HORIZONTE
GESICHTSKREISE
                                              EINE SEITE VON THEODOR FREY

Wo bist du? trunken dämmert die Seele mir
Von aller deiner Wonne; denn eben ists,
Daß ich gelauscht, wie, goldner Töne
Voll, der entzückende Sonnenjüngling

Sein Abendlied  auf himmlischer Leier spielt';
Es tönten rings die Wälder und Hügel nach.
Doch fern ist er zu frommen Völkern,
Die ihn noch ehren, hinweggegangen.

Friedrich Hölderlin
Aus der Sammlung - Gedichte 1784-1800

 

 

 

Drei Sonnen sah ich am Himmel steh'n,
Hab' lang und fest sie angeseh'n;
Und sie auch standen da so stier,
Als wollten sie nicht weg von mir.

Ach, meine Sonnen seid ihr nicht!
Schaut ander'n doch ins Angesicht!
Ja, neulich hatt' ich auch wohl drei;
Nun sind hinab die besten zwei.

Ging nur die dritt' erst hinterdrein!
Im Dunkeln wird mir wohler sein.

Müller Wilhelm
Die Winterreise - Die Nebensonnen

 

 

 

 

"Hat einmal eins von euch schon nachgedacht,
wie eilig euch die leisen Stunden führen
an jedem Tag und in jeder Nacht
durch tausend Tore und durch tausend Türen.
Noch gehn die Angeln alle leicht und leise
und alle Pforten fallen scheu ins Schloß;
noch bin ich Warner euch und Weggenoß,
doch weit aus meinen Reichen reift die Reise.
Ihr wollt ins Leben, und das bin ich nicht,
ihr müßt ins Dunkel, und ich bin das Licht,
ihr hofft die Freude, ich bin der Verzicht,
ihr sehnt das Glück und - ich bin das Gericht."

Die Kinder (Auszug)
Rainer Maria Rilke -1896

 

 Collage unter Verwendung der Skulptur von Josef Stammel, Die Vier letzten Dinge (1760), Die Hölle

Die "Vier letzten Dinge" im Mittelraum des Bibliotheksaals im Stift Admont, 
zählen zu den besten Werken der alpenländischen Barockskulptur.

 

Unser Denken, Empfinden und Handeln erfasst niemals das Umgreifende des Seins. Unsere Gesichtskreise sind beschränkt. Wir sehen nicht das Umgreifende (JASPERS). Dieses wird lediglich erahnbar und ist verbunden mit der schmerzlichen Erfahrung des Scheiterns. Geburt, Schicksalsschläge und Tod sind Grenzsituationen denen wir ausgeliefert sind. Was bleibt dann anderes, als zu versuchen unserem Leben in diesem Unabwendbaren einen Sinn zu geben. Und auch wenn wir damit vordergründig immer wieder scheitern, so können wir doch unseren Horizont nicht nur erweitern, sondern uns an der Nahstelle von Erde und Himmel bewegen.

Bilder vom Sonnenuntergang am 18.6.2010 in der südlichen Steiermark

 

 

SKULPTUREN AN DER MARIAHILFERKIRCHE IN GRAZ