PAUL  CLAUDEL

Mittagswende

ARS POETICA MUNDI  

Die erste Aufgabe des materiellen Universums, ist die, zu dauern. Gott ist: das Universum dauert, d.h. in jedem Augenblick ist es identisch mit dem, was nicht mehr ist. Gott ist, und die Welt widersteht, d.h. sie fühlt sich in all ihren Teilen als eben das gleiche Ding, das nicht sein könnte, wobei übrigens jedes Einzelding auf eine besondere Weise seine Erfahrung macht. Gott existiert, und die Welt assistiert, d.h. sie leistet sich selbst Assistenz in ihren verschiedenen Organen. Nichts kann entrinnen. Alles geht vorüber und, da nichts gegenwärtig ist, muß alles vergegenwärtigt werden.

Ich erscheine persönlich. Ich konstituiere. Ich halte mich in Form und Figur aufrecht. Ich mache mich erkennen. Ich Antworte auf den Aufruf. Das Weltall, gefangen in seiner Form, sorgt für diese Erhaltung der Figur, für diese Notwendigkeit des Mitseins, um seiner Pflicht, erkannt zu werden, Genüge zu tun. Es konstruiert seine Form, seine Formel und seinen Umriß, es ist eingekerkert in seine Zwecke, denen es nicht zu entrinnen vermag. Es kann nicht aufhören, gegenwärtig zu sein, d.h. zu "vergegenwärtigen" von dem, der ist, das, was nicht ist.    (146)

 



CLAUDEL, Paul, Dichter und Dramatiker, Essayist und Diplomat, 
geb. 6.8. 1868 in Villeneuve-sur-Fère (Aisne) als Sohn eines Verwaltungsjuristen, 
gest.  23.2. 1955 in Paris. - 

Claudel kam 1881 nach Paris. Das Lycée Louis-le-Grand vermittelte ihm die klassisch-philosophische Bildung. Für sein schriftstellerisches Wirken und geistiges Leben wurden von entscheidender Bedeutung zwei Ereignisse: er entdeckte den Dichter Arthur Rimbaud (1854-1891) und erlebte 1886 beim Magnifikat der Weihnachtsvesper in Notre-Dame in Paris seine Bekehrung: "In einem Augenblick war mein Herz berührt, und ich glaubte." C. begann 1885 mit dem Studium der Rechte und trat 1890 in den diplomatischen Dienst. 1893-1935 war er meist außerhalb Frankreichs: in den Vereinigten Staaten 1893/94 im Dienst an den Konsulaten in Boston und New York; in China 1895-99 (Shanghai, Foutschou und Hankou) und 1901-09 wieder in China, seit 1906 Konsul in Tientsin; 1910 in Prag; 1911-13 Generalkonsul in Frankfurt am Main und 1913-14 in Hamburg; 1915-16 Leiter einer Wirtschaftsdelegation in Rom; 1917-19 Gesandter in Brasilien und 1919-21 in Dänemark; 1921-26 Botschafter in Tokio; 1926-33 in den Vereinigten Staaten, von 1927 an Botschafter in Washington; 1933-35 Botschafter in Brüssel. 1935 gab C. seine diplomatische Laufbahn auf und lebte abwechselnd auf dem Château de Brangues in der Dauphiné und Paris. - C. ist bekannt als der größte Dichter des "Renouveau catholique", der katholischen Erneuerungsbewegung Frankreichs. Sein dichterisches Werk lebt aus dem Katholizismus. Es umfaßt im wesentlichen Lyrik, Dramen, Essays und Prosaschriften. Höhepunkt seines poetischen und dramatischen Schaffens ist das symbolische Drama "Le soulier de satin" = "Der silberne Schuh", die großartigste dichterische Verkörperung katholischer Weltschau. Mit der Uraufführung dieses Werkes 1943 an der Comédie Française war C.s Ruhm als Dramatiker begründet, der 1946 durch seine Wahl in die Académie française bestätigt wurde. "L'Annonce faite à Marie" = "Mariä Verkündigung" ist das klassische Meisterwerk unter den Dramen C.s. Höhepunkt seiner Lyrik sind seine "Cinq grandes odes" = "Fünf große Oden". C.s Briefwechsel mit dem Schriftsteller André Gide (1869-1951) von 1899 bis 1926 ist ein eindrückliches Zeugnis von seinem intensiven, aber vergeblichen Bemühen, Gide für den katholischen Glauben zu gewinnen. In den letzten 30 Jahren schrieb C. nur noch gelegentlich Gedichte und Bühnenwerke; er widmete sich nun dem Studium und der dichterischen Auslegung der Heiligen Schrift: "Die Bibel ist ein Buch, das man kniend lesen sollte, als hörte man Gott sprechen. Ich bin als Christ daraus geboren, habe darin gelebt und fahre fort, darin zu leben. Fast 20 Jahre lang gipfeln alle meine Anstrengungen darin, Liebe zu diesem Buch zu verbreiten, nachdem die Gelehrten nichts anderes erreicht haben, als es verächtlich zu machen."

