EUGEN BISER

1918 - 2014 

 

THEOLOGE - RELIGIONSPHILOSOPH - SEELSORGER

* 6. 1. 1918 in Oberbergen am Kaiserstuhl

+ 25. 3. 2014 in München















Mehr zur Ludwigskirche . . .




 




Prof. Dr. Richard Heinzmann zum Tod von Eugen Biser

 (Auszug aus der Broschüre, die beim Requiem verteilt wurde)

Wenn ein Mensch im hohen Alter von 96 Jahren stirbt, gehört sein Lebenswerk in der Regel der Vergangenheit an. Auf Eugen Biser trifft das nicht zu! Sein Schaffen war von Anfang an in die Zukunft gerichtet, es hat im Laufe seines Lebens zunehmend an Bedeutung gewonnen und kann heute höchste Aktualität beanspruchen.

Eugen Biser, ein außergewöhnlicher Mensch, ein einfühlsamer Priester und unermüdlich forschender und lehrender Wissenschaftler hat mit seinem geradezu paulinischen Charisma als Prediger die Besucher seiner Gottesdienste ebenso in seinen Bann gezogen, wie er mit seinem universalen Wissen die Hörer seiner Vorlesungen faszinierte. . . .

Am 6. Januar 1918 in Oberbergen am Kaiserstuhl geboren, verbrachte Eugen Biser seine Kindheit und Jugend in den damals bescheidenen Verhältnissen eines Lehrerhaushalts. Das in Freiburg im Breisgau begonnene Theologie-studium wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Eine schwere Verletzung in Rußland hatte zur Folge, daß er erst nach einem langen Prozeß der Genesung sein Studium wiederaufnehmen konnte. Im Jahre 1946 wurde er zum Priester geweiht.

Von den schrecklichen existentiellen Erfahrungen des Krieges waren Fugen Biser und sein Denken zeitlebens geprägt. Er wußte, wozu der Mensch fähig ist, und wie es um ihn in seiner Angst und Todverfallenheit steht. . . . Neben der Ausübung eines über zwanzig Jahre währenden vollen Deputats als Religionslehrer in Heidelberg promovierte er 1956 in Theologie mit einer Arbeit über Gertrud von le Fort und 1961 in Philosophie mit einer Arbeit über Friedrich Nietzsche, der ihm sein wissenschaftliches Leben lang ein geistiger Gesprächspartner blieb. Nach der Habilitation im Jahre 1965 begann seine Universitätslaufbahn als Fundamentaltheologe, die ihn von Passau über Marburg, Bochum und Würzburg schließlich 1974 nach München auf den renommierten Guardini-Lehrstuhl für Christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie führte.

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Die in der unmittelbaren Begegnung spürbare charismatische Ausstrahlung dieses wegweisenden christlichen Denkers gehört nun unwiederbringlich der Vergangenheit an. Generationen von Menschen, die ihn erlebt haben - ihre Zahl wird naturgemäß immer kleiner -‚ werden sich in bleibend dankbarem Gedenken seiner erinnern. Es wird, wie bei anderen großen Gestalten, auch künftig von seinem Wirken und seiner Wirkung gesprochen und geschrieben werden, es wird aber nur noch informierende Rede von endgültig Vergangenem sein, das Ereignis selbst, das performative Wort, läßt sich nicht zurückholen.

. . . Über die Aura seiner Person und deren lebenszeitliches Wirkungsfeld hinaus gilt es, den Blick auf das Werk zu richten. Dabei ist insbesondere auf jene innovativen Ansätze und in die Zukunft weisenden Elemente seiner Theologie zu achten, die geeignet sind, über die aktive Tätigkeit eines langen Lebens hinaus überkommene und verhärtete Strukturen aufzubrechen, das Christentum neu zu entdecken und dadurch den Weg in eine vom Geist Christi geprägte Zukunft freizumachen. Um diese Perspektive zu eröffnen, muß nach dem Grundanliegen und Leitgedanken der Theologie Eugen Bisers gefragt werden.

Bei aller Vielfalt der von ihm behandelten Problemfelder - Musik, Kunst und Literatur zählten ebenso dazu wie Philosophie und Theologie -‚ stand die allen Einzelproblemen vorausliegende Frage nach der Identität des Christentums im Zentrum seines unermüdlichen wissenschaftlichen Arbeitens. Er war der Überzeugung, daß die gegenwärtige Krise des christlichen Glaubens und der Kirche nicht eine zufällige und deshalb gewissermaßen von selbst vorübergehende Zeiterscheinung sei. Den eigentlichen und tiefsten Grund dafür sah er in der mangelnden Konzentration auf die Mitte des Christentums. Mit gutem Recht kann man deshalb von einer Identitätskrise sprechen. In dieser Diagnose, wonach sich das Christentum in seiner zweitausendjährigen Entwicklung in wesentlichen Punkten selbst verfehlt habe, spiegeln sich die letzten Auswirkungen eines Prozesses, der mit der Begegnung von christlicher Offenbarung und griechischer Philosophie schon sehr früh begann und im Lauf der Christentumsgeschichte zu folgenschweren Akzentverlagerungen und Verwerfungen führte. Christsein als Lebens- und Existenzvollzug wurde zunehmend zu einer begrifflich formulierten Lehre, die von der Kirche als Gegenstand des Glaubens verbindlich vorgeschrieben wird. Mit diesem Vorgang wurde Glauben unausweichlich zu einem Fürwahrhalten von Sätzen degradiert. Die für Glauben im strengen Sinn unverzichtbare Dimension der Freiheit ging immer mehr verloren, bis schließlich Glaubenszwang kirchlicherseits zu einer echten Option wurde. Im Gegenzug zu dieser Entwicklung forderte Eugen Biser die Wende vom abstrakten System, von der in sich kohärenten Doktrin zur Lebenswirklichkeit - d. h. zu Jesus als der alleinigen Bezugsperson des Christseins -‚ von der Lehre und Botschaft zum Botschafter selbst, von den satzhaften Wahrheiten des Christentums zur personalen Wahrheit Christi.

