Christliche Werte und Traditionen -
 Sollte sich EUROPA darauf berufen?


Die Anregung zur Diskussion gab der Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 24./25.4.2004, verfasst von Burkhard Müller


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oder an

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Bisher eingegangene Beiträge von:

Ernst Reif
Karl-Heinz Kurek
Winfried Seipolt
Siegfried Schwinn
Oskar B.
Erhard Donig

 

Die Parteien zur Europawahl zu den Werten der Gemeinschaft

Selten hat ein Beitrag bei der SZ eine derartige Flut von Reaktionen hervorgerufen. Dies zeigt die Brisanz der aufgeworfenen Thematik.

Eine erste Stellungnahme in der SZ erfolgte vom kath. Fundamentaltheologen Jürgen Manemann. Seine Einwände sind in den Diskussionsbeiträgen mit eingearbeitet.

Inzwischen wird die Thematik auch im TAGESSPIEGEL (Berlin) heftig diskutiert. Bisher sind erschienen Artikel von:

Die Diskussion wird auch in der SZ weitergeführt. 
Am 13.5.2004 antwortete 
Nikolaus Knoepffler, 
der das Ethikzentrum der Friedrich-Schiller-Universität in Jena leitet.

Am 1.6.2004 ist ein Artikel von Detlef Horster erschienen, der  Sozialphilosophie an der Universität Hannover lehrt. Er vertritt die Ansicht, dass alle unsere Werte christlich geprägt sind. (mehr ...)

Am 26.8.2004 hat Hans Maier die Diskussion weitergeführt und gefragt: "Lebt die moderne Zivilisation jenseits des Christentums? Ermöglicht das Christentum erst die Moderne?

Thesen:

Diskussionsbeiträge:

1.

Der Dekalog (Du sollst nicht lügen, nicht töten ..... ) ist nichts spezifisch christliches, er gilt noch in den unähnlichsten Gesellschaften, die sonst gleichfalls nicht funktionieren würden.

  • Der Dekalog ist nicht genuin christlich sondern jüdisch (dazu mehr von Winfried Seipolt)

  • Verleiht nicht das Gottesvertrauen des christlichen Glaubens der praktischen Befolgung der Normen erst die notwendige Entschiedenheit? Nach christlichem Verständnis befähigt das Vertrauen auf Gott allererst dazu, gut handeln zu können. Zugleich bedeutet das Handeln vor Gott Verantwortung des Einzelnen für sein Tun. Nur wer diese dialektische Pointe christlicher Freiheit verkennt, kann meinen, Religionsdistanz sei die Voraussetzung für eine moderne Ethik. 

    Hermann Deuser gibt in seinem Reklam-Buch " Die Zehn Gebote" eine ausgezeichnete Einführung in die theologische Ethik, die zur Bedeutung dieser uralten ethischen Regeln innerhalb der aktuellen Ethik-Diskussionen einen hervorragenden Beitrag liefert. (Reklam - Gelbe Reihe 18233 - nur 5,60 €)   

  • Hans Küng in einem Interview über den Ethos der Menschheit 

  • Interessantes zu jedem der 10 Gebote findet sich unter dieser Adresse: www.epv.de/10-gebote - zum Beispiel ein Gespräch des Protestanten Carl-Friedrich von Weizsäcker und des Katholiken Hans-Jochen Vogel über ihre Erfahrungen mit Religion und Politik, Glaube und Wissen, Macht und Ohnmacht. 

  • siehe dazu auch die Diskussion zwischen Kardinal Ratzinger und Habermas

 

2.

Die Achtung der Persönlichkeit des Anderen, die Bereitschaft, sich in die Anforderungen eines hochorganisierten Gemeinwesens zu fügen, Toleranz gegen abweichende Meinungen, der Wunsch seine Fähigkeiten auf die bestmögliche Weise zu entwickeln und einzusetzen sind sehr erfreuliche Tugenden, haben aber mit dem Christentum nichts zu tun!

  • Was hält ein Gemeinwesen zusammen? (dazu mehr von Ernst Reif )

  • Was sind christliche Werte und welche werden als solche wahrgenommen? (dazu mehr von Karl-Heinz Kurek)

  • "Es kommt darauf an, die Erinnerung an Passion, Tod und Auferstehung Christi als subversive Erinnerung zu begreifen, die vor allem das fremde Leid und dessen Abschaffung im Blick hat. Es ist das 'Eingedenken fremden Leids' (J.B. Metz), welches das Christentum den jüdischen Traditionen verdankt und das für ein postimperalistisches Europa unabdingbar ist." (J. Manemann)

 

3.

Das Christentum hat zu seinem Glutkern die Verheißung, jede einzelne Seele sei der Ewigkeit teilhaftig - im Guten oder Schlechten, zu Himmel oder Hölle. Deshalb muss das ewige Schicksal der Seele so wichtig werden, dass ihr irdisches darüber in Bedeutungslosigkeit versinkt.

4.

Wo immer das Christentum nicht nur Stärke , sondern auch Macht besaß, ist es als Zwangsveranstaltung aufgetreten. Die Inquisitoren meinten es vollkommen ernst, wenn sie einen Ketzer verbrannten, um seine Seele zu retten. Alles was heute als Freiheitsrechte des Individuums gilt, musste mit Gewalt gegen die Christen durchgesetzt werden.

5.

Das Liebesgebot eignet sich nicht als tragender Teil unserer Gesellschaft, wenn man es wirklich seinem vollen Anspruch nach, Modell linke Backe/rechte Backe, umsetzen wollte.

  • "Jesus sieht den Menschen im Horizont seiner je größeren Möglichkeiten, wenn es um die Kultivierung der Mitmenschlichkeit geht. Zwar weiß er um den blickverstörenden "Balken", der im Interesse gerechter Beziehungen aus dem Auge entfernt werden muß (Lk 6,41f), und um den tief sitzenden Hang zu Mißgunst (Mt 20,15) und Unbarmherzigkeit (18,28 -34); doch setzt er mit seiner Immunisierungsstrategie zugleich in den Menschen das Vertrauen, daß er nicht nur durch Gesetze vom Bösen abgehalten, sondern durch die ihm eingestiftete Liebe außer Stand gesetzt wird, Böses zu wollen oder gar zu tun. Von daher gesteht er ihm nicht nur die Fähigkeit zu selbstvergessener Nächstenliebe, sondern sogar zur Feindesliebe zu." (Eugen Biser in "Das Antlitz" S. 213)

6.

