Seiten über Gott - Welt - Mensch

von Theodor Frey

 

 

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Æ S T H E T I K

Politik & Ästhetik
Kirche & Ästhetik
Gesellschaft & Ästhetik

 

S Y N Ä S T H E T I K

 


Während der letzten Wochen wurde das Zusammenspiel zwischen dem Business mächtiger Medienkonzerne und einer nach verstärkten ikonischer Präsenz gierender Politiker spektakelhaft erhellt.

Die Live-Übertragung von Präsident Bushs Besuch bei seinen siegreichen Truppen auf dem Flugzeugträger ABRAHAM LINCOLN nach dem Ende des Irak-Krieges war dafür das frappanteste Beispiel.>

Die Ankunft des Chiefs im Fliegeranzug mit einem Auftankflugzeug - sozusagen vom Himmel herab -  seine "Adlucutio" an die siegreichen Soldaten, welche unter der Banderole mit der Aufschrift "Mission accompished" angetreten waren, folgte eine Regie, die ganz auf Bilder und deren simultane Übertragung angelegt war.

Das Ritual bediente sich  - bewusst oder unbewusst - aus jenem Arsenal von militärischen Zeremonien und Bildern, welche uns die alten Römer auf ihren Triumphbögen hinterlassen haben und das in der nachantiken europäischen Geschichte ein fürchterliches Nachleben geführt hat.  Die  politische Instrumentalisierung  appelliert an archaische Residuen in der Phantasie der zu Zuschauern degradierten Bürger, an Gefühle von Stärke und Triumph, an gottgewollten Siegesrausch  und an einen nicht mehr hinterfragbaren Patriotismus. Mit solchen Bildern vermittelt sich die plebiszitäre Politik wie Werbung, nur kann man die auf den politischen Bildern fetischisierte Ware nicht kaufen, sondern man soll ihr glauben.

Die ästhetische Erscheinung des Gegenstandes wird damit in der Empfindung des Betrachters gegenüber allen sozialen Funktionen, denen der Gegenstand je dienstbar gewesen sein mag, autonom. Erst mit dieser Kanschen Wendung sind die alten Bilder von ihren idolatrischen Resten gereinigt worden, von ihren kirchlichen oder feudalen Hypotheken entlastet und haben sich in jene autonomen Kunstwerke verwandelt, welche das bürgerliche Zeitalter bewundern und verehren wird. Das war der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten ästhetischen Unmündigkeit. Erst damit war das Projekt einer autonomen Kunstgeschichte denkmöglich geworden.

Im Lichte Kants wird uns aber deutlich: Angesichts des Massenkonsums von Bildern in der "Société spectacle" drohen wir in die ästhetische Unmündigkeit, in die Idolatrie zurückzufallen und dürfen das doch nicht zulassen. Wir brauchen daher nicht nur aus kunstgeschichtlichen und ästhetischen, sondern mehr noch aus zivilen Gründen eine kritischen Ikonoklasmus der visuellen Wahrnehmung.

Willibald Sauerländer in SZ 12-/13.7.2003

Kant:
"Wenn mich jemand fragt, ob ich den Palast, den ich vor mir sehe, schön finde, so mag ich zwar sagen: ich liebe dergleichen Dinge nicht, die bloß für das Angaffen gemacht sind; ich kann noch überdem auf die Eitelkeit der Großen schmälen, welche den Schweiß des Volkes auf so entbehrliche Dinge verwenden. Man kann mir alles dies einräumen und gut heißen; nur davon ist jetzt nicht die Rede. Man will nur wissen, ob die bloße Vorstellung des Gegenstande in mir mit Wohlgefallen begleitet sei."