Mitte und Norm des Evangeliums muß Jesus Christus selbst sein mit seiner „revolutionären Botschaft" vom bedingungslos liebenden Gott. Mit diesem Gottesverständnis kommt der andere gravierende Bruch der Christentumsgeschichte mit der Grundbotschaft des Neuen Testaments in den Blick: die Pervertierung des Gottesbildes. Nicht zuletzt unter dem Einfluß des späten Augustinus (354-430) war aus dem Gott der Liebe ein Angst und Schrecken verbreitender Willkürgott geworden. Die verheerenden und die Menschen traumatisierenden Folgen dieses zutiefst unchristlichen Gottesbildes wirken in vielfachen Brechungen bis in die Gegenwart nach. Dieser besonders verhängnisvollen Fehlentwicklung steht der theologische Ansatz von Eugen Biser diametral entgegen. Biser versteht Glauben als dialogische Relation zu Christus und durch ihn zu Gott. Dadurch werden alle Vergegenständlichungen in Zeichen, durch Sätze und Lehren auf deren Innendimension hin durchbrochen. Die „Einwohnung des Geistes" erhebt den Menschen zur Gotteskindschaft - ein Thema, mit dem sich Eugen Biser noch in einer seiner letzten Monographien befaßte - und kann den Menschen damit zu seiner eigenen Identität führen. Diesen Prozeß der Neuentdeckung der Mitte des Christentums versteht Eugen Biser als „Christomathie". Allein dadurch kann das Christentum von seinem „Selbstmißverständnis" befreit werden.

Im Kontext dieser Überlegungen zeigt Eugen Biser überzeugend, daß das Christentum keine asketische, sondern eine mystische Religion der inneren Erfahrung ist und als solche therapeutische Funktion hat. Mit der Überwindung der Angst vor Gott überwindet Christsein auch die Todesangst und beantwortet dadurch die den Menschen ständig bedrängende und sein Dasein belastende Sinnfrage. Eugen Biser versteht die Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus als Antwort auf die existentielle Not des Menschen und darin als sinnvermittelnde Heilstat. Diese in sich schlüssige Deutung von Christsein hat, soll sie nicht in sich selbst zusammenbrechen, eine unverzichtbare Voraussetzung: die Auferstehung Jesu als das zentrale Heils- und Glaubensereignis, und zwar verstanden als „Auferstehung in die Herzen der Seinen".

In traditionskritischer Rückbesinnung auf die Mitte und den Ursprung des Christentums hat Eugen Biser Fehlentwicklungen namhaft gemacht, die schwerwiegende Konsequenzen hatten und auch fü die aktuelle Krise des Christentums mitverantwortlich sind. In Auseinandersetzung mit den großen Christentumskritikern des 19. Jahrhunderts, insbesondere mit Friedrich Nietzsche, sowie dem anonymen Atheismus der Gegenwart hat Eugen Biser zu seinem Ansatz gefunden. In der Rückwendung auf die Mitte des Evangeliums hat er die Wirklichkeit von Christsein neu entdeckt und in seiner Theologie unter verschiedenen Gesichtspunkten reflektiert. Er selbst sprach von seiner „Neuen Theologie" oder der „Theologie der Zukunft". Aus seinem Gesamtwerk ergeben sich Konsequenzen von großer Tragweite. In erster Linie ist davon das Lehrgebäude der Kirche betroffen, aber auch das Verständnis der Strukturen der Kirche selbst muß von seinem Ursprung her befragt und einer kritischen Prüfung unterzogen werden.

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Eugen Biser hat sich selbst und die Wirkungsgeschichte seines Werks folgendermaßen charakterisiert: „Ich bin kein Revolutionär, aber ich bin der Meinung, daß die Kirche, im besten Sinne des Wortes, durch eine größere Wahrheit, nämlich die ursprüngliche Wahrheit, unterwandert werden muß, und daß das Gebäude der Kirche, um dieser Wahrheit Rechnung zu tragen, irgendwann nachgeben muß, um so diese Wahrheit zur Geltung kommen zu lassen." Das Grundanliegen seiner Theologie besteht darin, das Zentrum der christlichen Botschaft wieder zu entdecken mit dem Ziel, diese Botschaft aufs Neue als Kunde von der „Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes" zur Geltung zu bringen.


 

 

"Daß Eugen Biser zu den herausragenden Gestalten in der Reihe der Theologen und Religionsphilosophen der zweiten Hälfte des 20. und des beginnenden 21.Jahrhunderts zählt, steht außer Frage."

Der Philosoph Richard Heinzmann

 

 

Zu den Seiten 
der Biser Stiftung

Auf diesen Seiten möchte ich meine persönliche Sichtweise auf den großen Religionsphilosophen und Menschen Eugen Biser darstellen. 
Die Grafik zeigt Eugen Biser umrahmt von einer Zeichnung  der "Erleuchtung des Paulus" von
Otto Kobel (links) und einer eigenen Zeichnung eines Wesens, das kämpferisch dem "Unbedingt liebenden Gott" zum Durchbruch verhilft (rechts).

 

 

 

Bisers Ansatz des Christentums als eine therapeutische und mystische Religion

Quelle: Eugen Biser Stiftung

Das Christentum ist  von seinem Ursprung her keine moralische, sondern eine therapeutische, auf die Heilung des todverfallenen und angstgepeinigten Menschen ausgehende und insbesondere eine mystische Religion, die aus der Einwohnung ihres Stifters in den Herzen der Seinen lebt.

Das Zentrum der christlichen Botschaft besteht in dem von Jesus entdeckten und verkündeten Gott der bedingungs- und vorbehaltlosen Liebe. Sie lehnt die Vorstellung von einem ambivalenten, zwischen Güte und Zorn  oszillierenden Gott als eine der menschlichen Geschichts- und Selbsterfahrung entstammende Projektion ab. Jesus hat den aus Angst und Hoffnung gewobenen Schleier vom Gottesbild der Menschheit entfernt. Indem er seinen Gott mit der ehrfürchtig-zärtlichen Anrede „Abba – Vater“ anrief, durchstieß er die Mauer der Unnahbarkeit Gottes, überbrückte den Abgrund der Gottesferne, erschloss den Zugang zum Herzen Gottes und begründete die Gotteskindschaft der Menschen. Wenn die Liebe dessen, der uns (nach Röm. 8, 32) mit seinem Sohn alles geschenkt, hat, an die Herzen rührt, muss die dort herrschende Angst weichen und der Gewissheit Raum geben, dass keine Macht der Welt die Zuwendung dieser Liebe aufhalten und uns von ihr trennen kann.

Die Neue Theologie entlarvt jede Form sozialer, geistiger und moralischer Repression als unchristlich, gestützt auf das große Paulus-Wort: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ (Gal. 5, 1). Sie befreit insbesondere von dem nach Nietzsche auf allem lastenden „Geist der Schwere“, der alles in die Gleise von „Satzung, Not und Folge“ zu zwingen sucht. Da wahre Freiheit nicht so sehr die der zerbrochenen Fesseln als vielmehr die zu höherer Selbstaneignung ist, wird sie vorzugsweise zum Urakt aller Kultur bewegen und anleiten müssen.
Der aber besteht in der unabdingbaren Aufgabe des Menschen, aus dem Rohstoff seiner Person das Kunstwerk der Persönlichkeit zu schaffen.

