BELCANTO

ROSSINI
BELLINI     DONIZETTI     VERDI

PUCCINI

EINE SEITE VON THEODOR FREY

 

* 3. November 1801     -     Catania, Sizilien

+ 23. September 1835     -   Paris

 

Adelson e Salvini, 1825 
Bianca e Gernando, 1826
Il pirata, 1827
La straniera, 1829
Zaïra, 1829
I Capuleti e i Montecchi, 1830 
La sonnambula, 1831 
Norma, 1831
Beatrice di Tenda, 1833
I puritani, 1835 


BELLINIBÜSTE IN DER BAYERISCHEN STAATSOPER


 

NORMA

CASTA DIVA


Gebet der Norma aus Bellinis NORMA

Keusche Göttin im silbernen Glanze,
Thaue Segen auf die dir geweihte Pflanze!
Deines Anblicks lass uns erfreuen,
Wolkenfrei und schleierlos!
 
Schleierlos, ja, schleierlos!
Lass nicht Zwietracht sich erneuen,
Träufle Balsam in die Wunden,
Bis den Frieden wir gefunden,
Der erkeimt aus deinem Schoss.


Hier die Übersetzung von Lothar Quandt zur Inszenierung am Nationaltheater München

 

Keusche Göttin, die du diese 
heiligen alten Bäume in Silber tauchst,
uns wende dein schönes Antlitz
 
unumwölkt und unverschleiert zu.

Mäßige du die feurigen Herzen,
 
mäßige wieder den verwegenen Eifer,
 verbreite auf Erden jenen Frieden, 
den du im Himmel herrschen lässt.

Im Nationaltheater München mit EDITA GRUBEROVA. 

In der Rolle der Adalgisa war als ebenbürtige Partnerin SONIA GANASSI zu hören.


"Es ist also alles Gruberova und es ist gut. Bellinis Belcanto-Dramatik, das Wechselspiel von Schmerz, Liebe und Sehnsucht verlegt sie in eine Dramaturgie des Innen und Außen. Die objektive, funktionstüchtige Norma brilliert am Text, auf der viel spannenderen, subjektiven Seite, wozu auch die "Casta Diva"-Arie zählt, dreht Gruberova bewußt ab, schwebt durch die Seelenräume der Figur. Diese Wechsel sind körperlich spürbar, ein Faszinosum, weit jenseits von Manier und üblicher Dramatik. Eine kolossal anrührende Innenschau."

 

Zum ambivalenten Schleiermotiv das die Oper durchzieht wird im Programmheft von Iso Camartin ausgeführt:

 "Der Schleier ist ein ebenso religiöses wie erotisches Requisit. Er spielt in den allermeisten Religionen eine wichtige Rolle. Man kann sich ebenso wenig eine erotische Konstellation vorstellen, die ohne das Spiel des Verhüllens und des Enthüllens auskäme. Schon das Alten Testament Kannte die Vorstellung, Gott habe den Himmel als Schleier zwischen sich und seine Kreaturen gelegt."

Ein schönes Bild - der Schleier verhüllt, lässt jedoch das Dahinterliegende sehnsüchtig erwartet durchschimmern. 







* 29. November 1797 in Bergamo

† 8. April 1848 in Bergamo

 

ROBERTO DEVEREUX


mit Edita Gruberova

 

„Non vivo“: Endlich spuckt die alternde Herrscherin diese zwei Worte heraus, angeekelt von diesem verpfuschten Leben, in die Knie gezwungen von einer unmöglichen Liebe zu einem allzu jungen, allzu arroganten Mann, und zuletzt verraten von ihren besten Freunden. Die vier Buchstaben des „vivo“ splittern in alle Richtungen auf der Riesenbühne des Münchner Nationaltheaters. Sie reißen Wunden in die Seelen der atemlos staunenden und gebannt lauschenden Zuhörer. Dieses „Ich lebe nicht“ wird zum Fanal, zum Schlüsselmoment des ganzen Abends. In dieser Sekunde hat jeder begriffen, warum gerade diese der 74 Donizetti-Opern hier und heute unbedingt gespielt werden muss: „Roberto Devereux“, 1837 erstmals in Napoli aufgeführt und betitelt nach dem historischen Favoriten Elizabeths I. von England, den sie nach einem Hochverratsprozess 1601 hinrichten ließ.

Edita Gruberova streift die Perücke ab, mit der sie als Elizabeth I. drei Akte lang ihrem Roberto und der ganzen Welt gefallen wollte. Nun steht sie als fast gebrechliche, schütter weißhaarige Frau vor uns, die sich zutiefst verzweifelt in jenen Wahnsinn stürzt, der auch andere Donizetti-Heroinen heimsucht. Da steht in dieser so schonungslosen wie ergreifenden Abschiedsszene eine der heute selten gewordenen Sängerinnen, die nur via Gesangskunst den Triumph des Geistes über den Körper zelebriert und ihr Publikum in die finale, bekannt unheilbare Melomanie treibt. Der Königin Abschied von Macht und Leben, er wirkt am Premierenabend – unausgesprochen – fast wie ein sich andeutender Abschied der Gruberova von der Bühne.

