ANTON

BRUCKNER


1824 - 1896

 

Seiten über Gott - Welt - Mensch

von Theodor Frey

übersicht

räume & zeiten

musik & spiel

gedanken

tun & lassen

 

 

Experimente zur Gestaltwerdung

 

                                            
  
suche auf meinen seiten     http://www.theodor-frey.de

 

 

 

SYMPHONIEN

Wie in meinem Empfinden die Musik Anton Bruckners 
Gestalt wird, möchte ich hier in Bild und Wort ausdrücken. 

Nullte Symphonie

II. Symphonie

III. Symphonie

IV. Symphonie 

V. Symphonie

VI. Symphonie

VII. Symphonie

VIII. Symphonie

IX. Symphonie

 

Messe in f-moll

Streichquintett



"Für einen normalen Menschen ist die Zeit das, was nach dem Anfang kommt. 
Bruckners Zeit ist das, was nach dem Ende kommt.
All seine apotheotischen Finali, die Hoffnung auf eine andere Welt, 
die Hoffnung auf Rettung, noch einmal in Licht getauft zu werden, 
das gibt es nirgends sonst!"

Sergiu Celibidache
gefunden im: 
Forum für Brucknerfreunde     Eintrag von "Feuervogel" 
(aufgelesen: Piendl/Otto (Hg.), Stenographische Umarmung -  beim Wort genommen, Regensburg 2002)


"Das Religiöse ist bei Bruckner ein wichtiges Moment und für mich Ausgangspunkt der Interpretation. Denn die Musik entwickelt sich bei ihm aus einer Ruhe heraus, einer Ruhe in Gott. Diese Gott-Verbundenheit spielt in allen seiner Symphonien eine wichtige Rolle.

Mariss Jansons

"Für mich hat die Musik Anton Bruckners eine Qualität, die sie von den Werken der meisten anderen Komponisten absetzt, ja darüber erhebt: Majestät. Diese würdige Erhabenheit, diese empfindsame Tiefe finden wir sonst nirgendwo. Heutzutage verspüren wir ein Bedürfnis nach der klaren Reinheit, der geistvollen Einfalt Brucknerschen Musik; deshalb schätzen wir sie heute mehr denn je."

Lorin Maazel (1998)

Der 2. Symphonie Alfred Schnittkes liegt ein persönliches Erlebnis des Komponisten in der Stiftskirche St. Florian zugrunde, die er 1977 besuchte. "Wir erreichten St. Florian in der Abenddämmerung, als der Zugang zu Bruckners Grabstätte nicht mehr geöffnet war. Die kalte, dunkle Barockkirche hatte etwas Geheimnisvolles. Irgendwo in der Kirche sang ein kleiner Chor die Abendmesse: eine 'Missa invisibilis'. Als wir die Kirche betreten hatten, ging jeder von uns in eine andere Richtung, um die kalte und mächtige Weite des Raumes ungestört auf sich einwirken zu lassen. . . . Die vier Sätze folgen der gewöhnlichen Meßordnung, und in den Choralabschnitten werden liturgische Melodien zitiert. . . . Die Symphonie ist zwar gleichzeitig eine Messe, ist aber weniger Messe als Symphonie, weil sich das, was auf die Messe bezieht, meist nur am Anfang eines Satzes ereignet."

 Alfred Schnittke im Booklet zur 2. Symphonie (BIS) 

 

 

Wie war Bruckner ? 

 

Ein armer, verrückter Mensch, den die Pfaffen von St. Florian auf dem Gewissen haben? (Brahms)


Ein einfältiger Mensch – halb Genie, halb Trottel? (Gustav Mahler)


Einer, der als einzige Autoritäten Richard Wagner und den lieben Gott uneingeschränkt anerkannte?

Einer der den Ratschlägen „wohlmeinender“ Dirigenten allzu leicht nachgab und seine Werke immer wieder nachbesserte?