Zwecklos, sinnvoll, heilig

40 Jahre nach der Liturgiereform ist diese umstrittener denn je

in der SZ von Alexander Kissler

Wenn Kinder im Altarraum ein Lied singen, wenn Frauen dort tanzen, Männer zur Gitarre greifen, wenn Laien predigen, Fürbitten vortragen, Hostien verteilen und sich ständig die Hände schütteln – dann weiß der Traditionalist, wie sehr die große Liturgiereform misslungen ist, die heute vor 40 Jahren auf dem II. Vatikanischen Konzil grundgelegt wurde. Mit 2147 zu vier Stimmen verabschiedeten die Bischöfe damals die Konstitution „Sanctum Concilium“. Die seit dem 16. Jahrhundert geltende tridentinische Messe wurde in der Folgezeit abgelöst von einem Ritus, der Schluss machte mit der „Kleriker-Liturgie“, mit den lateinisch gemurmelten Gebeten an einem weit entfernten Altar, den die stumme Gemeinde eher ahnte als sah. Dialog und tätige Teilnahme der Laien hießen die neuen Losungen. Pünktlich zum 40. Jahrestag mehren sich die kritischen Stimmen. Der Altar sei zum Tresen, der Priester zum Schankwirt verkommen. Ohne eine Reform der Reform taumle die katholische Kirche dem Untergang entgegen.

Längst sind es nicht mehr nur Sektierer wie die Pius-Bruderschaft des Erzbischofs Marcel Lefebvre, die die Rückkehr zur tridentinischen Messe fordern. Bereits zum vierten Mal neu aufgelegt wurde das Ende 2002 erschienene Plädoyer Martin Mosebachs. Der Schriftsteller vergleicht in „Häresie der Formlosigkeit“ die beiden Riten vor allem nach ästhetischen Kriterien. Sein Urteil ist vernichtend. Das nachkonziliare Reformwerk habe der Liturgie alle Schönheit ausgetrieben, und während „das Häßliche sonst nur auf das Unwahre schließen lässt, bedeutet es im Bereich der Religion die Anwesenheit des Satanischen.“ Besonders der Verzicht auf den gregorianischen Choral und auf das Latein der Gebete schmerzt Mosebach.

Ein anderer Vorwurf kommt von theologischer Seite. Im Bestreben, das Konzilswort umzusetzen von der „vollen, bewussten und tätigen Teilnahme des ganzen Volkes“ am Gottesdienst, sei die Reform weit übers Ziel hinausgeschossen. Eine Klerikalisierung der Laien habe stattgefunden, die anstelle des Priesters omnipräsent seien, rastlos Liedtexte verteilten, Besinnungsworte sprächen – in diese Richtung zielt die Kritik Joseph Ratzingers und des emeritierten Augsburger Weihbischofs Max Ziegelbauer.

„Sanctum Concilium“ wollte die „dem Wechsel unterworfenen Einrichtungen den Notwendigkeiten unseres Zeitalters besser anpassen“. Die Muttersprache erhielt „weiten Raum“, die Pfarrgemeinden wurden aufgewertet, Gemeindemitglieder in die Liturgie miteinbezogen. Selbst Befürworter dieser Änderungen wie der Liturgiewissenschaftler Andreas Redtenbacher kritisieren die Verwandlung mancher Gottesdienste in „kundenfreundliche“ Events. Ratzinger spricht von „religiös gemeinter Unterhaltung“.

Sollten die Beobachtungen der Kritiker zutreffen, dann steht die katholische Kirche inmitten einer existentiellen Krise. Denn was soll der Gottesdienst sein, wenn nicht ein Einspruch gegen den überall sonst triumphierenden Geist des Machens und Modelns – ein zweckfreies, aber durch und durch sinnvolles, heiliges Spiel? Liegt eine solche Revolte wider den Utilitarismus noch vor, wenn die sonntägliche Stunde zum Schaulauf der Eitelkeiten wird? Der idealistische Kern der Messe würde beschädigt, wenn der homo faber auch noch ihr seinen Stempel aufdrückte, wenn die Konkurrenzsituation sich bruchlos fortsetzte im Wettstreit um die phantasievollste Fürbitte, das modernste Lied, den witzigsten Einfall.

Wer heute eine Kirche betritt, blickt sofort auf das dauerhafteste Ergebnis der Liturgiereform: den „Volksaltar“. Dieser steht nicht weit hinten in der Apsis, sondern in unmittelbarer Nähe der Bänke. Der Priester zelebriert – in den Worten Martin Mosebachs – hinter dem Altar „wie hinter einer Theke, sieht seine zum Publikum gewordene Gemeinde an, singt ihr mit froh geöffnetem Mund ins Gesicht“. Vor 1963 hatte er mit dem Rücken zur Gemeinde, wie es damals hieß, „eine Messe gelesen“, während nunmehr alle gemeinsam Gottesdienst feiern.

