MUSICA  VIVA

 

VIVMUSICA

 

1

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BRITTEN

HAMEL

 

LIGETI

HARTMANN

 

OLIVERO

HENZE

 

SCHOSTAKOWITSCH

HILLER

 

USTWOLSKAJA

SCHTSCHEDRIN SHCHEDRIN

 

WIDMANN

MESSIAEN

 

LUTOSLAWSKI

TAN DUN

 

UNSUK CHIN

 

GUBAIDULINA

 



WAR REQUIEM
opus 66

Benjamin Britten (1913 – 1976)




„ Da ich davon überzeugt bin, dass jeder Mensch vom Geist Gottes erfüllt ist, bin ich außerstande, menschliches Leben zu vernichten."



„Mein ganzes Dasein ist schöpferischer Arbeit gewidmet, da ich den Beruf eines Komponisten ausübe, und ich vermag mich nicht an zerstörerischen Handlungen zu beteiligen.“

 



Werkbeschreibung

unter Verwendung des Beitrages von Wolfgang Stähr

im Programmheft zum Konzert der Münchner Philharmoniker am 2. 4. 2008 (Generalprobe)



9 5 8  erhielt Britten den Auftrag ein Chorwerk für die Einweihung der gotischen Kathedrale der Stadt Coventry zu schreiben.  Der Vorgängerbau war 1 9 4 0 von den Nazis zerstört worden. Bis heute steht der Name Coventry für den Geist der Friedfertigkeit.

Aus Trümmergestein fügten die Menschen der Gemeinde einen Altar zusammen, in dessen Rückseite sie die Worte
„Father forgive“ meißelten. 

Bereits 1 9 4 5  hatte Britten über ein Oratorium mit dem Titel „Mea Culpa“ nachgedacht, eine Art Totenmesse, die den Opfern von Hiroshima gewidmet sein sollte. 1 9 4 8  wollte Britten auf die Ermordung Mahatma Ghandis  reagieren:


„Der Tod Gandhis ist für einen Menschen meiner Gesinnung ein schrecklicher Schock und ich bin entschlossen, zum Gedenken an dieses Unglück ein Requiem zu schreiben – zu seinen Ehren. Wann ich dieses Stück vollenden werde, kann ich nicht sagen.“



Beide Projekte kamen nie über das Stadium von Idee und Vorsatz hinaus, und so war Benjamin Britten dankbar und glücklich, als ihm der Auftrag aus Coventry doch noch die Möglichkeit eröffnete, jenes monumentale Werk zu schaffen.

Britten wagte sich an eine Vertonung der Missa pro defunctis, der lateinischen Totenmesse. Die Texte der Liturgie und der Bibel böten dem Komponisten für seine Musik die großartigste Quelle der Inspiration.

Britten verschränkte die Worte der Liturgie mit Gedichten des englischen Lyrikers Wilfred Owen, der, im Alter von 25 Jahren, in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs in Frankreich gefallen war. In Owens literarischen Zeugnissen fand Britten die Klage und die Verzweiflung, die bittere Ironie, aber auch die unstillbare Friedenssehnsucht eines Menschen, der durch die Hölle des Krieges gegangen war – ohne je seine humane Orientierung zu verlieren.

 

„Ich befasse mich nicht mit Dichtung, mein Thema ist der Krieg und das Mitleid, das er verlangt. Im Mitleid liegt die Poesie. Dennoch sind diese Klagelieder für unsere Generation in keiner Weise tröstlich. Vielleicht für die nächste. Warnen – das ist alles, was ein Dichter heute zu leisten vermag.“ (Owen)

„Die Gedichte müssen mit äußerster Schönheit, Intensität und Wahrhaftigkeit gesungen werden.“ (Britten)

 

Britten verfolgte mit der Besetzung der drei Solopartien auch symbolische Absichten. Die Uraufführung sollte Angehörige jener drei Nationen zusammenführen, die unter dem Krieg am meisten gelitten hätten: einen Engländer, einen Deutschen und eine Russin. (Dass Britten bei dieser Überlegung das jüdische Volk außer Acht ließ, ist kritisch angemerkt worden.)


Ich lehne Gewalt ab, weil das Gute, das sie zu bewirken scheint, nicht lange anhält; dagegen ist das Schlechte, das sie bewirkt, von Dauer. (Gandhi)



Die Musik zeugt von der Fähigkeit zu trauern ebenso wie vom Bekenntnis der eigenen Schuld.
Bereits das hochexpressive, trauermarschartige „Requiem aeternam“ lenkt den Blick von der Bitte um ewige Ruhe auf den Bittenden selbst, den schuldbeladenen Menschen.

Den Opfern des Krieges werden Stimme und Statur verliehen, mal leise und verzweifelt, dann wieder mit dem Ausdruck der Verbitterung und Empörung – bis hin zu jener quälenden Frage, die der frühe, sinnlose Tod eines jungen Soldaten erzwingt und die unweigerlich an den Aufschrei des schmerzgebeugten Hiob denken lässt: Wozu der Mensch erschaffen sei, wenn solche Leiden ihn erwarteten, wenn er so grausam zugrunde gehen muss.

„Oh, was trieb die törichten Sonnenstrahlen sich abzumühen,
Den Schlaf der Erde überhaupt zu stören ?“

Dem Jubel des „Sanctus“ folgt die zweifelnde Frage des Dichters:

„Wird das Leben diese Leichen erwecken ? Wird es wirklich Den Tod aufheben, alle Tränen stillen ?“

Im „Offertorium“ vermag der Einspruch des Engels Abraham nicht abzuhalten, den eigenen Sohn zu töten – „und die halbe Saat Europas, einen nach dem anderen“.

