ALBERT KELLER
1932 - 2010

 

GOTT 

RELIGION  

 GLAUBE

SCHÖPFUNG

ERLÖSUNG UND KIRCHE

EWIGKEIT

EINE SEITE VON THEODOR FREY

Eugen Roth

"Seit alters steht nebst manchem Schiefen, auch Richtiges in Hirtenbriefen".

Karl Rahner ergänzte:

"Doch neuerdings ist’s umgekehrt, das Schiefe hat sich stark vermehrt."

GEHEIMNIS    

FREIHEIT DES SEIENDEN 

ÜBER DIE DREIFALTIGKEIT





Albert Keller lädt zu einer fundierten Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben denjenigen ein, der nicht vom Fach ist, der dem Christentum skeptisch gegenübersteht oder sich sogar für Ungläubig hält. Er wendet sich auch an alle, die fragen: Wonach soll sich der Einzelne wie die Gesellschaft richten? Wie soll ich leben? Muss ich verantworten, was ich tue oder unterlasse? Wem wäre ich Rechenschaft schuldig? Hat das Leben einen Sinn - und welchen? Oder ist letzten Endes alles einerlei? Kurz: Wozu das alles?

 

Albert Keller wünscht, dass sich seine Überlegungen auf die Lebensführung des einzelnen auswirkt. Denjenigen der sich dagegen sperrt, bittet er seine Zustimmung wie Ablehnung zu den vorgelegten Fragen sachlich zu begründen und nicht nur vorgefassten Neigungen und Meinungen zu folgen. Er  möchte keine fertigen Antworten geben,  sondern sie sollen vielmehr Anregungen sein, sich seine eigene Antwort zu erarbeiten. Dazu wird theologisch Vorgegebenes ohne dogmatische Vorbehalte geprüft , sondern eher philosophisch, systematisch und kritisch erörtert, um Zulässiges von Fraglichem und Abzulehnendem zu unterscheiden. 

Albert Keller räumt mit dem Vorurteil auf, man könne die Menschen in Gläubige und Ungläubige einteilen. Es steht nicht zur Frage, ob einer glaubt, sondern nur, was er glaubt und ob er das wenigstens vor sich selbst zu rechtfertigen vermag .

Wir meinen meist, der glaube an Gott, der es für wahr hält, dass Gott existiert; dagegen heißt Glauben als heilsentscheidender Hingabeglauben anderes und weit mehr, nämlich das ganze Leben auf Gott auszurichten. So verstanden steht Glauben im Zentrum der Botschaft Christi. Die verlangt nicht vor allem, Sätze für wahr zu halten, sondern sich Gott hinzugeben.

Jesus geht es nicht um die Frage, ob es Gott gibt, wichtiger ist der Glaube an Gott, der sich ganz und gar auf ihn einlässt und das Leben auf ihn ausrichtet.

Diese Hingabe hat drei Schattierungen: 

Vernunftbezogen heißt an Gott glauben, sich mit seiner ganzen Vernunft und Geistigkeit auf ihn ausrichten. 

Aufs Handeln, Planen und Zielen ausgerichtet, ist diese Haltung Hoffnung, die Sicherheit, Gott zum Ziel zu haben und es durch ihn zu erreichen. 

Und wenn es ums Wollen geht, um die Entschiedenheit des Herzens, dann ist sie Liebe, Gott zu lieben über alles.

Glaube, Hoffnung und Liebe sind drei Seiten derselben Haltung.

Wenn der Glaube als Hingabe an Gott allein heilsentscheidend ist, wozu braucht es dann den Glauben, der besagt, die Lehren des Christentums als wahr anzunehmen, auf den die Kirche so sehr Wert legt? Der Hingabeglaube betrifft die Grundeinstellung des ganzen Lebens. Daher ist dringlich zu bedenken, an wen man sich da hingibt, ob an Gott oder ein zurechtgemachtes Götzenbild oder eine ideologische Figur. Die Lehre des Christentums, konzentriert auf Christus, das Wort Gottes, informiert uns, wer dieser Gott ist, auf den das Leben zu gründen ist. Sie weist auf ihn hin. Daher ist sie unentbehrlich zur verantwortlichen Gestaltung des Lebens. Der entscheidende Glaube aber hat nicht diese Lehre als Ziel. Der geht auf Gott, wie er sich uns in Christus zeigt. An den sollten wir glauben und alles andere nur annehmen, weil und insofern es zu diesem Ziel hinleitet.

Der Satzglaube ist also nur ein - freilich unentbehrliches - Mittel zum Hingabeglauben und nur wenn er dazu führt, sind wir gehalten, ihn anzunehmen. Läßt sich also vom einem Satz auch beim besten Willen nicht sehen, wie er den Zugang zu Christus und Gott erschließt, dann stellt er keine Glaubensaussage dar, und wäre er noch so wahr. Wer auf einen solchen Satz stößt, muss ihn daher nicht leugnen, aber er kann ihn - zumindest fürs erste und für sich selbst - dahingestellt sein lassen. Es ist auch denkbar, dass derartige Aussagen in einem Kulturkreis oder einer geschichtlichen Epoche glaubensbedeutsamer sind, also den Weg zu Christus eher eröffnen, als in anderen Umständen, wo sie ihn vielleicht sogar erschweren. Das gilt auch für unterschiedliche Situationen im Leben des Einzelnen. 

Eine weltweit verbindliche Sammlung von Glaubenslehren, einen universalen Katechismus, vorzulegen, scheint daher problematisch. 

Glaubenszweifel 

Wer zweifelt, ist sich unschlüssig, ob er einer Auffassung zustimmen soll oder nicht. Das nicht zuzugeben wäre Heuchelei. Weil diese Unschlüssigkeit nicht ganz von unserer Entscheidung abhängt -. manches kann man nicht bezweifeln, bei anderem keine Gewissheit gewinnen - , kann und muss nur der Zweifel gerechtfertigt werden, der unserer Freiheit unterliegt, und nur hier könnte ein Zweifel schuldhaft sein. Zudem gilt, dass man in diesem Sinn nicht glauben kann, was man nicht versteht. Denn niemand kann eine Aussage für wahr halten, der nicht weiß, was sie besagt. Daher wäre die Aufforderung: ”Das ist ein Geheimnis; das kannst du nicht verstehen, das musst du glauben!“ unsinnig und unerfüllbar.

Nur das wäre ein verwerflicher Glaubenszweifel, der etwas nicht annehmen mag, weil es ihm nicht passt oder es von ihm eine Änderung seiner Lebenseinstellung fordern würde. Da lägen dann keine sachlichen, sondern nur subjektive Gründe für diese Ablehnung vor. Überdies handelt es sich nicht um Glaubenszweifel, wenn eine Lehre für falsch gehalten wird sondern selbst um einen Glauben, nämlich an die gegenteilige Auffassung.

Wer an Gott glaubt, kann nicht zweifeln, dass eine Aussage Gottes, falls die ihm vorläge, wahr ist, Wohl aber kann er bezweifeln, dass sie von Gott stammt. Bei dieser Überlegung ist es auch im christlichen Sinn wichtig, dem Interesse an der Wahrheit den Vorrang vor allen anderen Absichten einzuräumen.