Da der Gemeinschaftsgedanke der Messe zulasten ihres Opfercharakters gestärkt werden sollte, wurden Anfang der siebziger Jahre die meisten Kirchen umgebaut. Die neuen, nach vorne gerückten, schmucklosen Altäre verändern den Raumeindruck. Nicht die östliche Kirchenwand und der dort platzierte Altar ist der Fluchtpunkt von Priester und Gemeinde, sondern der Mittelpunkt eines imaginären Kreises, begrenzt vom Altar und der letzten Bankreihe. Umbauten aus jüngster Zeit machen mit der Ablösung des „Kirchenschiffs“ durch einen „Communio-Raum“ Ernst: In die neobarocke Passauer St.-Anton-Kirche wurden vor drei Jahren ovale Bänke eingebaut. Altar und Ambo stehen in der Mitte. Auch der Priester sitzt innerhalb des Ovals. Jeder räumliche Unterschied zwischen ihm und der Gemeinde ist getilgt.

Der Abschied von der seit dem 2. Jahrhundert vorherrschenden Gebetsrichtung nach Osten ist die umstrittenste Spätfolge der Reform. In dem neuen Sammelband „Communio-Räume“ verteidigen die Anhänger der neuen Gebetsrichtung das Vis-a-Vis als eine Chance, die Anonymität aufzubrechen, Priester und Mitfeiernde von Angesicht zu Angesicht wahrzunehmen. Max Ziegelbauer formuliert den von Mosebach und Ratzinger geteilten Einwand: „Wenn man sich während der Messe ständig gegenseitig in die Augen schaut, besteht die Gefahr, denjenigen aus dem Blick zu verlieren, dem der göttliche Kult dargebracht wird. Wäre es nicht angemessener, sich gemeinsam auszurichten gen Osten, von woher Christus wiederkommen wird?“

Auch die deutschen Bischöfe sind nicht glücklich mit den Auswirkungen der Reform. Im Schreiben zum 40. Jahrestag von „Sacrosanctum Concilium“ geben sie willkürlich gestalteten Gottesdiensten eine Mitschuld an der „geistlichen Dürre“. Zwei Extreme befremden die Bischöfe: eine große Nüchternheit, die alles Sinnliche aus Kirchenraum und Liturgie verbannt habe, und eine unangemessene Theatralik. Dabei gab das Konzil eine klare Leitlinie vor. Die Riten sollten „knapp, durchschaubar und frei von unnötigen Wiederholungen sein“; nur so stelle sich der „Glanz edler Einfachheit“ ein. Folgerichtig wendet sich die Bischofskonferenz gegen alle Versuche, im Gottesdienst brillieren zu wollen. Auch seien „Belehrung und ethische Motivierung“ nicht der Hauptzweck der Messe.

„Tut dies zu meinem Gedächtnis“: Jesu Worte beim letzten Abendmahl sind das Fundament der Liturgie. Laut katholischer Lehre ist Jesus bei jeder Eucharistiefeier in den Gestalten von Blut und Wein gegenwärtig. Wo dieses Mysterium im Christus-hat-uns-alle-lieb-Gestus verplaudert wird, hat die Kirche aufgehört, Kirche zu sein. Sie wäre eine Sinnagentur mit religiöser Rhetorik geworden. Andererseits kann die tridentinische Messe nicht als einzig wahre rehabilitiert werden. Die Pius-Bruderschaft steht auch deshalb außerhalb der Gemeinschaft, weil sie auf eine Entscheidung hofft und dem heute praktizierten Ritus das Verschwinden prophezeit.

 Widersinnig ist die Hoffnung der Modernisten, durch eine Umfunktionierung der Messe zum reinen Gemeinschaftserlebnis die Kirchen füllen zu können. Je ununterscheidbarer das religiöse Angebot sich gibt, desto schneller trocknet die Substanz aus, desto unattraktiver wird es. Die Form der Liturgie ist von ihrem Inhalt nicht zu trennen. Darum sollten die Kontrahenten anerkennen, dass beide Riten ihre Schönheit haben. Die Gregorianik und die lateinische Sprache sollten auch in ganz gewöhnlichen Gemeinden gepflegt werden, ohne dass diese sich den Ruch des Reaktionären zuziehen. Ein generelles Umdenken ist nötig, was die Gebetsrichtung betrifft. Zumindest während des Hochgebets ist es widersinnig, dass Priester und Gemeinde einander anstarren. Nur der gemeinsame Blick nach Osten kann Ausdruck sein der gemeinsamen Hoffnung. Würde man umgekehrt die großen Errungenschaften der Reform – die erhöhte Aufmerksamkeit für Nebenmann und Nebenfrau, Gebete in der Landessprache, die Abkehr vom esoterischen Formenkult – rückgängig machen, kehrte die Vormoderne augenblicklich in die Kirche zurück. Wenn das Vergangene geschätzt, aber nicht vergötzt wird, kann das zwecklose Spiel wieder werden, was es sein will: ein Freudenfest auf dem dunklen Grund des Todes. 