Liebe gehört ganz und gar dem einzelnen Menschen, dem, der sie schenkt und dem, der sie empfängt. Jeder hat, wenngleich in unterschiedlichem Maß, die angeborene Begabung zu beidem - Christen nicht mehr und nicht weniger als alle anderen auch.

  • "Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlaßt einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. Gebt, dann wird auch euch gegeben werden. In reichem, vollem, gehäuftem, überfließenden Maß wird man euch beschenken; denn nach dem Maß, mit dem ihr meßt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden." 
    (vor ca. 2000 Jahren vom Evangelisten Lukas 6,37-38 den zukünftigen Christen auf den Weg gegeben - aktuell für eine Wertedebatte wie ehedem!) 

7.

Das Christentum besteht im wesentlichen aus dem Mumm, sein ganzes Leben danach auszurichten, dass nach dem Tod die Ewigkeit kommt. Alles andere am Christentum hört, wenn dieses Zentrum vernichtet ist, auf, christlich zu sein und wird etwas völlig Anderes, das sich von seinem Ursprung abwendet.

  • "Müllers Beitrag hält durchaus richtige, für Christen bittere Tatsachen bereit: etwa die Einsicht, dass Christen sich selbst fragen müssen, ob sie noch an den Gott Abrahams, Jakobs, Isaaks, den Gott Jesu Christi glauben oder bloß noch an ihren geglaubten Glauben. Und Christen haben immer wieder ihr Christentum im dualistischen Sinne als eine Ausrichtung auf eine jenseitige andere Welt entfremdet."... Insofern hat Müller Recht, wenn er schreibt, dass das Christentum aufhört, christlich zu sein, wenn dieses Zentrum verschwunden ist. ...

    Ja, es stimmt, und wer wollte das ernsthaft bestreiten: Der christliche Glaube ist in einer Krise. Und diese Krise ist immer auch und vielleicht primär eine Krise ihrer Subjekte. Deshalb sollten Christen und Christinnen für diese Krise auch nicht allein oder in erster Linie die anderen und die Gesellschaft verantwortlich machen." (J. Manemann)

  • Die Ausrichtung des Christentums auf die Ewigkeit engt die christliche Botschaft auf nicht hilfreiche Weise ein (dazu mehr . . .  von Siegfried Schwinn)

8.

Europa hat die Nabelschnur der Religion, die es durch die tausendjährige Schwangerschaft des Mittelalters getragen hat, endgültig durchtrennt. Es ist zur Welt gekommen. Europa ist haargenau, als was es von Amerika und Islam verleumdet wird: der gottlose Kontinent. Seine Heiden sind Heiden, und seine Christen sind es auch. Abendland? Gute Nacht!

  • Dazu mehr von Alexander Kissler in der Süddeutschen Zeitung

  • Symbol der Wertegemeinschaft

  • "Die Haltung der Undankbarkeit, die Müllers Text durchzieht, ist Ausdruck einer Respektlosigkeit, die durch ihre Nüchternheit die Anmaßung, die Vergangenheit zu enteignen, zu kaschieren versucht. ... Dieser radikalen posttraditionalen Haltung liegt offensichtlich ein Evolutionismus zugrunde, der Geschichte nach atomphysikalischer Manier in Halbwertzeiten aufteilt, so dass letztlich nur noch das zählt, was übrig bleibt: Gegenwart und Zukunft. ... Die Haltung der Undankbarkeit ist nicht nur Ausdruck kultureller Amnesie, die ihre Solidarität mit den Toten aufgekündigt hat, sie tritt auch noch mit dem Anspruch auf, gerade aus diesem Grund der Anwalt der Freiheit zu sein. Da sich jedoch niemand selbst besitzt, handelt es sich hierbei um einen leicht zu durchschauenden Selbstbetrug. Eine solche, vermeintlich heidnische Individualität zerstört das Individuum, in dessen Namen es auftritt." (J. Manemann)

  • "Von Karl Marx ließe sich lernen, dass Religionen nicht nur als Opium gewirkt haben, sondern immer auch Ausdruck des Humanen waren, ein Seufzer der bedrängten Kreatur. Was wäre Europa ohne diese Erinnerungen? Blanke Leere." (J. Manemann)

Zu These 1:

 

 

Der Dekalog ist nicht genuin christlich sondern jüdisch (Altes Testament).

 
Beitrag von Winfried Seipolt (28.4.2004)

Es wäre interessant, inwieweit die muslimische Religion, welche ja auch alttestamentliche Inhalte aufgenommen hat, diesen Dekalog einbezogen hat.
Der Dekalog wurde für unser abendländisches  Verständnis zu einem der fundamentalen Gesetze.
Er hat in den deklarierten Menschenrechten eine gewisse "Internationalisierung" erfahren. Noch differenzierter findet sich im "Weltethos" (Küng) das große gemeinsame Anliegen wieder .

Zu These 2:

 

Was hält Gemeinwesen zusammen?


Beitrag von Ernst Reif angeregt vom Artikel "Der Mitläufer", den Gesine Schwan in der Zeitschrift "Universitas" (4/2004; S. 352) geschrieben hat.

Eine altehrwürdige, in der griechischen Antike mit Platon und Aristoteles anhebende Tradition des Nachdenkens darüber, was politische Gemeinwesen zusammenhält, und was sie umgekehrt zerstört, behauptet, dass politische Systeme dann stabil bleiben, wenn die objektiven politischen Institutionen den subjektiven Einstellungen der Bürger entsprechen.
Eine Despotie erhält sich dann und nur dann, wenn Furcht die Unterworfenen bestimmt; eine Monarchie dann, wenn sich die Untertanen vom Motiv der Ehre leiten lassen; eine Republik beziehungsweise ein freiheitliches Gemeinwesen dann, wenn die Bürger Freiheit und Gleichheit lieben [nicht nur über sich ergehen lassen!], sie für ihre Mitbürger respektieren und sich danach verhalten. Geschieht dies nicht, dann verlieren die jeweiligen politischen Regime und ihre Institutionen ihre Wirkung.
Die Despotie bricht ohne Furcht der Menschen [glücklicherweise !] zusammen, in der Monarchie will sich keiner mehr in Ehre vor der Krone hervortun und für sie einsetzen, die freiheitliche Demokratie geht an Korruption, Ehrgeiz, mangelndem Gemeinsinn und an Verantwortungslosigkeit zugrunde."
Bedrückenderweise richtig und erschütternd in den Perspektiven für die jetzige Zeit. Denn welche Perspektive ergibt sich dann? Eine Monetokratie ???