Ein bisschen weniger glauben, täte der Kirche ebenso gut, wie große Zurückhaltung und Vorsicht bei ihren Lehren. Damit ist kein ”Kleinglaube“, keine Einschränkung des Glaubens, verstanden als Hingabe an Gott, befürwortet. Die kann man recht verstanden nicht übertreiben. Aber wer rückhaltlos sagte, er glaube in diesem Sinn, würde sich heilig sprechen. Denn der erklärte ja: Mein ganzes Leben, meine ganze Vernunft richte ich aus auf Gott. In diesem Sinn sind wir alle ein Stück ungläubig, und dieses Unglaubens sollte sich niemand rühmen. Aber wenn es darum geht, Sätze für wahr zu halten, ist es Gott gefälliger, vorsichtiger zu sei und eher weniger zu glauben als mehr. Man muss verantworten, was man glaubt. Glaube geht nicht wider die Vernunft, sondern ist Überbietung, Übersteigerung der Vernunft.

 

 

 

Abweichungen bei Albert Keller von sonst weithin angebotenen theologischen Erklärungsmustern

Quelle: Grundfragen christlichen Glaubens
Alte Lehren neu betrachtet

 

 

1. Gott

 

a) Nicht direkt Gott ist Thema, sondern der Mensch in seinem Gottesbezug. So wird nicht gefragt: "Gibt es Gott?", sondern: "Kann der Mensch ohne Gott leben oder gedacht werden?"

b) Was man leugnen kann, ist nicht Gott. Es gibt keine Atheisten, sondern nur Leute, die sich fälschlich dafür halten.

c) Kein Gottesbild darf absolut gesetzt werden. Zwischen Gott und Gottesbild ist zu unterscheiden.

d) Trinität kein Wir, sondern dreifaches Ich, das völlig frei die Welt in seine gegenseitige Liebe einbezieht.

 

2. Religion

 

a) Säkularisierung ist christlich

b) Religionskritik: keine Aufspaltung in Heilig und Profan. Nichts Absolutes in der Welt

c) Christentum keine Religion. Man kann Anhänger einer Religion und Christ sein, vorausgesetzt alle die Menschlichkeit beeinträchtigenden der Religion werden vermieden.

d) Christentum ist kein Moralsystem, keine Vorschriften, sondern "Inschrift“, ist Weg zur Freiheit

e) kein Ersatz des Weltlichen durch ¨Ubernatürliches; keine Bevormundung der Welt.

 

3. Glaube

 

a) Sätze nicht Ziel, sondern Mittel des Glaubens

b) Unverstandenes kann und darf nicht geglaubt werden

c) Heilentscheidend ist der Hingabeglaube; er ist die individuellste persönliche "Leistung und Geschenk zugleich“

d) Christus allein ist der zu Glaubende. das Wort, die unüberbietbare Mitteilung Gottes

e) Glaube setzt Vernunft voraus, aber ersetzt weder sie noch Erfahrung noch Wissenschaft.

 

4. Schöpfung

 

a) Permanente Schöpfung, kein Eingreifgott. Gott braucht die Welt nicht. Er handelt nie anstelle einer innerweltlichen Ursache, sondern durch sie

b) Kein Gegensatz zwischen Wirken Gottes und Leistung der Welt, zwischen Natur und Gnade. Dort wirkt Gott am meisten, wo die Welt und der Mensch am meisten wirken

c) Menschliche Freiheit und alles umfassende Schöpfung gehen zusammen, weil Gott unendlich viele Welten zu schaffen vermag, darunter auch die, in der eine bestimmte freie Entscheidung getroffen wird. Dass Er sie als freie will, engt die Freiheit nicht ein, sondern ermöglicht sie.

d) Gottes Gebote sind keine Vorschriften, sondern ergeben sich aus dem Ziel, das er dem Menschen eingeschaffen hat. Sie sind Anweisungen zur Freiheit und können in den Satz gefasst werden: Tu, was du willst, aber sieh zuvor zu, ob du es wirklich willst..

d) Was als nicht nur vorläufiges und bedingtes Übel in der Welt anzusehen ist, hängt von ihrem Ziel ab: Ich bin überzeugt, daß die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll.“ ( Röm 8:18)

 

5. Erlösung und Kirche

 

a) Erlösung ist kein Strafleiden, sondern Hineinnahme ins Genug- Lieben

b) Erlösung betriff die ganze Welt. Es gibt keine Unerlösten

c) Kirche soll das Verhältnis der gesamten Menschheit zu Gott ausdrücken und es wie ein Sauerteig fördern.

d) Kirche ist kein Herrschaftssystem (”Hierarchie)“, sondern Dienst an der Welt

 

6. Ewigkeit

 

a) Ewigkeit ist zeitlos und zeitübergreifend. Wir sterben in die Auferstehung hinein

b) Ziel der Geschichte ist die Vergöttlichung der Welt: Christus zu seiner Vollgestalt heranwachsen lassen.

c) Jeder hat darin seinen unverwechselbaren, auf die Gemeinschaft bezogenen Platz. Das ist der Sinn seines Lebens.

 

GEHEIMNIS

Das Sein als unbedingter, absoluter Horizont unserer Erkenntnis

 

 

Geheimnis ist aber nicht das, von dem man nichts weiß, sondern das Unergründbare, bei dem die Erkenntnis zwar ankommt, aber an kein Ende kommt. Das aber gilt in höchstem Maße, als vom Unendlichen, vom Sein, bei dem unsere Erkenntnis immer schon angelangt ist, weil es ihren apriorischen Horizont darstellt.

Vorgängig
zu aller Erfahrung ist so das Sein a priori gegeben, nicht als erfahrbarer Gegenstand, sondern als vorausgesetzter Hintergrund, auf dem alle Gegenstände, Seinsweisen, Sachverhalte erkannt werden. So ist es Horizont unserer Erkenntnis.

Nach der Hermeneutik bringt der Mensch zu jeder Erfahrung ein
Vorverständnis mit, bedingt durch vorausliegende Erfahrungen und Einflüsse, die ihn geprägt haben. Das stellt ebenfalls einen Horizont weiterer Erkenntnis dar. Gegenüber diesem geschichtlich bedingten Horizont und ihm als Bedingung vorausliegend ist das Sein unbedingter, absoluter Horizont unserer Erkenntnis.


Grundfragen S. 102

"Geheimnis" wird jedoch in der Theologie nicht selten missbraucht oder zumindest missverstanden. Oft wird es wie eine Vogelscheuche gebraucht, die man vor einem Feld von theologischen Gedanken aufstellt. um das kritische Denken daraus zu verscheuchen. . . .

Normalsprachlich heißt das "Geheimnis", was zu verschweigen ist, also nur Eingeweihten bekannt und anderen verborgen ist. In diesem Sinn ist die Dreifaltigkeit Gottes kein Geheimnis , denn Gott hat sie uns offenbart, also aufgeschlossen. . . .

Geheimnis [heißt] auch das nicht völlig Erforschte oder Erforschliche, etwa wenn von der Astronomie gesagt wird, sie dringe in die Geheimnisse des Weltalls vor. In dieser Bedeutung bleibt Gott - ganz unabhängig von seiner Dreifaltigkeit - ein Geheimnis; Gott lässt sich nicht ausdenken, geschweige denn ausrechnen.

