Eine Seite von Theodor Frey 

CARL AMERY 

Rebell, Sprachspieler und Aufklärer

 

 
Carl Amery

"Der Rebell, Sprachspieler und Aufklärer", den ich bei einer Reihe von Diskussionen in München erleben durfte, war für mich immer ein anregender Vor-, Mit- und Nachdenker!

"Die Grünen haben einen ihrer Gründerväter verloren, die Welt den Schriftsteller, Links-Katholik, bayerischen Weltbürger und ökologischen Vordenker."

 

Hier lebte Carl Amery in der Drächslstraße (Au)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In meinem Bücherregal fand ich folgende Werke:

Leb wohl geliebtes Volk der Bayern - Ein Requiem für die Wittelsbacher, ihre Beamten, Untertanen und Erben

Die Botschaft des Jahrtausends - Von Leben, Tod und Würde

Die starke Position oder Ganz normale MAMUS - Acht Satieren

 

 

LINKSKATHOLIK

In der Süddeutschen Zeitung vom 3. April 2002 schrieb Amery einen Artikel zum Thema. "Warum wir eine mutige Kirche bräuchten".

Hier Auszüge aus seinem Artikel:

" TINA (There Is No Alternative) ist die Formel, die heute von Francis Fukuyama und allen Wirtschaftsjournalisten in die Welt posaunt wird. Hinter der scheinbaren Toleranz dieses Marktes, von Sekten und Event-Kirchen jeder Art begrüßt, entwickelt sich allerdings eine totalität Seelsorge, die man gemeinhin als Konsumismus bezeichnet. Hier liegt der zentrale Sorgenpunkt der Kirchen. ...

Das also ist der Tatbestand: Die traditionellen Kirchen stehen einer Zentralmacht gegenüber, für die der alte konstantinische Pakt zwischen Thron und Altar nichtssagend geworden ist. Solange die TINA-Formel anerkannt wird und solange der Markt seine Seelsorge unbekümmert betreiben kann, sollen die Kirchen ruhig als Teil des Kulturbetriebs weiterwursteln. Und der Markt kann davon ausgehen, dass weniger schwierige, mit stärkeren Drogen angereicherte Kulte die alten Traditionen überflügeln und überflüssig machen werden."

 

Gerade wird der "Fußballtempel", der brodelnde "Hexenkessel", die Allianz-Arena im Münchner- Norden eingeweiht und die Vertreter der Kirchen dürfen kurze himmlische Weiheformeln sprechen.

 

"Was ist also zu tun? Die schlichte Wahrheit lautet, dass die Verkündigung kraftlos bleiben wird, wenn sie nicht den einen Schwerpunkt, die entscheidende Blindheit des fundamentalistischen Marktes, aufdeckt und bekämpft: seine Unfähigkeit zur Zukunft. ...

 

Alle Parameter deuten darauf hin, dass es [dem totalen Markt] unmöglich sein wird, eine Methode zur Rettung der Lebenswelt zu finden - schon weil seine Theologie, die zukünftig eingespielte Wirtschaftswissenschaft, außer Stande ist, ein plausibles Schrumpfungsmodell zu entwerfen. Artensterben, Klimawechsel, Erschöpfung der Bodenfruchtbarkeit, demographische Entwicklung: Die blutige Ironie ist, dass der Totale Markt auch für diese äußersten Wahrscheinlichkeiten keine Alternative anzubieten hat. Seine finale Logik ist die resignative Akzeptanz, wenn nicht der Heroismus des kollektiven Selbstmords.

Hier wird's für die Kirchen als die ältesten Hüter der judäisch-christlichen Perspektive, die Verkünderinnen verbürgerter Hoffnung, äußert interessant: ....sind die Kirchen dann nicht aufgerufen, hier nicht nur zu warten, sondern aktiv zu widerstehen? Oder verharren sie dabei, "Heils"-Geschichte abgehoben von Lebens- und Naturgeschichte zu verkünden? Zumal dann, wenn die Reichsreligion, also der Totale Markt und seine Seelsorge, so offensichtlich auch zur Verwüstung der Seelenlandschaften, zum klaffenden, zynischen Unrecht zwischen Arm und Reich führt?"

 

Da könnte - von der Analyse her - sein bayerischer Landsmann, Papst Benedikt, sicher zustimmen. Aber wie wird und könnte er, ohne zum Politiker zu werden, diesen Entwicklungen Widerstand entgegensetzen? Es gibt doch in der deutschen Kirche (Sozialwort der Kirchen - Katholische Soziallehre) wichtige Grundlagenarbeiten. 

