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Mahler
dirigierte in München die Uraufführung seiner 4. Sinfonie und die
Erstaufführungen seiner 2. 6. und 7.
Sinfonie. Triumphaler Höhepunkt seines Wirkens war die Uraufführung seiner
8. Sinfonie, der "Symphonie der Tausend", am 12. und
13. September 1910 in München. Im Gedächtniskonzert am 20. November 1911
kam unter der Leitung seines engen Freundes
Bruno Walter
Mahlers "Lied von der Erde" zur Uraufführung.
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Henze
zu Mahler in "Reiselieder mit böhmischen Quinten"
Einmal, kurz nach
Kriegsende bin ich mit einer Art Musik konfrontiert worden, von der
unsereins damals so gut wie gar nichts wußte. Sie hatte wohl in
Deutschland nie so recht Fuß fassen können, zumal ihr Autor, Gustav
Mahler, 1933 sofort auf den Index gekommen war. Diese Musik aber berührte
mich zutiefst, sie vermittelte mir den Zugang in eine Ausdrucksweise und
Gefühlswelt, von deren Dimensionen ich bisher keine Vorstellung gehabt
hatte. Die ersten Stücke, die ich hörte, waren die Kindertotenlieder und
die Neunte, und im Laufe der Jahre würde ich mir das ganze Œuvre
erarbeiten, das natürlich mein eigenes Schreiben beeinflussen sollte.
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Das
Geheimnis der „letzten“ Sinfonie
hat
die Menschen von jeher gefesselt. „Es
sieht so aus“, vermutete Arnold Schönberg, „als
ob uns in der ,Zehnten‘
etwas gesagt
werden könnte, was
wir noch nicht
wissen sollen“. Er
huldigte damit der
Aura jener ominösen Zahl, an
der so viele
bedeutende Sinfoniker, darunter Beethoven
und Bruckner, gescheitert waren. Auch
Gustav Mahler gelang es
nicht, eine 10. Sinfonie zu vollenden. Sein
letztes Werk teilt mit Schuberts „Unvollendeter“
den Charakter des Fragments;
mit Bruckners „Neunter“ und
dem Requiem von Mozart verbindet diese
„Zehnte“ zugleich das Los, dass der
Tod
des Komponisten die Vollendung buchstäblich
vereitelt hat.
Die
Manuskripte zur „Zehnten“ entstehen zwischen
dem 3. Juli und dem 3. September
1910. Diese Wochen verbringt Mahler
in seinem Südtiroler Feriendomizil
bei Toblach;
In
diesem Sommer freilich wird die kompositorische Besinnung
durch Ereignisse von
tiefgreifender, existentieller Bedeutung gestört:
Durch ein Versehen (oder gezielte
Indiskretion) erfährt Mahler zu Ferienmitte
von der Affäre, die seine Frau
Alma seit Anfang Juni mit dem Architekten
Walter Gropius unterhält.
Die
Enthüllung vernichtet für ihn jäh alle familiäre
Sicherheit. Verlustängste
quälen ihn
fortan – und dies, wie man heute weiß,
keineswegs ohne Grund: Denn trotz
einer Aussprache mit Gropius verfolgt Alma
die intime Beziehung heimlich weiter. Um
der unmittelbaren psychischen Folgen
der Ehekrise Herr zu werden,
reist Mahler noch Ende August ins
südholländische Leiden und sucht in einem
therapeutischen Gespräch Rat
bei Sigmund
Freud. Doch dessen Analyse gewährt
keine dauerhafte Besserung:
Von
dieser Zeit an vermitteln Mahlers private Briefe das erschütternde
Zeugnis eines
seelisch höchstgradig labilen Menschen.
Am
18. Mai 1911 stirbt Gustav Mahler.
ADAGIO
In
der vorliegenden Form wird der Ablauf des
Adagio durch den Wechsel dreier
Themen
konstituiert: Während das
anfangs von den Bratschen allein vorgetragene erste
Thema dem Archetypus
der
„traurigen Weise“ aus Wagners „Tristan“
verhaftet ist, beschwört
das zweite
einen ekstatischen Tonfall: Über
weitgespannten Intervallen, im ständigen
Auf und Ab gekreuzter
melodischer Linien,
entfalten sich expressionistische Ausdrucksgesten,
in denen die Dissonanz
zum Eigenwert erhoben scheint.
