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Ich entschloss mich bei meinem Rundgang das "Ende" an den
Anfang zu setzen und die große schwarze Tafel ("Ohne Titel")
von Joseph Beuys aus dem Jahre 1972 genauer zu betrachten. Die eingeschwärzte
Sperrholzplatte - mit Kreide beschriftet- gleicht einer Schultafel.
Nicht gerade einladend, da Erinnerungen an Belehrungen aufkommen. Da
wehrt sich was!

Trotzdem habe ich die Lust verspürt, auszuprobieren, ob es mir als
Laien möglich ist, etwas damit anzufangen, vielleicht sogar den Inhalt
ansatzweise zu entschlüsseln. Zuerst war überraschend, dass es war
nicht schwer die Texte zu lesen. Beuys schreibt klar aber etwas altertümlich.
Aber alles könnte schnell wieder abgewischt werden. Und bevor dies
geschieht, fang ich mit meinen Überlegungen an.
Der größte Teil der Tafel ist mit einer blasenförmige Form ausgefüllt.
Am Rand die Hinweise: "800 Milliarden" (unten links) und
"Bruttosozialprodukt 1972" (oben links). In der Mitte der
Blase der Begriff "Bürokratie". Rechts oben zeigt diese
organische Form einen sehr kleinen, aber scharfen Einschnitt, auf
den ein Pfeil gerichtet ist mit dem Text: "Anteil des Arbeiters"
-"1972".
Beuys bezieht sich wohl auf die politische Situation in der BRD ( Ich
erinnere mich, dass bereits die Verwendung dieser Abkürzung verdächtig
war!) Es war die Zeit der Studentenproteste und des Machtwechsels. In
den studentischen Kreisen (dazu gehörte ja auch ich!) bildete sich eine
Protestbewegung gegen den bestehenden Muff unter den Talaren, den
Vietnam-Krieg und die gesellschaftlichen Missstände (Armut, Rassismus).
Leitbild war die Politisierung und Demokratisierung aller Lebensbereiche
und die Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft. Die universitäre
Protestszene verlagerte sich auf die Strasse und setzte - wenn auch
vergeblich - auf den Solidarisierungseffekt mit den Arbeitnehmern. Die
Kritik der "Neuen Linken" richtete sich auch gegen die Verdrängung
der NS-Vergangenheit und das Meinungsmonopol des Axel-Springer-Verlages.
Der Mordanschlag auf Rudi Dutschke löste eine Welle von Demonstrationen
in allen größeren Städten der BRD aus.
1969 wurde Willy Brandt zum Bundeskanzler gewählt. Er traf die
Erwartungen vieler Bürger - vor allem auch der ?Mittelschicht - mit
seiner Devise: " Wir wollen mehr Demokratie wagen". Die Rechte
von Betriebsräten wurden erweitert, das Rentenreformgesetz brachte
Rentenerhöhungen, die Leistungen des Kindergeldes und der
Krankenversicherung wurden erhöht. Zusätzlich wurde die Stellung der
Frauen verbessert. Der Name des Mannes war jetzt nicht mehr automatisch
Familienname. Eine umfassende Reform des Bildungssystems sollte die
Chancengleichheit garantieren.
Ich vermute, dass Beuys diese politische und auch seine persönliche
Situation von 1972 im Sinn hatte, als er die Tafel gestaltete. Beuys gründete
1971 in Düsseldorf die "Organisation für direkte
Volksabstimmung", die es ihm ermöglichen sollte, seinen
"erweiterten Kunstbegriff" auf der geistigen Grundlage der
Ideen der sozialen Dreigliederung und des anthroposophischen Kunstverständnisses
zu propagieren. Vom 30.6.1972 bis 8.10.1972 war Beuys im Informationsbüro
der ?Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung? auf der
Documenta 5 zugegen. Zur Documenta-Zeit ist dann wohl auch dieses Werk
entstanden (Dazu ist auch das Plakat von Hans. D. Baumann ein
interessantes Zeitdokument!).

Das sehr kleine Segment der Blase zeigt an, dass er der "Anteil des
Arbeiters" an den Früchten dieses Fortschritts als gering ansah.
In die Blase schrieb er noch den Satz: "Der Arbeiter der nach Luft
schnappt". Dieser Text weist auf eine kleine Blase außerhalb der
großen hin, in die ein kleines Strichmännchen seinen Kopf steckt.
Vielleicht sah er den Arbeiter im Vergleich mit den Angestellten und
Beamten (Mittelstand) als Verlierer, als Ausgegrenzte an. Der zentrale
Begriff "Bürokratie" in der Blase könnte darauf hindeuten.
