BEZIEHUNGEN

JÜRGEN HABERMAS

Die neue Unübersichtlichkeit S. 202 
edition suhrkamp

"Ich habe ein Gedankenmotiv und eine grundlegende Intuition. Diese geht übrigens auf religiöse Traditionen, etwa der protestantischen oder der jüdischen Mystiker zurück, auch auf Schelling. Der motivbildende Gedanke ist die Versöhnung der mit sich selber zerfallenden Moderne, die Vorstellung also, daß man ohne Preisgabe der Differenzierungen, die die Moderne sowohl im kulturellen wie im sozialen und ökonomischen Bereich möglich gemacht haben, Formen des Zusammenlebens findet, in der wirkliche Autonomie und Abhängigkeit in ein befriedetes Verhältnis treten; daß man aufrecht gehen kann in einer Gemeinsamkeit, die nicht die Fragwürdigkeit rückwärtsgewandter substantieller Gemeinschaftlichkeiten an sich hat. Diese Intuition stammt aus dem Bereich des Umgangs mit anderen; sie zielt auf Erfahrungen einer unversehrten Intersubjektivität, fragiler als alles, was bisher die Geschichte an Kommunikationsstrukturen aus sich hervorgetrieben hat - ein immer dichter, immer feiner gesponnenes Netz von intersubjektiven Beziehung, das gleichwohl ein Verhältnis zwischen Freiheit und Abhängigkeit ermöglicht, wie man es sich immer nur unter interaktiven Modellen vorstellen kann. Wo immer diese Vorstellungen auftauchen, ob bei Adorno, wenn er Eichendorff zitiert, bei Schelling der 'Weltalter', beim jungen Hegel, ob bei Jakob Böhme, es sind immer Vorstellungen von geglückter Interaktion. Gegenseitigkeiten und Distanz, Entfernungen und gelingende, nicht verfehlte Nähe, Verletzbarkeiten und komplementäre Behutsamkeit - all diese Bilder von Schutz, Exponiertheit und Mitleid, von Hingabe und Widerstand steigen aus einem Erfahrungshorizont des, um es mit Brecht zu sagen, freundlichen Zusammenlebens auf. Diese Freundlichkeit schließt nicht etwa den Konflikt aus; was sie meint, sind humane Formen, in denen man Konflikte überleben kann."

Interview von Habermas in der ZEIT (3/2008) über die Notwendigkeit einer internationalen Weltordnung >

 

"Habermas sucht die Ursachen für den Wahnwitz des globalen Terrorismus jener, wie sie sich selbst bezeichnen, »heiligen Krieger« nicht alleine im fundamentalistischen Rückgriff auf den Islamismus als dogmatische Glaubensgewissheit. Vielmehr ziehe der Fundamentalismus seine Anziehungskraft auch aus der sittlichen Schwäche der westlichen Kultur: »Der Westen begegnet ja anderen Kulturen [ ... ] allein mit der aufreizend banalisierenden Unwiderstehlichkeit einer materialistisch einebnenden Konsumgüterkultur. [ ... ] Der Westen präsentiert sich tatsächlich in normativ entkernter Gestalt, solange er mit Menschenrechten nicht viel mehr als den Export von Marktfreiheiten im Sinn hat[ ... ]. « [Habermas 2004, Der gespaltene Westen, S. 19 f.] Die weltweit anwachsende Gewaltbereitschaft - sowohl auf Seiten der Terroristen als auch auf Seiten derer, die sie bekämpfen - interpretiert er als Manifestation gestörter Kommunikation. Dadurch werde reziproke Anerkennung verhindert und eine Spirale zunehmenden Misstrauens in Gang gesetzt. Ein Durchbrechen der Spirale von Gewalt und Gegengewalt erhofft er sich von der Transformation des Völkerrechts in eine transnationale Rechtsordnung.

Zitiert nach: Stefan Müller-Doohm - Jürgen Habermas Eine Biographie S. 437

 

"Die Einberufung eines Konvents, der zu großen Vertragsänderungen und Referenden führen müsste, käme erst infrage, wenn die EU ihre dringendsten Probleme wahrnehmbar und auf überzeugende Weise angepackt hat. Die nach wie vor ungelöste Euro-Krise, das langfristige Flüchtlingsproblem und die aktuellen Sicherheitsfragen werden jetzt als drängende Probleme genannt. Aber schon deren Beschreibung ist in der kakofonen Runde der 27 Mitglieder des Europäischen Rates nicht konsensfähig. Kompromisse sind nur unter kompromissbereiten Partnern möglich, und dafür dürfen die Interessenlagen nicht zu weit auseinandergehen. Dieses Mindestmaß an Interessenkonvergenz ist bestenfalls von den Mitgliedern der Europäischen Währungsgemeinschaft zu erwarten. Das Krisenschicksal der gemeinsamen Währung . . .kettet diese Länder schon seit Jahren, wenn auch auf asymmetrische Weise, eng aneinander. Deshalb bietet sich die Euro-Zone als die natürliche Definition für den gegebenen Umfang eines künftigen Kerneuropas an. Wenn diese Länder den politischen Willen hätten, würde der in den Verträgen vorgesehene Grundsatz der "Engeren Zusammen-arbeit" die ersten Schritte zur Ausdifferenzierung eines solchen Kerns erlauben – auch die längst überfällige Bildung eines Pendants zur Euro-Gruppe des Rates innerhalb des Europäischen Parlamentes."

Habermas in der ZEIT Nr. 29, 7. Juli 2016

 

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