 

Unter dem Titel "Das spirituelle Vakuum: Die entbehrte Mystik" 
führt der Religionsphilosoph EUGEN BISER in seinem Buch "Glaubensprognose" aus:

"Wenn die Anzeichen nicht trügen, steht das Christentum insgesamt im Begriff, sich von seiner moralischen Selbstdarstellung [..] zu verabschieden, um in seine mystische Zukunft einzutreten. Da eine derartige Verabschiedung sich niemals reibungslos, sondern immer nur in Stauungen, Konflikten und Brüchen vollzieht, sind die gegenwärtigen Spannungen [..] aus der Natur des Übergangs zu erklären. Verständlich wird in dieser Sicht vor allem die moral- und sexualethische Engführung der kirchlichen Doktrin, die nun als nachdrückliche Manifestation einer sich primär als moralische Autorität verstehenden Kirche erscheint; [...] Die Glaubensgemeinschaft wird in ihrer sensiblen Spitze mit aller Kraft dem Kommenden entgegenstreben, wenn nicht gar es vorwegnehmen.

Karl Rahner versicherte, der Christ der Zukunft werde ein Mystiker sein oder er werde überhaupt nicht sein. Damit setzte er Nietzsches aggressiver Untergangsprognose die Überzeugung von einem zu seiner eigenen Innerlichkeit erwachenden Christentum entgegen.

Diese Mystik-Prognose läßt sich durch eine theologische Deutung der neueren Geistesgeschichte stützten, sofern sich diese wie ein sich zusehends verschärfender Disput um den ontologischen Gottesbeweis ausnimmt."

 

 

 


Von den Vorlesungen  Eugen Bisers besitze ich eine Reihe von Mitschnitten und Mitzeichnungen. Er ist ein begnadeter Redner und kann - trotz seines Alters -die Weite der religiösen und philosophischen Entwicklungen anschaulich wiedergeben. 

Über die Person von Eugen Biser ...

 

In einem Interview, das am  27.8.2006 vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wurde, tat der 88 jährige Religionsphilosoph Eugen Biser etwas von seinen Plänen kund.

Er sprach von seiner "Theologischen Triologie", von der er bisher zwei Teile verwirklichen konnte. Der erste Teil widmete sich der "
Gotteskindschaft  Jesu, der zweite Teil - das Herzstück - hat  Jesus als Christus zum Thema, der die Botschaft Gottes leibhaftig verkörpert.


Überraschend war es für mich, dass er im dritten Teil eine "Abrechnung mit den Zeitverhältnissen" und besonders eine  Auseinandersetzung mit Hitler vornehmen möchte. Das Thema des Nationalsozialismus mit seinen antichristlichen Elementen sei noch nicht aufgearbeitet. Er fragt sich allerdings, ob er dies noch schaffen wird.

In der Philosophie und in der Theologie wurde immer wieder vom Tod Gottes gesprochen, aber sind dieser Reden auch ernst genommen worden? Hitler, so Biser, ist es gelungen, Gott in den Herzen der Menschen zu töten.

Zu diesem Thema ist aus meiner Sicht auch  folgendes interessant:  

Ernst Tugendhat
hat in einem ZEIT Artikel über "Macht und Antiegalitarismus bei Hitler und Nietzsche" ausführlich Stellung genommen. "Wer heute Nietzsche liest, muss entweder gegenüber bestimmten Aussagen die Augen schließen oder ausrufen: "Oh wenn du gewusst hättest." 

Zum Beleg:

Nietzsche über "Mein Begriff von Freiheit" aus "Götzen-Dämmerung - Streifzügen eines Unzeitgemäßen"

 

38.

Mein Begriff von Freiheit. - Der Werth einer Sache liegt mitunter nicht in dem, was man mit ihr erreicht, sondern in dem, was man für sie bezahlt, - was sie uns kostet. Ich gebe ein Beispiel. Die liberalen Institutionen hören alsbald auf, liberal zu sein, sobald sie erreicht sind: es giebt später keine ärgeren und gründlicheren Schädiger der Freiheit, als liberale Institutionen. Man weiss ja, was sie zu Wege bringen: sie unterminiren den Willen zur Macht, sie sind die zur Moral erhobene Nivellirung von Berg und Tal, sie machen klein, feige und genüsslich, - mit ihnen triumphirt jedesmal das Heerdenthier. Liberalismus: auf deutsch Heerden-Verthierung ... Dieselben Institutionen bringen, so lange sie noch erkämpft werden, ganz andere Wirkungen hervor; sie fördern dann in der That die Freiheit auf eine mächtige Weise. Genauer zugesehn, ist es der Krieg, der diese Wirkungen hervorbringt, der Krieg um liberale Institutionen, der als Krieg die illiberalen Instinkte dauern lässt. Und der Krieg erzieht zur Freiheit. Denn was ist Freiheit! Dass man den Willen zur Selbstverantwortlichkeit hat. Dass man die Distanz, die uns abtrennt, festhält. Dass man gegen Mühsal, Härte, Entbehrung, selbst gegen das Leben gleichgültiger wird. Dass man bereit ist, seiner Sache Menschen zu opfern, sich selber nicht abgerechnet. Freiheit bedeutet, dass die männlichen, die kriegs- und siegsfrohen Instinkte die Herrschaft haben über andre Instinkte, zum Beispiel über die des "Glücks". Der freigewordne Mensch, um wie viel mehr der freigewordne Geist, tritt mit Füssen auf die verächtliche Art von Wohlbefinden, von dem Krämer, Christen, Kühe, Weiber, Engländer und andre Demokraten träumen. Der freie Mensch ist Krieger. - Wonach misst sich die Freiheit, bei Einzelnen, wie bei Völkern? Nach dem Widerstand, der überwunden werden muss, nach der Mühe, die es kostet, oben zu bleiben. Den höchsten Typus freier Menschen hätte man dort zu suchen, wo beständig der höchste Widerstand überwunden wird: fünf Schritt weit von der Tyrannei, dicht an der Schwelle der Gefahr der Knechtschaft. Dies ist psychologisch wahr, wenn man hier unter den "Tyrannen" unerbittliche und furchtbare Instinkte begreift, die das Maximum von Autorität und Zucht gegen sich herausfordern - schönster Typus Julius Caesar -; dies ist auch politisch wahr, man mache nur seinen Gang durch die Geschichte. Die Völker, die Etwas werth waren, werth wurden, wurden dies nie unter liberalen Institutionen: die große Gefahr machte Etwas aus ihnen, das Ehrfurcht verdient, die Gefahr, die uns unsre Hülfsmittel, unsre Tugenden, unsre Wehr und Waffen, unsern Geist erst kennen lehrt, - die uns zwingt, stark zu sein ... Erster Grundsatz: man muss es nöthig haben, stark zu sein: sonst wird man's nie. - Jene grossen Treibhäuser für starke, für die stärkste Art Mensch, die es bisher gegeben hat, die aristokratischen Gemeinwesen in der Art von Rom und Venedig verstanden Freiheit genau in dem Sinne, wie ich das Wort Freiheit verstehe: als Etwas, das man hat und nicht hat, das man will, das man erobert ...

