Vergottung des Menschen
      

SCHULD

 

ALFRED DELP - IM ANGESICHT DES TODES

"Der jüngste Tag" von Ödön von Horváth

Opfer - Täter

 


      
      
In das heilende Licht der pulsierenden Hoffnung

schleicht sich das Schwarz des Zweifels.

Liebe - Gott, zwei mißbrauchte Begriffe,

verschmutzt im Dunkel der Zeiten.
      

Alfred Delp - Im Angesicht des Todes

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern

Die Schuld gehört zu unserem Leben wie das tägliche Brot. So bitter nötig wir das Brot haben, so bitter wirklich ist die Schuld.  [...] Die  Fehlhaltung aus der Überbetonung der Bedeutung der Erbschuld liegt in einer gewissen Lässigkeit des Menschen gegenüber seinem Versagen. [...] Die Schuld als persönliche Fehlleistung und Verantwortung ist aus dem abendländischen Bewußtsein zu sehr geschwunden.

Wir sind schuldig, weil wir in einer bestimmten Zeit und geschichtlichen Stunde leben und geschehen lassen, was geschieht. Es gibt die personale Haftung vor Gott und des gibt die Gesamthaftung. Unser Geschlecht ist ein schuldiges Geschlecht, in einem ganz großen Ausmaß schuldig. Dies festzustellen ist schon wichtig. Aber es genügt noch nicht. Diese Schuld muß überwunden werden, wir müssen von ihr loskommen, sonst gehen wir unter. Gerade um die Schuld tanzt der Mensch viele Tänze, die aber nicht in gelöster Rhythmik geschehen, sondern im Grunde Krämpfe sind. Der Mensch kann versuchen, seiner Schuld davonzulaufen. Das ist vergeblich; denn die Schuld steht in seiner Wirklichkeit. Er kann versuchen, sie einfach zu verleugnen, er kann den alten Griechentraum träumen, er kann sie wegdiskutieren: das alles mag ihm für eine kurze Stunde den Blick trüben und das Gewissen vernebeln. Die geschehenen Taten sind unterschriebene Wechsel. Und diese müssen eingelöst werden. Der Mensch kann sich von seiner Schuld nur lösen, wenn er sich zu ihr bekennt und zugleich erkennt und anerkennt, daß die Schuld der Kreatur eine Wunde schlug, deren Heilung alle Kunst und alle Kraft der Kreatur übersteigt. Als Schuldiger sich dem heilenden Segen Gottes stellen. Diese Geschlecht braucht Menschen, die für seine Schuld vor Gott stehen. 

Gott heißt den Menschen, die eigene Hoffnung auf Erbarmen von dem gewährten Erbarmen abhängig zu machen. Die innerweltliche Schuld muß zugleich mit der transzendentalen Schuld verschwinden, damit die Welt ab und zu einmal aufatmen kann. Das heißt für uns den Verzicht auf jede Bitterkeit und Erbitterung gegen die Menschen, die uns solches getan haben. Ich bin nicht böse, auch dem großen Scharlatan des deutschen Rechtes nicht. Mir tun sie nur unsagbar leid. Und mehr noch das Volk, das ihnen sich und seine heiligsten Geister ausgeliefert hat. Gott schütze Deutschland.

 

Schwarz verdreckt Rot.

Tod ist allem Tun,

aber auch allem untätigen Geschehenlassen,

eingefleischt.

Schwarz zerstört Gelb.

Gedanken

werden zerfressen

von Haß und Neid.

   Schwarz verdunkelt Blau.

Haßerfülltes Wollen

schleicht aus dem Gefängnis

der Empfindungen.

 

 

"Der jüngste Tag" von Ödön von Horváth


Es spielen Barbara Melzl, Franziska Rieck, Anna Riedl, Ulrike Willenbacher,
Michael von Au, Peter Albers, Robert Joseph Bartl, Claus Eberth, Peter Herzog, Christian Nickel, Heiko Ruprecht, Christoph Tomanek

Regie Florian Boesch
Bühne Stefan Hageneier
Kostüme Stefan Hageneier
Musik Olga Neuwirth

 

Eine kleine Bahnstation abseits der Hauptstrecke. Hier verrichtet der stramme Stationsvorstand Thomas Hudetz Tag für Tag seinen Dienst. Er trägt die Koffer, stellt die Gleise und betreut die wenigen Reisenden, die sich in den kleinen Ort verirren. Auch die Wirren seiner unglücklichen Ehe scheinen diese ländliche Ruhe nicht zu stören. Bis zu einem Augenblick der Unaufmerksamkeit: Die Wirtstochter Anna provoziert den pflichtbewussten Beamten mit einem leichtfertigen Kuss. Was mit einem kleinen Witz beginnt, endet in einer großen Tragödie: 18 Tote bei einem Zugunglück, weil ein Signal zu spät gesetzt wurde.