Aber in diesem Sinn ist bereits die Welt voller Geheimnisse. Jeder Mensch ist ein Geheimnis, da er sich nicht ausdenken und nicht ausrechnen lässt. Alle Versuche, ihn psvchologisierend in Ordnungen, in Schemata einzufangen, ihn astrologisch vorauszuplanen, sind menschenlästerlich, so wie das Ausrechnen Gottes gotteslästerlich wäre. 

Wenn wir Gott "Geheimnis" nennen, heißt das: wir kommen mit ihm nicht zu Rande - im wahrsten Sinn des Wortes: Gott hat keinen Rand, an den man kommen könnte. Wir fassen ihn nicht. (Vgl Thomas von Aquin: "Wir können von Gott nicht wissen, wer er ist, sondern nur wer er nicht ist und wie sich die Geschöpfe zu ihm verhalten.") Daher sprach Karl Rahner gern vom unaussprechlichen Geheimnis des unumgreifbaren Gottes, vor dem uns nur fassungsloses Staunen bleibt. Aber eben deshalb müssen wir mit unserer Vernunft in dieses Geheimnis einzudringen versuchen: über nichts lohnt es sich derart nachzudenken, die ganze Kraft des Geistes einzusetzen, wie Gott. Wer das mit dem Wort "Geheimnis" verwehrt, vergeht sich gegen Gott wie gegen den Menschen.

Daher ist es ärgerlich, wenn manche Theologen von Geheimnis reden, wo sie ehrlicher sagen sollten: ich weiß keine Antwort“ oder 'ich habe darüber noch nicht nachgedacht'. Da wird "Geheimnis" zur Vokabel der Dummheit oder Geistesträgheit, der Antwortverweigerung oder gar zum Frageverbot. So baut man mit dem Wort "Geheimnis" Barrieren auf vor der Dreifaltigkeit und sagt. das ist ein Geheimnis, also lass dein Denken zu Hause und glaube! Aber das ist unsinnig. Wo nicht gedacht werden kann, kann auch nicht geglaubt werden. Glauben kann ich nur, was ich zumindest ansatzhaft verstehe, auch wenn ich mit dem Verstehen nie zu Ende komme. Denn wir können Gott überhaupt nicht angehen, wie ihn die christliche Offenbarung zeigt, wenn wir nicht versuchen, ihn "dreifaltig" zu verstehen. Natürlich ist zu fürchten - eine zweite Barriere -, dabei in Häresie, in falsche Formeln zu geraten.

Man soll diese Angst nicht zu hoch hängen. Gerade weil Gott nicht zu fassen und einzufangen ist, wird ihm auch kein Dogma gerecht. Bisweilen scheinen Dogmen höher zu rangieren als Gott. Sie sind Sätze, die mühsam und fehlerhaft versuchen, an Gott heranzureichen. Aber alle Konzilien zusammen und alle Unfehlbarkeiten der Päpste fassen Gott nicht in ihren Sätzen. Wer also warnt: "Du redest vom dreifaltigen Gott, aber deine Sätze treffen ihn nicht“, dem wäre zu antworten: Kein Wunder! Nicht einmal ein Mensch ist in Sätze einzufangen, geschweige denn Gott. Wir können zwar redend auf Gott zielen, in seine Richtung weisen, aber ihn weder in Worte fassen noch in Bildern darstellen. Doch ohne über Gott zu denken und zu reden, finde ich keinen Zugang zu ihm und kann ihn erst recht anderen nicht erschließen.

Grundfragen S. 140/141

FREIHEIT DES SEIENDEN

Jedes Seiende ist unter der Rücksicht gerade seines Seins das erste und vorzüglichste und durch kein anderes zu ersetzen. Das erst ermöglicht Freiheit.

Freiheit liegt erst vor, wenn ein Streben nicht auf eine bestimmte Rücksicht eingeschränkt ist.

Aber Sein ist auch schlechthin zu erstreben. Ihm kann nichts vorgezogen werden, weil es außer ihm nichts gibt. Innerhalb des Seinsbereichs aber will man eines mehr als anderes stets deshalb, weil es etwas hat oder ist, was dem andern abgeht. Das gilt für jedes endliche Seiende: Das einzelne hat das Sein nicht, das jedes andere hat; darin liegt seine Endlichkeit; jedes andere aber hat das Sein nicht, das dieses einzelne hat. Durch dieses sein Sein übertrifft es jedes andere Endliche; daher gibt es im Bereich des Endlichen keine absolute Vor- oder Nachordnung der Seienden im Vergleich miteinander: jedes Seiende ist unter der Rücksicht gerade seines Seins das erste und vorzüglichste und durch kein anderes zu ersetzen. Das erst ermöglicht Freiheit.

Jede eingeschränkte Rücksicht (etwa technische Verwertbarkeit, Nutzen für Gesundheit usw.) unter der Seiende angestrebt werden, stellt sie nämlich in eine feste Wertordnung. Eines ist dann eindeutig besser als das andere. Diese Rangordnung aber schließt Freiheit aus. Denn danach wähle ich entweder vernünftig, dann unvermeidlich (also nicht frei) das Bessere; oder ich greife blind irgend etwas heraus, dann wähle ich auch nicht frei, weil blindes Zugreifen keine Wahl darstellt. Freiheit liegt also erst vor, wenn ein Streben nicht auf eine bestimmte Rücksicht eingeschränkt ist.

 

 

SCHÖPFUNG

"Non enim de Deo capere possumus quid est, sed quid non est, et qualiter alia se habeant ad ipsum."

Thomas von Aquin (Schlusssatz, Buch I, Kap 30, Summa contra gentiles.

 

Ein Grundverhältnis der Welt und des Menschen zu Gott besteht nach christlichem Glauben wie für Juden und Moslems darin, dass Gott Schöpfer dieser Welt und von uns allen ist. Diese Aussage trifft Gott allerdings nur indirekt, besagt also nichts über sein Wesen, denn als Absoluter ist er in keiner Weise auf die Welt bezogen und schafft ohne Nötigung oder Bedürfnis. Unmittelbar redet sie von der Welt und deren Eigenart, in allen Einzelheiten ganz und dauernd von einem Grund abzuhängen, der nicht in ihr selbst liegt.

Alles außerhalb Gottes ist gänzlich von ihm abhängig, nämlich kontingent.

Glaubensaussagen über die Welt und den Menschen in ihrer Beziehung zu Gott, aber weder naturwissenschaftliche Beschreibung noch Geschichtsdarstellung. Vor allem aber setzt diese Sicht fälschlich Gott und sein Wirken zeitlich an, als ob Gott vor beliebig langen Jahren zu bestimmten Zeitpunkt die Welt geschaffen habe. Der ewige Gott kennt für sich keine Zeit. Gottes Wirken, wenn wir es schon zeitlich aussagen müssen, ist immer gegenwärtig.

"Nicht Gott schuf", "Gott schafft damals wie heute", ist die treffendere Aussage. Gott schafft, das heißt, er verleiht allem Dasein in seiner Gesetzmäßigkeit oder Zufälligkeit, und zwar nicht nur Dingen, sondern auch deren Wirken und Entwickeln.

Zum andern aber tritt Gott als Schöpfer nicht in das Zeitgefüge dieser Welt ein, als wäre er eine innerweltliche Ursache, von der einzelne Ereignisse in der Welt herzuleiten wären. Deshalb kann Gott nie Gegenstand der Naturwissenschaft sein. Die sucht nämlich nach Gesetzen, wonach ein Ereignis der beobachtbaren Welt auf ein anderes folgt. Gott und sein Wirken kommen aber nicht als innerweltliche beobachtbare Ereignisse vor.

