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Karl Otto Hondrich ist gerade dabei, seine Theorie der Gesellschaft, die sich in vielen Einzelstudien gebildet hat, systematisch zu formulieren. Jede Form sozialen Lebens zeichnet sich ihr zufolge durch fünf grundlegende Prinzipien aus.

Erstens: geben und erwidern (Prinzip der Reziprozität);

 in jeder Gesellschaft gibt es Regeln dafür, wie etwa Geschenke, Grüße oder Beleidigungen ausgeteilt und erwidert werden. So geraten Menschen in die partnerschaftliche Liebe, aber auch in den Krieg.

Zweitens: auf- und abwerten (Prinzip der Präferenz);

 in jeder Gesellschaft wird ständig bewertet und moralisiert und in der Regel das Eigene, schon Vertraute vorgezogen. Unsere Beziehungen sind Vorziehungen, die immer ein Zurücksetzen beinhalten. Als Korrektiv gegen daraus entspringende Feindseligkeit wirkt die Pflicht zur Toleranz gegenüber anderen, in der Wissenschaft die regulative Idee der Werturteilsfreiheit.

 Drittens: teilhaben und ausschließen (Prinzip der kollektiven Identität);

jede Gesellschaft zieht ihre Grenze, indem sie die einen einbezieht und die anderen ausschließt. Im Namen des Individuums, das sich unvergleichlich setzt, oder der Menschheit als Ganzes können wir gegen dieses Prinzip protestieren, aufheben können wir es nicht.

Viertens: verbergen und mitteilen (Tabu-Prinzip);

 keine Gesellschaft kommt ohne einen Code aus von dem, was mitteilbar ist und was verborgen bleiben soll. Selbst die Aufklärung, das Gegenprinzip, bringt neue Tabus hervor.

Fünftens: bestimmen und bestimmt werden (das Prinzip der fatalen Handlungsfolgen);

Handeln sieht sich immer mit ungewollten Folgen konfrontiert, die wiederum die weiteren Handlungsmöglichkeiten bestimmen. Früher, so Hondrich, nannte man dies Schicksal, „ein Begriff, der für den modernen Menschen zum Ärgernis geworden ist, weil er sich als ausschließlich selbstbestimmt betrachtet“.

„Wenn wir erkennen, dass wir – trotz unserer Unterschiede – alle diesen elementaren sozialen Prozessen ausgeliefert sind, dann verstehen wir uns über kulturelle Grenzen hinweg wahrscheinlich besser, als wenn wir bloß einem Toleranzgebot folgen, das aus einer bestimmten Kultur erwachsen ist.“

 

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