Aufs engste verwoben sind Tenorsolo und Chor im „Agnus Dei“:

„Und nun leiden die Soldaten mit Ihm“, heißt es bei Owen, mit „Ihm“, der am Kreuz gestorben ist.  

„ …Doch die, welche mit größerer Liebe lieben,
Lassen ihr Leben; sie hassen nicht.“

Auf den Schauplätzen des Krieges, in den bombardierten und verwüsteten Städten, im unentrinnbaren Feuer der Heckenschützen, im blindwütigen Terror der Selbstmordattentäter scheint das Jüngste Gericht bereits angebrochen zu sein.


Hier zum gesamten Text . . .

 

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Konzert für Klavier,

 Streichorchester und Pauken
1946

Galina Ustwolskaja (1919 – 2006)

 

 

Musik, die in den Schlupfwinkeln diktatorischer Repression zu großer Eindringlichkeit und Ausdruckskraft findet


“Meine Werke sind zwar nicht religiös im liturgischen Sinne, aber von religiösem Geist erfüllt, und – wie ich es empfinde – sie würden am besten in einem Kirchenraum erklingen, ohne wissenschaftliche Einführungen und Analysen. Im Konzertsaal, also in ‘weltlicher’ Umgebung, klingen sie anders...”


Gespielt am 3. 4.2008 vom Münchener 
Kammerorchester im Prinzregententheater
, Klavier Alexei Lubimov 

 

 

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ARD
MUSIKWETTBEWERB 2008

 

STREICH
QUARTETT


Erster Durchgang 

1. 

Ludwig van Beethoven, ein Quartett aus op. 18
oder
Joseph Haydn, ein Quartett aus op. 33, 50, 64, 74, 76 oder 77

2. 

Eines der folgenden Quartette:
Pavel Haas
Gideon Klein
Hans Krasa
Erwin Schulhoff
Viktor Ullmann
Alban Berg, Lyrische Suite
Bertold Goldschmidt, 1., 2. oder 3.
Paul Hindemith, op. 16 oder op. 22
Leos Janácek
Arnold Schönberg, Nr. 3 op. 30 oder Nr. 4 op. 37
Igor Strawinsky, Drei Stücke und Concertino
Alexander Zemlinsky, Nr. 2 op. 15

Zweiter Durchgang 

3. 

Eines der folgenden Quartette:
Felix Mendelssohn Bartholdy, op. 12, 13, 44 oder 80
Johannes Brahms
Antonín Dvorák, op. 105 oder 106
Robert Schumann

4. 

Eines der folgenden Quartette:
Pierre Boulez, Livre pour Quatuor (1948/49)
Benjamin Britten, Nr. 2 oder Nr. 3
John Cage, String Quartet
Elliot Carter, Nr. 3 oder Nr. 4
Henri Dutilleux, Ainsi la nuit
Sofia Gubaidulina, Nr. 3
György Kurtag, Officium breve
György Ligeti, Nr. 1 oder Nr. 2
Witold Lutoslawski
Wolfgang Rihm, Nr. 3 »Im Innersten«
Alfred Schnittke, Nr. 2 oder Nr. 3
Dmitri Schostakowitsch, Nr. 13 oder Nr. 14

Semifinale

5. 

W. A. Mozart, eines der Quartette KV 387, KV 421, KV 428, KV 458, KV 464, KV 465, KV 499, KV 575, KV 589 oder KV 590

7. 

Rodion Schtschedrin, Streichquartett (2006)
Auftragswerk, es darf vor dem Wettbewerb nicht öffentlich aufgeführt werden.

7. 

Hugo Wolff, Italienische Serenade G-Dur

Finale

8. 

Eines der folgenden Quartette:
Ludwig van Beethoven, op. 59, 127, 130, 131 oder 132
oder
Franz Schubert, a-Moll D 804, d-Moll D 810 oder G-Dur D 887

9. 

Eines der sechs Quartette von Béla Bartók:
Nr. 1 (1908)
Nr. 2 (1915–17)
Nr. 3 (1927)
Nr. 4 (1928)
Nr. 5 (1934)
Nr. 6 (1939)

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ARD
MUSIKWETTBEWERB 2004

 

STREICH
QUARTETT



 

Élan vital"
 

steht für "lebendige Begeisterung". Es ist ein von dem französischen Philosophen Henri Bergson 1907 in seinem Werk L'évolution créatice geprägter Begriff zur Bezeichnung einer die Evolution und biologische Lebensprozesse steuernden schöpferischen Lebenskraft, die sich als Wille zur Formbildung und Differenzierung manifestieren soll.

Quatuor Ebène

Mittwoch, 21. Juni 2006 im Kloster Metten, 
begleitet durch ein heftiges Gewitter

 

Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)

Streichquartett d-Moll, KV 421 (417b)

 

Franz Schubert (1797-1828)

Quartettsatz c-moll, D 703

 

Anton Webern (1883-1945)

Sechs Bagatellen für Streichquartett, op. 9

 

Ludwig van Beethoven (1770-1827)

Streichquartett F-Dur, op. 59 Nr. 1

 

und als Zugabe von Chick Corea ein Jazzstück

 

Pierre Colombet, Violine

Gabriel Le Magadure, Violine

Mathieu Herzog, Viola

Raphaël Merlin, Violoncello

 

Im September 2004, knapp fünf Jahre nach seiner Gründung, gewann das Quatuor Ebène in München nicht nur den 1. Preis des Internationalen ARD-Wettbewerbs, sondern auch den Publikumspreis, den Preis der Karl-Klingler-Stiftung und zweimal den Preis für die beste Interpretation.

 

Die vier ehemaligen Schüler des Conservatoire National de Région de Boulogne-Billancourt genossen ihre Lehrzeit beim Ysaÿe Quartett am Conservatoire Supérieur de Paris und wurden im September 2003 in die Klasse von Gabor Takács am Konservatorium in Genf aufgenommen. Dieses Quartett zeichnet sich durch seine Offenheit und Vielseitigkeit aus und spielt nicht nur das klassische Repertoire, sondern widmet sich auch mit derselben Leidenschaft den Werken der zeitgenössischen Musik.