Im oberen Teil der Tafel sind zwei Säulen von je vier Kugeln
dargestellt. Die linke Gruppe beginnt mit der großen Kugel (bezeichnet
mit dem Begriff "Zentralismus"), aus der die immer kleiner
werdenden Kugeln hervorgehen. Die rechte Gruppe ist umgekehrt
angeordnet. Sie ist beschriftet mit "aktive treuhänderische
Verwaltung" und an der Basis mit "so kommt der Schneemann zum
Stehen!". Diese vier Kugeln schauen auch aus wie ein Schneemann.
Vielleicht steht dieses Wintersymbol auch mit dem schlittenartige Gefährt
am untersten Rand der Tafel in Verbindung.
Beuys bezieht sich auf der Tafel auf ein Ereignis vom 8.10.72 (Ende der
Documenta 5): "heute nacht stärkster Sternschnuppenfall seit 1932".
Die Sternschnuppen sind durch Striche angedeutet. Hoffungen (Utopien),
deren Erfüllung in solchen Nächten erwünscht werden, sollen sich ja
bewahrheiten.
Zwei Tage später, am 10. Oktober 1972 besetzt Beuys und 54
Studienbewerber und Studenten das Sekretariat der Kunstakademie Düsseldorf,
um dafür zu kämpfen, dass nicht zugelassenen Studenten zugelassen würden.
Einen Tag später erhält er die Kündigung.
Interessant ist auch der Bezug des Bruttosozialproduktes 1972 auf das
Bruttosozialprodukt mit der inversen Zahl 1927. Dies wird dadurch
unterstrichen, dass die Zahlen kreuzweise verbunden sind. Im Jahre 1927
begann eine Zeit von Straßenkämpfen rivalisierender politischer
Gruppierungen. Die Agressoren der ersten Zeit sind die extremen Linken,
später dann die Nazis. Adolf Hitler intensivierte zu dieser Zeit seine
Propagandatätigkeit für die NSDAP. Hat hier Beuys einen Bezug zu 1972
herstellen wollen? (Übrigens 1927 wurde auch das Versandhaus "Quelle"
gegründet, die Pflichtversicherung gegen Arbeitslosigkeit sowie der Kündigungsschutz
für werdende und stillende Mütter eingeführt!)
Links oben auf der Tafel befindet sich noch ein Kreis mit einem Segment,
das mit 1/3 bezeichnet, aber nicht maßstabsgerecht eingezeichnet ist.
Es macht weit weniger als ein Drittel aus. Hier sehe ich einen Bezug zur
großen Blase (Bruttosozialprodukt 1972) bei der aber das Segment noch
unendlich viel kleiner ausfällt und auf den "Anteil des Arbeiters"
hinweist. Deutet dies darauf hin, das Beuys sagen wollte: "Die Lage
der Arbeiter, die nach Luft schnappen hat sich weiter verschlechtert."
Zu Beuys' Kritik am System des Kapitalismus passt auch ein Zitat in
"Was ist Geld? Eine
Podiumsdiskussion" (hrsg. von Rainer E. Rappmann und Michaela
Meyer) (1991):
"Die Macht des Geldes muss gebrochen werden. Das heißt aber noch
nicht, dass das Geld abgeschafft werden muss, sondern die Bedeutung des
Geldes als einem Wirtschaftswert. Denn das ist die exakte Bedeutung und
Antwort auf die Frage: Was ist Geld heute? Heute ist Geld ein
Wirtschaftswert, es ist eine Ware, die handelbar ist. Man kann damit
spekulieren, man kann damit Parteien kaufen, man kann da alles mögliche
mit machen, das haben wir ja gesehen."
Nach 1972 nimmt Beuys 1973 am 1. Jahreskongress der "Aktion Dritter
Weg" teil.
1976 kandidiert Beuys zur 8. Bundestagswahl für die Partei AUD
(Aktionsgemeinschaft Unabhängiger Deutscher), er erhält immerhin 600
Stimmen, was ihn überaus freut.
1978 erscheint erstmals sein "Aufruf zur Alternative" in der
Frankfurter Rundschau. In diesem umfangreichen Manifest formuliert er
seine Ideen und Forderungen. Diese Gedanken sind später auch in das
Parteiprogramm der Grünen eingeflossen.
1979 erfolgt die Gründung der Partei die "Grünen", an der
Beuys maßgeblich beteiligt war.
1980 planten die Grünen anfangs die nächste Bundestagswahl mit Beuys
auf ihrer Landesliste. Bei der entscheidenden Abstimmung scheiterte
Beuys aber, da er vielen Parteimitgliedern nicht geheuer war. Dies
verbittert Beuys, der sich daher um so stärker der Arbeit seiner
"Freien Internationalen Universität" widmet.
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