Das
dritte
Thema hebt
sich durch Scherzando-
Elemente
(Trillerketten und Pizzicato) von dem pathetischen
Duktus der ersten beiden ab.
Immer neue Formulierungen dieser Themen
bestimmen den Verlauf des Satzes: Motivmaterial
wird abgespalten, variiert,
kombiniert, und nur vage bleibt dahinter
das tradierte Muster der
Sonatensatzform erkennbar.
Der Durchführungsgedanke, von
Beethoven erstmals auf
alle Satzteile ausgedehnt, überlagert jedes
Formgesetz – es entsteht die Musik einer
endlosen Metamorphose.
Umso
schärfer kontrastieren zwei gleichsam „von
außen“
in die Musik einbrechende Ereignisse
am Schluss des Satzes:
Mit einem Orchestertutti stürzt plötzlich
ein Choral über den Hörer herein und
öffnet
den Blick für Regionen
der
Transzendenz,
die nur dem Gefühl oder
dem Glauben zugänglich sind.
Doch
die religiöse Vision mag nicht
zu bestehen;
sie bricht förmlich zusammen in
einem kakophonen Akkord, der bis auf drei
Töne sämtliche Stufen der chromatischen Tonleiter
enthält. Dieser Neuntonklang
ist
zu Recht als Ausdruck
totaler Entropie,
als Todessymbol gedeutet
worden. Tatsächlich
löst sich die Musik im
folgenden auf, verliert sich in thematische Fragmente.
Der
Ausklang mündet
nicht in Resignation, sondern in Schweigen.
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Während
Mahler den Sommer 1910 wie gewohnt zurück- gezogen in seinem Toblacher
Komponierhäuschen verbrachte, ließ sich Alma bei einem Kuraufenthalt auf
eine Affäre mit dem Architekten Walter Gropius ein. Kurze Zeit später
erhielt der ahnungslose Mahler einen Brief, der ihn zur Freigabe seiner
Frau aufforderte. Zwar besann sich Alma schließlich auf Mahler als
"Zentralpunkt" ihres Daseins und kehrte in den Hafen der Ehe
zurück, doch der Schock saß tief und schlug sich nach Ansicht einiger
Mahler-Exegeten direkt in den Skizzen zur 10. Sinfonie nieder. ...
Immerhin
überschreib Mahler dieses scheinbar naive Allegretto moderato mit dem
dantesken Titel "Pugatorio" und übersäte das Manuskript mit
verzweifelten Randnotizen persönlichen Charakters.
Dazu
die Konzertbesprechung in der SZ:
"Von
solchen Emotionen, die den Klang zerfetzen, ihn ins Surreale treiben,
konnte sich Cooke natürlich nicht leiten lassen. So vernimmt man in der
rekonstruierten Fassung, vor allem in den Sätzen 2, 4 und 5, immer wieder
einen Spannungsabfall, wo die Musik ins Flächige geht und dem Bersten der
Konturen nur wenig Raum gibt. Aber zugleich macht die Fassung die
Relationen des Werks klar, ihr Umstülpen der formalen Konzeption, die die
schnellen, überhitzten und bizarren Teile nach innen drängt, mit dem
ganz knappen Purgatorio, einer Monade gleich, in der Mitte. Außen waltet
Ruhe, desolate zu Beginn, eine sich ins auroraartig Ätherische öffnende
am Schluss. Mahler hat, das erweist der Gesamtbau, ein Werk entworfen, in
dem menschliche Tragödie und göttliche Komödie in eins laufen.