                      MITTAGSWENDE

ALMARIC

MESA

YSE

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DE CIZ

Im Jahr 1948 versuchte der berühmte Schauspieler Jean-Luis Barrault den damals bereits achtzigjährigen Dichter Paul Claudel zu überreden, ihm ein geheimnisvolles Theaterstück mit dem Titel Mittagswende zur Uraufführung zu geben. Claudel hatte das Stück mehr als vierzig Jahre lang vor der Öffentlichkeit behütet. Zu viel private Erinnerungen an eine Zeit, die lieber längst vergangen sein sollte, steckten in diesem Text. Selbst Barrault errang nur einen Teilsieg: Claudel erlaubte zwar die Uraufführung, aber er schrieb das Stück noch einmal neu: jetzt als Allegorie jener neo-katholischen Gedankenwelt, für die er als eine der führenden europäischen Geistesgrößen Frankreichs verehrt wurde. Heute gilt das Stück längst als das heimliche Meisterwerk Claudels, aber eben nicht in der späten Überarbeitung, sondern in der Urfassung von 1905, die autobiographisch direkter, härter, wesentlich weltlicher und damit auch komischer festhält, in welches Liebesdrama Claudel als junger Konsul in China verstrickt war.

Auf einer Schiffsreise nach China begegnen sich vier Menschen: 

der Sonderling Mesa, auf der Rückkehr zu diplomatischen Diensten nach einem vergeblichen Versuch, in den geistlichen Stand einzutreten;

Amalric, Abenteurer und Lebemann; 

Ysé, die temperamentvolle und lebenshungrige Frau des 

französischen Geschäftsmannes De Ciz und Mutter von vier Kindern. 

Die Ehe der beiden ist nicht glücklich, und Amalric, dem sie schon früher einmal begegnet ist, wirbt unverhehlt um sie. Schließlich spielt er sie jedoch Mesa zu, der, bisher nie in Versuchung geführt, Ysé gegen alle Vernunft nicht widerstehen kann. Der Einbruch der Liebe in sein Leben erschüttert Mesa zutiefst. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Beziehung, in der das Anderssein der Partner Bedingung ist für das Einssein und es zugleich ausschließt. Wie sich bewahren, wenn man sich ganz hingibt, wie sich hingeben, wenn man sich bewahren will? Mesas Weg führt von der Verbitterung eines Menschen, der von Gott, den er ganz zu besitzen glaubte, abgewiesen wird, über die leidenschaftlichen Suche nach der Liebe, die sich nicht gedulden will, bis hin zu der Einsicht, dass seine Liebe zu Ysé zu seiner Liebe zu Gott wird und erst im Tod das Unmögliche erreichbar ist.

Um 1900 kehrt Claudel über Palästina aus China nach Frankreich zurück, in der festen Absicht, seine steile diplomatische Laufbahn abzubrechen und Priester zu werden. Sein Ansinnen wird jedoch abgewiesen, er ist zum Ordensstand nicht berufen - ein unerhörter Schlag für den radikalen Gläubigen. Aufgewühlt, zurückgestoßen begegnet er nun auf der Rückreise nach China der Frau, die hinter der zentralen Gestalt der Ysé steht. Sie entfacht in ihm das, was man als "Mystik des Fleisches" bezeichnen könnte: die Fortsetzung einer religiösen Krise in eine erotische, und die gegenseitige Durchdringung der beiden.

Mit Frömmelei hat MITTAGSWENDE nichts, mit radikaler Selbstbefragung alles zu tun: drei Männer und eine Frau, die sie alle drei verlässt, um zu zweien doch wieder zurückzukehren, zu einem, um mit ihm zu sterben. In drei Akten schildert Claudel das Geschehen: der erste auf der Überfahrt nach China, im sengenden Mittagslicht, auf der Trennlinie zwischen Afrika und Asien, vier Personen unentrinnbar ineinander verstrickt und gnadenlos ausgesetzt; der zweite auf einem Friedhof in Hongkong, eine Liebesszene von ungeheurer Radikalität; der dritte in einem verbarrikadierten Kolonialhaus in Südchina während des Boxeraufstandes: drei Extrem-, drei Grenzorte, aus denen es kein Entweichen gibt, es sei denn, das in den Tod. Das Religiöse an diesem Stück ist seine anarchische Emotionalität, die Unbedingtheit der bloßgelegten Beziehungen, die wie in einem Experiment vorgeführt werden, aber von einem Autor, der sich nicht aus der Sache heraushalten kann und der sich mit diesem Werk das Leben rettet.

Der Abend wird noch schöner sein. Haben Sie gesehen, gestern, wie er aus dem Herzen der großen Meeresmasse geboren ward - grünes Blätterspiel und Seen rosa und braun und Striche roten Feuers im wimmelnd klaren Chaos, Farb in Farb verschmolzen - die Farbe aller Farben der Welt. So wie der junge Mann mit dem jungen Mädchen sein Ergötzen hat an dem grünsten Grün. Aber der Heilige triumphiert erst an seinem letzten Tag, wenn der langgereifte Wohlgeruch endlich aufbricht in seinem tiefen Herzen.