Einer, bei dem „feindliche“ Kritiken einen Verfolgungswahn auslösten?


Einer, der sich zwischen „Modernität und Erhabenheit“ in „nachtdunkler Unberührtheit“ (Adorno) bewegte?

Einer, der sich zwischen Gipfelungen und Abgründen bewegte, ein Gebrochener oder unerschütterlich Religiöser?

Einer, der planvoll, ordnungsliebend und diszipliniert arbeitete und doch nicht in starren Strukturen gefangen blieb?

Einer, der den tonalen Raum enorm erweitert und in Ausdrucksbezirke vorstieß, die bereits den Expressionismus ankündigen“ oder einer der sich „billiger“ Sequenztechnik bediente?

Einer, der wieder erfahren lässt, wie  strukturierte Raum-Zeit klingend ein Abbild der Schöpfung gibt!

 SYMPHONIE

 IN D-MOLL      

"Nullte"

eigene Zeichnung entstanden beim Hören des Werks 




 II. SYMPHONIE 

eigene Zeichnung entstanden beim Hören des Werks 

 


RAUMÖFFNUNG

Bruckner fühlte sich von der Metropole Wien, die nach dem Abbruch der Festungsmauern 1858 tiefgreifend umgestaltet wurde, "anfangs ganz zusammengeschreckt". 1871/72 entstand seine II. Symphonie, die ich erstmals im Akademiekonzert des Bayerischen Staatsorchesters unter Hermann Bäumer am 26. November 2012 zusammen mit Alfred Schnittkes erstem Cellokonzert (Jan Vogler), in der Fassung von 1877 hören konnte.  Warum wird sie so selten aufgeführt? Sie ist doch ein Werk, das den Raum in Bruckners Welt hinein öffnet. 

 

III. SYMPHONIE

D-MOLL

Gehört mit dem Symphonieorchester des Bayerisches Rundfunks 
unter Mariss Jansons am 21. Januar 2005 im Gasteig 
in der 3. Fassung von 1889

mit den Münchner Philharmonikern 
unter Christian Thielemann am 25. April 2009 im Gasteig 
in der Urfassung von 1872/73



Die "Kontraste auf den Gebieten Tempo, Dynamik und Instrumentierung spielen eine große Rolle. Darum muss man sie zeigen. Die Gleichzeitigkeit von sehr hohen und tiefen Tönen erinnert an Orgel-Register. Dies ist typisch für den Bruckner Klang."

Mariss Jansons

TAM

"In Anton Bruckners entwaffnend grandioser III. Symphonie drängen die motivischen Entwicklungen immer wieder zum blech-gepanzerten Choral, zum überirdisch festlichen Fortissimo-Flimmern - wie zu einer Erlösung! . . .
Bruckners heftige Ekstasen stellen für passionierte Dirigenten wie Thielemann kein Interpretations-Problem dar, auch wenn die Fülle derartiger Höhepunkte nicht so rational logisch begründet wirkt wie bei Beethoven oder Brahms. Weit heikler aber sind jene wunderbar inspirierten Stellen, an denen sanfte Melancholie in den Verlauf, gleichsam in Bruckners Theodizee eindringt. . . .

Nun hatte Thielemann in Münchens Philharmonie die umfängliche Erstfassung von 1872/73 dieser vom Komponisten immer wieder umgearbeiteten Symphonie gewählt. Deren Reichtum beschwört den visionären Gegensatz zwischen donnernd Choralhaftem und empfindsam Meditativem fast süchtig - zumal in der Durchführung des ersten Satzes, auch im Adagio. Thielemann stellt sich dieser mystischen Vielfalt, indem er, immer freier werdend, eine höchst spannende Pausen-Dramaturgie bietet. . . .

Momente wie die immer wiederkehrende, berühmte "Marien-Cadenz" im langsamen Satz, wie der von Thielemanns Pausen eben nicht zerrissene, sondern vielmehr verklärte meditative Beginn der Durchführung des Kopfsatzes oder auch gewiss das überlange Finale gewannen so an immenser Eindringlichkeit. . . ."