 

«Das Quatuor Ebène ist, im besten Sinne des Wortes, ein Ensemble, das alle Qualitäten und erforderlichen Eigenschaften eines Streichquartetts beispielhaft in sich vereint (...). Das Spiel der Franzosen war vom symphonischen Geist des gegenseitigen Zuhörens, der Spontaneität der Gefühle und der rhythmischen Reaktionsfähigkeit geprägt (...); sie behandeln so verschiedenartige Stilrichtungen, wie Mozart, Beethoven oder Bartok mit derselben unfehlbaren Intelligenz. Es war ein permanentes Vergnügen, zu sehen, mit welcher Präsenz und Konzentration sich diese jungen Männer auf der Bühne des Herkulessaal behaupteten.»

Harald Eggbrecht, Süddeutsche Zeitung, September 2004

 

«Die Instrumentalisten des Quatuor Ebène strafen diejenigen Lügen, die behaupten, ein gewisser, der französischen Mentalität eigener Individualismus stehe der Bildung eines wirklich großen Quartetts entgegen. Kohärenz, Balance und Engagement sind die Worte, die uns in den Sinn kommen, um das Talent dieser jungen, für ein sehr abwechslungsreiches Repertoire offenen Künstler zu bezeichnen.»

Alain Cochard, Zurban, August 2004

 

«Die Kontraste kraftvoll betonend, vereint das Quatuor Ebène den Eifer der Jugend mit einer bereits beachtlichen Reife und führt durch die Klarheit des Spiels eines jeden Instruments die interpretierten Werke zu einem Höhepunkt der Intensität, der Poesie und des musikalischen Jubels.»

La Nouvelle République, März 2004

 

«Es gibt Künstler, deren Überzeugungskraft den Zuschauer von seinen Vorurteilen und eigenen Kenntnissen enteignet, und ihm wie selbstverständlich ihre eigene Interpretation aufdrängen. Der Zuhörer verlässt den Konzertsaal mit einem Lächeln auf den Lippen, vergisst seine Enttäuschungen, seine Sorgen, seine Zweifel, bewegt von der Entdeckung einer vielversprechenden Jugend.»
Frédéric Calandreau, Resmusica, Februar 2005

 

2006 erschien beim Label Mirare (Vertrieb Harmonia Mundi, IR 013) eine CD mit Streichquartetten von Joseph Haydn.

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WITOLD LUTOSLAWSKI 1913  -1994

Konzert für Violoncello und Orchester (1969-1970)

mit Johannes Moser und dem Symphonieorchester des BR unter Welser-Möst

Konzertausschnitte verwendete ich um die Bilder der Gebirgsüberfahrt nach Konya, 
eine archaische Gegend,  zu untermalen. Es war anfangs er 70er Jahre.


Harald Eggebrecht schreibt in der SZ vom 3. Mai 2010:

" Vom ersten Ton fesselte Mosers Konzentration, schuf er jene Forschungsatmosphäre, in der sich das Selbstgespräch entfalten kann. Moser spielte das nicht so sehr nachdenklich, gar klagend, sondern von Beginn an mit eloquenter, offensiver Virtuosität und stets frischer Klangfarbenphantasie. Das Orchester unter Welser-Mösts kundiger und sorgfältiger Leitung ließ sich dementsprechend reizen und zum wilden Kampf provozieren. . . . Am Ende steigt der Solist in höchste deklamatorische Höhen. meist ist man nicht sicher, ob das in Triumph oder in einer Frage endet. Bei Moser war es eindeutig ein Sieg."

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SOFIA GUBAIDULINA *24.10.1931 IN TSCHISTOPOL  



GUBAIDULINA ÜBER SCHOSTAKOWITSCH 

 

"Er war ein sehr guter Mensch, nicht nur ein guter Komponist. Meine Sinfonie [Examenssinfonie 1959] war nicht so gut . . . nicht so gut. Aber er hat etwas gefunden in dieser Musik. Er hat mir gesagt, ich solle zu mir selbst kommen, unabhängig von anderen Meinungen. Das war unglaublich wichtig, bis jetzt ist es wichtig."

 

NONO ÜBER GUBAIDULINAS SINFONIE: STIMMEN . . . VERSTUMMEN

Diese Musik " blüht, explodiert und trifft."

 

GUBAIDULINA ÜBER GUBAIDULINA

"Bei meinen Improvisationen als Kind hat mich begeistert, dass uns Zusammenhänge zwischen den Tönen zu anderen Tönen zwingen. Also haben sie Spannung! Spannung zwischen energetischen Potentialen, Spannung und Erlösung." Darin sieht sie ein "kosmisches Gesetz". Sie ist überzeugt, dass Musik religiös ist im Sinne einer "Verbindung mit höchster Vollkommenheit."

QUELLE: ZEIT 27,10.2011

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2

1

HAMEL

BRITTEN    

Henze über Hartmann
Bachmann über Hartmann

HARTMANN

LIGETI

HENZE

OLIVERO

HILLER

SCHOSTAKOWITSCH

SCHTSCHEDRIN SHCHEDRIN

USTWOLSKAJA

MESSIAEN

WIDMANN

TAN DUN

UNSUK CHIN

XENAKIS

GUBAIDULINA

EINE SEITE VON THEODOR FREY





KARL AMADEUS HARTMANN
(1905 – 1963)



16. 1. 2005

in der Philharmonie unter Ingo Metzmacher neben dem Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 von Bela Bartok und dem Konzert für Klavier und Bläser von Igor Strawinsky die 2. und 6. Symphonie von Karl Amadeus Hartmann.