Ödön von Horváth erzählt in einem seiner letzten Stücke eine packende Geschichte über Schuld und Sühne und über tragische Ereignisse im Alltagsleben, die sich oft in eine komische Form kleiden. Sieht sich der Mensch als Spielball seiner Lebensumstände oder ist er bereit, sich als handelndes Subjekt zu begreifen? Horváths Volksstück fragt, wie weit jeder Einzelne die Verantwortung für sein Schicksal annehmen oder ablehnen kann.

 

Franziska Rieck, Michael von Au

"Das Ziel, das Horváth durch seine Kunstsprache erreichen will, ist die Synthese aus Realismus und Ironie. Durch die reduzierte Sprache fehlt den Personen die Möglichkeit, Probleme zu erörtern und somit zu lösen. Sie sind unfähig, ihrem Gegenüber zu vermitteln, welche Probleme sie haben und welche Gefühle sie bewegen. Sie flüchten in Stereotypen, Floskeln und häufig in religiöse Sprichwörter. Horváth ist ein Dichter der Sprachlosigkeit. Doch dies Sprachlosigkeit wird nicht etwa durch Schweigen dargestellt, sondern durch die sprachliche Ersatzhandlung des Bildungsjargons. "Dieser Punkt hat mich von Anfang an Horváths Stücken fasziniert: die bewusste Katastrophe zwischen dem, was Horváths  Figuren sagen, und dem, was sie meinen, zwischen dem, was sie meinen müssen, weil sie dazu erzogen sind, und dem, was sie zu meinen, obwohl sie meinen wollen, nicht in der Lage sind" (Franz Xaver Kroetz). Das Misslingen der Kommunikation liegt selten bei einer Person, sondern ist wechselseitig bedingt. Vor allem in Konfliktsituationen zeigt sich, dass die Protagonisten selbst den alltäglichen Problemen sprachlich oft nicht gewachsen sind, und dass diese Sprachbarriere sie zwingt, in den entlarvenden Bildungsjargon zu verfallen, der ihnen ein trügerisches Gefühl von Sicherheit vermittelt. Durch die Sprache werden Horváths Figuren demaskiert ...: Hinter der Gutmütigkeit de Dorfgemeinschaft lauern Bosheit, Neid und Gehässigkeit. Hinter dem scheinbar Alltäglichen und Banalen tun sich Abgründe und Niederungen auf, die nur mit allergrößter Anstrengung von dem Einzelnen überbrückt werden können. "Die Wahrheit liegt woanders", bei Horváth jenseits der gängigen Sprachmasken. Die Frage der Schuld ist alles andere alls geklärt."

 

Holger Weimar im Textheft des Bayerischen Staatstheaters 

 

Opfer / Täter

Da liegt kein Segen drauf

 

Von Daniela Dahn

  

Geschichtsschreibung ist bekanntlich die Summe der Lügen, auf die sich die Mehrheit einigt. In Ost und West hatte man sich mehrheitlich darauf geeinigt, das Elend der Flüchtlinge auszublenden. In meiner Kindheit waren bildhafte Schilderungen von der Flucht dennoch präsent, denn die Familie meiner Mutter stammte aus Breslau. Sie verlor dort all das, was die Existenz ausmachte, auch ein vierstöckiges Geschäftshaus mit Renaissancefassade in bester Lage.

  

Inzwischen sind die einst Redeunwilligen aus mancherlei Gründen offensiver geworden. Ein Zentrum gegen Vertreibung benennt allerdings schon im Titel das falsche Objekt der Anklage. Genauso gut könnte man ein Zentrum gegen Gebietsannexionen befürworten, eins gegen gefallene Soldaten, gegen Massaker an Zivilisten und Bombenopfer, eins gegen Zwangsarbeit und Gefangenenlager und eins gegen Hunger und Typhus. All dies hat mehr Todesopfer gekostet als Flucht und Vertreibung. All dies sind die fatalen Folgen von Kriegen gewesen. Verurteilt man aber die Folge und nicht die Ursache, so greift man zu kurz, ja weckt Illusionen. Man suggeriert, nach Angriffskriegen könnten deren unvermeidliche Folgen vermieden werden. In dem Fall die Vertreibung der mehrheitlich kriegswilligen deutschen Bevölkerung.