Zeichnung TAM

 

Biser hat über Nietzsches provokative Kritik des Christentums ein Buch mit dem Titel "Gottsucher oder Antichrist" geschrieben und dieses Karl Löwith, dem Menschen und Denker in dankbarer Erinnerung, gewidmet. Biser sieht Nietzsche als kritischen Außenseiter, denen das Christentum noch immer wichtigste Erkenntnisse und Impulse zu verdanken hat. "Wie kein anderer geriet Nietzsche ... in den Verdacht, der Vorbote und Eideshelfer Hitlers zu sein. Daß dieser dem Nietzsche-Archiv einen Besuch abstattete, seiner 1935 verstorbenen Leiterin ein Staatsbegräbnis ausrichten ließ und Mussolini zu dessen 50. Geburtstag eine eisenbeschlagene Prachtausgabe des 'Zarathustra' übersandte, schien diesen Verdacht aufs nachdrücklichste zu bekräftigen."

 


 

 

"Jesus sieht den Menschen im Horizont seiner je größeren Möglichkeiten, wenn es um die Kultivierung der Mitmenschlichkeit geht. Zwar weiß er um den blickverstörenden "Balken", der im Interesse gerechter Beziehungen aus dem Auge entfernt werden muß (Lk 6,41f), und um den tief sitzenden Hang zu Mißgunst (Mt 20,15) und Unbarmherzigkeit (18,28 -34); doch setzt er mit seiner Immunisierungsstrategie zugleich in den Menschen das Vertrauen, daß er nicht nur durch Gesetze vom Bösen abgehalten, sondern durch die ihm eingestiftete Liebe außer Stand gesetzt wird, Böses zu wollen oder gar zu tun. Von daher gesteht er ihm nicht nur die Fähigkeit zu selbstvergessener Nächstenliebe, sondern sogar zur Feindesliebe zu." (In "Das Antlitz" S. 213)

 

ZEITRYHTHMEN

 



Kurzwiedergabe einiger Gedanken der Vorlesung von Eugen Biser
am Mittwoch, den 1.12.2004 in der LMU in München

Biser unterscheidet ein zyklisches von einem linearen Geschichtsbild. Die Griechen kannten noch keine Fortschrittsidee. Diese kam erst durch das Judentum, genauer durch die jüdischen Propheten, in die Menschheitsgeschichte. Sie sahen das Ziel der Geschichte im "Tag JHWH". Das Christentum führt diesen Gedanken weiter. Das Ziel ist der "Jüngste Tag", der Tag der Vollendung, das von Jesus vermittelte "Reich Gottes". Biser findet den Begriff "Jüngstes Gericht" nicht passend, denn der Gerichtsaspekt ist nicht der wesentliche. Wie das Ziel des Menschen die Gotteskindschaft ist, so ist das Ziel der Menschheit die kollektive Gotteskindschaft, das Reich Gottes. Er bezieht sich in diesem Zusammenhang auf Paulus.

Biser ging auch auf die Theodizeefrage ein. Warum hat Gott nicht eine Welt geschaffen, die das Leid nicht kennt? Warum hat er die Welt nicht besser eingerichtet? Biser vertrat vehement die Auffassung, das Gott eine vollkommene Welt nicht schaffen konnte/wollte, denn sonst wäre diese Welt ja selbst Gott. Die Welt aber ist kontingent. Er wies darauf hin, dass die Toten, die die Menschen durch Krieg und Verbrechen zu verantworten haben, erheblich höher seien, als die Toten durch Naturkatastrophen. Auch dies gelte es bei der Theodizeefrage zu beachten.

Er beendete die Vorlesung mit dem Hinweis, dass Hitler die moralische und künstlerische Elite in Deutschland weitgehend vernichtet hat. Dies hat die Nachkriegsentwicklung in Deutschland geprägt.
Die friedliche Vereinigung Europas ist eine wunderbare Entwicklung - ein Wunder. Hier ist eine "Zitadelle des Friedens" entstanden als Beispiel für die Welt. Die ökonomischen Aspekte sind dabei durchaus wichtig, noch wichtiger wäre es aber, dass sich ein europäischen Bewußtseins bildet, und dies ist eine pädagogische Aufgabe. Die Bildung eines vereinten Europas sei damit eines der wenigen Beispiele, wie man aus einer furchtbaren Geschichte lernen kann.

Auch wenn ich nicht jede seine Aussagen, besonders in der oft vorgebrachten Eindeutigkeit, mit vollziehen kann, ist sein lebendiger Vortrag immer wieder ein Gewinn.

 

Am 1.12.2004 hörte ich die Vorlesung des Religionsphilosophen  Eugen Biser an der LMU München. In einem Vorwort ging er auf die aktuelle Situation in der Ukraine ein und erwähnte die positive Rolle von Kanzler Schröder.  Biser war auch überrascht, dass Putin Neuwahlen zustimmte. Er erzählte von seinen persönlichen Erfahrungen beim Einmarsch der deutschen Truppen im Jahre 1941 in der Ukraine. "Wir wurden mit Triumphbögen empfangen". Für viele Ukrainer war es eine Befreiung von der Stalin-Diktatur. Das radikale Industrialisierungsprogramm führte dazu, dass viele Menschen verhungerten. Die Menschen in der Ukraine sahen noch nicht, dass Hitler die Absicht hatte, sie als Sklaven zu halten.  Biser erwähnte auch die Partisanen, die zum Beispiel Krankentransporte sehr mühselig machten, da die Bahngleise immer wieder über Nacht zerstört wurden. Er selbst wurde in der Nordukraine verwundet. Nach der Vorlesung war auf dem Geschwister-Scholl Platz vor der Uni eine Demonstration mit Fakeln von Juschtschenko-Anhängern. Dabei wurden auch Ukrainische Lieder gesungen.