Immer ist - jetzt die beste Stunde. Eins nur verlang ich: klar sehn, gut sehn - Alle Dinge just, wie sie sind - das ist doch viel schöner - und nicht, wie ich sie wünsche; klar sehn, was ich tue und was mir zu tun obliegt.

Keine Zeit ist zu verlieren. - Nicht die Zeit fehlt, wir fehlen ihr.

Ysé Nina Kunzendorf
Mesa Stephan Bissmeier
De Ciz Jochen Noch
Amalric Hans Kremer
Regie   Jossi Wieler
Bühne und Kostüme   Anja Rabes
Dramaturgie   Tilman Raabke
Musik   Wolfgang Siuda
Licht   Max Keller



Nina Kunzendorf spielt am Samstag, den 3. 4. 04 die Ysé in der Premiere von Claudels ¸¸Mittagswende" an den Kammerspielen


"Das ist doch ein Mysterium: Manchmal denkt man in einer hochdramatischen Szene daran, was man am nächsten Tag einkaufen muss, und kommt total präsent rüber. Und ein andermal glaubt man, ah, jetzt hab" ich"s, das ist es, und die Zuschauer sind nicht sonderlich gefesselt. Ein Mysterium, und wenn man nun schriebe, die Frau, die dies sagte, sei selber eines, ein Mysterium also, man wüsste sich auf der sicheren Seite, weil einem da sofort zahlreiche Kollegen aus allen möglichen Ressorts dieser Zeitung in den Sinn kommen, von denen man sicher sein kann, dass sie im Theater sitzen, immer dann, wenn Nina Kunzendorf spielt.


Dementsprechend wäre Nina Kunzendorf ein Star, ein Star an den Kammerspielen. Sagt man ihr das oder fragt man sie, ob sie denn einer sei, dann schaut sie einen an wie ein erstaunter Frosch, der sein Gegenüber für total bekloppt hält, und meint: ¸¸Nö." Weil, das habe doch mit Prominenz zu tun, und prominent sei sie nicht. Vielmehr habe sie einfach Glück gehabt. Begann mit den richtigen Produktionen, mit ¸¸Klaus und Edith" und mit ¸¸Alkestis" also, da war sie dann halt in einer glücklichen Schiene drin, weil dann weitere glückliche Produktionen kamen, wie in dieser Spielzeit der ¸¸Titus", den sie sehr gern mag. Und jetzt kommt ¸¸Mittagswende" von Paul Claudel, inszeniert von Jossi Wieler, der hat schon ¸¸Alkestis" gemacht.


Es gibt kaum eine Schauspielerin, die privat so sehr anders ist als das, was sie auf der Bühne verkörpert. Das hat vielleicht damit zu tun, dass Nina Kunzendorf immer die ¸¸Strahleweiber" spielen muss wie beispielsweise in ¸¸Schlachten", schon auf der Schauspielschule in Hamburg war sie eher auf die ¸¸alkoholisierten 40-Jährigen" abonniert. Eigentlich stresst sie das, viel lieber wäre sie mal ein ¸¸Griesgram", vielleicht in der vagen Hoffnung, dann nicht immer Männer an ihrer Seite zu wissen, die so viel älter sind als sie. Sagt sie und grinst, weil als Ysé, ihrer Rolle in ¸¸Mittagswende", zwischen Stephan Bissmeier und Hans Kremer schwanken zu müssen, scheint ihr doch sehr viel Spaß zu machen. Schauspielerisch, wohlgemerkt. Außerdem käme ihr, wenn sie nervös sei, kein Lächeln über die Lippen, dann denkt sie, uh, alles versaut. Wäre als Griesgram leichter.


Im Grunde hatte Nina Kunzendorf nie eine Bühnenjugend, Gretchen, Ophelia, schon vorbei, bevor je gespielt. Und was ist geblieben: die Nervosität. Das klingt ungerecht. Letztlich ist sie sich immer noch sicher, dass der ¸¸ganze Schwindel mal auffliegt". Als sie zwei Jahre in Mannheim und zwei Jahre in Hamburg (da schon bei Frank Baumbauer) spielte, da lag ihr der Gedanke von dem Schwindel noch viel näher, da hatte sie richtig Angst. Doch mittlerweile vertraut sie ihrem Handwerk mehr, und an den Kammerspielen, mit diesem Ensemble, macht ihr Theaterspielen so richtig Spaß.
...


