Der
entscheidende Einfluss von Franz
Rosenzweig war neben der Parallelisierung des Weges von
Judentum und Christentum die Entformalisierung des Zeitbegriffes
(Vergangenheit: Schöpfung, Gegenwart: Offenbarung, Zukunft: Erlösung).
Von
Rosenzweigs "Stern der Erlösung"
sagt Lévinas
im Vorwort zu "Totalité et infini", dieses
Buch sei in seinem Werk "zu präsent, um zitiert zu werden."
Ein
persönlicher Freund war Gabriel Marcel,
von dessen allzu ontologischer Vorstellung Gottes Lévinas
sich jedoch durch seine völlige Ablehnung jeder Ontologie abhob.
Nach
der Rückkehr aus dem deutschen Lager lernte Lévinas
im Paris des Nachkriegs den großen Talmudgelehrten Schuschani
kennen und vertiefte sich neben der pädagogischen Arbeit in
der AIU jahrelang in das Studium des Talmud. ... Dabei erscheint als
gemeinsamer Nenner der Talmud-Lehren die ethische Eindringlichkeit,
mit der die Verantwortung des Menschen für den anderen Menschen, den
Nächsten - bis hin zur Übernahme der Schuld des anderen, bis hin zur
Übernahme seine Todes - verkündet wird, und, ebenso wichtig, die
Universalität der jüdischen Lehre, die nicht eine Lehre für ein
Volk sein will, sondern in der Israel als Metapher für die ganze
Menschheit steht. Die "Passion Israels" hin zu und in
Auschwitz ist in den meisten dieser Exegesen implizit oder explizit präsent.
Lévinas
letztes Hauptwerk "Jenseits des Seins oder anders als Sein
geschieht ist der Höhepunkt eines Werkes, das sich vielleicht in drei
Phasen einteilen läßt.
Der
junge Lévinas verfocht zunächst
die Gedanken Husserls und Heideggers
und wurde zu einem der maßgeblichen Wegbereiter der beiden Denker in
Frankreich. Mit der Enttäuschung über Heideggers
Parteigängerschaft für die Nationalsozialisten begann Lévinas
den Freiheitsbegriff der
abendländischen idealistischen Tradition in Frage zu stellen und rückte
von der Anonymität des Heidegger'schen Seinsbegriffs ab.
Die
Jahre des Kriegs und der Gefangenschaft
bedeuten eine tiefe Zäsur. In seinem ersten Nachkriegswerk löst sich
L. von der Priorität des "Seins" über das
"Seiende" bei Heidegger.
In
seiner dritten Phase arbeitete er an der Sprache selbst und versuchte
die ethische Dringlichkeit in der Sprachstruktur durch Wiederholung,
Aufspaltung von Substantiven, eingeschobene und abgebrochene Sätze
bis hin zur Zertrümmerung der Syntax auszudrücken.
Die
Widmung im Werk "Autrement qu'être ou au-delà de l'essence",
lautet:
"Zum
Gedenken an die nächsten Menschen unter den sechs Millionen von den
Nationalsozialisten Hingemordeten, neben Millionen und Abermillionen
Menschen aller Konfessionen und aller Nationen, die Opfer desselben
Hasses auf den anderen Menschen wurden, desselben
Antisemitismus."
Quelle
mit ausführlicher Information: bautz.de