 

Was sind christliche Werte und welche werden als solche wahrgenommen?  


Beitrag von Karl-Heinz Kurek (26.4.2004)

Ich bin der Meinung, dass ein vereinigtes und wachsendes Europa auf Werten aufbauen sollte,  wie sie in dem Artikel genannt sind: 
„Achtung vor der Persönlichkeit des Anderen, Toleranz gegen abweichende Meinungen . . . . . Sinn für Freiheit, die eigene sowohl wie die der anderen.“

Genau das sind urchristliche Werte,  wie sie uns von Jesus vorgelebt und überliefert worden sind. Nur sind sie durch so viele andere Gebote und Verbote überlagert, dass sie in der Öffentlichkeit gar nicht als spezifisch christlich angesehen werden.  
Als christliche Werte werden stattdessen Fragen der Sexualmoral, oder populistische Themen wie Kopftuchverbot und Kruzifix im Klassenzimmer wahrgenommen.   

So gesehen, wäre bei einem Europa , dass sich auf seine christlichen Werte beruft,  deren Missbrauch wieder mal Tür und Tor geöffnet. Wir brauchen keine Abgrenzung gegenüber anderen Religionen, sondern sollten uns als Ziel setzen, Werte zu leben, mit denen sich alle Bürger Europas identifizieren können.

Zu These 7:

 

Die Ausrichtung des Christentums auf die Ewigkeit ist eine verkürzte Sicht und engt die christliche Botschaft ein! 


Beitrag von Siegfried Schwinn (15. Mai 2004)

Mit vielen seiner Beobachtungen hat
Burkhard Müller sicher Recht. Und es ist auch sein gutes journalistisches Recht, seine eigenen Schlüsse zu ziehen. Tatsache ist m. E. aber: ohne die durchaus diesseitigen Implikationen des Christentums bzw. einzelner Christinnen und Christen wäre Europa heute nicht das, was es ist, gerade auch im Blick auf Demokratie, Verfassung (vom Dekalog geprägt!), Menschenrechte, gegenseitiges aufeinander zu Gehen der Völker nach den beiden schrecklichen Kriegen des letzten Jahrhunderts.
Als "Glutkern des Christentums" die Ausrichtung auf die Ewigkeit zu sehen, ist sehr verkürzt und engt die christliche Botschaft auf eine Weise ein, die nicht hilfreich ist. Christlicher Glaube - ernst genommen - ist ja weit mehr als ein paar Werte bzw. Traditionen. Er ist vielmehr die persönliche Bindung an Jesus Christus und der ständige Versuch, in meinem Leben an IHM Maß zu nehmen, vor allem an seiner Liebe. Das prägt das Leben jeder Christin und jedes Christen und auch das Leben der christlichen Gemeinschaften, die hineinwirken in die Gesellschaft, ohne sich dafür schämen zu müssen!





Siegfried Schwinn empfiehlt in diesem Zusammenhang auch den Artikel in "chrismon" - "Das evangelische Magazin" 05/2004 -    Was glaubt das neue Europa? - "Warum der Staat die Protestanten braucht" von Wolfgang Schäuble (mehr ...)

Der christliche Faktor
von Alexander Kissler
in der SZ vom 28.4.2004
(Auszüge)

 

 „Die Wiederkehr der religiösen Frage trifft die westlichen Gesellschaften unvorbereitet. Jahrzehntelang war das ¸¸nachmetaphysische Denken" die Geschäftsgrundlage aller Debatten. Und nun das: Millionen Kinobesucher wollen die letzten Stunden im Leben Jesu miterleben, Wochenmagazine verkünden das Comeback des ¸¸Schmerzensmannes", linke Zeitungen grübeln über ¸¸Religiosität als Anker", Künstler arbeiten sich an den Zehn Geboten ab. Auch der Streit um einen Gottesbezug in der europäischen Verfassung, die mögliche Aufnahme der Türkei in die EU und die Frage nach der Zulässigkeit religiöser Symbole im staatlichen Raum geben den Stimmen Auftrieb, die wie der italienische Schriftsteller Claudio Magris fordern, den ¸¸überragenden Anteil des Christentums an der Kultur Europas" gesamteuropäisch zu bekräftigen. Die entscheidenden Fragen lauten: Kann eine Gesellschaft ihre eigene religiöse Herkunft und die mehr oder weniger großen Restbestände des Glaubens dazu verwenden, ihre Identität neu zu begründen? Und wie begegnet ein aufgeklärtes Denken jenen Kräften, für die die Aufklärung eben auch eine Verfallsgeschichte sein kann?

...

Eine säkulare Gesellschaft müsse ¸¸der schleichenden Entropie der knappen Ressource Sinn entgegenwirken", indem sie ¸¸moralische Empfindungen" durch eine ¸¸rettende Formulierung" aus der religiösen in die säkulare Sprache übersetze. Folglich ist selbst die von allen religiösen Begründungsansprüchen emanzipierte Gesellschaft auf einen religiösen Urtext angewiesen, den sie übersetzen und pflegen muss und nie vernichten darf. Hinter dieser so vielstimmig postulierten Angewiesenheit scheint die Hoffnung zu stehen, allein die europäischste aller Religionen, das Christentum, könne einen disparaten, fast gesichts- und geschichtslosen Kontinent neu formieren.

...

Seit der Bewusstseinsrevolution des elften Jahrhunderts, seit Berengar von Tours, Anselm von Canterbury und Franz von Assisi gilt das Individuum ¸¸endgültig als gott- und vernunftunmittelbar" - so der Berliner Philosoph Oswald Schwemmer.

...

Spätestens im frühen 20. Jahrhundert war dann der religiöse Urtext zwar nicht aufgebraucht, doch er hatte die Kirchen verlassen und sich über den Alltag ausgebreitet. Darum kann die Säkularisierung begriffen werden als rücksichtslose Selbstkritik des Christentums.

Die Vor- und Nachteile dieser Entwicklung liegen zutage. Die christliche Selbstaufklärung ist an dem Punkt angelangt, an dem nurmehr Eingeweihte den religiösen Kern sehen. Eine Religion, die in den Katakomben begann, zur Staatsreligion ausschlug und die Zivilreligion anbahnte, ist esoterisch geworden.