JOACHIM KAISER in der SZ vom 25.4.2009

 

IV. SYMPHONIE  ES-DUR

 

 

 

 

mit dem Bayerischen Staatsorchester unter Kent Nagano am 30./ und 31.5.2006
(Urfassung 1874)

mit den Münchner Philharmonikern unter Ingo Metzmacher am 15.Februar 2004 (2. Fassung)

mit den Münchner Philharmonikern unter Christian Thielemann am 21.Februar 2008 (Endfassung 1880/1881)

Eine der wenigen schriftlich fixierten  (privat-)philosophischen Äußerungen Bruckners fällt in das Jahr 1874, in das Entstehungsjahr der Urfassung seiner IV. Symphonie:

 "Weil die gegenwärtige Weltlage geistig gesehen Schwäche ist, flüchte ich zur Stärke und schreibe kraftvolle Musik."

 

 





Der Titel „Bruckner-Orchester“, den die Münchner Philharmoniker sich seit langem erworben haben, bezieht sich gewiss auf ihre einhundertzehnjährige, an Bruckner-Sternstunden reiche Geschichte, zu der auch gehört, dass Ingo Metzmachers (neulich gestorbener) Vater von 1930 an Solocellist im Orchester war. Bezieht sich genauso auf die spezifischen Spiel- und Klangqualitäten des Orchesters, auf den Sound mit seiner Verschmelzungsdichte der Klanggruppen, die Phrasierungsgenauigkeit, die Art, Übergänge völlig organisch zu gestalten. 

Die Musiker der Münchner Philharmoniker – rund zwei Drittel spielten wohl noch unter Celibidache – haben es verinnerlicht, aufeinander wie auch auf die Musik selbst intensiv zu hören. Ein dunkel timbrierter, warmer Streicherklang, ausdruckssatte Holzbläser, weiche Hörner, nie lärmendes Blech – man kann sagen, dass sich mit dem sicheren Dispositionsgefühl für Steigerung und machtvolle Klangentfaltung eine Bruckner-Symphonie ideal verwirklichen lässt. So „floss“ das Stück mit beeindruckender Selbstverständlichkeit sozusagen aus dem Orchester heraus. 

Und Ingo Metzmacher, der seinen internationalen Ruf festigen kann (wie soeben in Zürich, Mailand, London bestätigt), hat an Dirigiersouveränität noch gewonnen. Er steuert das Orchester mit deutlichen klaren Gesten durch die Partitur. ...

Natürlich hört der 43-jährige Musiker die Bruckner-Symphonie deutlich schneller und leichter als der alte Celibidache, was allerdings auch zur Folge hat, dass die großen Steigerungswellen von Kopfsatz und Andante etwas weniger plastisch in Erscheinung treten. Doch wie beeindruckend auch diesmal, so wie vor zehn, fünfzehn Jahren, die herb-elegischen Bratschen-Rezitative über den Streicher-Pizzicati! Und natürlich könnte sich der musikalische Raum gewiss noch weiter öffnen, der Atem länger werden. Schade, dass das allzu rasche Scherzo-Tempo die hektischen Holzbläsereinwürfe um eine Spur zu flüchtig werden lässt. Dennoch aber: Die Aufführung besticht durch eine in der musikalischen Architektur sicher und überschaubar, fließend in Klang gesetzte konzeptionelle Geschlossenheit. Und die in die Tiefe bohrenden Denkens führende Klangkombinatorik, die phantastisch dichte Themendurchführungsarbeit Anton Bruckners, wie Celibidache sie prachtvoll realisieren ließ, sie erfreut sich hier sogar einer gewinnenden Eleganz. Unter diesem Stern stand denn auch die berühmte Coda des Finalsatzes, diese gewaltige Zusammenfassung der Symphonie im Zeichen choralhafter Überwölbung. 