Sein 100. Geburtstag ist Anlass sich seiner zu Gedenken. Ingo Metzmacher gab der Süddeutschen Zeitung ein interessantes Interview, von dem ich hier ein paar Antworten wiedergeben möchte:

Metzmacher meint:

Ich glaube, [Hartmann] fungiert als Bindeglied zwischen Berg, Bruckner oder Mahler und den jüngeren Komponisten wie Henze oder Rihm.

Die Zeit hat ihn gezwungen, sofort erwachsen zu werden. Plötzlich ist ein anderer Ton da. Was für mich immer noch unbegreiflich ist, er hat [ in der Nazizeit ] weitergearbeitet auch im Bewußtsein, dass diese Zeit immer oder jedenfalls viel länger so bleiben könnte. Er war ja kein Mensch, so berichten es Leute, die ihn erlebten, der sich gerne zurückgezogen hat. Er liebte Gesellschaft, das offene Wort. Das musste er alles einschränken.

Hartmann hat am Schluss seines Lebens die "Gesangsszene" geschrieben[ auch als 9. Symphonie bezeichnet - diese wird Mariss Jansons am 21.1.2005 in der Philharmonie mit dem Symphonieorchester des BR aufführen). Das war die Vorwegnahme grüner Positionen. Er ergreift Partei. Hartmann ist immer ein kritischer Mensch geblieben.

Alles ist empfunden, er macht keine Show. Die Musik stellt sich wie sie ist. Bei Nono ist das ähnlich. .... Es ging ihm nicht um Agitation, sondern um Stellungnahme. Ich finde es merkwürdig, dass man sich angesichts der besonderen Lebensleistung dieses Mannes in Deutschland nicht viel mehr für ihn interessiert.

[Mein neues Buch 'Keine Angst vor neuen Tönen'] beschreibt meine Reise in die Welt der Moderne. Es gibt so viele Vorurteile: Neue Musik ist schwierig, anstrengend, problembeladen, macht keinen Spaß. Da suche ich dagegenzuhalten, dass sie für mich aufregend und lustvoll ist, anregend für Herz, Geist und Seele. Man muss die positive Energie dieser Musik vermitteln. Es gibt keine Musik, die so reich an Verschiedenheiten ist wie die des 20. Jahrhunderts. Man muss alles tun, um Hörer offen und neugierig zu machen.


Wolfgang Schreiber in der SZ über die Aufführung:

"Die Zweite, 1943 als riesiger Adagio-Satz komponierte und 1949 als Symphonie auasgewiesen, nimmt am Beginn des Konzerts unmittelbar gefangen. Metzmachers frische Energie treibt den Pulsschlag der Musik in die orchestralen Steigerungswellen und Gewaltentladungen hinein; er hat einen untrüglichen Sinn für die gestauten Kräfte der Form und des tragischen Weltverständnisses in ihren Verläufen. So fasst Metzmacher in der sechsten Symphonie von 1937 und 1952 das Adagio des ersten Satzes unter einen Bogen. Die Schluss-Toccata endet in motorisch-virtuoser Manier, mit drei übereinander geschichteten Fugen, die von der Souveränität des Handwerks wie der Erfindungskraft eines großen Komponisten des 20. Jahrhunderts erzählen."


Symphonie Nr. 2 "Adagio"

"Der langsame Satz, der mein ganzes Lebensgefühl widerspiegelt, ist daher, wie immer in meinen acht Symphonien, der persönlichste und bedingt mit seiner beschwörenden apokalyptischen Gestik als Gegentypus die raschen Ecksätze, die konstruktiv gehalten sind" (Hartmann)

Schwerelos betritt eine "redende" Solokantilene des Baritonsaxophons die Bühne. Diese elftaktige Hauptthema im Fünfvierteltakt , das zum Teil der klagenden hebräischen Weise "Eliahu ha-navi" nachempfunden ist, wird im Verlauf des durchmessenen Steigerungsbogens in spielerischem, variativem Umgang mit seinem Material von anderen Instrumenten wiederaufgegriffen.

Symphonie Nr. 6

Aus einem Urgrund heraus formiert sich in weitem Spannungsbogen über "Appassionato", "Agitato", "Exaltiert", "Con fuoco" bis hin zum Höhepunkt ein stürmischer Steigerungsprozess, um dann anschießend wieder zum Urgrund zurückzukehren. Dem Anbranden und Auflaufen der in drei- und vierfachem Forte tobenden Klimax stellt Hartmann jeweils ein kurzes retardierendes Moment der Gebrochenheit entgegen, als wolle er gleichsam diesen Prozess ex negativo spiegeln, um in verschärftem Gestus die klanglich-rhythmischen Komplexe eines als "Gesamtschlagwerk" agierenden Orchesters bis zur "Zerstörung" (Nono) voranzutreiben.
(Aus dem Programmheft von Marie-Therese Hommes)


Symphonie Nr. 1  
Musik und Wahrhaftigkeit


Reinhard Schulz schreibt in der Süddeutschen Zeitung über das Konzert

Hartmanns erste Symphonie (1935719369 "ist eine über die politischen Umstände erschrockene, traurige und zugleich mutige Komposition, die in ihrem mahnend aufbegehrenden Ton natürlich keine Chance hatte ...aufgeführt zu werden. Keiner wusste damals, wie lange das von großen Massen bejubelte Elend anhalten wurde. Dass ein Komponist, der gerade dreißig geworden war, damals den Weg in die Isolation ging, der musikalischen Aussage und nicht dem persönlichen Fortkommen verpflichtet, verdient höchsten Respekt. Die Musik freilich gab dem Komponisten etwas zurück: Die Sprache gewann an Tiefe und an Schärfe, vor allem aber log sie nicht."