 

In der Süddeutschen Zeitung gab Eugen Biser am 22. 4. 2005 ein Interview über die Papstwahl.
(Die Fragen stellte Monika Maier-Albang)

Hier einige Auszüge:

War es eine gute Wahl?

Eine ausgezeichnete.

Trotz aller Konflikte, die die deutschen Katholiken mit ihm hatten?

Die bisherige Tätigkeit war ihm aufgetragen und von ihm nie gesucht - und eine der schwierigsten in der Kirche.

Ist man an dieser Stelle automatisch ein Bremser?

Ein Bremser und ein Kritiker. Aber offensichtlich war das eine Last, unter der er gelitten hat. Die Aufgabe als Präfekt der Glaubenskongregation war ihm offensichtlich nicht auf den Leib geschrieben, er ist von Johannes Paul II. in die Pflicht genommen worden. Aber jetzt ist er Herr seiner eigenen Situation.

Tatsächlich? Das Amt bringt dich auch Zwänge mit sich, nur eben andere.

Schon. Aber er hat sich ja bereits geäußert und diese Äußerungen stimmen mich hoffnungsfroh. Er hat gesagt, er will seine ganze Kraft der Vereinigung der Kirchen widmen. Ich habe ihm gerade geschrieben, dass zum äußeren Ökumenismus auch der innere gehört: eine Überwindung der in der Kirche bestehenden sehr großen Spannungen.

Kardinal Ratzinger hat doch eher polarisiert denn zusammengeführt.

Das war ja nicht seine Aufgabe. Seine Aufgabe war, auftretende Irritationen und Widersprüche auszuschalten.

Was ihm bei der Schwangerenberatung ja wunderbar gelungen ist - mit allen menschlichen Verletzungen.

Ratzinger hat nie mit persönlicher Härte reagiert, wo er anderer Meinung war. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Er hat ganz andere Qualitäten, als man ihm in der Öffentlichkeit zutraut.

Läßt Ratzinger mit sich reden?

Ratzinger ist ein Theologe. Ein Theologe, der nicht mit sich reden läßt, ist kein Theologe sondern ein Ideologe.

Glauben Sie, dass Benedikt XVI. eine andere Position zum Thema Verhütung einnimmt als sein Vorgänger?

Das kann ich mir sehr wohl vorstellen. Die Kirche hat ja schon oft Positionen, die eine Zeit lang als irreversibel gegolten haben, geändert. Das Verbot Kondome zu benutzen, muss natürlich aufgehoben werden. Das ist für Afrika lebensnotwendig. Man kann nicht gegen ein Millionen-Problem wie Aids mit einer rigiden Sexualmoral angehen. Hier muss eine lebensnahe und konstruktive Lösung gefunden werden.

Was bedeutet die Wahl eines deutschen Papstes?

Es ist eines der größten Sensationen. Denn Deutschland steht noch immer im Abseits der Weltachtung aufgrund der furchtbaren Vorkommnisse in der Nazi-Ära. Durch die Wahl eines deutschen Papstes wird Deutschland im Konzert der Nationen aufgewertet und in eine Position geführt, die ihm behilflich ist, seine Schlüsselrolle beim Aufbau eines neuen Europa wirksam wahrzunehmen.

Sie wollen eine mystische Kirche. Ist das auch die Kirche Benedikts XVI.?

Das ist der Standpunkt meines großen Vorgängers, Karl Rahner. Und ich könnte mir vorstellen, dass eine mystisch orientierte Theologie die Akzeptanz von Benedikt XVI. findet.

Wie wäre die Kirche dann?

Sie wäre eine Kirche, bei der der Glaube nicht nur in der Akzeptanz von Dogmen besteht, sondern als Einladung zur Gotteserfahrung verstanden wird. Eine Kirche, bei der Christus in den Herzen der Menschen wohnt. Das sind Dinge, die bislang hintangehalten worden sind.

Die Kirche wird oft kaum als liebenswürdiger Zusammenschluss von Gläubigen wahrgenommen. Eher als Ansammlung von Reglementierungen, die mit dem Leben nichts zu tun haben.

Hier hat sich in den letzten Wochen ein Wandel vollzogen. Denn noch nie wurde die von Kant dem Christentum zugute gehaltene Liebenswürdigkeit so seh mit dem Bild der Kirche verbunden wie gerade in den letzten Tagen des verstorbenen Papstes. Es ist sein schönstes Vermächtnis an seinen Nachfolger, die Kirche bis hinein in ihre Strukturen im Glanz dieser Liebenswürdigkeit erscheinen zu lassen.

Aber Benedikt XVI. ist ein ganz anderer Charakter. Wie kann er diese Lebendigkeit aufrecht erhalten?

Es wird ihm gelingen. Er hat ein ganz wunderbares Programm entworfen, indem er sich offen zum Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils bekennt und daraus den Auftrag zu einem weltweiten Ökumenismus ableitet. Und dies kann er nur in einem Klima der Verständigung, der Versöhnung, der gegenseitigen Rücksichtnahme umsetzen.

 

 

Unter dem Titel
Dialog: Ursprung und Ziel der Theologie von Eugen Biser
sprach der Philosoph Richard Heinzmann anläßlich des Festveranstaltung zum
90. Geburtstag von Eugen Biser in der Katholischen Akademie

Hier die wesentlichsten Aussagen in einer Zusammenfassung:

 I.

Eugen Biser hat "ein ebenso weit ausgreifendes wie in die Tiefe gehendes wissenschaftliches Werk auf hohem spekulativem Niveau vorgelegt. "

Das Werk von Eugen Biser kann man "mit gutem Recht als 'Theologie der Zukunft' bezeichnen."

Das Unterscheidende und in die Zukunft Weisende der Theologie von Eugen Biser ist, dass er einen Neuansatz präsentiert , "der den Ursprung, und damit das Fundament, von Theologie und Christentum überhaupt betrifft und der sich deshalb auf Theorie und Praxis gleichermaßen auswirkt."

"Daß ein solcher Neuansatz, ein solches Zurückgreifen auf den Ursprung, erforderlich geworden war, weist darauf hin, daß sich Theologie und Kirche im Laufe der Jahrhunderte durch heterogene philosophische Einflüsse ebenso wie durch innertheologische Kontroversen, nicht zuletzt durch die Übernahme profaner Herrschaftsstrukturen, zunehmend von dem alleinigen und normativen Maßstab ihres Ursprungs wegbewegt haben. Dadurch kam es zu einem ständig wachsenden Glaubens- und Glaubwürdigkeitsverlust, der heute Gegenstand allgemeiner Irritation ist."