WOLFGANG SCHREIBER in der SZ vom 16.2.2004  

 




 

 

 

 V. SYMPHONIE 




Antrittskonzerte von Generalmusikdirektor Christian Thielemann
 
Seine 5. Symphonie enthält das längste und konfliktreichste Finale, das Anton Bruckner geschrieben hat. Die Hölle lökt ihren Stachel, der Himmel hält seinen Choral dagegen – das Universum scheint aus den Fugen geraten und die Symphonie zum Schauplatz eschatologischer Auseinandersetzungen mutiert. "In hoc signo vinces" schrieb Bruno Walter unter die Noten des Choralthemas - für den jüdischen Dirigenten ein klares Bekenntnis zur Symbolkraft des Kreuzes und damit zu Bruckners christlicher Heilsgewissheit.


 


Schon Bruckners Art zu beginnen ist bedeutsam. Der Hörer sollte den Atem anhalten, ehe die ersten Töne erklingen. Sie kommen aus der Stille, sie entwickeln sich, sie ringen nach einer Gestalt, die ich im Hören mit erfahren kann.

Bruckner brauchte dreißig Jahre, er nahm einen langen Anlauf, ehe er seine erste Symphonie schrieb und danach zeigt sein symphonisches Schaffen eine Synthese von umfassenden theoretischen Wissen und einer Flut von schöpferischen Eingebungen. Fleiß, Arbeit, tiefe Gläubigkeit und Genie verbanden sich. Seit ich mit etwa 17 Jahren diese Musik entdeckte, lässt sie mich nicht mehr los.

(Warum gibt es Herrscher und Päpste als Heilige und keine Musiker, keine Künstler? Bruckner wäre für mich ein erster Anwärter – das Wunder, das erforderlich ist, geschieht doch bei jeder guten Aufführung!)




Zur 5. Symphonie hier die Analyse eines Laien, der versucht die Strukturen nach zu erleben.

Bruckner beginnt mit einer langsamen Einleitung, in der die Themen-Motive-Elemente, die dann das Werk/die Gestalt im Ganzen beherrschen, vorgestellt werden. Es entsteht Zeit, wenn die dunklen Bässe im Pizzicato zunächst nur vier absteigende und dann vier aufsteigende Töne spielen, bis die anderen Streicher darüber in feierlicher Polyphonie die Zeiteinheiten verbinden.

Dann eine Pause, wiederkehrende Stille, die dann mächtig von Dreiklängen in einem heftigen Rhythmus durchbrochen wird um schließlich in einem feierlichen Choral zu enden.
Die Elemente der Trinität und Quaternität sind eingestanzt in die Zeit, jetzt werden sie abgewandelt, ergänzt, umgekehrt, verschoben um neue Gestalten daraus abzuleiten. Ein evolutionärer Prozess in Tönen der aus der Differenz entsteht. Hier treffen sich Teilhard de Chardin und Bruckner, der Wissenschaftler und Gläubige und der Musiker und Gläubige.

Das Zeitmaß wird beschleunigt, die Passagen in Dur werden nach Moll verwandelt, die Stärke der Äußerung wird heftiger und erregter, bis dann als starker Kontrast, als Ausdruck des Elements der Dualität, ruhige und melodische Gedanken gefunden werden.

Besonders im 2. Satz wird deutlich, wie sich die Intensität der von der Oboe gespielte Melodie dadurch steigern lässt, da sie im Gegenrhythmus, leicht verschoben zur Zeitstruktur der zugrundliegenden Bässe gespielt wird. Aus der Differenz, aus Nuancen der Abweichung wächst eine neue Qualität.

Feste, klare Strukturen werden abgelöst durch Phasen labilen, unsicheren Fortschreitens, bis wieder große Melodiebögen, die das ganze Orchester umfassen, Gestalt gewinnen und den Atem anhalten lassen.