Das darf man ihr nicht sagen, sonst schaut sie wieder so wie vorhin. Wobei sie natürlich schon zugibt, dass Theater viel mit Verzauberung zu tun hat. ¸¸Aber deswegen macht man"s doch." So ist sie irritiert, wenn sie in der Straßenbahn Gespräche über die Kammerspiele mithört, aus denen vielleicht nicht die vollkommene Begeisterung heraustönt. ¸¸Ist denn ,Titus" wirklich schon zu gewagt?" Es sei nicht wirklich zu verstehen, wann etwas funktioniert und wann nicht. Als sie nach München kam, nach einem Jahr Pause vom Theater, da dachte sie sich, nun gut, in Hamburg gibt es auch zwei große Theater, wieso sollte das hier ein Problem sein? Natürlich sei das ¸¸Fest des Lamms" nicht leicht, ¸¸Titus" ist auch nicht leicht, aber müsse es denn leicht sein? Man dürfe nicht dem Publikum mit dem Hintern ins Gesicht springen. Aber jetzt, weil Teile der Presse mit Schaum vor dem Mund den Winter ihres persönlichen Missvergnügens in öffentliche Worte fassen, darf man da mutlos werden und halbgare Sachen abliefern? Nein. ¸¸,Mittagswende" ist auch überhaupt kein leichtes Stück."

Wird es funktionieren? Viele Male hat sie es gelesen, den Text, mit dem sich Paul Claudel die Liebe seines Lebens von der Seele schrieb. Briefe hat sie gelesen, die Claudel der Angebeteten schrieb, zehn Jahre, nachdem deren fünfjährige Liaison vorbei und beide längst anderweitig verheiratet waren. Briefe, die so klangen, als wäre die ganze Aufregung des Herzens gerade einen Monat her. Claudel konstruiert hier ein Reise nach China. Auf dem Schiff: Ysé, ihr Gatte de Ciz, der Aufreißer Amalric, der weiche, zerrissene Mésa. Vier Menschen auf dem Weg ins Glück, in eine Welt, die sie nicht begreifen. Ein Paradigma von Verantwortung, auch gegen sich selbst, von Projektion, von Narzissmus. Motto: ¸¸Du und ich, hingegeben, niedergeworfen, losgerissen, zerfleischt und verzehrt." (Claudel) Am Ende tobt draußen die Welt, der Boxeraufstand, doch die Figuren kreisen nur ¸¸um ihr eigenes vertanes Leben. So wie heute." (Kunzendorf).

Schon wieder so ein Strahleweib. Als Nina Kunzendorf den Text las, da ging ihr Ysé gewaltig auf den Wecker: Eine Frau, die ¸¸einen Roulette-Tisch aufbaut und ein Spielchen beginnt". Nö, danke. Und auf die Typen, die auf solche Weiber stehen, auf die hat sie schon gar keine Lust. So. Aber Nina Kunzendorf ist keine ¸¸Psychoschauspielerin", die sich ¸¸fünf Stunden in eine Aufführung hineinkrampft und danach wieder drei Stunden hinauskrampft", sie bleibt offenbar für ihre Umwelt erträglich. Das Gegenteil wäre furchtbar. Da denkt sie lieber über die ¸¸48 Subtexte" nach, die man in diesem Dialogstück, das quasi ohne Ort auskommt, mitspielen muss, damit es kein ¸¸wohltemperiertes Konversationstheater" wird. Und jetzt mag sie das Stück, die Fragilität, die mit ihm jeden Abend zu erwarten ist. Und wenn"s wirklich nichts wird, dann hätte sie immerhin acht Wochen wunderbare Lebenszeit gehabt, hat gelernt von den Kollegen und von Jossi Wieler. Aber schade wäre es schon. Und so egoistisch ist sie eh nicht.

Schade ist ganz etwas anderes. Nina Kunzendorf spielt sehr gern Theater. Noch lieber aber wohnt sie. Und das ist in München schwierig. Dazu kommt, dass der ¸¸Herzensmensch" in Berlin wohnt, ihr Labrador Giada auch. Nun geht sie, will aber nicht.

Werte Kollegen aus den anderen Ressorts, so schlimm wird es nicht. Denn Nina Kunzendorf geht nicht an ein anderes Theater, sie wüsste gerade ohnehin keines, von dem sie sich vorstellen könnte, es würde ihr dort so gut gefallen wie an den Kammerspielen. Sie bleibt Gast, Dauergast, weil sie in ihren Stücken, die weiter laufen, nach wie vor mitspielt, weil sie im Herbst wieder eine Premiere in München machen wird. Nur will sie halt wohnen, kochen, sich einen privaten Ort schaffen, nicht auf sündteuren 43 Quadratmetern in einer Arbeitersiedlung in der Nähe des Prinzregentenplatzes hausen. Den Kammerspielen bleibt sie deshalb nicht weniger verbunden, weil sie am Haus hängt, weil sie die Arbeit hier schätzt. Und außerdem: ¸¸Verlassen" wäre jetzt ganz falsch; vielmehr liegt ihr das Ankommen der Kammerspiele in dieser Stadt am Herzen." 

EGBERT THOLL -  Süddeutsche Zeitung - Nr.79, Samstag, den 03. April 2004 

                 Der Inbegriff von Eros und Tod

 

von Sabine Dultz im Münchner Merkur

 

Man kann einiges gegen das Stück haben. Alles aber spricht für diese Aufführung. Mit Jossi Wielers Inszenierung von Paul Claudels "Mittagswende" ist den Münchner Kammerspielen eine Premiere gelungen, die die Zuschauer zweieinhalb spannende Stunden lang einen tiefen Blick in die widersprüchlichen und unerklärbaren Abgründe menschlicher Seelen werfen lässt. Ein sensibler, großartiger Regisseur, vier ausgezeichnete Schauspieler und eine Bühne von raffiniertester Einfachheit.