In einem Alter, in dem Normalmenschen sich auf baldige Rente freuen, und die meisten Sänger, vor allem die hochstrapazierten Koloratursopranistinnen, längst nur die Ruinen ihrer Stimmen verwalten, gebietet die Gruberova trotz einiger unvermeidlicher Verschleißerscheinungen noch immer stupend über ihren Gesang, der seine überragende Wirkung der kaum mehr gepflegten Kunst des Belcanto verdankt. Jener Kunst, die in den ersten Jahrzehnten des ottocento blühte und nach Feudalismus und dem Hype der Kastraten plötzlich eine großbürgerliche Oper aus dem Geist der Romantik ermöglichte. Doch noch stand die barocke Nummernoper Pate, Leichtigkeit, Schwerelosigkeit und Eleganz waren die entscheidenden Werte, während das Reich des ungleich brutaleren Verdi oder gar die Gewalttaten des Verismo unendlich fern lagen.

Die Gruberova weiß um die betörende Wirkung einer messa di voce: Ein Hochton wird leise angesetzt, schwillt an, verflüchtigt sich wiederum Leisen. So banal die Beschreibung, so wenig solch ein Ton kompositorisch hergibt (erst Giacinto Scelsi wusste wieder die Geheimnisse des Einzeltons zu schätzen) – in solch einem Moment erringt eine Sängerin Macht übers vegetative Nervensystem ihrer Hörer und macht sie zu Hörigen. Wenn sie leise, aber überall im Riesenraum deutlich vernehmbar eine Phrase an der Talsohle der Melodie abfängt, wenn sie einen Oktavlauf wie eine Leuchtrakete in die Höhen hinaufzischt, sich dort in einem Triller fangen lässt und in immer wieder hochgebogenen Schleifen zurück in die Tiefe sinkt, dann weiß das Publikum nicht mehr ein noch aus und tobt sich die unbändig empfundene Lust aus der Seele.

Denn die Gruberova singt diese Bravourstücke nie als solche, sondern nützt sie für das diffizil gestaltete Psychogramm einer alternden Powerfrau, der der Lover, die beste Freundin, der verlässlichste Berater und damit der Sinn des Lebens schlagartig abhanden kommen. Drei Szenen genügen dafür. Erst erinnert sie sich der glücklichen Tage mit Roberto, dann wird ihr klar, verlassen und verraten zu sein. Sie schreitet zur Rache und hofft doch bis zuletzt auf ein Einlenken des Geliebten. Vergebens. Der Rest ist schwärzeste Verzweiflung. ...


Erschütternde Triller

Edita Gruberova brilliert in Donizettis ¸¸Roberto Devereux"

 

Christof Loy hat Donizettis ¸¸Roberto Devereux" . . . in der Staatsoper als ein in der Personenregie ausgefeiltes psychologisches Kammerspiel inszeniert - auf einer Einheitsbühne, die das London Königin Elisabeths I. in eine Parlamentslobby von heute verlegt, mit elektrischen Jalousien, Zeitungsspendern und Clubsesseln. Gegenüber der ersten Serie hat die Aufführung an Glaubwürdigkeit und Intensität sogar noch gewonnen. Fulminant, wie Jeanne Piland als Sara mit warmem, geradezu loderndem Mezzo die Angst um den geliebten Mann aus sich heraussingt; wie Paolo Gavanelli als Herzog nach Entdeckung des vermeintlichen Fehltritts seiner Frau immer mächtiger baritonal auftrumpft; wie Zoran Todorovitch, anfangs als Roberto auch stimmlich ganz der ungestüme latin lover, sich in seiner Kerkerszene endlich freisingt.

 

Und doch gehört der Abend ihr: Edita Gruberova. Hoch erhobenen Haupts tritt sie auf, im engen Kostüm und Handtasche Maggie Thatcher zum Verwechseln ähnlich, und liefert mit jedem Triller, jeder Koloratur, jedem Schweller, jedem Spitzenton das Psychogramm einer Frau, die ihre Liebe, ihre Wut, ihr Altern nicht zu bändigen weiß; die die Fäuste ballt, sich an Roberto klammert und mit einem Schrei seine Weigerung quittiert, den Namen der Geliebten preiszugeben. Erst im Finale trägt sie eine Abendrobe aus schwarzen Samt - zur Hinrichtung Robertos und dem Abschied von Krone und Leben. Dann zieht sich die Gruberova langsam die Perücke vom Kopf und bricht zusammen.

 

Erschütterndes Finale eines selten spannenden Opernabends, dessen Qualität sich nicht zuletzt Friedrich Haider am Pult des höchst geschmeidig spielenden Staatsorchesters verdankt und dem diffizil singenden und spielenden Chor der Staatsoper. Stehende Ovationen. 