S Y N Ä S T H E T I K

Thomas Bernhard "Die Berühmten"

Der Zweck aller Kunst ist die durch den Geist hervorgebrachte Identität, in welcher das Ewige, Göttliche, an und für sich Wahre in realer Erscheinung und Gestalt für unsere äußere Anschauung, für Gemüt und Vorstellung geoffenbart wird.

Stellt nun die Komödie diese Einheit nur in ihrer Selbstzerstörung dar, indem das Absolute, das sich zur Realität hervorbringen will, diese Verwirklichung selber durch die im Elemente der Wirklichkeit jetzt für sich frei gewordenen und nur auf das Zufällige und Subjektive gerichteten Interessen zernichtet sieht - so tritt die Gegenwart und Wirklichkeit des Absoluten nicht mehr in positiver Einigung, mit den Charakteren und Zwecken des realen Daseins hervor, sondern macht sich nur in der negativen Form geltend, daß alles ihm nicht entsprechende sich aufhebt und nur die Subjektivität als solche sich zugleich in dieser Auflösung als ihrer selbst gewiß und in sich gesichert zeigt.

In dieser Weise haben wir jetzt bis zum Ende hin jede wesentliche Bestimmung des Schönen und Gestaltung der Kunst philosophisch zu einem Kranze geordnet, den zu winden zu dem würdigsten Geschäfte gehört, das die Wissenschaft zu vollenden im Stande ist. Denn  in der Kunst haben wir es mit keinem bloß angenehmen oder nützlichen Spielwerk, sondern mit der Befreiung des Geistes vom Gehalt und den Formen der Endlichkeit, mit der Präsenz und Versöhnung des Absoluten im Sinnlichen und Erscheinenden, mit seiner Entfaltung der Wahrheit zu tun, die sich nicht als Naturgeschichte erschöpft, sondern in der Weltgeschichte offenbart - von der sie selbst die schönste Seite und den besten Lohn für die harte Arbeit im Wirklichen und die sauren Mühen der Erkenntnis ausmacht. Daher konnte unsere Betrachtung in keiner bloßen Kritik über Kunstwerke oder Anleitung, dergleichen zu produzieren, bestehen, sondern hatte kein anderes Ziel, als den Grundbegriff des Schönen und der Kunst durch alle Stadien hindurch, die er in seiner Realisation durchläuft, zu verfolgen und durch das Denken faßbar zu machen und zu bewähren.

C.W.F. HEGEL - Ästhetik, Bd. 2

 

Thomas Bernhard - Der  Theatermacher

 

Meine Komödie ist so
daß auch noch der Letzte ganz hinten
alles versteht
meine Komödie ist hohe Kunst
keine Geheimniskrämerei
in gewisser Weise bin ich doch
ein Wahrheitsfanatiker

 

Die Männer sind Theater
Frauen machen Theater
das ist die Schwierigkeit

Was macht die Bedeutsamkeit des Schönen und der Kunst aus?  
(aus "Die Aktualität des Schönen" von Hans-Georg Gadamer)

Sie besagt, daß im Besonderen der Begegnung nicht das Besondere sondern die Totalität der erfahrbaren Welt und der Seinsstellung des Menschen in der Welt, gerade auch seine Endlichkeit gegenüber der Transzendenz, zur Erfahrung wird. 

Im sinnlichen Erscheinen des Schönen wird in Wahrheit die Idee gegenwärtig (= Hegels Definition des Kunstschönen)

Hans-Georg Gadamer nennt diese Sichtweise die "idealistische Verführung".