Unter dem Dirigenten Lothar Zagrosek gelang eine "mustergültig durchsichtige, alle thematischen Verästelungen erschließende Aufführung. ... Hier hörte man Hartmann, wie er wirklich klingen soll: das Ineinander von Linien, die Einspruch, Ausblick, Verdüsterung, plötzlicher Schock oder stummes Erleiden meinen. Es ist eine Musik ohne Leerstellen. Und die aufbegehrenden Exzesse des Schlagwerks trommelten wie an Gittern rüttelnd gegen das Unrecht an."

Weiters über Musik in schwerer Zeit - Schostakowitsch und Stalin

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Unter dem Titel "Dem Ohr voraus"
wurde von der Universal Edition ein Band herausgegeben, der sich mit Erwartungen und Vorurteilen in der Musik beschäftigt. Die SZ schreibt dazu:
"Es kann schön sein, wenn sich Erwartungen erfüllen, wenn die Dominante in die Tonika zurückgeführt, wenn auf den Leitton ein Grundton folgt. Die populäre Musik weiß aus dem Glück der einfachen Heinkehr großes Kapital zu schlagen. Anders ist es in der klassischen Musik. Wo sich Spannungen aufbauen sollen, wo die Strukturen tief und interessant werden müssen, wo Neugier entfacht und Ohr und Geist beschäftigt sein wollen, da entfalten sich die Trugschlüsse, die Rückhalte und die enharmonischen Verwechslungen, da wird es kompliziert und trickreich. Dann spielt der Komponist mit den Erwartungen, den Enttäuschungen und den überraschenden Erfüllungen der Erwartungen." 

Dem Ohr voraus Erwartung und Vorurteil in der Musik Studien zur Wertungsforschung Band 44 herausgegeben von Andreas Dorschel ISBN 3-7024-2709-0


 


Henze
über Karl Amadeus Hartmann (1905 - 1963)
 


Henze:

"Nachdem ich im Sommer 1952 für ein Jahr nach München gezogen war und bevor ich nach Italien übersiedelte, kam ich viel mit Karl Amadeus zusammen. Es war eine sehr innige und intensive Freundschaft. Ich habe miterlebt, wie seine Werke entstanden sind, zu denen er mir immer liebenswürdigerweise Einblicke in die Partitur, in den Entstehungsprozess verschafft hat. Für mich war dies ungemein anregend und instruktiv. Ich durfte außerdem zu den Proben der musica viva gehen und habe in dieser Zeit, dank dieser Konzerte, sehr viel gelernt.
...
Er hatte zu Recht auch das Gefühl, dass man in solchen Programmen informieren muss, dass man seine Hörer mit dem Wissen über die neuen ästhetischen Standorte, über die neuen Erscheinungsformen der Musik versorgen muss. Bei ihm hatte das Ganze auch etwas Ungewöhnliches, nämlich Glanz. München leuchtete, und die musica viva leuchtete. Sie waren Treffpunkte für Kunstinteressierte, für Wissenschaftler, für Philosophen, für Mediziner, die sich mit Musik befassten, und eben für die Jugend. Die musica viva war und ist der Ort, wo große künstlerische Ereignisse stattfinden und man sich darauf verlassen kann, dass jedes dieser Konzerte ein Erlebnis bedeutet."

Konzert des Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Lothar Zagrosek zu Ehren von Hartmann am 29.10.2004. Hartmann selbst hätte seine Freude gehabt an dem weit gespannten dramaturgischen Bogen, der über drei Komponistengenerationen reicht.

Kent Olofsson
"Fascia" für Charango, elektrische Midi-Gitarre, Sample-Sounds und Orchester, 3. Preisträger des BMW Kompositionspreises der musica viva, Uraufführung
Karl Amadeus Hartmann
Symphonie Nr. 1 "Versuch eines Requiems"
für eine Altstimme und Orchester
Wolfgang Rihm
"Unbenannt IV" für Orchester mit Orgel
Uraufführung der revidierten Fassung

Während mich das Werk von Olofsson kaum beeindruckte, war ich von Hartmanns Sinfonie und vor allem vom Werk "Unbenannt IV" von Wolfgang Rihm sehr beeindruckt. Erst vor kurzem hat mich ein Streichquartett von Rihm, das er als Auftragswerk für die Kandidaten des ARD-Musikwettbewerb geschrieben hat, ebenfalls bewegt. Von Rihm möchte ich noch mehr hören.

Mehr zu Karl Amadeus Hartmann ....

Mehr zu Werner Henze ...

 




Hartmann mit Nono und Maderna 
1962 in München

 


Bachmann
über Karl Amadeus Hartmann (1905 - 1963)
 

 

 




BACHMANN MIT HENZE


In memoriam
         Karl Amadeus Hartmann


Gelassen wir allesamt
Die unerläßliche Tarnung.

Zuviel übersehen und überhört.
Die Partitur allein kennt
die Fermate.


Blumen darüber. Ein Damals
                in Reden gepresst.

Alles ohnehin. Obenhin.

Trauern, das wird,
zwischen vielerlein Tun,
ein einsames Geschäft.


Im Kommen ist
der Wildwuchs
der Schatten.

 



30. 9. 2005
 
1. musica viva Konzert zu Ehren von Karl Amadeus Hartmann (8. Symphonie) mit Werken auch von Hans Werner Henze (Drei Orchesterstücke auf eine Klaviermusik von K.A. Hartmann) und Helmut Oehring. Es dirigierte Ingo Metzmacher. 


Zur achten Symphonie schrieb Reinhard J. BREMBECK in der SZ am 4.10.2005:
"Hartmann setzt auf stupendes Handwerk, auf brillante Logik, auf bezwingende Klarheit. [Die Musik] ist vital, fordert den vollen, dunklen Klang, und entfacht eine Spiellust, die ohne Zweifel Hartmanns Komponierlust entspricht - was Sinfoniker und Metzmacher zu einer gegenseitig sich aufschaukelnden Inspiration veranlasste."