KLAUS KALCHSCHMID

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 15. Juli 2004

 

LUCREZIA BORGIA

mit Edita Gruberova

Pavol Breslik

Alice Coote

Franco Vasallo

 

Regie: Christof Loy

 

 

WOLFGANG SCHREIBER in der SZ vom 25. 2. 2009

"Der Belcanto, nicht nur virtuoser Ziergesang an sich, war für die Gruberova nie Zweck ihres Tuns, ist immer Darstellungsmittel. Deswegen arbeitet sie, nach "Roberto Devereux", jetzt zum zweiten Mal in München an einer Donizetti-Oper mit Christof Loy, dem Regisseur, der mit ihr sensibel die Frauenrolle formt: ein Menschenbild.   . . .

Loy will das Stück dennoch aufmöbeln, requisitenlos, mit geschäftiger Personenregie: Lucrezias Gegenspieler sind die jungen coolen Männer der italienischen Renaissance in schicken Kniehosen, während ihr Gatte, der Herzog (Franco Vasallos prachtvoller Bariton), einem schnaufend gegen Insolvenz ankämpfenden Firmenchef gleicht. Schneidige Managertypen sind die Freunde Gennaros, des unglücklichen Sohns der Lucrezia. Den singt der junge Tenor Pavol Breslik mit imponierender Risikofreude, heldisch zugespitztem Timbre und elegant belcantesker Stimmführung - besonders eindrucksvoll in der Sterbeszene mit dieser desolat einsamen Frau, die er als Mutter zu spät erkennt. Neben ihr, die im zweiten Akt der politischen Machtproben im eleganten Businessanzug erscheint, gibt es keine zweite Frauenrolle in dieser Oper, nur die Altstimme des Gennaro-Freundes Maffio Orsini, den die kämpferische Alice Coote in mitreißender Bravour gestaltet. Das Ensemble wirkt wie aus einem Guss. Und der Franzose Bertrand de Billy diktiert dem Bayerischen Staatsorchester schwungvoll sein weiches, gefühlvolles Espressivo, ohne stets die nötige Kontrastschärfe melodischer Phrasen oder harter Schnittflächen im Tutti zu bewirken.   . . .

Die Kunst der Gruberova, wie sie gerade in München seit Jahrzehnten gehört und gefeiert wird, ist nicht in erster Linie der virtuosen Geläufigkeit und Elastizität von Koloraturen oder Trillerketten geschuldet, sie beschränkt sich nicht mit dem natürlich strömenden Atmen und Singen, dem "einfachen edlen und schönen Gesang", sondern ihre Kunst gleicht mittlerweile einem lyrischen Trapezakt des Intuitiven, des diffizil gehauchten Intonierens, Anfärbens, An- und Abschwellens strahlender oder schattenhaft fahler Töne und Tongirlanden. Zumal ihre leicht gespenstigen Spitzentöne sind oft das Raffinierteste im Hochwerfen und Schwebenlassen dieser so zarten Stimme. Virtuosität selbst geschieht dabei immer diskret, fast beiläufig.

Gleichzeitig aber, zumal mit einem Regisseur wie Christof Loy, erreicht die Gruberova mittlerweile eine Dichte der Menschendarstellung, deren Geheimnis in der Reduktion der Mittel besteht. Edita Gruberova spielt nicht nach vorn an die Rampe, sondern nach innen in die Seele der Figur. " 


Lucrezia Borgia 
(Biografie von Dieter Wunderlich)


 

*  29. Februar 1792 in Pesaro

†  13. November 1868 in Passy (heute Stadtteil von Paris)

 

IL TURCO 
IN ITALIA

 

 

Turbulente Komödie von Gioachino Rossini und höchst aktuell: Ein türkischer Fürst will die europäischen Sitten kennen lernen. Das läuft nicht ohne kulturelle Komplikationen ab. Zum Beispiel kann er in Neapel – anders als in der Heimat – einem Ehemann nicht einfach die Frau abkaufen. Aber die Verwirrung auf einem Campingplatz ist endlich ein Stoff für den Schriftsteller Prosdocimo. Der suchte eigentlich nur Material für ein neues Buch und steckt nun selbst in den zwischenmenschlichen Verwicklungen... Über den EU-Beitritt der Türkei darf man ruhig nachdenken. Hinreißend witzig und jenseits aller Folklore inszeniert von Christof Loy: Ein Spaß mit ernstem Hintergrund. Multi-Kulti muss nicht scheitern!

 

 LA CENERENTOLA

Musikalische Leitung Riccardo Frizza
Inszenierung Jean-Pierre Ponnelle

Ponnelle an der Bayerischen Staatsoper u.a. La clemenza di Tito (1971), Lear, La Cenerentola, Moses und Aron, Cardillac, Lulu, Manon, Troades, Turandot, L’italiana in Algeri. Jean-Pierre Ponnelle starb 1988 in München.


Don Ramiro Lawrence Brownlee
Dandini Riccardo Novaro
Don Magnifico Paolo Bordogna
Clorinda Eri Nakamura
Tisbe Paola Gardina
Angelina (Cenerentola) Tara Erraught
Alidoro Alex Esposito

März 2014 im Nationaltheater



* 22. Dezember 1858 in Lucca

† 29. November 1924 in Brüssel