"Nach der Einschätzung von Eugen Biser erklärt sich ,die gegenwärtige Glaubens und Kirchenkrise' aus der mangelnden Konzentration auf die Mitte des Christentums und muß deshalb als 'Identitätskrise' verstanden werden (Einweisung, S. 11).

In einer vergleichbaren Lage befindet sich der einzelne Mensch in seiner konkreten, geschichtlich bedingten Situation. Den sicheren Tod vor Augen, von der unausweichlichen Frage nach dem Sinn seines Daseins bedrängt und der Angst vor einem ambivalenten Gott ausgesetzt, steht er ständig in der Gefahr zu verzweifeln.

Der Glaube, verstanden als ein Fürwahrhalten von Sätzen, bietet ihm keine Hilfe. In der Gestalt einer zu akzeptierenden Lehre ist das Christentum nicht imstande, auf existentielle Probleme eine Antwort zu geben, im Gegenteil, es wird als eine zusätzliche Fremdbestimmung und Belastung empfunden, durch die nun seinerseits der Mensch in eine ausweglose Identitätsnot gerät."

 

"Die Theologie von Eugen Biser verfolgt das Ziel, die Offenbarung, die Selbstmitteilung Gottes, als Antwort auf die Sinnfrage des Menschen zu interpretieren, eine Brücke zu schlagen zwischen der Heilsbotschaft Jesu und der existentiellen Aporie des Menschen."

Biser " denkt nicht im Horizont griechischer Metaphysik, die von der alles dominierenden Frage nach dem Allgemeinen und den unveränderlichen Strukturen beherrscht wird. Er fragt nicht nach dem Wesen des Christentums und nicht nach dem Wesen des Menschen, sondern danach, was für authentisches Christsein wesentlich ist. "

II.

Die  Wurzeln der Glaubens- und Kirchenkrise liegen  in der Begegnung der christlichen Heilsbotschaft mit der spätantiken Philosophie. Die Offenbarung, die Selbsterschließung Gottes in Jesus Christus, wurde als Lehre verstanden. "Sie wurde von einer Lebenswirklichkeit zu einem System von Wahrheiten umgestaltet, das im Mittelalter seine volle wissenschaftliche Gestalt erhielt."

"Ohne daß man sich dessen bewußt gewesen wäre, kam es dadurch zu einem folgenschweren Bruch mit dem Ursprung. . . . Die Lehre, die Dogmen eingeschlossen, ist deshalb nicht die Primärquelle der Wahrheit. In diesem Kontext unterscheidet Eugen Biser ausdrücklich zwischen der „Wahrheit des Christentums“, die in der Lehre ihren Niederschlag findet, und der „Wahrheit Christi“, die in der Lebenswirklichkeit gründet und durch personale Erfahrung dialogisch vermittelt wird (Dialog, 366f). Das Wesen des Christentums ist also nicht eine formulierbare Wahrheit, sondern eine Person, nämlich der Offenbarer selbst. "

"Der Dialog ist deshalb im Rückgriff auf den Ursprung ebenso wie in der Vermittlung und der Verkündigung die allein adäquate Methode. . . . Das Neue Testament ist nicht die Offenbarung. Es kommt nicht auf die Worte an  . . . sondern auf die Person selbst, die hinter diesen Worten steht, und von der das Neue Testament spricht. Die Irrtumslosigkeit der Schrift wird davon nicht tangiert, denn diese bezieht sich nicht auf den Modus der Bezeugung, sondern auf die bezeugte Wirklichkeit (Erweckung, 137)."

"Die Mitte und die Norm des Evangeliums ist Jesus Christus selbst mit seiner 'revolutionären' Botschaft von Gott als dem bedingungslos liebenden Vater.

Biser " korrigiert damit den anderen gravierenden Bruch der Christentumsgeschichte mit der Grundbotschaft des Neuen Testamentes: die Pervertierung des Gottesbildes. Nicht zuletzt unter dem Einfluß des späten Augustinus war aus dem Gott der Liebe ein Angst und Schrecken verbreitender Willkürgott geworden, der die Mehrheit der Menschen verdammt und nur wenige rettet."

"Die in Christus bleibend präsente Botschaft von der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes ist das allein verbindliche Auslegungsprinzip des Neuen Testamentes und aller normativen Texte des Christentums."
"Die Gerichts- und Drohworte der Evangelien können dagegen nicht geltend gemacht werden; diese müssen nach Biser als „Übertextungen“der Jesus-Botschaft durch Konflikte in der Urgemeinde verstanden werden (Erweckung, 286)."

Der alleinige Grund, das Christentum und die Kirche überhaupt gibt,  "ist die Auferstehung Jesu von den Toten. Gegen die Zuschreibung einer derart fundamentalen Bedeutung der Auferstehung könnte man einwenden, daß die Auferstehungsberichte zu widersprüchlich sind, um eine sichere Basis für diese zentrale Funktion des Auferstehungsglaubens abzugeben. Dem ist entgegenzuhalten, daß die Widersprüche im Bereich der Darstellung liegen, die nicht beschreibend, sondern bildlich zu verstehen ist. Das zugrunde liegende Zeugnis wird davon nicht betroffen."

Aber wohin ist er auferstanden? Biser betont: "In die Mitte der in seinem Namen Versammelten (Mt 18,20), und damit in die Herzender Seinen."

"Mit diesem Gedanken setzt Eugen Biser die von ihm vollzogene Wende zurück zum Zentrum des Christentums mit der Wende von der Vergegenständlichung zur Innerlichkeit fort. Ostern . . . 'ist unverkennbar die Wende von der Lebens- zur Wirkungsgeschichte Jesu, der Umschlag von seiner historischen zu seiner mystischen Biographie, das Ende seines Wirkens für die Seinen und der Anfang seiner Einwohnung in ihnen'(Antlitz, 254).

"In dieser Sicht der Auferstehung findet nicht nur das Christentum wieder zu seiner Identität zurück, durch die Einwohnung Christi wird auch die Heteronomie des Menschen überwunden."

"Damit wird der Blick auf das Phänomen der christlichen Mystik geöffnet. Nach dem Urteil von Biser hat die Mystik bei der Lösung der anstehenden Probleme des Christentums „höchste Priorität“(Erweckung, 191). Alle Verobjektivierungen und Vergegenständlichungen wie sie in der Lehre, den Dogmen, im Ethos, im Kult und in der Institution Kirche selbst begegnen, werden auf das in ihnen anwesende Mysterium hin durchbrochen und überstiegen. "

Aus dieser Reflexion auf die Auferstehung resultiert mit zwingender Notwendigkeit eine „Glaubenswende“(1986), die nach Biser in unseren Tagen bereits zu erkennen ist. In der Tradition wurde christlicher Glaube primär unter dem Gesichtspunkt der Autorität und des Gehorsams entfaltet. Mit der Einwohnung Christi tritt dieses Verständnis in den Hintergrund. Der Akzent liegt jetzt auf dem Erfahren und Verstehen. In der Beziehung zwischen Mensch und Gott fungiert Christus als der „inwendige Lehrer“(1994), der dem Menschen in einem dialogischen Geschehen sich selbst und damit die Wahrheit des Glaubens mitteilt. Seine Bewährung findet solcher Glaube in der Tat der Nächstenliebe. Damit wendet sich der Glaubende wieder der konkreten Wirklichkeit zu.