Im Philipperbrief (2, 13) steht: "Gott ist es, der in euch das Wollen und Vollbringen bewirkt.“  Aber das heißt gerade nicht, dass Gott anstelle unseres Wollens will, anstelle unseres Vollbringens vollbringt. Vielmehr gibt er uns Kraft und Fähigkeit und die Verwirklichung des Wollens. Aber wollen müssen wir. Er zieht nicht den Stein an, der auf die Erde fällt. Er gibt der Materie ihre Anziehungskraft wie ihre Realität. Er tritt nie als Schöpfer in diese Welt ein, um an Stelle ihrer Kräfte zu wirken, sonst wäre er nicht mehr Gott, sondern eben Teil der Welt. So schafft Gott alles, ohne doch in die Welt einzugreifen, indem er weltliche Ursachen wirken läßt.

Daher ist Gott auch nicht ursächlich haftbar für ein einzeln herausgegriffenes Ereignis in der Welt. Wenn ein Kind überfahren wird, ist das nicht auf Gott zurückzuführen und die Frage verfehlt, warum Gott das zugelassen oder getan habe, vielmehr sind die Ursachen in der Welt zu suchen, etwa ein Schlagloch oder Trunkenheit des Fahrers.

K. Rahner: ¨Es soll der Begriff des göttlichen Wirkens als aktives, dauerndes Tragen der Weltwirklichkeit derart entwickelt werden, dass eben dieses Wirken erscheint als die aktive Ermöglichung der aktiven Selbsttranszendenz des endlichen Seienden durch sich selbst, und zwar so, dass, weil dieser Begriff allgemein gilt, er auch von der ,Erschaffung der geistigen Seele’ gilt."

Der Mensch stammt also als ganzer von seinen Eltern, aber darin ist "positiv eingeschlossen, dass die Eltern die Ursache des Menschen nur sein können, insofern sie den neuen Menschen entstehen lassen durch die ihre Selbstüberbietung ermöglichende Kraft Gottes, die ihrem Wirken innerlich ist, ohne zu den Konstitutiven ihres Wesens zu gehören. Und der Satz: Gott schafft die Seele des Menschen unmittelbar, bedeutet dann nicht eine Leugnung des Satzes, dass die Eltern den einen Menschen zeugen, sondern seine Präzisierung, dahin nämlich, dass diese Zeugung zu jener Art von geschöpflicher Wirkursächlichkeit gehört, in der das Wirkende die mit seinem Wesen gesetzten Grenzen wesentlich übersteigt in der Kraft der göttlichen Ursächlichkeit."

. . .

Ohnehin ist die Auffassung zu korrigieren, die Natur und Gnade oder Glauben und Werken in Konkurrenz sieht und nach der Gottes Wirken dort Platz greife, wo natürliche oder menschliche Kräfte nicht hinreichten. Vielmehr ist gerade dort Gott in besonderem Maß am Werk, wo die Natur oder der Mensch am meisten wirken. Wenn Ignatius von Loyola lehrt, Gott in allen Dingen zu finden, geht er von dieser Sicht aus, die Gott nicht in Wundern, außergewöhnlichen Begebenheiten oder an weltentrückten Orten sucht, sondern ihn in Natur und der gesamten Geschichte wie in Technik und im alltäglichsten Geschäft als den alles schaffenden Grund gegenwärtig weiß. Dies entspricht christlicher Säkularität, die einen "Lückenbüßer-Gott" ebenso ablehnt wie von der Welt abgesonderte Reservate Gottes. Eben weil Gott alles in der Welt in allen Einzelheiten ständig schafft - und wie könnte er mehr als alles schaffen? -, würde die Annahme, er greife in die Welt ein, nur besagen, er handele anstelle innerweltlicher Ursachen, sei eine von ihnen, was widersprüchlich ist, denn auch die sind von ihm geschaffen.

Nur in Jesus Christus ist er, selbst als Mensch geschaffen, Teil dieser Welt geworden, um seine Liebe in ihr, nämlich in und durch die zu ihm gehörenden Menschen, wirkmächtig werden zu lassen. Außer in Christus ist daher Gott nirgends in der Welt anzutreffen, wie der Weber nicht Teil seines Teppichs ist und der Sänger nicht Part seiner Melodie, obwohl sich in beiden Fällen vom Werk auf den Urheber zurückschließen ließe und die Annahme töricht wäre, es gäbe den Teppich ohne seinen Wirker oder den Gesang ohne Sänger.

Gott schafft unsere Welt nicht als starres Gebilde aus bewegungslosen "Klötzchen", in das er dann eingreifend neue Teile einbaute oder vorhandene umgruppierte, sondern sie entfaltet sich von Anfang an dynamisch in von Gott getragener Entwicklung mit der in sie gelegten Kraft zu immer reicheren Formen. Es ist unerfindlich, warum etliche Christen, auch Kirchenvertreter, Gott nicht ein solch wunderbares Werk zutrauen, in dem er aus Gesetz und Zufall und in der jüngeren Erdgeschichte auch durch menschliches Wirken die ganze Fülle dieser Welt und das Leben bis hin zum Menschen und seinen mannigfaltigen Geschicke ständig schaffend nach seinem Plan entstehen lässt, sondern wie die Anhänger einer Theorie des ¨ıntelligent design“, auch Neokreationisten genannt, annehmen, er müsse nachbessernd eingreifen und sich in weltliche Ursachenketten einreihen - ein mickriges Gottesbild.

Wer etwas in der Welt erklären will, kann das nicht, indem er es auf Gott zurückführt, so wahr alles immer, in jedem Augenblick und in allen Einzelheiten nur kraft dauernder Schöpfung Gottes zu existieren und zu wirken vermag.

 . . .

 