Weiteres zu Metzmacher ...

 

 

 




RODION  SCHTSCHEDRIN SHCHEDRIN (*1932)
 


Konzert für Klavier und Orchester
Nr. 5

Drei gänzlich verschiedene Sätze komponierte Shchedrin, aber das Themenmaterial des ersten zieht sich durch das ganze Werk, wandelt sich in Stimmung, Farbe und Charakter. Im Finale greift er die Crescendo-Idee von Ravels Boléro auf, aber in einem ganz anderen Tempo und im Stil einer virtuosen Toccata. Ein mitreissendes Werk!


Die Zeichnung ist entstanden beim Anhören dieses Werks.

 

Zum 70. Geburtstag 

von Hildburg Heider im NDR 
am 19. 12. 02

Rodiòn Schtschedrin verbrachte Kindheit und Jugend unter Stalin und machte Karriere im Sowjetstaat als Pianist, Organist und Komponist, bis er Anfang der 90er Jahre nach München übersiedelte. Von 1973 bis zur Ausreise in den Westen war er Vorsitzender des russsichen Komponistenverbands, einer alternativen Organisation zum regimekonformen sowjetischen Verband, in der Nachfolge von Dmitri Schostakowitsch. 

"Rodion Schtschedrin imitiert, collagiert, experimentiert quer durch die Musikgeschichte. In Oper, Ballett, Kammermusik oder Oratorium gießt er sein
Füllhorn von verspielten, melancholischen und dramatischen Einfällen. 'Ich glaube, es ist absurd, musikalische Traditionen, die sich über Jahrhunderte hin entwickelt haben, einfach abzubrechen. Ich habe doch noch die gleichen Ohren wie die Leute vor 500 Jahren! Die gleichen Augen. Wieso sollen wir darauf verzichten zu verlangen, dass die Musik uns erfreuen soll? Uns wärmen, berühren? Wenn ich Brahms höre, kriege ich eine Gänsehaut. Auch bei Schostakowitsch oder Tschaikowsky. Ich kann Ihnen alles auf dem Klavier runterspielen, aber ich bin jedes mal von ihrer Schönheit bewegt. Gut, ich bin ein Traditionalist. Denn Traditionen darf man nicht abbrechen.'

Sein Vater, selbst ein Berufsmusiker, ließ ihn Klavier und Geige lernen, so
dass er bald mit Vater und Onkel im Trio mitspielen konnte. Den Sommer
verbrachten die Schtschedrins auf dem Lande. Der Klang der Hirtenschalmei drang herüber über den Fluss Oka. Ein Kindheit unter Stalin - das bedeutete: heimliche Taufe, verstohlene Gebete, Arbeitslosigkeit des Vaters - er verlor seinen Posten als Dozent am Moskauer Konservatorium, weil der Großvater Priester gewesen war.
Im Gegensatz zu Dmitri Schostakowitsch den er in Freundschaft verehrte , hat Rodion Schtschedrin Krieg, Gewaltherrschaft und das Dikatat des Sowjetrealismus ohne Schaden an Leib und Seele überstanden. Noch während des Krieges kam der 12jährige Rodion in ein Chorschulinternat. Später studierte er am Moskauer Konservatorium Komposition bei Juri Schaporin und Klavier bei Jakow Flier, dem auch Michael Pletnjow seine Ausbildung verdankt. 1954, ein Jahr nach Stalins Tod, trat Schtschedrin mit seiner Diplomarbeit, dem 1. Klavierkonzert an die Öffentlichkeit.

Von 1965-69 wirkte Rodion Schtschedrin als Kompositionslehrer am Moskauer
Konservatorium und setzte sich mit der westeuropäischen Avantgarde auseinander. Einige Stilmittel wie Chromatik, Clustertechnik und Instrumentenführung integriert er in seine Kompositionen, rechnet sich selbst jedoch zur 'Postavantgarde'.
Zwischen 1968 und 78 orientiert sich Schtschedrin wieder an altrussischen
Vorbildern Seine bisher erfolgreichste Oper entsteht: Tote Seelen nach Nikolaj
Gogols Politkomödie. Hier greift er in den Farbentopf der Groteske und Folklore. Mit 20 Jahren lernte Rodion Schtschedrin die damalige Primaballerina des Moskauer Bolschojtheaters Maja Plisetzkaja kennen. Ihr hat er mehrere Ballette gewidmet. Seit 1992 leben sie abwechselnd in Moskau und München. "Ich bin kein Einsiedler, der zuhause hockt und Noten pinselt, Rosenblätter knabbert und an Gurkenlake nippt. Ich geh gern etwas Anständiges auswärts essen. Ich liebe die bayerische Küche, Riesenwürste und dicke Schweinshaxen oder Hammelkeulen. Ich bin kein Vielfraß, oh nein. Aber ich liebe eben dieses Leben! Ich hatte sogar einmal die Idee ein gastronomisches Thema zu komponieren. Vielleicht findet sich in meiner Altrussischen Zirkusmusik ein Rabelais - oder Rubensmotiv der russischen Weltanschauung. Eine subtil irdische, vollblütige Lebenslust mit Essen und Trinken."