Kunst ist nicht bloße Offenlegung von Sinn. ... Eher schon wäre zu sagen, daß es die Bergung von Sinn ins Feste ist, so daß er nicht verfließt oder versickert, sondern in der Gefügtheit des Gebildes festgemacht und geborgen ist.

Es ist unsere Aufgabe, das was da sprechen will, hören zu lernen, und wir werden uns eingestehen müssen, daß Hinhören vor allem meint, sich aus dem alles einebnenden Überhören und Übersehen zu erheben, das eine immer reizmächtigere Zivilisation zu verbreiten am Werk ist.


Das Erfahren des Symbolischen meint, daß sich das Einzelene, Besondere wie eine Seinsbruchstück (eine Erinnerungsscherbe!) darstellt, das ein ihm Entsprechendes zum Heilen und Ganzen zu ergänzen verheißt.



Wer ein Kunstwerk geschaffen hat, steht in Wahrheit vor dem Gebilde [der Gestalt] seiner Hände nicht anders als jeder andere. Es ist ein Sprung zwischen Planen und Machen einerseits und dem Gelingen.

Das Wesen des Symbolischen besteht gerade darin, daß es nicht auf ein intellektuell einzuholendes Bedeutungsziel bezogen ist, sondern seine Bedeutung in sich einbehält.

Kunst ist Schock, Schmerz, Verweigerung. Die Erwartungen des Staates, der sie fördert, kann sie nur enttäuschen. Sie dient nicht der Gesellschaft, sondern nur sich selbst 

 

Von Thomas E. Schmidt in der ZEIT

 

Wir schlittern in eine Epoche, die uns lehren wird, wieder das Knie zu beugen. Viele hungern nach Perspektiven, in denen gesellschaftliche Wirklichkeit in einem Licht höher als alle Vernunft erscheint. Von dieser Warte aus ist Rechtfertigung – oder auch Kritik – möglich, an der sämtliche Einsprüche einfach abperlen."Der Andalusische Hund" von Dalí und Bunuel (1928)

 

Die Religion ist wieder ein ernst zu nehmender Zufluchtsort, aber auch die Kunst. So groß ist das Unbehagen an der Welt, dass der Verfall der Moral, die Verhässlichung der Welt durch die globale Wirtschaft, der Irrsinn der Wissenschaft, die Verblödung der Massen, kurz: unsere umfassende Sinnlosigkeitsvermutung anscheinend nur noch durch eine Rhetorik des Hochheiligen oder des Letztgültigen im Zaum gehalten werden kann. Linksliberalismus und Inquisition reichen in Gestalt von Habermas und Ratzinger endlich einander die Hände. Nichts hält mehr den Zug der westlichen Kultur auf in eine Zeit abstoßender fundamentalistischer Scharmützel um geringfügige Prinzipienfragen.

Inmitten dieses gleitenden Übergangs in ein Klima des Antisäkularismus markiert die Kunst eine Grenze. Sie ist weltlich, aber es umgibt sie mehr denn je ein Nimbus die Gegenwart überschreitender Wahrheit. Immer noch bildet sie das Gravitationszentrum des geltenden Kulturbegriffs, und auch das deutsche Verständnis von „Bildung“ enthält seit Schiller eine robuste ästhetische Komponente. Kunst ist gerade heute das Ziel eines – im Übrigen begreiflichen – Eskapismus der Jugend in Musik-, Schauspiel- und Kunsthochschulen, und für das Langzeitgedächtnis der Gesellschaft sind Kölner Dom und Matthäuspassion allemal wichtiger als sämtliche Archive.

Milliarden fließen jährlich in den deutschen Kulturbetrieb, vermutlich wendet kein Land auf der Welt so viel Geld für die Pflege seiner ästhetischen Gärten auf wie dieses. Wir reden dabei nicht von Denkmalpflege und Museen, sondern von aktueller Kunst, von den Produktionen der Jetztzeit. Nie hatten so viele Menschen die Gelegenheit, als Künstler zu leben, nie war ihre Chance größer, über die Medien ein Publikum zu erreichen. Die Freiheit der Kunst ist durch das Grundgesetz geschützt, der Staat ist ästhetisch ehrgeizlos. Theoretisch müssten wir in einem goldenen Zeitalter leben, tatsächlich leben wir aber nicht einmal in einem eisernen Zeitalter, sondern in einem des Trompetenblechs.