[Es] wird nichts in der Welt durch die Feststellung erklärt, es stamme von Gott. Um es zu verstehen, ist der Zusammenhang zu sehen, in dem es vorkommt. Daher irrten Primitivreligionen, die Blitz und Donner auf die Götter zurückführten oder mittelalterliche Menschen, die Pest als Strafe des Himmels sahen, da Gott nicht Einzelursache für ein bestimmtes Ereignis ist. Die ist ausschließlich in der Welt zu suchen, die freilich in allen Einzelheiten von Gott abhängt, der ständig in allem da ist. Der heilt in den Krankenhäusern durch ¨Arzte und Medikamente nicht weniger wunderbar als an Wallfahrtsorten bei naturgesetzlich unerklärbaren Heilungen. Es gibt in der Welt gesetzmäßige und zufällige Ereignisse, die sämtlich Gottes Schaffen ermöglicht, ohne dass er ihre innerweltliche Ursache wäre. Tritt ein Ereignis zufällig ein, ist also nicht nach bekannten Naturgesetzen zu erwarten, findet es weiter in einem religiösen Kontext statt und gereicht es schließlich zum Wohl des Menschen, dann nennen wir es Wunder. Aber es ist nicht mehr und nicht weniger von Gott gewirkt, wie alle anderen Ereignisse dieser Welt. Gerade deshalb kann man Fakten oder Gesetze unserer Welt nie dadurch erklären, dass man sie von Gott herleitet, weil Gott nach christlichem Verständnis der Grund von allem ist; was aber alles erklärt, erklärt nichts. Etwa auf die Frage, warum dort ein Baum stehe, zu antworten, weil Gott es wolle, erklärt den Baum oder die Tatsache, dass er dort steht, in keiner Weise, denn genau die gleiche Antwort könnte man auf die Frage geben, warum die Sonne scheine, oder sogar auf die, warum dort kein Baum stehe. Ein Grund, der sowohl für das Bestehen eines Sachverhaltes als auch für dessen Nichtbestehen herangezogen werden kann, erklärt eben gerade nicht, dass und warum der Sachverhalt besteht. Ein solcher Grund ist jedoch Gott oder der Wille Gottes für alles, was in der Welt vorkommt; folglich lässt sich kein einziger Tatbestand in der Welt daraus erklären, dass man Gott annimmt oder auf den Willen Gottes verweist. So ist zwar die Aussage wahr: "Das existiert, weil Gott es will“, aber sie erklärt nicht, warum das existiert. Aber auch die Welt als gesamte ist nicht von Gott her zureichend erklärbar, denn ich kann von der Annahme Gottes nicht herleiten, dass sie existiert, denn Gott ist völlig unabhängig von der Welt, ganz er selbst, ob die Welt existiert oder nicht. Wenn durch eine Erklärung zumindest erkenntlich werden muss, warum das zu Erklärende eher der Fall ist als sein Gegenteil, wenn also auch eine tautologische Antwort von der Art: Alles Verursachte stammt von einer Ursache“ nichts erklärt, dann ist Gott weder zur Erklärung der Welt als ganzer noch irgendeines Vorkommnisses in ihr zu gebrauchen.

Damit wird nicht ausgeschlossen, dass die Welt widersinnig wird, wenn ich Gott nicht annehme, wie ein Vergleich mit dem Nichtwiderspruchs- Prinzip erläutert. Daraus, dass etwas nicht zugleich sein und unter derselben Rücksicht nicht sein kann, lässt sich in keiner Weise erklären, dass es Lebewesen gibt; dennoch würde mit der Leugnung der ersten Feststellung auch die zweite widersinnig.

Daher kann man etwa Unfälle oder eine Naturkatastrophe nicht dadurch erklären, dass man sie auf den Willen Gottes zurückführt und dann noch fragt, wieso er das bewirkt habe. Die Ursachen dafür sind vielmehr ausschließlich in der Welt zu suchen; sie werden nicht immer zu finden sein, weshalb nicht davon auszugehen ist, es könne in der Welt nicht Unerklärliches geben. Weder derart Unerklärliches noch Übel und Sinnwidriges werden aber durch das Walten Gottes beseitigt, sondern wir müssen uns mit unseren Kräften dafür einsetzen, sie auszuräumen oder zumindest zu beschränken, auch wenn wir uns bewusst sein sollten, dass wir nur etwas zustande bringen, weil Gott uns leben und wirken lässt.

Warum Schöpfung?

Warum aber schafft Gott die Welt? Man könnte salopp antworten: 'Weil es ihm Spaß macht!“ oder ernsthafter: Ausüberströmender Liebe! Keines braucht Gott die Welt. Er ist absolut“, d.h. wörtlich losgelöst“, nämlich völlig unabhängig von der Welt. Er genügt sich ganz selbst in seiner unendlichen Herrlichkeit. Die Schöpfung fügt dem nichts hinzu. Er benötigt auch kein Gegenüber, denn er ist dreifaltig, ausgefüllt durch die drei liebenden Beziehungen, die wir Vater, Sohn und Geist nennen. So schafft er die Welt ohne jeden "Eigennutz", nur um seine Liebe nach außen zu verströmen. Sie ist daher von ihm her gesehen im wörtlichen Sinn "uberfl¨ussig"; sie ist nicht notwendig, sondern Ergebnis seiner völligen Freiheit. Daher kann keine Naturwissenschaft erklären, warum es die Welt gibt. Vielmehr heißt die Antwort auf die Frage, warum Gott die Welt schafft, kurz: "Weil er es will." Und er will sie so, wie sie ist, denn nichts zwingt ihn, gerade diese Welt zu schaffen; er hätte ebenso gut eine ganz andere schaffen können wie eine, die sich nur in wenigen Einzelheiten von der unseren unterschiede. So ist auf die Frage, warum er nun gerade diese Welt schafft, wieder nur zu antworten: "Weil er es will!" Gott schafft die Welt nicht, weil sie gut ist, sondern sie ist gut, weil er sie will. Deshalb aber gilt: Bei allem Schmerzlichen und Unheilvollen, das in der Welt vorkommt, als ganze ist sie gut, denn sie entspricht dem Willen Gottes. Daher stellt der erste Schöpfungsbericht der Bibel am Schluss fest: "Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut." (Gen 1,31) Und das Buch der Weisheit sagt von Gott: "Die ganze Welt ist ja vor dir wie ein Stäubchen auf der Waage, wie ein Tautropfen, der am Morgen zur Erde fällt. Du hast mit allen Erbarmen, weil du alles vermagst, und siehst über die Sünden der Menschen hinweg, damit sie sich bekehren. Du liebst alles, was ist, und verabscheust nichts von allem, was du gemacht hast; denn hättest du etwas gehaßt, so hättest du es nicht geschaffen. Wie könnte etwas ohne deinen Willen Bestand haben, oder wie könnte etwas erhalten bleiben, das nicht von dir ins Dasein gerufen wäre? Du schonst alles, weil es dein Eigentum ist, Herr, du Freund des Lebens. Denn in allem ist dein unvergänglicher Geist.“ (11:22 - 12:1)

" Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“ fragt wie schon Leibniz auch M. Heidegger und meint: "Wem z. B. die Bibel göttliche Offenbarung und Wahrheit ist, der hat vor allem Fragen der Frage " Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts? schon die Antwort: das Seiende, soweit es nicht Gott selbst ist, ist durch diesen geschaffen. Gott selbst ist als der ungeschaffene Schöpfer. Wer auf dem Boden solchen Glaubens steht, der kann zwar das Fragen unserer Frage in gewisser Weise nach- und mit vollziehen, aber er kann nicht eigentlich fragen, ohne sich selbst als einen Gläubigen aufzugeben mit allen Folgen dieses Schrittes. Er kann nur so tun, als ob... Aber andererseits ist jener Glaube, wenn er sich nicht ständig der Möglichkeit des Unglaubens aussetzt, auch kein Glauben, sondern eine Bequemlichkeit und eine Verabredung mit sich, künftig an der Lehre als einem irgendwie Überkommenen festzuhalten. Das ist dann weder Glauben noch Fragen, sondern Gleichgültigkeit, die sich nunmehr mit allem, vielleicht sogar sehr interessiert, beschäftigen kann, mit dem Glauben ebenso wie mit dem Fragen." (M. Heidegger, Einführung in die Metaphysik, Tübingen 1953, 5; G.W. Leibniz, Monadologie, Nr.7) Diese Kritik Heideggers am fraglosen Glauben " ist bedenkenswert, doch verkennt er, dass der Glaube die Frage: "Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“ nicht erklärend beantwortet. Diese Frage ist. überhaupt nicht derart zu beantworten. Bezogen auf Gott nicht, denn er hat keinen Grund außer sich, und bezogen auf die Welt nicht, weil sie aus freier Tat Gottes stammt. Er schuf sie, weil er wollte - und das ist keine Erklärung. Zudem meint Wittgenstein: "Zweifel kann nur bestehen, wo eine Frage besteht; eine Frage nur, wo eine Antwort besteht“ (Tractatus 6.51).Erklären heißt aufweisen, warum etwas so sein muss und woraus es sich herleiten lässt. Die Welt aber ist unnötig und nicht von Gott herzuleiten; daher ist sie als ganze in diesem Sinn unerklärbar. Das ist wohl die einzige Antwort auf die Heideggersche Grundfrage, zu der die Philosophie gelangen kann. Dass sie nicht befriedigt, ist selbst ein philosophisch wichtiges Ergebnis und Problem. Denn darin erst zeigt sich, was es heißt, die Welt mit all ihren Einzelheiten sei völlig von Gott abhängig, insbesondere wenn einbezogen wird, dass auch jeder einzelne von uns gänzlich unnötig und zuletzt unerklärbar bleibt, wie übrigens auch die Freiheit immer ein Moment des Unerklärlichen enthält, da auf die Frage: "Warum willst du das?", zuletzt nur zu antworten ist: "Weil ich will!". So gilt also: Wenn es Gott nicht gäbe, wäre die Welt unmöglich“, jedoch nicht: "Es gibt die Welt, weil es Gott gibt“, sondern nur "Es gibt die Welt, weil Gott es will."