Amery fährt weiter fort:

"Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" - in diesem Leitwort des sogenannten konziliaren Prozesses haben [hunderttausend christlicher Aktivisten] sich zu ökumenischer und zivilgesellschaftlicher Aktion zusammengefunden: ATTAC wird vom Ökumensichen Rat der Kirchen unterstützt und wurde von der katholischen Pax Christi mitbegründet; und der Kardinal Tettamanzi zog schon eine Woche vor dem berüchtigten Gipfel mit seinen jungen Freunden durch Genua, mit genau den Forderungen, die dann von der Internationale der Globalisierungskritiker erhoben wurden."

 

Es ist mein Eindruck, dass an der Basis und in den gelebten kirchlichen Lebenswirklichkeiten die Ökumene schon weit fortgeschritten ist.

 

Amery empfiehlt den Kirchen "aufzustehen und wieder ein Zeichen unter den Völkern zu werden und dem zynisch akzeptierten, als alternativlos verkündeten Untergang die Stirn zu bieten. ... Dass die christliche Botschaft der Evangelien und der authentischen Paulusbriefe nicht anderes waren, ist kaum zu leugnen - auch wenn der riesige Block der Jahrtausende seit Konstantin uns lange genug getrennt hat. Das Christentum wird dann auch für das naive Auge klar erkennbar sein, weil es seine "Kernkompetenz" wieder gefunden hat.

 



Die Hoffnung auf die Erlösung der Welt

In der Maria-Hilf-Kirche in der Au (6.6.) wurde das Requiem für Christian Mayer (Carl Amery) gefeiert. Die Lesung - vorgetragen von seinem Sohn - bezog sich auf den Römerbrief:

Die Hoffnung auf die Erlösung der Welt

 

In der Predigt bezog sich der Pfarrer auf Amerys Buch "Die Botschaft des Jahrtausends - Von Leben, Tod und Würde".

Dort schreibt er:

"Aber Religion beginnt erst da, wo [die] Einsichten in Schuld und Last nicht mehr als Minderung, sondern als Mehrung unserer Menschlichkeit empfunden werden; wo sie uns ... eine Souveränität geben, die unter der alten Todespanik ...nie und nimmer zu erreichen ist. Das Wissen, daß man nicht Krone der Schöpfung ist, aber auch das Wissen, daß man eben wegen dieses Wissens sich von allen anderen Lebewesen unterscheidet, ist der unerhörte Kreuzungspunkt von Souveränität und Demut, der der zeiträumlichen Ort zukünftiger Religiosität sein muß." 

Begeleitet wurde das Requiem von Gospelgesängen des Helena Gospel Spirit Chors und beendet mit dem Lied "Down by the riverside". Dieser Song , der heute meist nur als Gassenhauer wahrgenommen wird, drückt die Sehnsucht aus, nach dem harten Kampf des Lebens zur Ruhe zu kommen: "Ich werde mein Schwert und mein Schild niederlegen am Ufer des Flusses (des Flusses Jordan, der den Übergang aus dem Leben zum Leben bedeutet) und ich werde nicht mehr auf den Kampf sinnen."

Einen guten Übergang, Carl Amery!



 

Das Elend der Größe

 

" Klein-Sein oder Nicht-Sein, das ist die Frage.

Das Große hat keine Überlebenschance"

 

In dieser Zeit des Gigantomanismus ist es an der Zeit sich wieder an Leopold Kohr und E.F. Schuhmacher zu erinnern, wie auch an den kürzlich verstorbenen Carl Amery (er wurde am 30. Mai 2005 am Münchner Ostfriedhof im engsten Familienkreis beigesetzt). Alle waren Denker des menschlichen Maßes.

 

 

 

"Leopold Kohr, "stille Weise" aus der Salzburger Stille-Nacht-Gemeinde Oberndorf an der Salzach, ist nicht unter die prominentesten, aber unter die wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts einzureihen. Und seine Ideen und Lehren gewinnen von Tag zu Tag an Aktualität und Brisanz. Das Große, das Monumentale, die heute so wirkmächtige Gigantomanie hat er immer skeptisch betrachtet. Er hat den vom heutigen Casino-Kapitalismus geförderte Wachstumsfetischismus schon früh als Gefahr erkannt und die Rückkehr zu kleinen, überschaubaren Einheiten, zum menschlichen, zu rechten Maß propagiert.

Alle Formen des Elends haben in der Größe ihre Ursache. Was immer eine gewisse Größe, Masse oder Menge überschreitet, kippt ins Schlechte, macht Medikamente zu Gift, Demokraten zu Tyrannen, Wachstum zu Krebs, Friedvolle zu Kriegshetzern.


Mit seiner Philosophie des "small is beautiful", die Fritz Schumacher und Ivan Illich populär gemacht haben, beeinflusste er das Denken und Handeln der großen Alternativgestalten der vergangenen Jahrzehnte und so stößt man überall auf der Welt, wo die Vordenker und Pioniere eines nachhaltigen, also zukunftsfähigen Wirtschaften und Lebens in den Blick kommen, schnell auf die Ideenwelt des Leopold Kohr.

 

theodor  frey

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