Zum Atem holen bietet der 3. Satz im Trio Gelegenheit. Dem spielerischen und tänzerischen wird Raum gelassen, jedoch immer wieder durchsetzt mit einem Sehnsuchtsseufzer, eines enttäuschten Mannes.

Im vierten Satz werden viele Themen/Elemente nochmals aufgegriffen und nach einer großen Form/Gestalt gerungen. Stille und wildes Fortissimo, bewegtes und ruhiges Fortschreiten, melodisch Verbundenes und einzelne Tonfragmente finden im Stil der Fuge immer triumphierendere Gestalten. Eine weitere Steigerung scheint nicht mehr möglich, doch sie geschieht und endet in einer Stille, die den Beginn verwandelt mit umfasst.

Beifall (vor allem zu früher!) ist dann eigentlich eine unangemessene Reaktion!

 




V. SYMPHONIE 

 

 

 

Gehört vom Bayerischen Staatsorchester unter Kent Nagano am 12.5.2013

Reinhard J. Brembeck zu diesem Konzert in der SZ vom 15. Mai 2013

"So richtet er auch vom 20. Jahrhundert aus den Blick auf die Romantik, die ihm nicht als eine bessere Musikvergangenheit gilt. Er dirigiert nur, was sich von Olivier Messiaen oder Schönberg herkommend als interessant erweist. Nicht der süffige Klang, nicht die breiten Apotheosen, nicht die Melodien fesseln diesen Dirigenten. Sondern die Avantgardisten von einst, die radikalen und gelegentlich kruden Vordenker. Deshalb ist ihm auch diese Fünfte so sehr ans Herz gewachsen: Radikaler hat kein Komponist der Romantik die Töne gedrechselt als Bruckner hier. "



zum Seitenanfang zurück



VI. SYMPHONIE 

 

Gehört von den Münchner Philharmonikern unter James Gaffigan am 17.12.2012

Harald Eggebrecht in der SZ vom 18. 12. 2012 beschreibt die überzeugende Leistung so: "Opulenz ohne Übertreibung, Wärme ohne Weichlichkeit, Ruhe, ohne Behäbigkeit, Übersicht, ohne Arroganz."

 


 

 

SYMPHONIE Nr. VII 

in E-Dur

Symphonie Nr. VII in E-Dur
Hörbeispiel           




Gehört unter Fabio Luisi mit dem
Bayerischen Staatsorchester im 
Nationaltheater am 23.5.2005 

Generalprobe gehört unter Mariss Jansons mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks am 26.9.2007

 

 


60 Jahre war Anton Bruckner alt, als im Februar 1885 seine Siebte Symphonie in München erstaufgeführt wurde. Hofkapellmeister 
Hermann Levi, der Uraufführungsdirigent des "Parsifal", hatte sich vehement für das Werk des in München völlig Unbekannten eingesetzt. 
Er selbst leitete die Aufführung mit dem Hofopernorchester.
 
Nach zunächst zögerlicher Begeisterung seitens der Musiker der Hofkapelle hatte Levi sie aber doch von der Besonderheit der Symphonie überzeugen können und mit seiner Interpretation für den bis dahin größten Aufführungserfolg eines Bruckner-Werks gesorgt. Bruckner 
fühlte sich umgekehrt fortan zu München besonders hingezogen.


Als Melodie von 21 Takten ist es eine Melodie von vollendetem Fluß und innerer Einheit, das sich weit von der festen E-Dur-Tonalität seines Anfangs entfernt und organisch zur ursprünglichen Tonart zurückkehrt. Das Thema wird zweimal hintereinander gespielt. Die erste Darstellung endet ohne das abschließende E und leitet so zum Einsatz der Geigen und Holzbläser über. 