Claudel (1868-1955), einer der großen französischen Autoren und sein halbes Leben lang in diplomatischem Dienst zwischen New York, China und Hamburg, wurde in Deutschland vor allem berühmt aufgrund seines Dramas "Der seidene Schuh". In den letzten 30 Jahren spielte er hierzulande höchstens nur noch eine untergeordnete Rolle. Die Generation der 68er hatte den Autor und seine wenn auch großen, doch aber vor Frömmigkeit triefenden Dramen hinweggefegt. Nun scheint er wieder aktuell zu werden. Nach kreischenden Klassiker-Zurichtungen und allerlei seichtem Tralala kommt heute wieder psychologische Feinzeichnung zu ihrem Recht.

Moral und Ehebruch

Claudel schrieb "Mittagswende" 1905. Er bewältigte damit seine persönliche Krise, in die er geraten war durch die Affäre mit einer verheirateten Frau. Er war ihr auf einer seiner Schiffsreisen nach China begegnet. Der Konflikt zwischen moralischem Anspruch und Ehebruch, religiöser Berufung und dem Verfallensein der sinnlichen Liebe ist denn auch der zentrale Punkt in seinem Stück, von dem es mindestens zwei Versionen gibt: jene, die der Autor 1948 für die Pariser Uraufführung durch Jean-Louis Barrault glättend erstellt hat, und die radikalere, so genannte Urfassung, auf die man jetzt an den Kammerspielen zurückgriff.

Aber auch hier ein Stück voller religiöser Symbole, Zeichen und Allegorien, das nur anfangs dem Anschein nach eine Liebeskomödie sein könnte: eine Frau zwischen drei Männern. Sie - der wohl auch schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts unzeitgemäße Inbegriff für Eros und Tod. Es ist vor allem Claudels Frauenbild, das sein Drama heute ziemlich überholt und es insgesamt fragwürdig erscheinen lässt. Die Männer dagegen - drei unterschiedlichste Typen, aktuell zu jeder Zeit: der Erfüllung Suchende, der Draufgänger und Abenteurer, der angeberische Geldmacher und Verlierer. Alle sind sie zwischen 30 und 40, am "Scheitelpunkt" ihres Lebens, sich der Unumkehrbarkeit ihrer Lage bewusst. Den Suez haben sie, wie es heißt, bereits hinter sich. Schon die Namen, die Claudel seinen Figuren gab, sind Programm. Mit Ysé´ erinnert er nicht nur an Isolde, sondern bezieht sich auf das griechische "isos", die Gleichheit, das Abbild des ewig Gleichen. Mesa kommt von "mesos" und bedeutet so viel wie die Hälfte; Amalric weist phonetisch auf das Entzweischneiden hin und de Ciz auf den Schnitt oder die Scheidung.

Im ersten Akt aber ist das Quartett noch zusammen. Auf den weißen Planken des Ozeandampfers, geblendet von der durch alle Spalten dringenden Mittagssonne, taumeln die Figuren, als hätten sie den Boden unter den Füßen verloren. Hangeln sich an den Wänden entlang, um auf dem bewegten Meer Halt zu finden. Stemmen sich gegen den Boden, um standhaft zu bleiben - nicht zuletzt gegenüber ihren in Wallung geratenen Gefühlen. Kaum, dass sich die vier berühren. Ihre Blicke sprechen Bände. Ihr leiser Ton sorgt für knisternde Stille. Ihre zeitlupenhaften Bewegungen signalisieren die Ruhe vor dem Sturm.
Wunderbar Nina Kunzendorf als Ysé´ - lasziv, kokett; mit herausfordernder Trägheit räkelt sie sich an der Bordwand wie ein Säugling in seinem Bett; faszinierend in ihrer Schönheit. "Ein Allerletztes in mir, das gab ich nicht preis" - das Geheimnis der Ysé´ bleibt auch das Rätsel dieser Schauspielerin, der interessantesten im gesamten Kammerspiele-Ensemble.

Arroganz und Begierde

Ausgezeichnet von Jossi Wieler geführt ist hier auch Hans Kremer, der als Weltenbummler Amalric kaum wiederzuerkennen ist; ein lässiger Siegertyp im ersten, ein harter Kerl im dritten Akt. Ebenso Jochen Noch, der den Ehemann De Ciz spielt - dümmlich, protzend mit der schönen Frau, die er immer wieder besitzanzeigend umfasst, aber zunehmend verunsichert und am Ende gar zu bedauern, da er bar jeder Menschenkenntnis sich von Mesa in den sicheren Tod schicken lässt.