  

Akte der Barbarei

  

In einem Memorandum der tschechischen Exilregierung vom November 1944 hieß es: „Nach den Erfahrungen der beispiellosen Akte der Barbarei, die von den Deutschen während des gegenwärtigen Krieges am tschechoslowakischen Volk begangen wurden, ist es unvorstellbar geworden, dass in Bezug auf die deutsche Minderheit der jetzige Zustand beibehalten wird“, statt dessen ist von einer „radikalen Reduzierung“ durch „Transfers“ die Rede. Einen Monat später hat Churchill in seiner Rede „Über Polen“ den Vorschlag erweitert: „Völlige Vertreibung der Deutschen – aus den Gebieten, die Polen im Westen und Norden gewinnt. Denn die Vertreibung ist, soweit wir in der Lage sind es zu überschauen, das befriedigendste und dauerhafteste Mittel.“ So sollten „endlose Unannehmlichkeiten“ vermieden werden. Und Präsident Truman fügte in der New York Herald Tribune am 10. August 1945 hinzu: „Das neue Gebiet im Westen wird Polen in die Lage versetzen, seine Bevölkerung besser zu versorgen.“

  

Umgekehrt kam die Verkleinerung Deutschlands der kurz zuvor im Potsdamer Abkommen festgelegten Reduzierung der „bestehenden übermäßigen Konzentration der Wirtschaftskraft“ entgegen: „Das deutsche Volk fängt an, die furchtbaren Verbrechen zu büßen, die unter der Leitung derer, welche es zur Zeit ihrer Erfolge offen gebilligt und denen es blind gehorcht hat, begangen wurden.“ Obwohl es heftig bestritten wird, kritisiert man mit dem Slogan „gegen Vertreibung“ rückwirkend eben doch, was die Alliierten und mit ihnen andere Staaten für richtig hielten. Wer bedingungslos kapituliert, sollte nach einem halben Jahrhundert nicht anfangen, Bedingungen zu stellen.

  

Selbst wenn die Alliierten in einem wichtigen Punkt irrten: Eine „Überführung der deutschen Bevölkerung“ „in ordnungsgemäßer und humaner Weise“, wie es im Potsdamer Abkommen vorgesehen ist, war von den traumatisierten Osteuropäern nicht zu erwarten. Die Vorstellung, nach dem mitleidlosen Verhalten der Nationalsozialisten, nach der Ungeheuerlichkeit der Polengesetze, hätte mit dem Tag der Kapitulation nachsichtige Milde und Rechtsstaatlichkeit walten können, ist lebensfremd. Sie setzt nicht nur übermenschliche Versöhnungsbereitschaft voraus, sondern verkennt, dass die schmachvollste Kriegsverletzung, die man dem Gegner antut, dessen anhaltende Demoralisierung ist. Es gibt kein Volk von Heiligen.

  

„Wer lange verfolgt wird“, schrieb Camus, „wird schuldig.“ Die Wehrmacht und SS, all die Nazibediensteten, haben die Polen, die Russen, die Tschechen und andere Europäer solange verfolgt, bis deren Rachebedürfnis einen Teil von ihnen schuldig gemacht hat. Deutsche Forderungen nach Entschuldigung halte ich deshalb für unangemessen. Präsident Havel hat sich dennoch für die Exzesse entschuldigt, nicht für die Aussiedlungen an sich. Und der Germanist Frantisek Cerny, nach der Wende beliebter tschechischer Botschafter in der Bundesrepublik, sagt heute: „Ich glaube, dass es eigentlich keine andere Lösung gab. Oder man hätte warten müssen, bis dieser Hass, das emotionale Feindbild abgebaut ist. Aber: Wie hätten die Deutschen dann hier leben sollen? Sie waren damals Parias, für lange Zeit und nicht nur bei uns.“

  

Als Nachgeborene, die ich mich für die damaligen Ereignisse nicht verantwortlich, aber zuständig fühle, halte ich es für notwendig, dies Urteil in Demut zu akzeptieren. So wie ich akzeptiere, dass man über das große Leid vieler Vertriebener öffentlich reden dürfen muss. Dies geschieht seit Jahren und wird weiter geschehen in Verbänden, in der Literatur, in Filmen, an Universitäten wie der Viadrina in Frankfurt/Oder, dem Willy-Brandt-Zentrum an der Universität in Wroclaw, im Haus der Deutsch-Polnischen Zusammenarbeit in Gliwice (Gleiwitz) oder der Gedenkstätte für den Kreisauer Kreis im heutigen Krzyzowa. Wenn all das als ungenügend empfunden wird, ist sicher auch ein weiterer Ort des Gedenkens und der Mahnung legitim.