Ihr zweischneidiger Triumph besteht darin, dass ihre Sprache und ihre Botschaft kaum noch verstanden, kaum noch benötigt werden von mündigen, selbstbewussten Individuen, deren Mündigkeit und Selbstbewusstsein das Resultat innerchristlicher Reformprozesse ist. Noch die heftigste Schmährede wider das Christentum zehrt von christlichen Voraussetzungen. Doch unumkehrbar bleibt der Rückzug der ehemals religiös begründeten Ansprüche ans Dasein ins Innere des Subjekts. Eine Ahnung der ursprünglichen Sehnsucht entlädt sich oft nur in Nostalgie - wenn am Weihnachtsbaum die Lichter brennen. Mit solchen Fragmenten, mit Bewusstseinssplittern und Wissensresten lässt sich kein Land, erst recht kein Europa bauen. Darum kann die Zukunft des Kontinents nicht christlich formuliert werden. Wie aber verhält es sich mit der Rückbindung europäischer Werte an ihren Ursprung?

 ...

 Das Christentum trifft heute auf ein Glaubenssystem, den Islam. [...] Der Islam scheint anders als das Christentum gegen seine eigene Historisierung immun zu sein. Mohammed ist das ¸¸Siegel der Propheten", er will jede bisherige Offenbarung überbieten und abschließen. Die Verkündigung des Korans durch den Engel Gabriel im siebten Jahrhundert ist der alleinige Referenzpunkt, an den jede Deutung zurückkehren muss, während der jüdisch-christliche Gott, der durch die Zeiten hindurch immer anders zu immer anderen Personen sprach, schon durch die Art seiner Selbstmitteilung ein historischer und damit ein kritisierbarer Gott ist. Deshalb gibt es keine Tradition islamischer Selbstkritik, keine Fragmentierung und Privatisierung des religiösen Wissens, und deshalb könnte der Islam theoretisch dazu taugen, die Geschichte eines Kontinents neu zu erzählen.

Für Derrida (Französischer Philosoph) ist der Islam ¸¸eine radikale Kritik an dem, was die gegenwärtige Demokratie (. . .) an den Markt (. . .) bindet". Zumindest der orthodoxe Islam kollidiert mit einem Menschenbild, das bisher typisch für Europa galt und dessen Prinzipien spätestens seit dem elften Jahrhundert Selbstbestimmung, Gewissensfreiheit, Menschenwürde lauten. Die gemeinsame Erinnerung, dass diese Prinzipien in und aus einer christlichen Kultur entstanden sind, ist nicht der Auftakt zum Glaubenskrieg. Nur im kollektiven Gedächtnis einer zweitausendjährigen Geschichte sind die Gewinne, aber auch die Verluste verzeichnet, die es gekostet hat, den Prinzipien des Hebräers auch gegen dessen Repräsentanten zum Durchbruch zu verhelfen. Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist eine anziehende, im besten Sinne alteuropäische Errungenschaft, die zu verteidigen sich lohnt.“

Das Christentum ermöglicht die Moderne

von Hans Maier
in der SZ vom 26.8.2004
(Auszüge)

Fragen: 

Bleibt das Christentum oder kehrt es zurück? 

Schreitet das Säkulare fort oder gibt es die Wiederkehr der Religion?

Leben "das Christentum" und die "Moderne" denn in verschiedenen Welten oder sind sie nicht seit jeher ineinander verschränkt?

Erklären sich nicht viele Züge der westlichen "Moderne" aus der Dialektik von "Kirche" und "Welt"?

Thesen:

Das Christentum ist in seinem Ursprung und in seiner Wirkung selbst ein Element der "Entdivinisierung" der Welt.

 

Historisch löst es die im Altertum ganz selbstverständliche Einheit von Religion und Politik auf, es überwindet die antiken Staatskulte, es gibt die Politik als Feld des Menschen frei. Durch seinen welttranszendenten Gottesbegriff durchbricht es den Bann religiös-politischer Immanenz. "Politik wird im christlichen Äon zu "Menschenwerk". Ihre eigene, nicht mehr mit Religion und Kult verwobene Geschichte beginnt.

Die abendländischen Kaiser verlieren im Mittelalter seine numinosen, aus archaischen Quellen stammenden Qualitäten, indem sie zum Anwalt der Kirche werden. Aus der Geblütsheiligkeit wird ein Amtscharisma.  Es entwickelt sich eine Kultur der Verantwortung. Das Christentum macht politisches Handeln rechenschaftspflichtig vor Gott und dem Gewissen. Der moderne Verfassungsstaat baut auf diesem Fundament auf. Ein responsible government entsteht, in dem die Herrschenden den Beherrschten verantwortlich werden.

Der weltjenseitige Gott, die Kirche als Hüterin des "Gottesgedächtnisses", Politik "unter Gott" in dem präzisen Sinn, dass Gottesbezug den großen Vorbehalt, die Grenze für alles menschliche Handeln bildet, Verantwortung als Einstehen für das Unwiderruflich-Geschehene- das sind die vom Christentum geschaffenen "neuen Konditionen" für die Politik.

Allzu nahe lag auch in christlichen Zeiten die Versuchung, auch in christlichen Zeiten Himmel und Erde immer wieder kurzzuschließen. Aus der "Welt unter Gott", für die der Mensch Verantwortung trägt, wurde immer wieder ein rigoroses "Gott mit uns", das den Menschen als "Werkzeug Gottes" instrumentalisierte und vor Verantwortung freistellte. (Vgl. Sendungsbewusstsein von G.W. Bush!)

Die modernen Totalitarismen (politische Religionen - Nationalsozialismus, Leninismus, Maoismus ...) wollen den Staat "redivinisieren", Staat und Kirche wieder vereinigen.

Die "Redivinisierung" ist nur möglich durch eine radikale Absage an das Christentum (Hermann Heller).

Wo die christliche Scheidung der Gewalten in Frage gestellt wird, da wird der Staat zum Alleinherrscher ohne Appellationsinstanz, zur selbstbezogenen Macht, gegen die sich der einzelne nur unter Aufbietung aller Kräfte des Willens und des Intellekts zu wehren vermag.