Guardini lehrt, daß im Grunde jedes Kunstwerk religiös sei: in seiner Struktur, in seinem Hinweis auf die Zukunft, "auf jene schlechthinnige 'Zukunft', die nicht mehr von der Welt her begründet werden kann", zeige sich sein religiöser Charakter. "Jedes echte Kunstwerk ist seinem Wesen nach 'eschatologisch' und bezieht die Welt über sie hinaus auf ein Kommendes. So mündet auch das echte Verhältnis zum Kunstwerk in etwas religiöses aus."
Daß aber Bruckners nichtliturgische Instrumentalmusik in ganz besonderer und eindringlicher Weise als religiös, als Verheißung und Verweis erlebt werden kann, hat seinen Grund in jenem mathematisch-architektonischen Ordnungsdenken, das die Brucknerische Symphonik trägt und im "Innersten zusammenhält". Die alte Idee wirkt fort, jede "musica instrumentalis" sei das tönende Abbild der "musica mundana", der kosmischen Musik der Sphären und Gestirne, der Jahreszeiten und Elemente, deren Gesetzmäßigkeiten sie folge. Musik - als "klingende Zahlen" - ist nach diesem Verständnis der Inbegriff einer auf Schwingungsverhältnissen und Intervallen, auf Takt und Metrum basierenden Ordnung und somit, christlich gesprochen, Ausdruck des harmonischen Schöpferplanes und der Weisheit Gottes. Man höre den Anfang der IX, Symphonie, einen Anfang im radikalen Sinne, der das elementare, zahlenhafte Wesen der Musik offenlegt. Feierlich, Misterioso - mit diesen Worten ist der Kopfsatz überschrieben. Aber welche Feier soll hier begangen werden? Welches ist das Mysterium, das Geheimnis, an das Bruckner rührt?

 

 

Aus der ambivalenten Begegnung mit den Heiligen, das erschreckend und beglückend ist in einem, Ehrfurcht fordert und Hingabe. Aus diesem Spannungsverhältnis erwächst die ungeheure Dramatik. Sie beruht auf Gegensätzen, die nach christlichem Glauben sowohl in Gott als auch im Menschen bestehen. ... Bruckners Alltagsfrömmigkeit zeigt nur die Außenseite einer Religiosität, die in Wahrheit ekstatische Höhen und lichtlose Abgründe kannte: Glaubensgewißheit und Todesangst. ... Ein schmerzerfülltes, aber unzerstörbares Credo spricht aus seiner Musik: Bleibt die heutige Welt ihm taub? 

Aus "Die Symphonien Bruckners" Hrsg. Renate Ulm S. 229 ff.


Das Fragment entfaltet seine größte Faszination vielleicht dann, wenn es den Widerschein des Todes einfängt. So erschüttert uns jene Werke am nachhaltigsten, deren höchste Vollendung durch das Hinscheiden des Komponisten vereitelt wurde: Bachs Kunst der Fuge, Mozarts Requiem oder Anton Bruckners Neunte Sinfonie. Was alle drei Werke verbindet, ist die äußerste kreative Anstrengung im Angesicht des nahenden Endes, wobei das "opus perfectum" in greifbare Nähe rückt und doch scheitert - ein berührendes Symbol für die Begrenztheit aller menschlichen Kraft und Erkenntnis. ...

Nehmen wir als Beispiel das unvollendet Finale von Bruckners Neunter Sinfonie. Als der Meister vor 107 Jahren starb, verkündeten seine Nachlassverwalter die verhängnisvolle Mär, dass die hinterlassenen Skizzen zum Finale nur wirres Zeug eines geistig stark Geschwächten seinen und verteilten viele der losen Blätter freigebig unter Freunden und Adoranten. Erst als sich die Herausgeber der Bruckner-Gesamtausgabe vor einigen Jahren wirklich die Mühe machten, das noch vorhandene Material zu sichten, wurde klar, das Bruckner den Satz fast vollständig komponiert und zum gro0en Teil schon instrumentiert hatte. Die nun klar erkennbare Architektur des Finales offenbarte, dass sich das theologische "Programm" der Neunten Sinfonie keineswegs mit dem Verklärungsschluss erfüllt hatte, sondern sich mit der Vision des Jüngsten Gerichts und der Verheißung göttlicher Erlösung runden sollte.