In dieser Selbstmitteilung Jesu werden der Lehrer zur Lehre, der Botschafter zur Botschaft und der Helfer zur Hilfe (Kierkegaard) – und das nicht nur in individuellem Verständnis.

"Die Erörterungen über die Einwohnung Christi münden unmittelbar in die christliche Anthropologie. Die personale, dialogisch zu verstehende Wirklichkeit der Einwohnung des Geistes erhebt den Menschen zur Gotteskindschaft und führt ihn dadurch zu seiner eigenen Identität. Die mit Zeit und Raum gegebenen Differenzen werden dabei gegenstandslos."

III.

" Wer gewohnt ist, die Glaubenssätze für den Gegenstand des Glaubens zu halten, wird sich zumindest anfänglich schwertun, die Differenz zwischen der Wirklichkeit und der Rede von der Wirklichkeit zu realisieren. Es ist der Schritt, so formuliert es Eugen Biser, von der Fassade am Dom des Glaubens in den Innenraum dieses Domes selbst."

"Dabei geht nichts verloren, aber es erscheint alles in einem völlig neuen Licht, weil das Ganze auf Gott zentriert ist (Einweisung, 421f). So wird sich zeigen, daß manche theologische Kontroverse mehr ein Streit um vorausgesetzte philosophische Konzeptionen als ein Ringen um die Sache selbst war."

"Insbesondere im ökumenischen Gespräch wird diese Innenperspektive der Mysterien des Glaubens über strittige Formulierungen und Vergegenständlichungen hinaus zur Sache selbst und dadurch leichter zu einem Konsens führen. "

An vorderster Stelle notwendiger Selbstkorrekturen nennt Biser  . . . die Vorstellung, daß Gott, der vorbehaltlos liebende Vater, als Sühne den grausamen Tod des eigenen Sohnes fordere, damit ihm selbst Genugtuung für die Schuld der Menschen geschehe: Diese Ansicht, ist "in sich widersprüchlich und muß mit aller Entschiedenheit als unchristlich, wenn nicht gar als antichristlich zurückgewiesen werden. Damit ist zugleich gesagt, daß der Tod Jesu in keinem Fall als Sühneopfer interpretiert werden darf, er muß vielmehr als letzte Liebeshingabe erkannt werden."

"Von dem Motiv der Einwohnung her muß bei allen Sakramenten der personaldialogische Aspekt mit Nachdruck herausgearbeitet werden. Dabei ist immer zu bedenken: Das Heil Gottes ist weder an Institutionen noch an Kulthandlungen gebunden. Alle magischen Assoziationen sind sorgfältig zu vermeiden."

"Schließlich muß auch die traditionelle Sichtweise der Strukturen der Kirche hinterfragt und einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Die Erhebung des Menschen zur Gotteskindschaft impliziert eine fundamentale Gleichheit, die tiefgreifende Korrekturen des tradierten Kirchenverständnisses erforderlich macht."

IV.

"Die . . . gewonnenen Einsichten verweisen nicht nur auf erforderliche Selbstkorrekturen der kirchlichen Lehre und Praxis. Sie eröffnen zugleich . . . Perspektiven, die geeignet sind, die derzeitigen Verwerfungen in Kirche und Gesellschaft zu überwinden und solchermaßen den Weg in die Zukunft freizumachen.

" Ohne die Glaubensinformation zu vernachlässigen (Erweckung, 282), zeigt seine existentielle Theologie den Weg nach innen, und damit in die Zukunft. Um den Titel eines seiner Hauptwerke zu zitieren: Er weist den Menschen ins Christentum ein."

 

Unter dem Titel
Das Leuchten im Antlitz Jesu
sprach die Münchner Kirchenzeitung mit Eugen Biser über
Hans Urs von Balthasar anläßlich seines 100. Geburtstags

Hier Auszüge des Interviews geführt von Andreas Schaller

 

MK: »Der Name Balthasar gehört heute für viele schon zu einer längst vergessenen Vergangenheit.« Sehen Sie das auch so?

Biser:  Balthasar gehört zu den großen Vergessenen der katholischen Theologie. Das ist erstaunlich, denn es gibt keinen Theologen von einem derart weiten Horizont, von einer derart stupenden Produktivität und einer derartigen Weitsicht wie Balthasar. Im Grunde ist es kaum begreiflich, dass er so sehr der Vergessenheit anheim gefallen ist.

MK: Warum ist das so?

Biser: Er hatte einen theologischen Ansatz, der ihn der modernen Theologie nicht nur nahe brachte, sondern gleichzeitig entfremdete. Gemeinsam mit ihr versuchte er, die heilige Schrift tiefer auszuleuchten, als es in der vorkritischen Theologie geschehen war. Der heute vorherrschende Trend versucht das mit Hilfe der historisch-kritischen Methode. Balthasar, der ihr reserviert bis ablehnend gegenüberstand, strebte die Erschließung des Schriftworts auf ästhetischem Wege an. Zwar hatte er darin einen Vorläufer in Romano Guardini, dem er tiefer als gemeinhin angenommen verpflichtet war. Doch fand er dabei weder einen Begleiter noch einen Nachfolger.

MK: Was ist mit dem ästhetischen Weg gemeint?

Biser: Es ist der Versuch, in die ... »Herrlichkeit« hineinzublicken, die aus dem Evangelium entgegenstrahlt. Die Bibel war für Balthasar eine Selbstmanifestation Gottes. Die »Herrlichkeit« Gottes, von der das Alte und das Neue Testament berichtet, leuchtet für ihn primär im Antlitz Jesu auf. Balthasar war bemüht, dieses Leuchten theologisch einzufangen und auf den Begriff zu bringen. Das ist seine theologische Leistung.

MK: Mit dem Namen Balthasar ist fast untrennbar der Name einer Ärztin verbunden: Adrienne von Speyr. Er war ihr Beichtvater und Seelenführer. Was für eine Rolle spielte sie in seinem Leben?