"Beethovens Heiligenstädter Testament"

Symphonisches Fragment für Orchester 
2008
(Kompositionsauftrag des Bayerischen Rundfunks)
Maestoso con grave

Uraufführung am 18./19.12.2008 in der Philharmonie am Gasteig München

" . . . ach wie wär es möglich daß ich dann die / Schwäche eines Sinnes angeben sollte; der bej mir in / einem vollkommenern Grade als bej andern sein sollte, / einen Sinn denn ich einst in der größten Vollkommenheit / besaß, in einer Vollkommenheit, wie ihn wenige von / meinem Fache gewiß haben noch gehabt haben – o ich / kann es nicht, drum verzeiht,] wenn ihr mich da zurück- / weichen sehen werdet, wo ich mich gerne unter euch mischte / doppelt wehe thut mir mein unglück, indem ich dabej verkannt / werden muß, für mich darf Erholung in Menschlicher Gesell- / schaft, feinere Unterredungen, wechselseitige Ergießun- / gen nicht statt haben, ganz allein fast nur so viel / als es die höchste Notwendigkeit fodert, darf ich mich in gesell- / schaft, einlassen, wie ein Verbannter muß ich leben, . . ."

Ludwig van Beethoven
Heiglnstadt
am 6ten ot october
1802

 

 

"Die modernen Komponisten müssen heute für den ersten Teil des Konzertes komponieren, solange das Publikum noch einigermaßen geduldig zuhört. Eine Aufführung nach der Pause kann manchmal folgenschwer sein. In diesem Fall erklingt zuerst die Symphonie von Karol Szymanowski. Danach kommt mein neues Werk, und nach der Pause wird die 'Eroica' von Beethoven gespielt. Und gerade diese Nachbarschaft hat mir die Richtung für meine Komposition gezeigt – hin zu einem Kontrast und zur Vorbereitung des Werkes nach der Pause. Es ist natürlich nicht einfach, einen solchen Titan wie Beethoven als musikalischen Nachbarn zu haben." (Rodion Schtschedrin)






      WILFRIED
 
"SASCHA" HILLER (*1941)

2003/2004

DER SOHN DES ZIMMERMANNS
Szenen nach dem Neuen Testamant von Winfried Böhm



Mehr zu Zahlen und Dürers Melencolia . . .


Talk am 29. 3. 2011 im Gasteig zum "Raum zwischen den Tönen" - von links
Werner Seitzer (GMD) - Wilfried Hiller - Elgin Heuerding - Giora Feidman - Heinz Lukas-Kindermann (Indentant und Regisseur) 

Giora Feidmann spielte mit seiner Klarinette aus der Rattenfängerproduktion ein bewegendes musikalisches Gebet für Wilfried Hiller zu seinem 70. Geburtstag.

Die Werke von Olivier Messiaen kannte Hillers Lehrer Carl Orff sehr gut. "Das letzte Werk, das er bevor er ins Krankenhaus kam, studierte, war das 'Quartett für das Ende der Zeit'. Er [Orff] hatte ein unglaubliches Wissen - über alles, was um ihn herum vorging, auch jenseits der Musik."

Quelle: Interview mit Wilfried Hiller in "da!", dem Kulturmagazin des Gasteig München






In der Stille
zwischen den Tönen,
in der Leere
zwischen den Formen,
in den Träumen
zwischen dem Wachen,
kann die Grenze 
erfahrbar werden.

Gelänge es 
das Dazwischen zuzulassen,
sich in das Dazwischen fallen zu lassen,
die Grenzen zur Einheit öffneten sich
und uns könnte geschenkt werden,
was längst verloren geglaubt.

Erkennbar ist für uns,
daß alles mit Allem verbunden ist,
daß im Geflecht des Seins
bereits geringste Veränderungen,
die Richtung im Ganzen beeinflussen,
daß die Wirklichkeit offen ist
für unendliche Möglichkeiten.
Und daß dies für uns erfahrbar ist,
gibt bereits Werte für unser Sein,
auch wenn uns Maß und Ziel 
des Ganzen
noch verschlossen bleiben.


Die Gestalt der Einheit 
ist im Werden.

 






PETER MICHAEL  HAMEL (*1947 IN MÜNCHEM)

 



URAUFFÜHRUNG AM 19.1.2009 IM KLEINEN KONZERTSAAL IM GASTEIG

ES SPIELTE ROGER WOODWARD

 "Der Zyklus beginnt mit einer Abreise ‘in Memoriam John Cage’, zu John Cage wird er wieder zurückkehren. Dazwischen entfaltet sich ein Abbild einer großen geistigen Sphäre, die Naturwissenschaften und Musik zu einem Kosmos vereint. So ist das zweite Stück Alfred A. Tomatis gewidmet, jenem Arzt, der das Gehör des menschlichen Fötus untersucht hat. Wie eine molekulare Ursuppe, brodelndes Symbol von hervorquellender Lebenskraft, schaukeln sich dichte Clusterklänge immer höher bis zu einer rauschhaften Klimax. Fast unbemerkt führt Hamel diesen biologisch-musikalischen Grundgestus über in eine jazzinspirierte Synkopenfigur in modalem Moll, über der sich nach und nach melodische Ströme entwickeln. Hier zeigt sich Hamels Stil als ein verbindender, orientiert an der ‘coincidentia oppositorum’ des Nikolaus von Kues oder auch am Prinzip des Yin und Yang. Das Ganzheitliche erlebt der Hörer in den folgenden Werken, die sich auf Komponisten wie Morton Feldman, Giacinto Scelsi, Iannis Xenakis oder Oliver Messiaen beziehen, in der minimalistisch formulierten Hommage an den Musikredakteur Walter Bachauer und in Auseinandersetzungen mit ferneren Musikkulturen, vertreten durch Dane Rudhyar und Pandit Patekar."