Mesa ist unter diesen geldgeilen Europäern der einzige, den anderes umtreibt: seine Suche nach Gott. Hochmütig und introvertiert, zurückhaltend, den Blicken der anderen ausweichend - so spielt ihn in gestriegelter Schlaksigkeit Stephan Bissmeier; offenbar immer einen Kamm parat, um sich das glatte Haar noch glatter zu kämmen: zwischen unsicherer Arroganz, lächerlicher, später Jünglingshaftigkeit, eruptiven Ausbrüchen der Begierde und demütigem Dialog mit Gott. Was beim Lesen des Textes so bleiern, so bekenntnishaft erscheint, bekommt bei Bissmeier eine staunenswert schwebende, mitunter das Komische streifende Leichtigkeit.

Das letzte Mal an diesem Haus wurde Claudels "Mittagswende" 1960 aufgeführt, inszeniert vom damaligen Intendanten Hans Schweikart, gespielt von Maria Wimmer, Rolf Boysen, Peter Lühr und Alexander Kerst. Der Intendant war mit sich selber unzufrieden, nach nur vier Vorstellungen setzte er das Stück wieder ab. Dass "Mittagswende" heuer weit mehr als nur vier Abende erleben wird, ist angesichts der hohen Qualität dieser Jossi-Wieler-Inszenierung garantiert. Großer Beifall für alle.

          Jossi Wieler inszeniert Claudels ¸¸Mittagswende" an den Münchner Kammerspielen

von JOACHIM KAISER

An Paul Claudels bekenntnishaftes, ihm selbst später ein wenig peinliches, gottselig schwärmerisch über Leichen gehendes Drama ¸¸Mittagswende" erinnern sich ältere deutsche Theaterbesucher nicht ohne respektvolle Angst.

Das 1905 entstandene, später umgearbeitete Stück wird selten aufgeführt. Einst, im Jahr 1960, sah man es in den Münchner Kammerspielen - mit Maria Wimmer, Peter Lühr, Alexander Kerst und Rolf Boysen - und erschrak vor dem jugendstilhaften Überschwang des ehebrecherischen ¸¸Liebestod"-Rausches im zweiten Akt: ¸¸Fühlst du ihn jetzt in deiner Brust, den Liebestod, und diese Glut, die ein Herz entfacht, das sich verzehrt . . ." Fremdelte aber auch mit der sakramentalen Üppigkeit des Finales, wo, kurz bevor die Höllenmaschine explodiert, alles ¸¸schändliche Fleisch" immerhin in der zumindest für glaubensfeste Seelen tröstlichen Gewissheit erschaudert, ¸¸der Geist währt unauslöschlich" . . .

Wer mit solchen Erwartungen oder Befürchtungen die von Jossi Wieler sorgsam klug und asketisch streng inszenierte neue Kammerspiel-Inszenierung sah, musste zumindest während der ersten beiden Akte ungläubige Überraschung empfinden. Befriedigt dank der ans Niveau gewohnter KammerspielTradition anknüpfenden Aufführungs-Kultur, aber enttäuscht wegen der durchdringenden Veränderung dramaturgischer, dialogischer, heilsbezogener Gewichte.

Gewählt war die frühe Fassung von 1905, nicht die mit verstärkter Glaubensgewissheit umgearbeitete aus den vierziger Jahren. Doch man sollte, angesichts der Heftigkeit des Stoffes, Unterschiede der Fassungen nicht überbewerten. In der späteren Fassung tritt das hymnische Element noch stärker hervor. An der ¸¸Zumutung", an der Gewalt der Sache ändern gewisse Unterschiede nicht allzu viel. Wenn der erfahrene Mesa beispielsweise im späteren Text auf die Frage seiner geliebten Ysé: ¸¸Droht irgendeine Gefahr?" raunend antwortet: ¸¸Der Weltuntergang droht ständig", während er in der früheren Fassung resignierter reagierte: ¸¸Nein . . . Öh . . . wer kennt sich in China aus."

Kein Zweifel: Dieser ferne Claudel-Text muss jeden Regisseur in einen viel streichenden, heftig neu akzentuierenden Autor verwandeln. Anders geht es nicht. Die wunderschöne Ysé ergibt sich also Akt für Akt einem neuen Mann zur Liebe. Verstößt, schickt in den Tod, leidet, unterwirft sich. Die Frau als Köder, um einen besonderen Mann zu Gott zu führen, der Vamp als Werkzeug des Unheils wie des Heils. Man kann die Handlung nacherzählen wie ein amoralisches Boulevard-Stück mit der Tendenz zum Abgrund. Aber auch so, als ginge es hier um letzte, katholisch-universal Gottes Schöpfung verherrlichende Dinge.

Der Regisseur Jossi Wieler setzte auf Reduktion. Man sprach während der ersten beiden Akte leise, gefährlich leise, teils nobel beiläufig, manchmal, als äußerten die Figuren Monologisches, mehr zu sich als zu den Partnern hin. Die Witzigkeit des Dialogs verblüffte. Als wäre die ¸¸Mittagswende" von Noel Coward oder von einem leisen Giraudoux. Wenn dann im dritten Akt doch Passionen laut wurden, wirkten sie eher als Zutaten, kaum als Essenz des Ganzen.