Michael
Gielen, der die Münchner Philharmoniker durch die Cooke-Fassung der
Zehnten leitete, war idealer Sachwalter. Man kann diese Rekonstruktion nur
als offene Frage interpretieren, zugleich muss die Härte und Unversöhnlichkeit
der Diktion immer spürbar bleiben, auch da, wo das Unerratbare von Cooke
mit einem Mantel des Mittelwegs abgedeckt ist. Gnadenlos gestaltete Gielen
in der Münchner Philharmonie den Schlag der Tambourtrommel am Schluss des
vierten Satzes, der dann, wie eine Hinrichtungssalve auch im letzten Satz
immer wieder die Nerven zucken lässt. Und der berühmte Neunklang im
Adagio, der wie eine Vorahnung eines Clusters wirkt, konnte zu Beginn noch
etwas weniger drastisch genommen werden, da er im gesamtsymphonischen
Verlauf im letzten Satz wie eine jähe Schmerzenserinnerung wieder
auftaucht und seinen Sinn enthüllt: Das Weh des Daseins, das Weh des Wegmüssens."
REINHARD
SCHULZ in der SZ vom 1.12.2003 über das Konzert in München(Gasteig)
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Seine
ursprüngliche Programmskizze:
Nr.
1 Die Welt als ewige Jetztzeit, G-dur
Nr.
2 Das irdische Leben, es-moll
Nr.
3 Caritas, H-dur (Adagio)
Nr.
4 Morgenglocken, F-dur
Nr.
5 Die Welt ohne Schwere, D-dur (Scherzo)
Nr.
6 Das himmlische Leben, G-dur
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Besonders
bewegend der 3. Satz:
Er beginnt mit einer
wunderbar ruhevollen Melodie, die mit zunehmender Komplexität und
Eindringlichkeit zu mehreren, durch einen Basso ostinato in
den gezupften Kontrabässen verbundenen Variationen entwickelt
wird. In der letzten Variation wird das tempo primo wieder
aufgenommen, und bei dem gewaltigen Ausbruch des ganzen Orchesters
überträgt Mahler die Rolle der Kontrabässe den Pauken, die das Ostinato
mit überwältigender Wirkung in voller Kraft krachend
hervorheben. Der Tumult erstirbt nach und nach, und der Satz endet
pianissimo mit den überirdischen Klängen der
Violinflageoletts, gestützt durch die Flöten.
(Deryck
Coole im Booklet der Aufnahme unter Zubin Mehta mit dem Israel
Philharmonis Orchestra und Barbara Hendricks)
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Levine
realisiert in München, wo Mahler 1910 den größten Triumph zu Lebzeiten
errang mit der Uraufführung der Achten, eine verblüffende Programmidee:
Er knöpft sich exakt jenes ausufernde Programm vor, das Bruno Walter ein
halbes Jahr nach Mahlers Tod in München an einem einzigen Abend bewältigte:
das Lied von der Erde und die Zweite Symphonie.
Was Walter dirigierte, war die Uraufführung vom ¸¸Lied'. Aber der Künstler
wollte offenbar den ¸¸Abschied" des sechsten Satzes, dieses in
Stratosphären verdämmernde, in der musikalischen Struktur zerbrechende,
vom Klang der Celesta wie in Eis gegossene ¸¸Ewig, ewig", nicht als
letzten Gruß seinem Mentor und Freund Mahler nachschicken, sondern sandte
das frische Jugendwerk der ¸¸Auferstehungssymphonie" als
Hoffnungszeichen hinterher. Damals spielten - und sie spielen heute: die Münchner
Philharmoniker. Mit ihnen hatte der Dirigent Mahler im Jahr 1900 in München
seine Vierte aus der Taufe gehoben. Soviel nur zum Rückgriff auf eine
kostbare historische Konstellation. ...
Umso gewichtiger, was Levine und die Philharmoniker instrumental zu bieten
hatten: wunderbares Legato der Streicher, über große Bögen atmende
Blech- und Holzbläser, Instrumentalsoli von höchster Individualität,
kontrastreiches Farbenspiel, rhythmische Attacke, das alles aufs Feinste
gearbeitet und empfunden. Dirigiert von Levine - mit Hilfe der Partitur
und eines hellwachen Ohrs, in sparsamen, von hinten oft kaum sichtbaren
Gesten - mit einer souveränen Ruhe, die die Pausen, die Schweigezonen
tiefster Einsamkeit und Resignation im ¸¸Abschied" zum Ereignis
machte. Levine hielt die Spannung von Reflexion und Poesie der Töne in
seinen Händen. Keine Stecknadel fiel beim ¸¸letzten Lebewohl",
Ergriffenheit im Saal.