Aus der Kritik von Paul Hübner

DAZU SAGTE HAMEL:

"Im Januar 1992 wurde meine Frau Monika und ich von der Nachricht überrascht, daß unser drittes Kind unterwegs sei, errechnetes Geburtsdatum '92. In diesen neun Monaten habe ich die Schwangerschaft und das werdende Leben in einer Art Tagebuch von Klavierstücken begleitet.
Angeregt wurde ich dazu von der bedeutenden Schrift "Der Klang des Lebens" des französischen Arztes und Forschers Alfred A. Tomatis (+2003). Er hatte nachgewiesen, daß der viereinhalb Monate alte Fötus bereits ein voll entwickeltes Gehör besitzt. In jedem Schwangerschaftsmonat war nun saus den täglichen Klavier-Improvisationen für das Ungeborene (und seine Mutter) ein Stück entstanden, das sich außerdem auf einen bestimmten Komponisten oder Musiker bezog, der mir in den letzten Jahrzehnten wichtig geworden und seit kurzem nicht mehr unter den Lebenden war."




UNSUK CHIN



Rocana for large orchestra

EUROPÄISCHE ERSTAUFFÜHRUNG AM 2.3.2009 
IN DER BAYERISCHEN STAATSOPER

DIRIGENT: KENT NAGANO

Hier eine gute Beschreibung des Werks . . .

„In dieser durchkomponierten 20minütigen Partitur versucht Chin die Empfindung von Licht zu transportieren (‘rocana’ bedeutet im Sanskrit ‘Raum aus Licht’). Der Ansatz mag schlicht erscheinen, aber das Stück ist ein Kracher. Es beginnt mit einer knorrigen, klappernden Explosion – so etwas wie ein ‘Urknällchen’. Es schließt sich ein Muster aus Hintergrundklängen an, immerfort köchelnd und auf unheimliche Weise ruhig und alles durchdringend. Doch im Verlauf des ganzen Werkes ereignen sich Energie-Schocks: emporschnellende Linien, bedrohliche zwölftonartige Themen durchbohren das stille Summen im Hintergrund, Ausbrüche von klagendem Blech und metallischen Streichern kommen einem entgegen wie musikalische Flammenwerfer. Man könnte das Stück eine Antwort auf Ives’ Unanswered Question nennen.“ (Anthony Tommasini, New York Times, 10.03.2008)



TAN DUN *1957 in Si Mao, Provinz Hunan, China

In seinen Kompositionen verknüpft er klassische und moderne Musikelemente und verbindet asiatische mit europäischen Musikrichtungen. 
1992–1996 entstand seine erste Oper Marco Polo [ Eine Reise auf der Suche nach Erkenntnis], [deren Uraufführung ich 1996 bei der Biennale in München hören und sehen konnte und die mich beeindruckte.] Im Jahre 2000 fand in Stuttgart die Uraufführung der Water Passion nach dem Matthäus-Evangelium statt; Auftraggeber war die Internationale Bachakademie, die zum 250. Todestag von Johann Sebastian Bach den Auftrag für neue Kompositionen der vier Evangelien jeweils an einen namhaften modernen Komponisten [Wolfgang Rihm, Sofia Gubaldulina, Osvaldo Golijov, Tan Dun] gab.
Für ein breiteres Publikum wurde Tan Dun im Jahre 2000 durch seine Oscar-prämierte Filmmusik für Tiger & Dragon bekannt. Das Klavierkonzert HEAR & NOW wurde von der New Yorker Philharmonie in Auftrag gegeben und im April 2008 mit dem Pianisten Lang Lang und unter Leitung von Leonhard Slatkin uraufgeführt.

Quelle: Wikipedia

MARCO POLO

"THE GATE: 
Orchestral Theatre IV"


In dem Werk „The Gate“ wird die Geschichte dreier Frauen aus verschiedenen Epochen und Kulturkreisen erzählt, die sich aus Liebe das Leben genommen haben. Yu Ji ist eine Figur der Peking-Oper, Julia eine Sopran der europäischen Tradition und Koharu-san findet sich im japanischen Puppentheater.

 „Es gibt heute einen schrecklichen Mangel an Liebe. Die Rettung dieser drei Frauen schien mir eine wichtige symbolische Aufgabe.“  Die drei Frauen befinden sich an dem Tor zu Paradies oder Verdammnis. In einer Art imaginärem Gerichtssaal wird entschieden, welche Zukunft ihnen nach ihrem Freitod aus Liebe bevorsteht. 

Die Herausforderung bestand darin, die musikalischen Traditionen dieser so verschiedenen Kulturkreise zu einer einheitlichen Handschrift zu verbinden, ohne den Charakter der jeweiligen stilistischen Ebenen zu nivellieren.

„In meinen Augen ist alle Musik – ob fernöstlich oder westlich –eins.“ 

So benutzt er kompositorisch für alle drei Geschichten zwar das gleiche thematische Ausgangsmaterial, entwickelt es aber je nach Charakter der Figur individuell.

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GI(Y)A  KAN(T)CHELI  (*1935 in Tiflis)

DIXI
URAUFFÜHRUNG

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 JANIS XENAKIS 1922–2001

Anastenaria basiert auf einer festgelegten Folge von acht Tönen. Die Folge dieser Werte stellt eine Fibonacci-Reihe dar, bei der jedes Glied gleich der Summe der vorangegangenen Glieder ist [1,2,3,5,8,13,....144]. Ferner tendiert diese Reihe zu einer geometrischen Progression, deren Wurzel gleich ø (siehe Bild oben) ist, wobei ø die Goldene Zahl oder der Goldene Schnitt darstellt, der in der Architektur seit der Antike angewandt wird. Die Pyramiden, der Parthenon, die Hagia Sophia, die Palazzi der italienischen Renaissance wurden nach dem dem goldenen Schnitt entworfen. Ähnlich wie in Messiaens Mode de valeurs et d'intensités sind die acht (und nicht zwölf) Tonhöhen in bezug auf ihre Dauern in verschiedenen Lagen fixiert, nicht jedoch zugleich ihre Lautstärken und Anschlagformen.


Nekuia 

Syrmos
für 18 Streicher (1959)

 

 

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