Biser: Adrienne von Speyr war eine Mystikerin, so hat er sie selbst verstanden, die den Eindruck hatte, auf eine ganz private Weise in die heilige Schrift eingewiesen zu sein. Sie war sogar davon überzeugt, dass der Evangelist Johannes ihr persönlich auf dem Nachttisch das Evangelium aufgeschlagen hat, um ihr zu zeigen, was sie lesen müsse. Das war natürlich eine Auffassung, in der sich Mystik und eine unglaubliche Naivität begegnet sind. Balthasar wagte nicht – aber vielleicht wollte er auch nicht – sich davon zu emanzipieren. Im Gegenteil. Das hat natürlich in seine Theologie einen gewissen biblizistischen Fundamentalismus hereingebracht, den kein anderer ihm abnehmen mag.

MK: Was ist von den mystischen Schauungen der Adrienne von Speyr zu halten, von den scheinbar unerklärlichen Heilungen ihrer Patienten?

Biser: Ich muss gestehen, dass ich da ein recht kritisches Verhältnis habe. Ich habe Adrienne von Speyr noch persönlich erlebt. Ihr Zimmer glich einem botanischen Garten. Riesenhafte Rauten standen da, und sie thronte in der Mitte, eine imponierende Frau mit verbundenen Händen, da sie angeblich die Stigmata trug. Sie war ein Phänomen, schwer einzuordnen zwischen Esoterik und Mystik. So erklären sich die ihr nachgesagten Visionen und Heilungswunder. Ich schreibe es ihrem Einfluss zu, dass Balthasar, dieses Multitalent, sich für die Theologie entschied und sein gewaltiges Werk in Angriff nahm. Seiner Talentierung zufolge hätte er auch Pianist werden können. Ebenso groß war seine dichterische Begabung. Er hat den »Seidenen Schuh« von Paul Claudel in einer Weise ins Deutsche übersetzt, dass die Übersetzung besser war als das Original. Er hätte also viele Möglichkeiten gehabt. Dass er sich ganz der Theologie zugewendet hat, ist sicher das Verdienst der Adrienne von Speyr.

MK: Seine Bibliographie umfasst 1.100 Nummern. Er habe, so wird gesagt, mehr geschrieben als ein normaler Mensch lesen kann. Trotzdem sah er die theologische Schriftstellerei nur als Nebenprodukt an. Die von ihm gegründete Johannes-Gemeinschaft war ihm viel wichtiger. Wie erfolgreich war er da?

Biser: ...  Meinem Eindruck nach besteht seine wirkliche Bedeutung gerade nicht in der Gründung einer neuen ordensähnlichen Gemeinschaft, sondern in seinem theologischen Werk. Hierin hat er sich wohl selber falsch eingeschätzt. Die Frage, die sich heute stellt, ist für mich die nach dem Gegenwartswert seines Werkes. Denn dieses wird offensichtlich überhaupt nicht mehr rezipiert. Das ist ein geradezu unglaubliches Phänomen: ein Mann von so überragender theologischer Leistung, der praktisch keinen Einfluss auf den Fortgang der Theologie hat.

MK: De Lubac sagte über ihn, er sei »der gebildetste Mann unserer Zeit«. Andererseits wird er als verbittert, verletzt und ungerecht beschrieben. Können Sie das bestätigen?

Biser: Das kann ich sehr wohl bestätigen. Auch meine Verbindung mit ihm war ja durchaus zwiespältig. Ich verdanke ihm Außergewöhnliches. Er hat meine ersten Bücher durchgesetzt und mich sogar eine Zeit lang als einen seiner Vorzugsschüler angesehen. Aber es kam dann wegen Adrienne von Speyr zum Bruch, der nicht mehr geheilt werden konnte. Nach ihrem Tod hat er ein Buch über sie geschrieben: »Erster Blick auf Adrienne von Speyr«. Damit hat er sich in Basel nicht unbedingt in ein günstiges Licht gesetzt. Vor allem Werner von Kägi, ihr Gatte, ein hochberühmter Historiker, hat ihm das außerordentlich verübelt. Ich bin dann durch Balthasar genötigt worden, dieses Buch zu rezensieren. Ich konnte nicht anders als sie als eine eher vorkonziliare Gestalt zu würdigen, nicht jedoch als eine Gestalt der Gegenwart, und erst recht nicht der Zukunft. Das hat er mir so verübelt, dass er mit mir gebrochen hat. Später habe ich sein theologisches Werk wiederholt eingehend gewürdigt. Doch von seiner Seite kam nur noch eine recht zögerliche Rückmeldung. Für ihn war Adrienne jeder Kritik überhoben. Für mich aber waren schon die legendarischen und mirakulösen Züge, die er in ihr Lebensbild eintrug, unannehmbar, erst recht aber die dezidiert antiprotestantische Begründung ihrer Konversion, die ich als ausgesprochen vorkonziliar empfunden habe.
. . .
MK: Verband Sie mit ihm eine Freundschaft?

Biser: Das kann man nicht sagen. Aber es war eine von tiefer Sympathie geprägte Lehrer-Schüler-Beziehung.

MK: Balthasar ist Jahrgang 1905, Karl Rahner 1904. Mit beiden verbindet Sie vieles. Sie alle sind Träger des Romano-Guardini-Preises der Katholischen Akademie, und Sie sind Rahner auf dem Guardini-Lehrstuhl in München nachgefolgt. Wenn Sie Rahner und Balthasar vergleichen…

Biser: Man kann sie kaum vergleichen. Es waren zwei Welten. Rahner war ein hochspekulativer Theologe, basierend auf Thomas von Aquin. Das war auch der Grund, warum Rahner sich nicht auf diesem Lehrstuhl halten konnte und schon nach fünf Semestern aufgegeben hat. Die Hörer waren durch Guardini, der seine letzten Vorlesungen eher im Stil der Volkshochschule gehalten hat, leichtere Kost gewöhnt. Rahner haben sie je länger desto weniger verstanden und sind schließlich weggeblieben. Dazu kam noch eine gewisse Rivalität zwischen Balthasar und Rahner, die aber ausschließlich auf das Konto von Balthasar geht. Das hängt mit der Rolle der beiden im Zweiten Vatikanischen Konzil zusammen. Rahner war der große Konzilstheologe. Balthasar wurde überhaupt nicht einbezogen. Das hat ihn zutiefst verletzt. Und das ließ ihn Rahner gegenüber ungerecht werden. »Cordula oder der Ernstfall« lautet der Titel der daraus hervorgegangenen Streitschrift, von der ich wünschen möchte, dass er sie nie geschrieben hätte.  . . ."


 

                                            
  
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