MYSTIK
 

  Eine Seite von Theodor Frey  
     

 



 

MYSTIK UND PERSON

 

Nicht die Dinge, wir selbst stehen dem Geheimnis im Wege

 

 

Herbst 1925 - Neunter Brief vom Comer See von Romano Guardini

Ich fühle ein Tieferwerden vor sich gehen. Der heutige Mensch ist nicht mehr der sicher und anmaßend in der Sphäre physischer und psychischer Realität sich bewegende der neunziger Jahre. Es ist, als ob sich ein innerer Raum auftue und den Menschen heransauge. Eine Sehnsucht ist da, nach dem Inneren, nach dem Stillwerden; danach, aus der Hetze herauszutreten in die Sammlung. Aber nicht so, daß diese Sammlung das Sein und Tun des sonstigen Lebens verleugnete, sondern mitten drin. Wir ahnen Möglichkeiten des Gesammeltseins und einer Innerlichkeit im Täglichen, im Leben, wie es heute ist. Ich glaube, wir werden einsehen, daß Technik und Wirtschaft und Politik selber einer Stille und Inbrunst bedürfen, um ihre Aufgabe zu lösen. Der in der Welt stehende bedarf der Kunst, in sich selber, und in einem Tieferen, als er selbst, Stand zu fassen, um von dort her diese Welt zu packen. Und so unsicher unsere Zeit ist, so skeptisch, so suchend und heimlos, es gibt heute, glaube ich, nicht Wenige, die unmittelbar vor Gott stehen. Eine Welle drängt von Ihm her und brandet dort an, wo in unserem Tiefsten die Grenze läuft, und dahinter ist das Andere. Es ist möglich, daß Menschen miteinander reden und handeln, und Schicksale sich begeben, und kein Wort wird von Gott gesprochen, und doch ist alles von ihm voll. Dort wird im Letzten die Frage entschieden, die uns gestellt ist. Ob wir mit unserem Tiefsten zu Gott kommen, zu ihm hinübertreten, und von ihm her, aus seiner Freiheit und seiner Kraft, Herr werden über das Chaos; das wird die Entscheidung sein. ...

Mir ist, als spüre ich all die Kräfte am Werk. Ein gewaltiges Heransteigen .. Ein inneres Sich-Auftun .. Ein Hervordrängen von Gestalt überall.."

Romano Guardini

über die achte Elegie von Rainer Maria Rilke

Wir aber sind so gefesselt, daß wir die Unendlichkeit - die Überzähligkeit" des "Erlebnisses" - für gewöhnlich nicht bemerken. Nur in bestimmten flüchtigen Erfahrungen werden wir vorübergehend inne, worum es geht.

Dann wird diese Fülle näher zu Gefühl gebracht, und durch jede Bestimmung erwächst dem Offenen ein weiterer Name. Es ist das "Reine", von keinem Begehren noch Gebrauch Befleckte, das "Unüberwachte, das man atmet und unendlich weiß"

Das Kind hat eine ursprüngliche Beziehung zum Offenen. In seiner frühesten Zeit lebt es ganz in der auf dieses zugehenden kreatürlichen Bewegung. 

Es lebt blinkend ins Offene hinaus, und ist eben damit wahrhaft innerlich, atmend, in Allem seiend.

Sobald man aber "nah dem Tod" ist, oder dieser schon begonnen hat, sieht man das Geheimnis nicht mehr, sondern "starrt hinaus", ins Offene. Dann ist der Mensch nur noch Kreatur. 

Wir kehren dem Freien den Rücken zu und wenden uns "der Schöpfung", dem raum- zeitlichen Konkreten zu. Von seinem Licht sehen wir bloß "die Spiegelung", den geheimnisvollen Abglanz auf den Dingen; es selbst schauen wir nie, denn nicht irgend ein Ding, sondern wir selbst stehen im Wege.

Unter dem Titel "Das spirituelle Vakuum: Die entbehrte Mystik" führt der Religionsphilosoph Eugen Biser in seinem Buch "Glaubensprognose" aus:

Wenn die Anzeichen nicht trügen, steht das Christentum insgesamt im Begriff, sich von seiner moralischen Selbstdarstellung [..] zu verabschieden, um in seine mystische Zukunft einzutreten. Da eine derartige Verabschiedung sich niemals reibungslos, sondern immer nur in Stauungen, Konflikten und Brüchen vollzieht, sind die gegenwärtigen Spannungen [..] aus der Natur des Übergangs zu erklären. Verständlich wird in dieser Sicht vor allem die moral- und sexualethische Engführung der kirchlichen Doktrin, die nun als nachdrückliche Manifestation einer sich primär als moralische Autorität verstehenden Kirche erscheint; [..] Die Glaubensgemeinschaft wird in ihrer sensiblen Spitze mit aller Kraft dem Kommenden entgegenstreben, wenn nicht gar es vorwegnehmen.

Karl Rahner versicherte, der Christ der Zukunft werde ein Mystiker sein oder er werde überhaupt nicht sein. Damit setzte er Nietzsches aggressiver Untergangsprognose die Überzeugung von einem zu seiner eigenen Innerlichkeit erwachenden Christentum entgegen.

Diese Mystik-Prognose läßt sich durch eine theologische Deutung der neueren Geistesgeschichte stützten, sofern sich diese wie ein sich zusehends verschärfender Disput um den ontologischen Gottesbeweis ausnimmt.