Die Rollenverteilung zwischen Kirche und Staat muss nicht für alle Zeiten unveränderlich sein. Weltliche Wirkungen des Christentums sind im westlichen Verfassungsstaat in viele Sachstrukturen von Poiltik, Gesellschaft, Wirtschaft eingegangen. Die Kirche kann sich heute unbelasteter ihrem eigentlichen Auftrag zuwenden: in einer profanen Welt von Gott als dem "ganz Anderen" zu sprechen und das Gottesgedächtnis als Grenze aller absoluten weltlichen Entwürfe wachzuhalten.

Die Kirche muß eine Kirche der Compassion (des Mitleids) werden, wenn sie ihrer Selbstprivatisierung entgehen will" 


von Johann Baptist Metz
in der SZ vom 28.9..2004
(Auszüge)

Fragen: 

Kann die Kirche ihre Identität strikt exklusiv bestimmen, geleitet von der Absicht, sich immer nur unter Gleich- gesinnten aufzuhalten?

Wie sieht der produktive Widerspruch aus, den die Kirche in unserer säkularen oder postsäkularen Welt und ihrer von allen Falten eines ungleichzeitigen Bewußtseins ausgebügelten Gegenwart schuldet?


Thesen:

Diie elementare Gleichheit aller Menschen auf den sich alle modernen freiheitlichen Demokratien verpflichtet sind, ist eindeutig biblisch fundiert.  

 

"Das Christentum beansprucht diesen Gleichheitssatz auch in seiner moralischen Wendung: Es gibt kein Leid in der Welt, das uns nicht angeht. Das Christentum verweist so auf eine Autorität, die allen Menschen zugänglich und zumutbar ist, auf die Autorität der Leidenden, der ungerecht und unschuldig Leidenden.

Für mich ist die "Seele" der Kirche, die besondere Sensibilität, ihre politische Mystik der Compassion: eine Kirche der Mitleidschaft als lebendiger Ausdruck ihrer Gottesleidenschaft.

Sie verlangt die Bereitschaft zu einem Blickwechsel, zu jenem Blickwechsel, zu dem die biblischen Traditionen und insbesondere auch die Jesusgeschichten die Menschheit eingeladen haben, dazu nämlich, uns selbst immer auch mit den Augen der anderen, vorweg der leidenden und bedrohten anderen anzuschauen und diesen Blick wenigstens um ein Geringes länger standzuhalten, als es unsere spontanen Reflexe der Selbstbehauptung erlauben mögen. Das ist in meinen Augen die biblische Anleitung zur mystischen Selbstrelativierung, zum "Verlassen des Ich" - aber eben nicht als ein Verschwinden des Ich in der gestaltlosen Leere eine subjektlosen Universums, sondern als das immer tiefere Hineinwachsen in jenen mystischen Bund zwischen Gott und den Menschen, in dem das Ich nicht mystisch aufgelöst, sondern moralisch beansprucht wird, einen Bund, der sich in einer Mystik der offenen Augen erfährt und bewährt.

Dieser Geist der Compassion will Inspiration und Motivation sein für eine neue Politik des Friedens. Fremdes Leid - bis hin zum Leid des bisherigen Feinde - wahrzunehmen und beim eigenen Handeln in Betracht zu ziehen, ist heute die Voraussetzung einer verheißungsvollen Friedenspolitik.

Der biblische Monotheismus ist kein abstrakter, kein metahistorischer Monotheismus, sondern ist eine leidempfindliche Rede von Gott, eine Gottesrede, die sich nur über die Leidensfrage, über das Eingedenken des fremden Leids ihrer selbst vergewissern kann. Diese verletzbare Gottesrede wäre in den Traditionen aller drei großen monotheistischen Religionen anzurufen und einzuklagen. ... Der Geist der Compassion macht die Autorität der Leidenden zum unhintergehbaren Kriterium aller Kultur- und Religionsdialoge.

Was wäre, wenn die weltweit über eine Milliarde Katholiken aller in ihren unterschiedlichen Lebenswelten das Experiment dieser Compassion wagen würden, wie klein und unscheinbar auch immer, so dass dieses Experiment über moralische Appelle hinaus immer mehr eindringt in die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens, und wenn es dabei bald zu eine Ökumene der Compassion unter allen Christen käme: Was wäre? Würde das nicht ein neues Licht auf die in den Stürmen der Globalisierung leidvoll zerrissene Welt werfen?


Hans Küng,

geboren 1928 in Sursee, kämpft seit Jahrzehnten für Reformen innerhalb der katholischen Kirche.

Von 1962 bis 1965 war er offizieller Berater des Zweiten Vatikanischen Konzils, ernannt von Papst Johannes XXIII. Sein späterer Widerspruch zu Rom führte zu einer Distanzierung von der Amtskirche.

1980 musste er sein Amt als ordentlicher Professor der Dogmatik an der Universität Tübingen aufgeben.

Bis 1996 unterrichtete er dort weiter als fakultätsunabhängiger ordentlicher Professor für Ökumenische Theologie.

Hans Küng befasst sich seit einigen Jahren intensiv mit ethischen Fragen. Er fragt in seinen neuesten Büchern zum Projekt «Weltethos» nach einem gemeinsamen Koordinatensystem aller Völker und Religionen. Küng ist Präsident der Stiftung Weltethos.

 

(mehr über die Stiftung Weltethos...)

 

Auszüge: Interview mit Hans Küng über den Ethos der Menschheit

 

Sie haben als einer der ersten von Weltethos gesprochen. Was genau meinen Sie damit?

Das Weltethos ist das Minimum, das es an moralischen Standards oder Maßstäben braucht, damit die Menschen in einem Büro oder in einer Schulklasse, in einem Universitätsinstitut oder in einer Fabrik zusammenleben können. Es ist das Gemeinsame im Ethos der Menschheit, also eine Grundübereinstimmung von verbindenden Werten, unverrückbaren Maßstäben und persönlichen Grundhaltungen. Dazu gehören die  vier Forderungen, die schon vor Tausenden von Jahren begründet wurde, als die Menschen lernten, miteinander umzugehen, nicht zu töten, nicht zu lügen, nicht zu stehlen und zwei weitere Grundsätze.

Der erste ist die «Goldene Regel»: Man soll anderen nichts antun, von dem man nicht möchte, dass es einem selbst angetan würde.

Der zweite Grundsatz - für mich eigentlich der erste - besagt: Jeder Mensch soll menschlich behandelt werden. Das Ziel dieser Bemühungen heißt Weltfrieden.

Aber kann dieser Frieden erreicht werden, indem man auf höherer Ebene Religionskonferenzen abhält?