 

Im Zeitalter des Trompetenblechs

 

Denn der überwiegende Anteil an der zeitgenössischen Kunst ist nichts anderes als Kunstgewerbe. Es wird hergestellt, um den Markt der Bücher und der Galerien zu bedienen, oder auch nur, um den Kulturbetrieb in seiner jetzigen Form am Leben zu erhalten. Durchschnittskunst hat eine klare soziale Funktion, aber keine besonders weiten Sinnhorizonte. Um darin ein Goldkörnchen Transzendenz aufzufinden, muss man schon eine Menge Fantasie mitbringen. 90 Prozent der Produktion sind flott erzählt, routiniert gespielt, professionell getüncht und gesampelt. Kunst soll emotionalisieren: Es bleibt dennoch beim ausgeleierten épater le bourgeois. Sie soll gesellschaftliche (Unrechts-)Verhältnisse auf den Punkt bringen: Jeder denkende Mensch weiß, dass die Wirklichkeit komplexer ist als im Repertoire der Schreie und des Flüsterns vorgesehen. Das Ganze hält sich als ein Zirkus der geistigen Unterforderung in Schwung, egal, ob subventioniert oder aus eigener Kraft.

 

Immer höher schrauben sich währenddessen die Ansprüche, die von der Kultur an die Kunst gerichtet werden. Kunst soll den Stress der Globalität lindern, sie soll gesellschaftlichen Sinn stiften, an rechter Stelle normative Eindeutigkeit herstellen und möglichst auch noch die Kinder zu Friedensengeln erziehen. In einem Land, in dem es um nichts anderes mehr geht als den Erhalt eines kommoden Status quo plus ein kleines bisschen Wachstum, lädt sich die Kultur notgedrungen mit solchen Erlösungserwartungen auf.

Utopien, Träume, Bilder einer anderen Welt, Antworten auf die Frage „wozu?“: alles Kultur. Kultur ist das exklusive Spielfeld der Experten für die „letzten Fragen“, die in den gesellschaftlichen Subsystemen sinnlos geworden sind. Darüber ist Kultur selbst zu einem Subsystem geworden. Keine Überraschung, dass es ausgerechnet Gerhard Schröder war, der Kultur einen Platz im Bundeskabinett einräumte – Schröder, der den Pragmatismus zum verpflichtenden politischen Stil erhob, was 1998 Charme hatte, weil es die Traditions-SPD aufmischte, aber inzwischen sein hässliches, sein sozialtechnokratisches Gesicht zeigt. Nie war mehr Bedarf an Kompensation durch Kultur. Wo soll Schröders Innovationsgranate zünden? Natürlich im Wunderreich der immateriellen Werte.

 

Die Kultur soll uns in unserem so durch Sachzwänge eingeengten Leben mittels grenzüberschreitender Kommunikation vorm klaustrophobischen Überschnappen bewahren. Sozialtechnisch gesehen, ist die Begründung dieser Hoffnung simpel: Die Kunst liefert anschlussfähige diskursive Ereignisse in ausreichender Zahl, welche das Kommunikationsmedium Kultur in Arbeit halten. Künstlerische Provokationen und ästhetische Kontroversen sind nötig, aber bloß, um gelegentlich die Leitsemantik auszuwechseln. Darin besteht die „kulturelle“ Funktion des Ästhetischen. Solange Kultur funktioniert – als öffentlich sichtbare Bestätigung, dass überhaupt noch Sinn produziert wird, dass die Gesellschaft palavert und nicht Blut fließt –, sind auch Politik und Wirtschaft beruhigt: So schlimm sieht’s gar nicht aus.

 

Ist Beethovens Botschaft die Europahymne?

 

Wäre es daneben denkbar, dass die Kunst, die ernst gemeinte, die große, richtige, nicht das Kunstgewerbe und auch nicht die Kulturbetriebskunst, von jedweder sozialer Zuständigkeit meilenweit entfernt ist? Und dass Kunst überhaupt kein kulturelles Pharmakon ist, welches den Diskurs erregt und die Gesellschaft gleichzeitig beruhigt? Die Stimmung unter Künstlern ist nicht gut. Ratlosigkeit ist verbreitet, und das ist ausnahmsweise einmal ein günstiges Zeichen: Theaterleute setzen sich eindringlich mit der Krise des Theaters auseinander, die Romanschreiber wollen nicht hinnehmen, dass sie nur noch Lebenshilfe für Leserinnen mittleren Alters leisten sollen, die bildenden Künstler staunen darüber, wie schäbig und korrupt das Galerien- und Ausstellungswesen geworden ist, während sich das Musiktheater offenbar ganz fürs Kulinarische und den kulinarischen Skandal entschieden hat.