Gott kam, sozusagen, überhaupt nicht vor in den ersten vierzig Minuten. Diskret wich Wieler aller religiösen Erbaulichkeit, aber auch aller Claudelschen Beschwörung aus. So ersparte er uns manche Peinlichkeit des Stückes, aber auch Claudels Passion, die sich in deutscher Übersetzung oft schrecklich rhetorisch ausnimmt.

Tugend ohne Gott

Hinreißend schön, fragil, in zarten, balletthaft durchstilisierten Posen imponierte Nina Kunzendorf als Ysé. Im ersten Akt, die Beinhaltung ständig graziös variierend, lehnte sie sich an die alle glühende Sonne wegdunkelnden Schiffsvorhänge. Man bezeichnete sie als Königin, als Kokette, frei, als aufrecht, draufgängerisch, geschmeidig, entschlossen - und sie wirkte auch so auf die gehorsamen Männer, von welchen sie dann doch früher oder später beherrscht wurde, weil ein Teil ihrer Seele zugleich die Unterwerfung brauchte.

Wie ein Prügelmädchen bekannte sie: ¸¸Er behandelte mich, wie ich noch nie behandelt wurde. Und ich bat ihn um Verzeihung, und dabei vergoss ich heiße Tränen wie ein kleines Schulmädchen." Oder: ¸¸Und was läge daran, wenn du mir weh tätest, vorausgesetzt, dass ich nur fühle, wie du mich presst und ich dir untertan bin!" Ja, einer Frau falle es leicht, nachzugeben, jählings ist sie ¸¸nichts als Verworfenheit, Unterworfenheit . . ."

Jossi Wieler und Nina Kunzendorf mögen gespürt haben, dass eine derartige seelische Bandbreite unspielbar sei. Darum verwandelten sie die Ysé in eine Schwester der Wedekind"schen Lulu. Liebe wie grausam mörderisches Verhalten hatten nun etwas vom Traum eines Engels. Man begriff die Männer, wie sie diesem Engel verfielen. Aber die Ysé selbst blieb pretiöses Rätsel. Zarte, keineswegs verhuschte, sondern sorgsam stilisierte Andeutungen.

Claudel wollte in diesem Drama zeigen, wie nicht nur das ¸¸Fleisch wider den Geist" aufbegehrt - sondern auch ¸¸der Geist wider das Fleisch". Hauptfigur ist eigentlich nicht die Ysé, sondern Mesa, der Gott sucht, sich von Gott zurückgewiesen meint, und am Ende über die Liebe doch zu ihm kommt. Darauf aber ließen sich Wieler und Stephan Bissmeier nicht ein. Dieser Mesa - ist er nicht, wie er sich selber nennt, ein ¸¸Gelber", ein ¸¸alter Chinese"? - hätte sich viel fremder, ungewöhnlicher ausnehmen müssen im durchaus akzeptablen Solisten-Quartett. Bissmeier sprach zu leise, zu undeutlich. In seiner verzweifelten Gottsuche, aber auch in seinem kaum auffallenden ¸¸Lobgesang" (vor dem Tod im dritten Akt) kamen AusrufungsZeichen gleichsam nicht vor, als imponiere dem Schöpfer des Himmels und der Erde hauptsächlich Diskretion.

Wenn Mesa und Ysé am Ende des zweiten Aktes den derben, gutartigen, dumm ehrgeizigen ersten Ehemann Ysés, De Ciz (Jochen Noch ließ sich leicht düpieren) wie in einem Intrigenstück auf eine tödliche Reise schicken, indem sie ihn davor so warnen, dass er es nun gerade will - dann wurde so etwas eher zur Hauptsache als der hier gänzlich verborgene Gott. Die relativ spannungsarme Harmlosigkeit von Jochen Noch wie die derbe, problemlose Courage des letzten erfolgreichen Liebhabers Amalric (Hans Kremer) waren Konsequenz von Wielers vorsichtiger Reduktion.

Das Bühnenbild und die (für Ysé höchst kleidsamen) Kostüme stammten von Anja Rabes. Lauter Andeutungen, wie sie einem modernen Publikum zu genügen scheinen. Ein Letztes: Indem die Aufführung allen peinlichen, weil ins Deutsche kaum akzeptabel übertragbaren religiösen Ekstasen (bis auf ein paar späte Momente am Schluss) auswich, lief sie folgende, nicht leicht beschreibbare Gefahr.

Wenn sehr leise parliert wird, durchdacht, unauffällig bedeutsam, entsteht nämlich keineswegs ohne Weiteres die gesuchte ¸¸moderne" zweite Natürlichkeit. Sondern eher ein vornehm versnobtes Idiom: Überlegen vor sich hin redende Figuren, die ihre Leidenschaften verbergen, lieber süffisant erscheinen möchten als betroffen. Um so betroffener freilich reagierte mit lang anhaltendem Beifall das Münchner Premieren-Publikum. 