 

Emanuelle Lèvinas    

"Die Sammlung des Seins, welche die Objekte erhellt und ihnen Bedeutung verleiht, ist nicht irgendeine Anhäufung von Objekten. Sie bedeutet das Sich-Ereignen dieser nicht-naturhaft Seienden eines neuen Typs, dieser Seienden, welche Kultur-Objekte-Gemälde, Gedichte, Melodien - sind, sie bedeutet aber auch die Wirkung jeder linguistischen und manuellen Geste der banalsten Aktivität, die durch das Evozieren früherer kultureller Schöpfungen schöpferisch ist. Diese kulturellen "Objekte" fügen die Zerstreuung oder Anhäufung der Seienden zu Totalitäten zusammen. Sie leuchten und strahlen; sie drücken eine Epoche aus oder erhellen sie, wie wir zu sagen pflegen. In ein Ganzes sammeln, das heißt: ausdrücken, und das heißt noch einmal: die Bedeutung möglich machen - das ist die Funktion des "Objekts, das Werk oder kulturelle Geste ist". Und so entsteht eine neue Funktion des Ausdrucks, während die ihm bisher beigelegte Funktion darin bestand, entweder als Mittel der Kommunikation zu dienen oder dazu, die Welt im Blick auf unsere Bedürfnisse umzugestalten. ...
Die Sprache, durch die sich die Bedeutung im Sein ereignet, ist eine Sprache, die von inkarnierten Geistern gesprochen wird. Die Inkarnation des Denkens ist kein Unfall, der ihm widerfahren wäre und der ihm seine Aufgabe erschweren würde, indem er seine gradlinige Bewegung, mit der es das Objekt anzielt, von seiner Geradlinigkeit abbringt. Der Leib ist der Sachverhalt, dass das Denken in die Welt, die es denkt, ausdrückt. Die Geste des Leibes ist keine nervöse Entladung, sondern das Feiern der Welt, Poesie. Der Leib ist ein fühlendes Gefühltes - ebendies ist ... sein großes Wunder. Als gefühlter steht er zwar noch auf der einen Seite, auf der Seite des Subjekts; doch als fühlender ist er schon auf der anderen Seite, auf der Seite des Objekts; er ist Denken, das nicht mehr gelähmt ist, er ist Bewegung, die nicht mehr blind ist, sondern Schöpfer von Kulturobjekten. Er vereint die Subjektivität des Wahrnehmens und die Objektivität des Ausdrückens (ein Wirken, das in der wahrgenommenen Welt kulturelle Objekte schafft - Sprache, Dichtung, Gemälde, Symphonie, Tanz - un das so den Horizont erhellt). ...
Wir sind Subjekt der Welt und Teil der Welt nicht von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus, sondern im Ausdruck sind wir zur gleichen Zeit Subjekt und Teil. Wahrnehmen heißt: durch eine Art von Vorwegnahme zur gleichen Zeit empfangen und ausdrücken. Durch die Geste wind wir imstande, das Sichtbar nachzuahmen und kinästhetisch mit der gesehenen Geste zusammenzufallen: in der Wahrnehmung ist unser Leib zugleich der "Delegierte" des [wahrgenommenen] Seins.
Man sieht: in dieser ganzen Auffassung wird die Kultur durch den Ausdruck definiert, die Kultur ist Kunst und die Kunst oder das Feiern des Seins macht das ursprüngliche Wesen der Inkarnation aus.  ...
Die Kunst ist also nicht eine glückliche Verwirrung des Menschen, der es unternimmt, Schönheit zu schaffen. Die Kultur und das künstlerische Schaffen nehmen an der ontologischen Ordnung selbst teil. Sie sind ontologisch schlechthin: sie machen das Erfassen des Seins möglich. ...
Es ist also kein Zufall, ...daß die Museen und Theater über die spezialisierte Arbeit der wissenschaftlichen Forschung hinaus - so wie einst die Tempel - die Kommunikation mit dem Sein möglich machen und dass die Poesie als Gebet gilt. Der künstlerische Ausdruck sammelt das Sein in Bedeutung und bringt so das ursprüngliche Licht bei, dessen sich dann die Wissenschaft selbst bedient. Der künstlerische Ausdruck ist so ein wesentliches Ereignis, das sich durch die Künstler und die Philosophen im Sein vollzieht. ...
Der symbolische Charakter der Bedeutung (der kulturellen Bedeutung zwischen dem Objektiven und dem Subjektiven), die an die Sprache - und an die der Sprache assimilierte Kultur - gebunden ist, darf also in keiner Weise als eine kraftlose Intuition, als das Misslingen einer von der Fülle des Seins getrennten Erfahrung gelten, die dadurch auf bloße Zeichen dieses Seins reduziert wäre. Das Symbol ist nicht die Verkürzung einer wirklichen Gegenwart, die vorgängig zu ihm existieren würde, vielmehr gibt es mehr, als irgendeine Rezeptivität der Welt jemals aufnehmen kann. Das Bedeutete geht also nicht deswegen über das Gegebene hinaus, weil das Gegebene unsere Weise, es zu ergreifen, übersteigt - während wir doch der intellektuellen Anschauung beraubt sind -, sondern deswegen, weil das Bedeutete einer anderen Ordnung als das Gegebene angehört, selbst dann, wenn die Beute eine göttliche Intuition wäre. Etwas Gegebenes aufzunehmen ist also nicht die ursprüngliche Art und Weise, sich auf das Sein zu beziehen."

 



 



 

 

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