Wenn die Physik feststellt: "Wir wissen weder warum noch wie das Universum entstanden ist (vgl. 2.4) oder wenn in den Evolutionstheorien etliches noch rätselhaft erscheint (Entstehen neuer Konstruktionen in der Makroevolution, Konvergenzen u. ¨a), muss sich die Theologie hüten, als Lückenbüßer aufzutreten, als ob sie die Antwort auf diese offenen Fragen anzubieten hätte. Vielmehr sollte sie gerade davor warnen, da Gott ins Spiel zu bringen, weil er eben nicht unter den innerweltlichen Ursachen vorkommen kann. ,

Wozu die Welt - Ziel der Schöpfung

Auf die Frage, warum er es will, verstanden als Suche nach dem Grund, bleibt also nur die Antwort: Weil er es will, denn sein Wollen ist der einzige und letzte Grund dafür. Man kann die Frage aber auch so verstehen, dass sie wissen möchte, wozu Gott die Welt schafft, was also das Ziel der Schöpfung sei. Darauf wurde schon negativ geantwortet, Gott schaffe nicht, um daraus einen Gewinn oder Nutzen für sich zu ziehen, denn seine Herrlichkeit ist nicht zu steigern. Andererseits kann es für Gott kein Ziel geben, das außer ihm läge und erst noch zu erreichen wäre; er ist sich ganz selbst einziges und ewig erreichtes Ziel. Dieses Ziel gibt er auch der Schöpfung, für die es allerdings bis zum Jüngsten Tag" immer erst noch zu verwirklichen ist; sie soll die Herrlichkeit Gottes auf ihre Weise wiederspiegeln und so an ihr Teil haben. Für die irdische Wirklichkeit konzentriert sich diese Aufgabe im Menschen, der die übrige Schöpfung in seine Ausrichtung auf Gott einbeziehen soll, der die Welt für den Menschen eingerichtet hat (vgl. Gen 1 und 2).

"Durch unseren Mund rühmen dich alle Geschöpfe“ formuliert die Liturgie diesen Auftrag. Dieser göttliche Schöpfungsplan aber ist auf einzigartige Weise erfüllt in Jesus Christus. In einem Hymnus aus dem Kolosserbrief, den Paulus vermutlich aus der frühchristlichen Liturgie übernahm, wird Christus daher als Grund und Ziel der ganzen Schöpfung verkündet. Es heißt da von ihm: "Er ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen. Er ist vor aller Schöpfung, in ihm hat alles Bestand. Er ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Friede gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut. (1:15-20) Und: "Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist. Durch ihn sind wir auch als Erben vorherbestimmt und eingesetzt nach dem Plan dessen, der alles so verwirklicht, wie er es in seinem Willen beschließt; wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt" (Eph 1:9 - 11).

Ziel der Geschichte

Damit ist auch angegeben, was die Geschichte soll. Nach dem Epheserbrief ist sie die Zeit für den Aufbau des Leibes Christi. So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen.“ (Eph 4:12f) Darin besteht also das Ziel der Geschichte wie der ganzen Schöpfung: Christus in seiner vollendeten Gestalt darzustellen, denn "alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen."(Kol 1:16). "Zum vollkommenen Menschen“ sollen wir werden, heißt es, nicht "zu vollkommenen Menschen"; es geht also nicht um die Vervollkommnung des einzelnen, sondern um die reale neue Einheit der Menschen in und mit Christus, die von der Kirche repräsentiert wird, aber alle Erlösten umfasst. Dieser "Leib Christi" ist nicht mehr der irdische Körper Jesu, der den Gesetzen von Raum und Zeit unterworfen war, sondern ist der Auferstandene, der alle raum-zeitlichen Grenzen überschreitet In diese Einheit mit nimmt er alle auf, wie er verheißen hat:

"Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle an mich ziehen“ (Joh 12:32) Das drückt die Taufe aus: "Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.“ (1Kor12:13); "Wißt ihr denn nicht, dass wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? Wir wurden mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod; und wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, so sollen auch wir als neue Menschen leben. Wenn wir nämlich mit ihm zusammengewachsen ("s´ymphytoi") sind in der Gestalt seines Todes, dann werden wir mit ihm auch in seiner Auferstehung vereinigt sein“ (R¨om 6:3-5); "Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch auferweckt, durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat“ (Kol 2:12); "Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid "einer" in Christus Jesus.“ (Gal 3:27f) Auch die Eucharistie verwirklicht diese Einheit zeichenhaft: "Ist der Kelch des Segens, über den wir den Segen sprechen, nicht Teilhabe am Blut Christi? Ist das Brot, das wir brechen, nicht Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir viele ein Leib; denn wir alle haben teil an dem einen Brot“ (1 Kor 10:16f)