Michael Struck-Schloen in der SZ vom 22.10.2003   

Besprechung der Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern unter Harnoncourt 

 


„Die E-Dur-Symphonie wurde mit stürmischer Begeisterung aufgenommen. Hier in München ist auch Boden für Bruckner: nur ein Süddeutscher konnte diese Sätze voll Glanz und Farbe, voll Wucht und Pracht dichten, und nur ein kindlich frommes und gläubiges Gemüt konnte die einsame und meditative Inbrunst solch seelenvoller Gesänge gestalten. Inbrünstig ist Bruckner, aber niemals brünstig; sein Ausdruck ist stets, auch wenn er an die letzten Schleier rührt, ungemein gesund, keusch und gebieterisch [ ... ]. Auch Bruckners Orchester ist nicht modern im Sinne hoffnungsvoller Musikeleven; er wirkt nicht mit orchestraler Sauce, die möglichst scharf gepfeffert sein muß, sondern mit instrumentalen Gruppen, wie Beethoven. Man kann vielleicht Anton Bruckner als den letzten, größten und modernsten Vertreter der katholischen Kirchenmusik auffassen [ ... ].
Bei Bruckner ist alle Kirchenmusik symphonisch geworden; alles Festliche und Herzliche, alle Kränze und tannengeschmückten Triumphbögen, Weihrauchduft und sonstiges Leuchten in alten Barockkirchen, Beichtzerknirschung und Himmelfahrtsjubel, Wallfahrten mit fröhlich flatternden Fahnen und einsames Gebet in der Dämmerung vor dem ewigen Licht, Maienandacht und Kirchweihlust, alles, was im Katholizismus stark und zart und innig und festlich ist - das alles lebt in Bruckners mächtiger Kunst. [...] Er hat Stellen geschrieben, die einsam und ungeheuer dastehen: Ewigkeitsmusik von einer Tiefe, die wir nie ergründen, von eine leuchtenden Reinheit, die abseits vom ganzen Musiktreibend des 19. Jahrhunderts steht."


Josef Hofmiller - Besprechung eines Volkssymphoniekonzertes des Kaim Orchesters (1904)
aus: Harald Werner - "Heimaten des Geistes, Erinnerung an Josef Hofmiller", Freising 1997, S. 76

 



VIII. SYMPHONIE

IN C-MOLL      

Mehr zu Bruckners 8. Symphonie

So erbittert, wie im 1. Satz dieses Werks hat Bruckner noch nie gekämpft!

Der Geist der Verneinung wappnet sich zum Entscheidungskampf.

Da richtet sich noch einmal der Feind in diabolischer Größe auf, um uns mit drohender Gebärde vom Aufstieg abzuschrecken und in den Staub niederzuringen.

Im 2. Satz träumt sich der Michel ins Land hinaus. Er reckt und streckt sich in seiner eckigen, launigen Art.

Im Trio strahlt Licht und Wärme aus und erheitert unser Empfinden. 

Im Adagio werden Gefühle der Ehrfurcht, des Dankes, der Erhabenheit geweckt.

Im Gewebe der Musik, die vom Herzen kommt und unsere Herzen erreicht, werden wir von einer geheimnisvollen Macht wonnetrunken emporgehoben. 

Der Vorhang reißt, wir sind am Rand der ewigen Kreise angelangt, doch der Himmel schließt sich wieder. Aber die Ergriffenheit des geöffneten Geheimnisses begleitet unser Sein.

Der Kampf des ersten Satzes wird noch einmal aufgenommen, bis Todesstille eintritt. 

Im Finale werden in einer unerhörter Steigerung die Hauptthemen der Sätze übereinander gebaut, um schließlich jubelnd den Endakkord des Seins zu erreichen.  