 ...

 Von wem ist meine Familie vertrieben worden? Dem jüdischen Großvater nutzte auch die privilegierte Ehe mit der deutschen Großmutter nichts, die Breslauer demolierten das als jüdisch bekannte Geschäftshaus in der Pogromnacht, denunzierten den bis zur Unansprechbarkeit in Depression verfallenen Mann, bis er verhaftet und später auf Nimmerwiedersehen deportiert, das Geschäft zwangsarisiert wurde. Die Neuordnung der „ethnographischen Karte Europas“, die Hitler im Oktober 1939 verkündete, sah die Schaffung „reinrassiger Siedlungsgebiete“ vor, was zweifellos nur über die Vertreibung und Liquidierung vieler Menschen zu erreichen war. Wehrmacht und SS ermordeten nicht allein drei Millionen polnische Juden, sondern auch drei Millionen Polen – jeden Zehnten.

  

In den ersten Kriegsjahren waren an die 16 Millionen Europäer von der „Umvolkung“ betroffen. Erst als das deutsche Kriegsglück sich wendete, kehrte sich der Plan der „ethnischen Entmischung“ gegen die, die ihn vorangetrieben hatten. Mitgehangen, mitgefangen galt jetzt für Nazis und Nichtnazis. Nun wurden auch die letzten zu „Mitläufern“. Meine großmütterliche Verwandtschaft ging im eisigen Januar 1945 auf den Treck – auf Geheiß von Gauleitern. Hätte die Wehrmacht ihre aussichtslose Lage wenigstens im sonnigen Herbst 1944 durch Kapitulation eingestanden – wieviele Menschen hätten gerettet werden können?

  

Historiker, die Ergebnisse der deutschen Volkszählung von 1939 verrechnet haben mit den verfügbaren Aussiedlerdaten, schätzen: Mehr als zwei Drittel der 15 Millionen Deutschen, die ihre Heimat verlassen haben, sind von ihrer eigenen Regierung in die Flucht getrieben worden. Für die Betroffenen mag der Unterschied gering sein, für die Geschichtsschreibung ist er enorm. Es bleibt zu hoffen, dass dies ein künftiges Dokumentationszentrum sehr deutlich machen wird.

  

Meine Großmutter musste sogar ihre 80-jährige Mutter aus dem Altersheim holen. Zunächst war ein Fahrzeug versprochen, doch das wurde bald abgezogen, die Urgroßmutter konnte nicht laufen und erfror. Indes hatte meine Tante, nach Nazibruchrechnung Halbjüdin, im Treck Breslauer erkannt, die in der Pogromnacht mitgeholfen hatten, die Synagoge „Weißer Storch“ zu plündern und anzuzünden, für die der Großvater manche Spende gegeben hatte. Und als sie gerade diese Leute so neben sich hatte, mit ihren paar Habseligkeiten auf dem Handwagen, konnte sie das Gefühl nicht unterdrücken: Das geschieht ihnen recht. Später, als die Flüchtlinge nicht etwa in Sicherheit, sondern im englisch-amerikanischen Luftangriff auf Dresden landeten, nivellierte die nackte Überlebensangst solche Verschiedenartigkeit.

  

Opferstatus für alle?

  

Dennoch hat diese später erzählte Episode mir bewusst gemacht: Flüchtlinge und Vertriebene waren Betroffene, waren Leidtragende, aber nicht ausnahmslos nur Opfer. Gerade weil dies heute ein moralisch begehrter und oft leider auch ein lukrativer Titel ist, missfällt mir der nachholende, gleichmacherische Opferstatus für alle Flüchtlinge und Vertriebenen. Denn das ist meine Hauptsorge: Geht es hier wirklich nur um das Recht auf eine Klagemauer, um Verständnis und Versöhnung, oder geht es um die Zuweisung von Schuld und Unrecht Richtung Osteuropa, mit dem Ziel einer Bewusstseinsverschiebung, die schließlich auch eine Eigentumsverschiebung ermöglichen wird? „Da liegt kein Segen drauf“, hätte meine Großmutter gesagt.

 ...

 

Der einstige polnische Botschafter in der Bundesrepublik, Janusz Reiter, sagte dieser Tage: „Irgendwo lauert auch noch das Problem der Eigentumsansprüche, die – wenn sie gestellt werden – die Explosivität einer Atombombe haben.“ Einige polnische Abgeordnete, darunter Warschaus Bürgermeister, berechneten schon mal vorsorglich, welche materiellen Schäden die Deutschen ihrem Land zugefügt haben, und kamen auf mehr als tausend Milliarden Dollar.

 


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