Darf ich das ein wenig zurechtrücken? Es stimmt natürlich, dass die Gespräche über das Gemeinsame auf höherer Ebene stattfinden und dass es seine Zeit braucht, bis so etwas auf der Strasse ankommt. Ich würde aufgrund meiner eigenen Erfahrung sagen: Es ist innerhalb von zehn Jahren möglich, dass eine Wahrheit zum Allgemeingut wird. Ich denke da an einen Satz wie «Kein Weltfriede ohne Religionsfriede» - den habe ich 1974 zum erstenmal in einem Epilog zu meinem Buch «Christentum und judäische Religion» formuliert. Dieser Satz ist heute in aller Munde, und viele Leute zitieren ihn, ohne zu wissen, woher er stammt.

Aber wie sieht die Praxis aus?

Es geht doch um die Probleme von jedermann. In jeder gemischten Schulklasse, in Büros, in multinationalen Konzernen, in Universitäten, überall sind heute Leute aus verschiedenen Kulturen und Religionen dabei, die sich trotzdem verstehen sollen und die natürlich einige gemeinsame Standards haben müssen: Wenn es in einer Kultur erlaubt wäre zu lügen, dann könnte man nicht zusammenarbeiten. Kindergärtnerinnen, die ich kenne, finden es wichtig, dass schon Kinder im Vorschulalter lernen, ethische Regeln zu verstehen und anzuwenden.

Symbol der Wertegemeinschaft

 

Europäische Flagge

Im Unterschied zu den USA stehen die Sterne in der EU-Fahne nicht für die Mitgliedstaaten, sondern für eine Reihe von Werten. Der Kreis der zwölf goldenen Sterne symbolisiert unter anderem die Einheit. Und natürlich die „Solidarität und Harmonie zwischen den europäischen Völkern“.  Das passt alles wunderbar ins gutmenschliche Selbstbild der Europäischen Union, die sich ja immerfort rühmt, vor allem eine Wertegemeinschaft zu sein.

Zwölf Sterne sind es, weil die Zwölf traditionell das Symbol der Vollkommenheit, Vollständigkeit und Einheit ist. In verschiedenen Überlieferungen gilt sie auch als Sinnbild der Ganzheit.

Etwas banaler wird es, wenn man sich von der Zwölf an die Zahl der Monate im Jahr und die Einteilung des Tages in je zwölf Stunden für Tag und Nacht erinnern lässt. So erklärt die EU die magische Zahl. (mehr dazu in den 4  Symphonie in 12 Sätzen von Theodor.A.M.Frey ...)

Es gibt noch jede Menge anderer Deutungen, vor allem aus christlicher Sicht. Dann gibt es weitere Interpretationen, wonach die Sterne für die zwölf Sternzeichen stehen sollen.

Unter dem Strich gilt also: Ein zwölfsterniges Banner für alle, ganz gleich wie viele EU-Mitglieder es gibt.

(dazu mehr ...)

Jan Assman

(Emeritus der Uni Heidelberg) 
im Tagesspiegel

 

Mehr zum Gottesbegriff u.a. auch von Jan Assman ...

"Alle Fragen an den Fundamentalismus laufen am Ende auf eine einzige hinaus: Ist das Ziel ein Glaube, der sich ausdrücken will im Medium der Vernunft – oder geht es um blindes Annehmen eines Unbegriffenen? Das Denken kann ja den Glauben in einer zweifachen Weise verfehlen: indem es ihn in Erkenntnis aufzulösen strebt – oder indem es ihm jede intellektuelle Annäherung verweigert. Wer sich im gefundenen Satz beruhigt, übersieht oft den Kontext. Die alten Theologen nannten dies „hairesis“ – Häresie: die „Herausnahme“ einer Teilwahrheit aus dem Ganzen, dem „kat’holon“.

Im Zerbröckeln eines traditionalen Christentums wird heute die persönliche Entscheidung, die individuelle Zuwendung zum Gottesglauben immer wichtiger. Anderseits führen die Spannungen, in denen der in die Einzelheit verwiesene Christ lebt, oft zu unerträglichen seelischen Belastungen. Der Fundamentalismus ist kein Ausweg. Er spiegelt eine Festigkeit vor, die nicht wirklich existiert. Wie holt man Menschen heraus aus solch trügerischen Sicherheiten? Wie befreit man sie von der Illusion, den Willen Gottes (im Unterschied zu anderen) genau zu kennen? Ich denke an die Weisheit des großen Seelenführers und Ordensgründers Benedikt von Nursia in seiner Regel (einem Grundbuch Europas!): Noch vor der Arbeit kommt das Beten – aber vor beiden, dem Beten und dem Arbeiten, steht das große Hören (mit „aufgerissenen Ohren“) auf Gottes Wort.

Und manchmal meine ich, wenn ich Fernsehbilder des betenden amerikanischen Präsidenten sehe: Es wäre gut, wenn er vorderhand erst einmal schwiege, nachdächte, hinhörte – lange vor dem Beten, noch länger vor dem Tun."

Nikolaus Knoepffler,
in der SZ am 13.5.2004

"Das heutige Europa in seinem Bekenntnis zur Demokratie hat seine Wurzeln nicht im Christentum. Es ist damit aber gerade nicht unchristlich. Vielmehr zeigt die Geschichte des heutigen Europa, dass es gerade Christen waren, die mit ihrem Engagement dieses Europa miterbaut haben. Das entstehen der heutigen polnischen Demokratie mit ihrem Bekenntnis zu Menschenwürde und Menschenrechten wird immer mit dem Wirken von Papst Johannes Paul II. verbunden bleiben."  ...  Die heutige Türkei umfasst ein Gebiet, das über ein Jahrtausend als christlicher Urboden galt. Hier finden die ersten christlichen Konzilien statt. Hier befanden sich gewaltige christliche Klöster. Heute dominiert der Islam. Gelingt es den Grundwerten und Prinzipien des heutigen Europas in ähnlicher Weise in Einklang zu bringen wie dies mit dem Christentum gelungen ist, dann ist eine Wertegemeinschaft möglich. Wenn dagegen eine theokratischer Islam so stark ist, dass er die Politik beherrschen und das "europäische Grundbekenntnis" bedrohen könnte, ist für die Türkei kein Platz im heutigen Europa. Was ist aber dann der Boden, auf dem die heutigen Wertgrundlagen Europas erwachsen sind? Es ist die durch die Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geläuterte Aufklärung, die in Deutschland mit dem Namen Immanuel Kant verbunden ist."