 




BRUCKNERS  ADAGIO DER IX. SYMPHONIE




Ausklang des Daseins, Abschied vom Leben ist dieses ergreifende Finale. Darüber hinaus war es auch ihm versagt, Klänge zu finden. Aber seine Musik gewinnt eine letzte Fülle, Worte, die so häufig missbraucht werden,  gewinnen in seiner Musik ihren vollen Klang. Der Jubel eines großen Finales, blieb dem Seelsorger der Töne versagt, an das von ihm geschaffene, an seine Siebte, seine Achte wollte er noch einmal erinnern . Mit seinem Tod verlor er zwar den Bezug zum Sein in Raum und Zeit, aber das durch ihn Gewordene und Gewonnene bleibt solange im Dasein, bis es endgültig im Geheimnis ankommt und mit ihm die letzte Wirklichkeit bilden wird. Nach dem eindringlichen Rufen des Misereres, erbarme dich mein Gott, glänzen die Klangfarben auf zum Entschwinden in der Zeit, die kalten Schatten lösen sich im Glanz des heilenden Lichts. Diese Lösung aus dem Sein in das Geheimnis hinein, sie geschieht hier für uns im Vorausklang, wie sie  überall im ganzen Universum, in ungeahnten Formen, in unsagbaren Weisen, in unausdenkbaren Wesen wirklich werden wird.

zu meinen Seiten über Bruckner

über Bruckners Achte

über St. Florian

Arnold Schönberg (1912)

"In ihr [Mahlers 9. Symphonie) spricht der Autor kaum mehr als Subjekt. Fast sieht es aus, als ob es für dieses Werk noch einen verborgenen Autor gebe, der Mahler bloß als Sprachrohr benutzt hat. Dieses Werk ist nicht mehr im Ich-Ton gehalten. Es bringt sozusagen objektive, fast leidenschaftslose Konstatierungen, von einer Schönheit, die nur dem bemerkbar wird, der auf animalische Wärme verzichten kann und sich in geistiger Kühle wohlfühlt. Was seine Zehnte [...] sagen sollte, das werden wir so wenig erfahren wie bei Beethoven und Bruckner. Es scheint, die Neunte ist eine Grenze. Wer darüber hinaus will, muss fort. Es sieht so aus, als ob uns in der Zehnten etwas gesagt werden sollte, was wir noch nicht wissen sollen, wofür wir noch nicht reif sind. Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits nahe. Vielleicht wären die Rätsel dieser Welt gelöst, wenn einer von denen, die es wissen, die Zehnte schrieb. Und das soll wohl nicht so sein."

 

 

 

 










 


BRUCKNERS  STREICHQUINTETT 




ST. FLORIAN

Die Gewißheit in St. Florian beigesetzt zu werden [15.10.1896 in der Krypta], beruhigte Bruckner. 

"Kurz vor seinem Tode ist Wolf [Hugo] noch einmal bei ihm gewesen, doch war er nicht mehr bei klarem Bewußtsein . . . Und was er dort sah, war ganz eigenartig und tief ergreifend: in einem einfachen Metallbett, ganz in die Kissen vergraben, lag Anton Bruckner mit schmal gewordenem, blassen Antlitz, den Blick starr und unbeweglich zur Decke gerichtet, auf den Lippen ein verklärten Lächeln, und sie wie zu seligem Gesang leise bewegend, schlug er mit ausgestrecktem Zeigefinger den Takt zu einer Musik, die nur er zu hören vermochte."

Konrad Huschke in der "Allgemeinen Musikzeitung, 1931; Quelle: Werner Wolff, Bruckner, Atlantis 1980

Gedenkstein in St. Florian kombiniert mit eigener Zeichnung

 

 

 



















































Der Sarkophag-Sockel trägt die Aufschrift
Non confundar in aeternum

 („In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden“, die Schlusszeile des Te Deums).



 

 

 

 

zum Seitenanfang zurück