Für Paulus ist diese Überzeugung, dass wir in und mit Christus eine leibhafte Einheit bilden, zentraler Gedanke seiner Theologie. Immer wieder spricht er davon, dass wir "in Christus" sind ". Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. (2Kor 5:17) "Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Soweit ich aber jetzt noch in dieser Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat." (Gal 2:20) "Auch der Leib besteht nicht nur aus einem Glied, sondern aus vielen Gliedern... Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm.“ (1 Kor 12:14; 26f) "Denn wie wir an dem einen Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder denselben Dienst leisten, so sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören.“ (R¨om 12:4f). Im Johannesevangelium wird diese Idee im Bild vom Weinstock ausgedrückt: "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15:5) und in der Abschiedsrede Jesu vertieft: "Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollenauch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich." (Joh 17:21-:23) Darin, dass dieser Leib Christi zur Vollgestalt gelangt, liegt der Sinn der Geschichte. "Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Für den Leib Christi, die Kirche, ergänze ich in meinem irdischen Leben das, was an den Leiden Christi noch fehlt."(Kol 1,24) Jesus war ja weder Wissenschaftler noch Hausfrau, kein Industriearbeiter noch Sekretärin. Den Reichtum verschiedenster menschlicher F¨ahigkeiten und Leistungen zu seiner leibhaften Einheit beizusteuern ist die geschichtliche Aufgabe jedes Menschen. Die erstreckt sich sogar auf die ganze Schöpfung. "Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat; aber zugleich gab er ihr Hoffnung: Auch die Sch¨opfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt. Aber auch wir, obwohl wir als Erstlingsgabe den Geist haben, seufzen in unserem Herzen und warten darauf, dass wir mit der Erlösung unseres Leibes als Söhne offenbar werden.“ (Röm 8:19-23) So wird zwar die Vollendung der Schöpfung erst mit dem Ende der Zeit erreicht werden, das allerdings in der Auferstehung schon angebrochen ist, dennoch liegt das Ziel der Geschichte nicht in der Zukunft sondern jeweils in der Gegenwart. Jetzt hat jeder an seinem Platz und mit seinen Fähigkeiten den Leib Christi zu ergänzen, ohne dass er das in die Zukunft verschieben könnte. Daher erzählt recht verstandenes Christentum glücklicherweise kein Märchen für Erwachsene und beginnt seine Botschaft weder wie Kindermärchen mit der Formel ¨Es war einmal“, noch aber auch mit: "Es wird einmal sein", es entwirft also kein Bild einer paradiesischen Zukunft, vielmehr verweist seine Hoffnung durch den Tod und über den Tod hinaus aus dieser Zeit und ihrer Zukunft auf deren unvergänglichen Grund (Vgl. zum ganzen: A. Keller, Zeit-Tod-Ewigkeit, Innsbruck 1981). Das entspricht auch einer nüchternen Betrachtung der Geschichte. In ihr gibt es unbestritten Fortschritte in vielerlei Hinsicht. Aber es ist in ihr kaum ein Fortschritt auf die Verwirklichung des Reiches Gottes hin festzustellen, aufweisbar etwa am Zuwachs an gelebter Mitmenschlichkeit. Vielleicht verfügen wir über ein entwickelteres Rechtsbewußtsein, ein besseres Verständnis dafür, wie Freiheit gewährt und gesichert werden muß, als frühere Zeiten; vermutlich sind sogar die entsprechenden nationalen und internationalen Gesetze und Vorschriften klarer und umfassender darauf ausgerichtet, die Würde des Menschen zu garantieren, als je zuvor. Aber wenn wir die Praxis des 20. Jahrhunderts anschauen, so halten doch wohl die unmenschlichen Greuel unserer Zeit den Vergleich mit denen jeder früheren aus; von einer geschichtlichen Zunahme an gelebter Menschlichkeit kann da doch nur ein Wirklichkeitsblinder reden.

Es verhält sich eher so, wie es Paulus im zweiten Kapitel des Römerbriefs über das Verhältnis der Heiden zum (jüdischen) Gesetz beschreibt: Wie die Juden verfehlen die gesetzlosen Heiden sich gegen das Gesetz oder erfüllen es, ohne es zu kennen; und die es kennen, handeln nicht anders. Daß wir vielleicht menschlichere Gesetze besitzen, macht uns nicht schon besser als die Menschen früherer Zeiten, die keine gleichwertigen Gesetze erlassen hatten, eher verantwortungsloser, da unser Tun nicht besser ist. Was das anbelangt, scheint es in der Geschichte weder einen Fortschritt noch einen Rückschritt zu geben. Und das ist auch heilsgeschichtlich eine wichtige Überlegung, denn der Satz des Römerbriefs: "Es gibt keinen Unterschied: alle haben gesündigt und die Herrlichkeit Gottes verloren“ (Röm 3,22) kann auch für keine kommende Zeit außer Kraft gesetzt werden, ohne den anderen ebenfalls zu entkräften: ”Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen“ (Röm 11,32). Die Leugnung eines in zeitlicher Zukunft anzusiedelnden, also innerweltlichen allgemeinen Heilszustands hält aber auch etwas für die Personenwürde Entscheidendes über die grundsätzlich gleiche Bedeutsamkeit jedes einzelnen Menschenlebens vor Gott fest, die nicht dadurch zu- oder abnimmt, dass der Mensch zu einer bestimmten geschichtlichen Zeit gehört. Daher ist die Aussage Leopold von Rankes richtig und wichtig, dass jede Epoche der Geschichte gleich unmittelbar zu Gott sei. Ein Mensch vor hunderttausend Jahren stand seinem Heil nicht ferner als einer der in zehntausend Jahren leben wird, falls es dann noch Menschen gibt. Wenn der Römerbrief feststellt: "Jetzt ist das Heil uns näher als zur Zeit, da wir gläubig wurden", so gilt das für jeden Menschen und jede Gemeinschaft neu, die im Glauben wächst, denn Paulus fährt fort: "Die Nacht ist vorgerückt, der Tag ist nahe" (Röm 13,11 f), und wieder ist es der "Letzte Tag", der nahe ist, der endgültige, der von jedem im Tod zu erreichen ist und an dem für jeden "die Welt untergeht". Dann wird deutlich, dass nicht das zählt, was einer zum "geschichtlichen Fortschritt" beigetragen hat, so dass die historische Persönlichkeit "ein größeres Gewicht hätte als die vergessenste Dienstmagd oder das früh verstorbene Kind, daß vielmehr allein der Beitrag zum "Reich Gottes" bleibt, der nicht vom äußeren Erfolg abhängt, sondern der schon dadurch geleistet ist, daß man sich um die Gesinnung Christi, die dienstbereite Liebe müht oder ihr wenigstens keinen Widerstand entgegensetzt. Gewiß gehört es zu dieser Gesinnung auch, daß man sich ehrlich und nach Kräften für eine menschlichere Welt - in diesem Sinn für eine bessere Zukunft - einsetzt und plagt; dennoch richtet sich die Hoffnung nicht so auf den Erfolg dieses Bemühens, als ob von diesem Ergebnis Heil oder Unheil abhingen. Hier verfügen wir über eine vernünftige Grundlage für eine "Emanzipation von der Leistungsgesellschaft", die ja richtiger eine Erfolgsgesellschaft genannt werden müßte - und dieser Befreiungsversuch wurzelt weder in einer bequemen Scheu vor der Anstrengung noch in einer Weltverdrossenheit, sondern in der Überzeugung, daß der Wert eines Menschen nicht von seinem Erfolg, seiner "geschichtlichen Leistung" abhängt, vielmehr allein daran gemessen werden kann - wenn auch nicht von uns, weil wir dafür keinen verläßlichen Blick haben - , wie er zu seinen Mitmenschen und damit zu Gott steht. Wer den Sinn des menschlichen Lebens darin sieht, daß ein Beitrag für das Heraufkommen einer bestimmten geschichtlichen Situation oder Epoche geleistet wird (ob diese als "klassenlose Gesellschaft" oder als "Reich Gottes" erhofft wird, ist dabei unerheblich), ist nicht nur in der Gefahr, daß er den Erfolglosen, den Versager, die "gescheiterte Existenz" entwertet; er steht auch vor der Versuchung zum Fanatismus und zur Vertröstung - und soweit das Christentum von beiden Vorwürfen getroffen wird, ist es von seiner Zukunftsfreiheit abgewichen und zu einer innerweltichen Verheißungsreligion geworden. Der Fanatismus liegt nahe, wenn ein bestimmtes Ziel in der Geschichte absolut gesetzt, sein Erreichen für "heilsnotwendig" gehalten wird; dann wird zu diesem Zweck zu leicht alles andere, auch der Mensch, nur Mittel, dessen Wert völlig davon abhängt, wie weit es diesem Zweck dient oder ihn behindert. Die Geschichte liefert schauerliche Beispiele in genügender Zahl, daß aus derartig verabsolutierten innerweltlichen Zielen, seien sie religiöser oder politischer Art, die massivsten Unmenschlichkeiten der Menschheitsgeschichte resultieren (die gefährlichsten Kriminellen sind stets Täter aus religiöser oder politischer Überzeugung, weil sie noch ein gutes Gewissen bei ihrem Tun haben und unter Umständen sogar von der Gesellschaft - falls sie nur eine ähnliche politische oder religiöse Einstellung besitzt - verharmlost, wenn nicht gar verherrlicht werden). Die Vertröstung liegt nahe, wenn die Heilszeit in der Zukunft angesetzt wird, weil dann alle jetzigen Leiden und Mühen gerechtfertigt werden, falls sie in dieser seligen Zukunft ihren Lohn oder doch ihren Sinn finden. Eine derartige Vertröstungsideologie findet sich im Marxismus ebenso wie in einem mißverstandenen Christentum und überall dort, wo eine jetzige Anstrengung oder Entbehrung nur deshalb als gut gilt, weil sie eine zukünftige schöne Zeit heraufführen hilft. Eine solche, auf ein bestimmtes Zukunftsbild fixierte religiöse oder politische Ideologie ist eng mit einer Lohn- und Strafmoral verknüpft. Doch ist jene Auffassung kaum menschengerecht, wo die " Belohnung" für die gute Tat nicht einmal dem Täter selbst zugute kommt, sondern nur späteren Generationen (obwohl uns - wahrscheinlich eine Folge des Christentums - ein derartiger Altruismus recht edel vorkommt, ist er dennoch unvereinbar mit der Menschenwürde, da er den Menschen zum Mittel macht, falls der Sinn seiner guten Tat nur in ihrem späteren Erfolg liegt). Dabei ist nicht ausschlaggebend, ob man sich den kommenden Erfolg und Lohn, die zukünftige Heilszeit, von einem deterministischen Naturablauf oder von menschlicher Leistung oder von göttlicher Gnade verspricht: falls die jetzigen Entscheidungen ihren letzten Wert nur daraus beziehen, dass sie die einen rein zukünftigen guten Zustand ermöglichen (dessen "Güte" übrigens auch noch als ethischer Wert aufgewiesen werden müßte, wenn er eine Verpflichtung begründen sollte), sind sie in sich nicht sittlich bedeutsam im Sinn klassischer Ethik; denn das "Du sollst" ethischer Verpflichtung ist nicht bedingt, sondern kategorisch, also nicht besagen: "Wenn du diesen oder jenen zukünftigen Zustand herbeiführen willst, dann mußt du dies tun oder jenes unterlassen!“ Machen also Anweisungen für menschliches Handeln dessen Sinn davon abhängig, ob es zu einer bestimmten zukünftigen Situation beiträgt oder nicht (man könnte auch sagen: ob es einen zukünftigen Lohn nach sich zieht oder nicht), dann handelt es sich bei derartigen Normen keinesfalls um ethische Verpflichtungen, sondern nur um Nützlichkeitserwägungen. Das gilt es zu beachten, denn es läuft vielerlei mit einem ethischen Prestigemantel herum, der nur die Funktion einer Vogelscheuche erfüllt, die der Freiheit Angst einjagen und sie vom Territorium bestimmter Interessen fernhalten soll.

