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EINE SEITE VON THEODOR FREY

 

 

* 12. 1. 1906 (nach dem julianischen Kalender der 30. 12 1905) in Kaunas, Litauen

+ 25. Dezember 1995 in Paris

 

Der entscheidende Einfluss von Franz Rosenzweig war neben der Parallelisierung des Weges von Judentum und Christentum die Entformalisierung des Zeitbegriffes (Vergangenheit: Schöpfung, Gegenwart: Offenbarung, Zukunft: Erlösung).

 

Von Rosenzweigs "Stern der Erlösung" sagt Lévinas  im Vorwort zu "Totalité et infini", dieses Buch sei in seinem Werk "zu präsent, um zitiert zu werden."

 

Ein persönlicher Freund war Gabriel Marcel, von dessen allzu ontologischer Vorstellung Gottes Lévinas sich jedoch durch seine völlige Ablehnung jeder Ontologie abhob.

 

Nach der Rückkehr aus dem deutschen Lager lernte Lévinas im Paris des Nachkriegs den großen Talmudgelehrten Schuschani  kennen und vertiefte sich neben der pädagogischen Arbeit in der AIU jahrelang in das Studium des Talmud. ... Dabei erscheint als gemeinsamer Nenner der Talmud-Lehren die ethische Eindringlichkeit, mit der die Verantwortung des Menschen für den anderen Menschen, den Nächsten - bis hin zur Übernahme der Schuld des anderen, bis hin zur Übernahme seine Todes - verkündet wird, und, ebenso wichtig, die Universalität der jüdischen Lehre, die nicht eine Lehre für ein Volk sein will, sondern in der Israel als Metapher für die ganze Menschheit steht. Die "Passion Israels" hin zu und in Auschwitz ist in den meisten dieser Exegesen implizit oder explizit präsent.

 

Lévinas letztes Hauptwerk "Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht ist der Höhepunkt eines Werkes, das sich vielleicht in drei Phasen einteilen läßt.

 

Der junge Lévinas verfocht zunächst die Gedanken Husserls und Heideggers und wurde zu einem der maßgeblichen Wegbereiter der beiden Denker in Frankreich. Mit der Enttäuschung über Heideggers Parteigängerschaft für die Nationalsozialisten begann Lévinas  den Freiheitsbegriff der abendländischen idealistischen Tradition in Frage zu stellen und rückte von der Anonymität des Heidegger'schen Seinsbegriffs ab.

 

Die Jahre des Kriegs und der Gefangenschaft bedeuten eine tiefe Zäsur. In seinem ersten Nachkriegswerk löst sich L. von der Priorität des "Seins" über das "Seiende" bei Heidegger.

 

In seiner dritten Phase arbeitete er an der Sprache selbst und versuchte die ethische Dringlichkeit in der Sprachstruktur durch Wiederholung, Aufspaltung von Substantiven, eingeschobene und abgebrochene Sätze bis hin zur Zertrümmerung der Syntax auszudrücken.

 

Die Widmung im Werk "Autrement qu'être ou au-delà de l'essence", lautet:

 

"Zum Gedenken an die nächsten Menschen unter den sechs Millionen von den Nationalsozialisten Hingemordeten, neben Millionen und Abermillionen Menschen aller Konfessionen und aller Nationen, die Opfer desselben Hasses auf den anderen Menschen wurden, desselben Antisemitismus."

 

Quelle mit ausführlicher Information: bautz.de

 

 

 

D

Emanuelle Lèvinas    

 