Detlef Horster,
in der SZ am 1.6. 2004

Auf welche Werte beziehen wir uns seit über 200 Jahren und worüber besteht unter den Beitrittsländern Einigkeit?

"Es sind die Werte der europäischen Aufklärung. Die Gleichheit bildet den Kern der europäischen Aufklärungs-Moral. Dieser Anspruch auf Gleichheit ist so evident, dass jede ungleiche Teilung begründet werden müsste. ... Die Herkunft der Gleichheitsidee aus dem Juden- und Christentum kann nachgezeichnet werden. Die Fundstellen in der der Bibel betreffen das Buch der Weisheit, wo es heißt, dass alle Menschen den 'gleichen Eingang zum Leben' haben, und 'gleich ist auch der Ausgang'. ... Paulus sieht im ersten Korintherbrief keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Völkern. ...'Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen, Juden und Griechen, Sklaven und Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.' ...

Das Gleichheitsprinzip liegt sowohl der goldenen Regel wie dem zentralen Moralprinzip der Aufklärungsphilosophie, dem kantischen kategorischen Imperativ, zugrunde. Der kategorische Imperativ hat seine Wurzeln in der goldenen Regel, die erstmals im Alten Testament im Buch Tobit aufzufinden ist: ' Was dir selbst verhasst ist, das mute auch einem anderen nicht zu!' Die Formulierung im Neuen Testament lautet: ' Was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen (Lk.) Und: ' Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen.' (Mk.) ...Kant hat sich aber nachweislich an der goldenen Regel orientiert.

Freiheit und Autonomie sind ebenfalls Basisbegriffe aller Moralkonzepte der Aufklärung; auch sie stammen aus christlicher Tradition. ... Die Freiheit des Christenmenschen wird bereits im 1. Buch Mose gesehen, in dem zu lesen ist, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde schuf. Für die Freiheit bedeutet das, dass der Mensch einen annähernd freien Willen habe wie Gott, der 'alles so verwirklicht, wie er es in seinem Willen beschließt'. ...

Alle  unseren grundlegenden Werte stammen aus dem Christentum. Allerdings muß man auch konstatieren, dass diese Gleichheitsidee und ihre sozialen Umsetzung mühsam erkämpft wurden gegen die im 19. Jahrhundert versuchten Bemühungen, Gleichheit durch naturrechtlich gestützte Ungleichheitskonstruktionen zuzuschütten."

Europäische 
Selbstverleugnung

Kommentar in Christ in der Gegenwart Nr. 43/2004

[Die Diskussion] "wird begleitet von einer absurden Polemik der Europäer gegen sich selbst: Die EU sei kein 'christlicher Club' tönt es auf etlichen Kanälen dieses Zivilisationskreises, der ohne Christentum sein zivilisatorisches Niveau überhaupt nicht erreicht hätte. Nicht die Türkei muß uns das Fürchten lehren. Vielmehr: naive Selbstvergessenheit, blasierte Selbstverleugnung, dümmlicher Selbsthaß.

... Wichtiger als Flirtphantasien mit einem nicht-islamistischen asiatischen Islam wären Dialoge mit der europäischen Orthodoxie. Nicht ein starker Islam macht Europa schwach, sondern Europas dürftiges religiöses Bewußtsein. Gegen Selbstverleugnung helfen populistische Volksunterschriften- Aktionen freilich am allerwenigsten."

 

siehe dazu auch die Ausführungen von Ulrich Beck über Globalisierung ...

Der Wertekanon Europas (Aussagen der Parteien zur Europawahl 2004)


CDU

Wir verstehen die Europäische Union als eine Kultur- und Wertegemeinschaft, die sich dem europäischen, maßgeblich durch das Christentum und die Aufklärung beeinflussten Menschenbild verpflichtet sieht. Das christlich-jüdische Erbe sollte sichtbar in der Verfassung verankert sein. Die christlichen Werte von Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit bilden den Maßstab unseres Handelns, mit dem wir die europäische Zukunft verantwortungsvoll gestalten wollen.

 

Bündnis 90/ Die Grünen

Die EU ist ein politisches Projekt, das Frieden, Wohlstand und soziale Gerechtigkeit in Europa sichern will. Sie ist weder als exklusiver christlicher Verbund konzipiert noch kulturell definiert. [...] Wir wissen um die christlichen, jüdischen, islamischen und aufklärerischen Wurzeln dieser Geistesgeschichte. Wir wollen diese aber auch auf der Basis von Toleranz und gegenseitiger Achtung im Dialog weiterentwickeln.

 

SPD

Europa ist eine Einheit in Vielfalt. Diese Vielfalt muss gestärkt werden, da sie wesentlicher Bestandteil unserer Identität ist. Wir wollen von anderen Kulturen lernen und unsere Erfahrungen einbringen. Dadurch kommen wir zu einer offenen und toleranten Gesellschaft, die sich an der europäischen Aufklärung, dem Humanismus und an der Einzigartigkeit der menschlichen Würde orientiert.

 

FDP

Freiheit und gemeinsame Werte haben Vorrang. Sie dürfen sich nicht auf die Erwähnung in der Grundrechtecharta beschränken, sondern müssen den Geist der gesamten Verfassung bestimmen. Europa muss geprägt sein von einem Wettbewerb zwischen den Mitgliedstaaten um die besten Politikkonzepte statt zwanghafter Einheitslösungen aus Brüssel.

 

CSU

Für uns ist die christlich-abendländische Wertegemeinschaft das Fundament Europas. Deshalb muss der Bezug auf das christlich-jüdische Erbe in der Präambel des Verfassungsvertrages verankert werden.

 

Gott hat zu allen Kulturen in allen Zeiten entsprechend ihrem Verständnis gesprochen.


Beitrag von Oskar B
.

 

Zu der Frage, ob Europa sich auf die christlichen Grundwerte berufen soll, ist eigentlich müßig: Viel mehr  müßte sich jeder Mensch sich auf die grundlegenden göttlichen Gebote beziehen.
Denn diese Gebote sind eigentlich in allen Kulturen gegenwärtig. Nicht nur in der Europäischen.

Gott hat zu allen Kulturen in allen Zeiten entsprechend ihrem Verständnis gesprochen. So hat Gott zu den Israeliten anders gesprochen wie zu den Chinesen und den damaligen Europäern und den vielen anderen lebenden Völkern und so spricht Gott heute anders als zu damaliger Zeit.