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.80, Montag, den 05. April 2004

 

Meine Bekehrung (1909)
von Paul Claudel (1868-1955)
 
Am 6. August 1868 wurde ich geboren. Meine Bekehrung vollzog sich am 25. Dezember1886. Ich war also achtzehn Jahre alt.
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Man entsinne sich nur jener traurigen Zeit der achtziger Jahre, jener Epoche der Hochblüte der naturalistischen Literatur. Niemals schien das Joch der Materie dauerhafter geschmiedet. Alles, was in Kunst, Wissenschaft und Literatur einen Namen hatte, war irreligiös. Alle (sogenannten) großen Männer des ausklingenden Jahrhunderts hatten sich durch Feindseligkeit gegenüber der Kirche ausgezeichnet.
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Mit achtzehn Jahren glaubte ich also, was die Mehrzahl der sogenannten gebildeten Menschen jener Zeit glaubten. Der große Gedanke von Individualismus und von der Fleisch gewordenen Wahrheit war in mir getrübt. Ich eignete mir die monistische und mechanische Hypothese in ihrer ganzen Strenge an; ich glaubte, alles sei "Gesetzen" unterworfen, und diese Welt sei eine Verkettung von Ursachen und Wirkungen, welche die Wissenschaft bereits übermorgen vollständig entwirren würde. All das kam mir im übrigen sehr betrüblich und äußert langweilig vor.
 
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Im übrigen führte ich ein unmoralisches Leben und verfiel nach und nach in einen Zustand der Verzweiflung. Der Tod meines Großvaters, den ich monatelang an Magenkrebs dahinsiechen sah, hatte mir einen tiefen Schrecken versetzt; seitdem verließ mich der Gedanke an den Tod nicht mehr.
 
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Ein erster Schimmer der Wahrheit drang zu mir durch die Begegnung mit den Büchern eines großen Dichters, dem ich hierfür ewigen Dank schulde; bei der Formung meines Denkens hat er eine überragende Rolle gespielt: es war Arthur Rimbaud.
 
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Zum erstenmal wurde durch diese Bücher eine Bresche in mein materialistisches Bagno geschlagen, sie vermittelten mir den lebendigen, beinahe physischen Eindruck des Übernatürlichen.
 
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So stand es um das unglückliche Kind, das sich am 25. Dezember 1886 in Notre-Dame-de-Paris begab, um dort dem Weihnachtshochamt beizuwohnen. Damals fing ich zu schriftstellern an und hatte die Vorstellung, ich könnte in den katholischen Zeremonien, die ich mit dünkelhaftem Dilettantismus betrachtete, ein geeignetes Reizmittel und den Stoff für ein paar dekadente Übungen finden.
 
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Ich selbst stand unter der Menge in der Nähe des zweiten Pfeilers am Choranfang, rechts auf der Seite der Sakristei. Da nun vollzog sich das Ereignis, das für mein ganzes Leben bestimmend sein sollte. In einem Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte. Ich glaubte mit einer so mächtigen inneren Zustimmung, mein ganzes Sein wurde geradezu gewaltsam emporgerissen, ich glaubte mit einer so starken Überzeugung, mit solch unbeschreiblicher Gewissheit, dass keinerlei Platz auch nur für den leisesten Zweifel offen blieb, dass von diesem Tage an alle Bücher, alles Klügeln, alle Zufälle eines bewegten Lebens meinen Glauben nicht zu erschüttern, ja auch nur anzutasten vermochten. Ich hatte plötzlich das durchbohrende Gefühl der Unschuld, der ewigen Kindschaft Gottes, einer unaussprechlichen Offenbarung.
 
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Es ist wahr! Gott existiert, er ist da. Er ist jemand, es ist ein ebenso persönliches Wesen wie ich! Er liebt mich, er ruft mich. Tränen und Schluchzer überkamen mich, un der liebliche Gesang des Adeste trug noch das seinige zu meiner Erschütterung bei. Eine recht süße Erschütterung übrigens, der sich dennoch ein Gefühl des Schauders, ja beinahe des Schreckens zugesellte! Denn meine philosophischen Überzeugungen blieben unangetastet. Gott achtete ihrer nicht und überließ sie ihrem Schicksal; sie zu ändern, sah ich keinen Anlaß; die katholische Religion kam mir nach wie vor wie ein Sammlung törichter Anekdoten vor; ihre Priester und Gläubigen flößten mir immer noch den gleichen Widerwillen ein, der sich bis zu Haß, ja bis zu Ekel steigerte. Das Gebäude meiner Ansichten und Kenntnisse brach nicht zusammen, an ihm entdeckte ich keinen Fehler. Es war nur eines geschehen, ich war aus ihm herausgetreten! Ein neues, gewaltiges Wesen mit schrecklichen Forderungen an den jungen Menschen und Künstler, der ich war, hatte sich offenbart; doch ich verstand nicht, es mit irgendetwas von dem, was mich umgab, in Einklang zu bringen. Der zustand eines Mannes, den man mit einem Griff aus seiner Haut reißt und in einen fremden Körper in einer ihm unbekannten Welt verpflanzt, ist der einzige Vergleich, der annähernd diesen Zustand völliger Fassungslosigkeit veranschaulichen könnte.