"Die Sammlung des Seins, welche die Objekte erhellt und ihnen Bedeutung verleiht, ist nicht irgendeine Anhäufung von Objekten. Sie bedeutet das Sich-Ereignen dieser nicht-naturhaft Seienden eines neuen Typs, dieser Seienden, welche Kultur-Objekte-Gemälde, Gedichte, Melodien - sind, sie bedeutet aber auch die Wirkung jeder linguistischen und manuellen Geste der banalsten Aktivität, die durch das Evozieren früherer kultureller Schöpfungen schöpferisch ist. Diese kulturellen "Objekte" fügen die Zerstreuung oder Anhäufung der Seienden zu Totalitäten zusammen. Sie leuchten und strahlen; sie drücken eine Epoche aus oder erhellen sie, wie wir zu sagen pflegen. In ein Ganzes sammeln, das heißt: ausdrücken, und das heißt noch einmal: die Bedeutung möglich machen - das ist die Funktion des "Objekts, das Werk oder kulturelle Geste ist". Und so entsteht eine neue Funktion des Ausdrucks, während die ihm bisher beigelegte Funktion darin bestand, entweder als Mittel der Kommunikation zu dienen oder dazu, die Welt im Blick auf unsere Bedürfnisse umzugestalten. ...
Die Sprache, durch die sich die Bedeutung im Sein ereignet, ist eine Sprache, die von inkarnierten Geistern gesprochen wird. Die Inkarnation des Denkens ist kein Unfall, der ihm widerfahren wäre und der ihm seine Aufgabe erschweren würde, indem er seine gradlinige Bewegung, mit der es das Objekt anzielt, von seiner Geradlinigkeit abbringt. Der Leib ist der Sachverhalt, dass das Denken in die Welt, die es denkt, ausdrückt. Die Geste des Leibes ist keine nervöse Entladung, sondern das Feiern der Welt, Poesie. Der Leib ist ein fühlendes Gefühltes - ebendies ist ... sein großes Wunder. Als gefühlter steht er zwar noch auf der einen Seite, auf der Seite des Subjekts; doch als fühlender ist er schon auf der anderen Seite, auf der Seite des Objekts; er ist Denken, das nicht mehr gelähmt ist, er ist Bewegung, die nicht mehr blind ist, sondern Schöpfer von Kulturobjekten. Er vereint die Subjektivität des Wahrnehmens und die Objektivität des Ausdrückens (ein Wirken, das in der wahrgenommenen Welt kulturelle Objekte schafft - Sprache, Dichtung, Gemälde, Symphonie, Tanz -  das so den Horizont erhellt). ...
Wir sind Subjekt der Welt und Teil der Welt nicht von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus, sondern im Ausdruck sind wir zur gleichen Zeit Subjekt und Teil. Wahrnehmen heißt: durch eine Art von Vorwegnahme zur gleichen Zeit empfangen und ausdrücken. Durch die Geste wind wir imstande, das Sichtbar nachzuahmen und kinästhetisch mit der gesehenen Geste zusammenzufallen: in der Wahrnehmung ist unser Leib zugleich der "Delegierte" des [wahrgenommenen] Seins.
Man sieht: in dieser ganzen Auffassung wird die Kultur durch den Ausdruck definiert, die Kultur ist Kunst und die Kunst oder das Feiern des Seins macht das ursprüngliche Wesen der Inkarnation aus.  ...
Die Kunst ist also nicht eine glückliche Verwirrung des Menschen, der es unternimmt, Schönheit zu schaffen. Die Kultur und das künstlerische Schaffen nehmen an der ontologischen Ordnung selbst teil. Sie sind ontologisch schlechthin: sie machen das Erfassen des Seins möglich. ...
Es ist also kein Zufall, ...daß die Museen und Theater über die spezialisierte Arbeit der wissenschaftlichen Forschung hinaus - so wie einst die Tempel - die Kommunikation mit dem Sein möglich machen und dass die Poesie als Gebet gilt. Der künstlerische Ausdruck sammelt das Sein in Bedeutung und bringt so das ursprüngliche Licht bei, dessen sich dann die Wissenschaft selbst bedient. Der künstlerische Ausdruck ist so ein wesentliches Ereignis, das sich durch die Künstler und die Philosophen im Sein vollzieht. ...
Der symbolische Charakter der Bedeutung (der kulturellen Bedeutung zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven), die an die Sprache - und an die der Sprache assimilierte Kultur - gebunden ist, darf also in keiner Weise als eine kraftlose Intuition, als das Misslingen einer von der Fülle des Seins getrennten Erfahrung gelten, die dadurch auf bloße Zeichen dieses Seins reduziert wäre. Das Symbol ist nicht die Verkürzung einer wirklichen Gegenwart, die vorgängig zu ihm existieren würde, vielmehr gibt es mehr, als irgendeine Rezeptivität der Welt jemals aufnehmen kann. Das Bedeutete geht also nicht deswegen über das Gegebene hinaus, weil das Gegebene unsere Weise, es zu ergreifen, übersteigt - während wir doch der intellektuellen Anschauung beraubt sind -, sondern deswegen, weil das Bedeutete einer anderen Ordnung als das Gegebene angehört, selbst dann, wenn die Beute eine göttliche Intuition wäre. Etwas Gegebenes aufzunehmen ist also nicht die ursprüngliche Art und Weise, sich auf das Sein zu beziehen."

 

theodor frey

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