Man mag einwenden, dass doch auch genuin christliche Lehren Lohnverheißungen oder - das negative Äquivalent - Strafandrohungen enthalten. Doch handelt es sich genau besehen da nicht um einen Verweis auf eine zukünftige Zeit. Heißt es etwa im Römerbrief: "Ich bin überzeugt, dass die Leiden dieser Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Röm 8,18), dann vertröstet das nicht auf spätere Zukunft, wie eine ähnliche Stelle aus dem zweiten Korintherbrief verdeutlicht (4.17 f.): "Denn die kleine Last unserer gegenwärtigen Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, uns, die wir nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren ausblicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig." Wir hoffen nicht auf eine zukünftige Zeit, sondern auf Ewigkeit. Ewiges Leben beginnt jedoch nicht erst in der Zukunft. Doch unsere Zeit, die Zeit jedes Menschen wird nicht nur von der Zukunft abgelöst wird, sondern sie endet in der Ewigkeit. Nur in diesem Sinn ist Ewigkeit künftig. Aber sie ist doch auch gegenwärtig. Jetzt schon haben wir ewiges Leben, auch "wenn noch nicht offenbar geworden ist, was wir sein werden" (1 Joh 3,2).

Diese verheißene Herrlichkeit tritt also nicht nachträglich als Lohn zu unserem Gutsein hinzu, sondern wenn wir tun, was wir sollen, genauer: wenn wir sind, wie wir sein sollen, nämlich Gott liebend aus ganzem Herzen und den Nächsten wie uns selbst, dann vergeht das nicht spurlos, sondern es reicht ins Ewige; und sie, die "gute Tat", die entschiedene Liebe, ist Geschenk Gottes, ewiges Leben, Lohn; nur ist sie in dieser Zeit noch nicht endgültig gesichert und als Herrlichkeit offenbar; offenbar wird sie für uns erst durch den Tod, jenseits unserer und aller Zeit. Darauf hoffen wir, auf Unvergänglichkeit, und nicht auf eine noch so ideale Zukunft in dieser Zeit.

Vielmehr ist uns diese Zeit, Gegenwart wie Zukunft, als Aufgabe gestellt. Sie ist jeweils so menschenwürdig wie möglich zu gestalten. Und dieses Ziel wird nicht dadurch geschwächt, dass wir zuletzt nicht auf diese Zeit, sondern auf die Ewigkeit ausgerichtet sind, im Gegenteil: Während in der Zeit alles vorläufig, weil vergänglich bleibt, auch alle Zukunft, entscheidet sich für uns die endgültige Ewigkeit an diesem unserem entschiedenen Einsatz in dieser Zeit für die Umgestaltung von Gegenwart und Zukunft. Nur bietet uns der Glaube kein fertiges Rezept, kein Bild dieser Zukunft. 

 

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Wie wahr!

„Die Schwierigkeit für die Ungläubigen ist, anzuerkennen, daß Christus Gott ist, und die Schwierigkeiten häufen sich noch in dem Sinne wie es der Hl. Thomas in dem berühmten Gebet ausdrückt: die Zeitgenossen Christi sahen einen Menschen am Kreuz, einen leidenden Menschen, das war alles, und für uns ist es noch schlimmer: man sieht überhaupt nichts. Also ist die größte Seligpreisung: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Die Auferstehung ist der Grund und die Wurzel unserer Hoffnung“

(Messiaen, in: Rößler, Gespräch am 23. April 1979, 104).

 

  

 

KREUZWEG
IN DER JAKOBSKIRCHE DACHAU

 von Richard Huber aus Dachau

1936