War das zu steigern? Die zweite Symphonie gelang ebenso sicher, in Teilen
virtuos-theatralisch, darum eine Spur vordergründiger. ...
Die Sätze eins bis drei erklangen im Orchester phantastisch
ausdetailliert, im Kopfsatz dramatisch aufgeheizt, klangpotent, aber nicht
lärmend in den Tutti-Klangmassen. Das Unerhörte eines unbegleiteten
Eintritts der Singstimme, von Anne-Sofie von Otter mit himmlischer
Beseelung versehen, litt erneut unter der Schwäche des Gleichgewichts
zwischen vokal und instrumental, die zuvor ins Gewicht gefallen war. Die Sängerin
hinter dem Orchester glich einer Fernstimme, und die drei Trompeten, die
¸¸O Röschen rot" mit fromm-choralartigem Satz pianissimo
beantworten sollen, platzten mezzoforte dazwischen und störten das
Mysterium eines genialen Regieeinfalls Mahlers. Im Spektakel des rasanten
Finalsatzes mit Chor, Soli und Orgel, dem höllischen Pandämonium des Jüngsten
Gerichts samt seraphischer Auferstehung nach Klopstock, wurde es hektisch
im Orchester, mit der Krönung einer gewaltigen Apotheose. Standing
ovations, bewegter Jubel ohne Ende...
WOLFGANG
SCHREIBER
in SZ, 19. Juli 2004 |
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Text " Das
Lied von der Erde "
(Mahler's
alteration)
Poem
von Meng Hao-Ran
Die Sonne scheidet hinter dem Gebirge.
In allen Tälern steigt der Abend nieder
Mit seinen Schatten, die voll Kühlung sind.
O sieh! Wie eine Silberbarke schwebt
Der Mond am blauen Himmelssee herauf.
Ich spüre eines feinen Windes Wehn
Hinter den dunklen Fichten!
Der Bach singt voller Wohllaut durch das Dunkel.
Die Blumen blassen im Dämmerschein.
Die Erde atmet voll von Ruh und Schlaf,
Alle Sehnsucht will nun träumen.
Die müden Menschen gehn heimwärts,
Um im Schlaf vergeßnes Glück
Und Jugend neu zu lernen!
Die Vögel hocken still in ihren Zweigen.
Die Welt schläft ein!
Es wehet kühl im Schatten meiner Fichten.
Ich stehe hier und harre meines Freundes;
Ich harre sein zum letzten Lebewohl.
Ich sehne mich, o Freund, an deiner Seite
Die Schönheit dieses Abends zu genießen.
Wo bleibst du ...? Du läßt mich lang allein!
Ich wandle auf und nieder mit meiner Laute
Auf Wegen, die vom weichen Grase schwellen.
O Schönheit! O ewigen Liebens - Lebenstrunkne Welt!
Poem von Wang Wei inserted here by Mahler:
Er stieg vom Pferd und reichte ihm den Trunk
Des Abschieds dar. Er fragte ihn, wohin
Er führe und auch warum es müßte sein.
Er sprach, seine Stimme war umflort: Du, mein
Freund,
Mir war auf dieser Welt das Glück nicht
hold!
Wohin ich geh? Ich geh, ich wandre in die
Berge.
Ich suche Ruhe für mein einsam Herz.
Ich wandle nach der Heimat, meiner Stätte.
Ich werde niemals in die Ferne schweifen.
Still ist mein Herz und harret seiner Stunde!
Die liebe Erde allüberall
Blüht auf im Lenz und grünt aufs neu!
Allüberall und ewig
Blauen licht die Fernen!
Ewig... ewig...
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