FRIDOLIN STIER

16.11.1971

GENESIS               

atomica 
primoprimaria

.

Vor Milliarden Jahren,

als es mangels Sonne und Erde

noch keine Jahre gab,

zur Zeit, als noch keine Zeit war,

da geschah es eines Tages,

als es weder Tag noch Nacht gab,

da habe es plötzlich einen Knall gegeben -

den "Urknall"

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Wenn nun das Nichts nicht knallen kann,

muß das Knallende wohl ein Es,

ein irgendwie Etwas,

ein Seiendes,

auf griechisch ein

ON

gewesen sein,

das auf einmal,

wenn nicht schon von uran da war:

das

UR-ON

    .

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Im Anfang war das Ur-on,

und das All war im Ur-On,

und aus dem Ur-On ist alles geworden

    .      .       .      .      .       .       .        .

Und da waren, ob auf einmal, ob von uran,

die "kleinsten Teilchen",

Und die Teilchen "liebten" einander

und sehnten sich nach Unteilbarem,

und sie schlossen sich innig zusammen

und machten einen "Kern",

und der Kern hüllte sich in Mäntel (Neutron, Elektron).

Und so geschah es,

das das

ATOMON

war.

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Viele Atomen entstanden:

H, O, Na, C, Cl, N, S

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Und auch die Atome "liebten" einander

und koppelten sich eifrig:

O nahm 2H an, und da ward das Wasser,

Na nahm Cl, und ward das Salz:

 

Die Moleküle entstanden, Milliarden Moleküle.

Auch die Moleküle "liebten" einander

und schlossen sich zu seltsamen Gesellschaften zusammen.

Und als sich ein paar Dutzend

erlesener Molekülgesellschaften vereinigt hatten,

entsprang ihnen plötzlich - das

 

              L E B E N

L E B E N

in Millionen Gestalten . . . . . . .

und  in allen wie von uran waltend - die

LIEBE

Was ist es - dieses Zusammenziehende,

dieses Gestalten Erfindende und Erschaffende?

Und was ist all der Sinn?

Ob nicht hinterm Thron des Kobolds,

dem Menschenhirngespinst,

 


das verborgene Antlitz des Ursprungs lächelt

und murmelt - den

SINN ?

Fridolin Stier - 16.11.1971

Genesis von Fridolin Stier

 

 

   

In memoriam Fridolin Stier
1902-1981



Sie hieß Sybille, sie war sein Glück und brachte ihn zum Verzweifeln. Ihren Geburtstag notierte er Jahr für Jahr jubilierend im Tagebuch. Seit sie bei ihm wohnte, hielt er es sogar mit sich selber aus. Plötzlich aber, von der einen auf die nächste Sekunde, war das Haus am Waldesrand ein "Fremdenheim" geworden. Fridolin Stier fühlte sich seit jenem Septembermorgen 1971, als Sybilles Auto gegen einen Baum fuhr, abgeschnitten von den Wurzeln seines Daseins. Er klagte Gott an: 'Ist das eure Sprache, ihr himmlischen Mächte, ihr Herren?" Die verstorbenen Sybille war seine Tochter gewesen, die Tochter des katholischen Theologen, Bibelübersetzers und eben auch Pfarrers Fridolin Stier. (SZ)

Zu seinen Tagebuchaufzeichnungen ("Vielleicht ist irgenwo Tag"), die mich sehr bewegten, sind essentielle Gedanken eines Denkers der Ganzheit - vergleichbar mit anderen Großen, die getrennte Kulturen verbinden: Reinhold Schneider, Carl Friedrich von Weizsäcker.
Die spannende Verbindung von Religion und Naturwissenschaft, von sensibler Spiritualität und biologischen Fakten, von Bibel und Physik.
Hier schreibt ein sprachmächtiger Mann mit großer intellektueller Redlichkeit und emotionaler Anspannung über seine Leidenserfahrung, seine Krisen der Sinnlosigkeit, seine Auflehnung, die ihn - trotz allem - sein metaphysisches Suchen und Hoffen nicht aufgeben lassen.

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