 

Die Wahrheit ist: Kunst und Kultur sind zwei vollkommen unterschiedliche Formen des Lebens. Kultur ist für sich auch wichtig, aber sie ist weiß Gott nicht die Schiene, auf der die Kunst in die Gesellschaft flutscht und mit ihr der vermisste Sinn des Ganzen. Außerdem ist Kunst etwas, das nur selten vorkommt, viel seltener, als die meisten vermuten. Und sie macht das Leben auch nicht leichter für den, der sich auf sie einlässt, sondern eher schwieriger.

 

Sie verkompliziert das Dasein. Auf schmerzliche Weise konfrontiert sie mit den Gebresten des eigenen Ich. Sie sorgt nicht für soziale Gleichheit und stiftet keine Gemeinschaften im Zeichen irgendeines weltanschaulichen Konsenses. War Malewitsch’ Schwarzes Quadrat der Ausdruck einer innovationsfreudigen Gesellschaft? Ist die Botschaft des späten Beethoven die Europahymne? Hat einer, der gerade Philip Roths Sabbath’s Theater gelesen hat, noch Lust, etwas zur Stärkung der deutschen Gebärgemeinschaft beizutragen?

 

Bedeutende Kunst steht in einem Verhältnis misstrauischer, wenn nicht aggressiver Gleichgültigkeit zur heutigen Gesellschaft. Die Welt soll ja gar nicht mehr ästhetisiert werden, die Träume der Avantgarden sind ausgeträumt. Jede politisch geschürte Kampfeslust der Künste hat sich verbraucht, sie wich einem sublimen Distanzbedürfnis. Wo ein Künstler über einen langen Zeitraum hinweg seine private Mythologie entfaltet, wo er sich als Talkshow-Gast, als Kritiker und als Kommentator Zurückhaltung auferlegt, da gibt es ein gewisses Indiz für das Vorkommen von Kunst, vor allem dann, wenn dieser Künstler sein gesamtes Leben für das Werk in die Waagschale zu werfen bereit ist. Das muss nicht Unverständlichkeit oder näselnde Hermetik nach sich ziehen, aber es bedarf einer gewissen kalkulierten Sturheit, um an einem starken alternativen Verständnismuster der Wirklichkeit zu arbeiten. Den meisten bleibt eine solche Anstrengung unbegreiflich.

 

Bestenfalls geht es in der Kunst ums geistige Überleben, um eine andere Weise wahrzunehmen, zu fühlen, vielleicht auch zu denken. Man kann nicht einmal benennen, worin die „Belohnung“ des Ästhetischen für denjenigen besteht, der sich ihm ausliefert – in einer Freiheit womöglich –, aber wozu genau?, in einer Leere oder in einem Ungesehenen, Ungefühlten, in einer Verstörung oder in etwas „Inkommensurablen“, wie es bei Goethe hieß?

 

Große Kunst bleibt für den gegensäkularen Zeitgeist eine schlechte Verbündete, und zwar nicht nur, weil sie vollkommen weltlich, sondern auch, weil sie radikal individualistisch ist. Man möchte in ihr einen Vorschein von Transzendenz erspähen, gemeint ist aber eine harmlose und sozial verträgliche, im besten Fall sogar: mehrheitsfähige Transzendenz. Aber weder verspricht noch beansprucht Kunst gesellschaftliches Glück. Kulturwerte, ob sie nun „kommunikative Gesellschaft“ oder „sinnstiftende Religiosität“ heißen, bleiben ihr fremd. Ihr Vorbehalt gegenüber der Gegenwart – genauso wie gegenüber der Zeitkritik – ist unbegrenzt. Kunst redet von Flucht, nicht von Utopie. Für die gute Gesellschaft bleibt Nietzsches Satz ein Skandal: „Lieber sterben, als hier leben.“

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 VON THEODOR ALBERTUS MAGNUS FREY

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