Die wörtliche Auskleidung der Gebote Gottes ist gar nicht so wichtig, denn diese sind nur Verpackungen des Sinngemäßen. So gesehen muß jeder Mensch sich auf die Werte besinnen, die ihm von Gott gegeben worden sind.

Diese Werte sind:  den anderen Menschen so anzunehmen wie sich selbst und dem anderem nicht das zufügen, was man nicht selbst will. Im Umkehrschluß kann man auch sagen, tue dem anderen all das, was Du gerne möchtest.

Diese beiden Aussagen sind die Grundlage jedes gedeihliche Zusammenleben an jedem Punkt und zu jeder auf unserer Welt. Wenn also jeder Mensch, egal wo sich auf diese beiden Grundvoraussetzungen stützen würde, dann würde auch jede Gemeinschaft sich auf dem göttlichen Boden bewegen.

Leider ist diese Kenntnis und Anwendung nicht bei allen Menschen gleich gut und aufgrund dieser Unterschiede wird es auch in absehbarer Zeit nur schwer sein, ein harmonisches Miteinander zu erleben. Das Problem sehe ich im Vorleben göttlicher Werte, und der Wille danach zu Leben ist auch sehr individuell.

Das ist auch so von Gott zugelassen, denn der Mensch kann sich nur im Spannungsfeld von Gut und Böse erkennen. Man muß zwar dem Bösen nicht nachgeben, aber in uns leben Kräfte, die wir noch nicht gut oder überhaupt beherrschen.

Forderungen oder Wünsche an den anderen zu stellen ist relativ einfach. Aber Handwerkzeuge bereitzustellen ist ein andere.

Wer ist denn Europa, Europa ist ein künstliches Gebilde. Viel wichtiger sind die Menschen die Europa leben und handeln. Wenn nur ein paar Menschen an exponierten Stellen nach den göttliche Geboten leben würden, hätte das einen Dominoeffekt. Aber die menschliche Trägheit ist
ein sehr großes Hindernis und so wird es noch sehr lange dauern, bis alle Menschen in Kenntnis der göttlichen Gebote gelangen und auch zur Anwendung bringen.

So lange Gott nicht in allen Menschen ist, solange bringen auch die entsprechenden Einträge in europäische Charta nichts.

Die Religion als System ist mehr als problematisch!


Beitrag von Erhard Donig

 

Zu diesem Komplex der christlichen Werte und Traditionen erhebt sich als
erstes die Frage, woher denn diese als „christlich“ bezeichneten Werte
wirklich kommen und ob sie das Christentum als Eigentum oder Eigenleistung
beanspruchen kann. Christus selbst hat ja gar nicht soviel dazu gesagt –
seine Grundthese war nur die Liebe und das man den Nächsten wie sich selbst
lieben sollte – das reicht natürlich voll und ganz , aber entspricht einer
Menschlichkeit, die natürlich auch völlig unabhängig von einer Festlegung
auf das Christentum existiert!! – Liebe ist viel älter
und hat schon das
alte Testament (Hohelied der Liebe etc) gekannt und selbst die Tiere lieben
ihre Jungen!! Also kein Exclusivrecht!

Das andere ist die Frage der Wertigkeit der Religionen, denn dieses
Gedankengut, das für Christen als „christlich“ gilt, finden wir in vielen
anderen Religionen in gleicher Form, wenn auch mit anderen Worten. Die Ethik
z.B. ist in vielen älteren Religionen des Ostens viel deutlicher
ausformuliert, man denke nur an die Achtung des Lebens im Jainismus oder
Buddhismus, die dort so ausgeprägt gelebt wird,  daß die Exzesse des
Christentums bezüglich z.B. der Hexenverbrennung und Glaubensverfolgungen
niemals möglich waren und denkbar wären – also auf eine Ethik besonderer
Art, was die Ausführung der Praxis der Liebe (Nächstenliebe) angeht (–
Christus sagte, daß die Menschen uns durch unsere Liebe als seine Schüler
erkennen sollten!!!) - (siehe dazu die liebevolle Christianisierung in der
Neuen Welt mit Feuer und Schwert etc.), braucht das „Christentum“ wirklich
nicht stolz zu sein –  die Perversion in der Judenverfolgung ist da ein besonderes "liebevolles"
Kapitel, wozu ja das Christentum die philosophische Grundlage über die
Jahrhunderte geliefert hat, da muß jeder Christ vor Scham in den Boden
versinken – soll sich Europa auf solche Greueltaten einer Religion des
Schwertes und der Vernichtung beziehen, als die sich das Christentum über
Jahrhunderte präsentiert hat – oder soll das alles einfach vergessen
werden????

Auch jetzt in der Lage des sozialen Abbaus kann sich die Kirche nicht rühmen
– Menschen liebevoll in die Armut zu treiben – ist es das, was Christus
wollte??

Was die heutige Moral angeht – besonders auffällig bezüglich der Sexualität
– so ist diese ja mehr als erschreckend und wohl eher eine Verhöhnung jeder
„Menschlichkeit“ (Militärpfarrer – welch orginelle Idee!!) – die Liebe
Christi sollte nicht in Unterdrückung der Kirchendiener und Segnung von
Waffen bestehen!!

Ich habe in meinem Beruf (Krankenpflege) viele, viele Menschen sterben
sehen, aber die meisten, die bewußt dem Tod ins Auge sehen mußten (Krebs),
haben sich von dieser Form der Religion (nur Tadel, Unterdrückung,
Formalitäten, Angst und wenig Liebe) mit Schrecken abgewandt, weil sie ihnen
keinerlei Trost gab, weder im Diesseits noch für das Jenseits.

Wenn man diesen armen Menschen aber sagte, daß sie ja doch wiederkommen
werden, weil der Tod nur ein vorübergehender Wechsel in eine andere
Daseinsebene ist, dann fühlten sie sich sehr getröstet...

Tut mir leid, wenn ich mich so in Rage rede, aber all die hemmungslose
Gewalt in den Jahrhunderten des Christentums macht mich nur wütend und
traurig und hat vielleicht dazu geführt, daß geistige Gegenbewegungen
entstanden sind, die unser heutiges Leben im Zusammenwirken mit menschlicher
Liebe im Sinn der Worte von Jesus bezüglich der wahren Liebe formen – aber
die Religion als System ist mehr als problematisch!!!


Nichts für ungut!!!  Erhard