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EINE SEITE VON THEODOR FREY

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HEIDEGGER-MASKE VON HANS WIMMER - 1958






 

 

 

 

KARL JASPERS - Was ist "einfache Anständigkeit" (Noblesse)?


In seinen "Notizen zu Martin Heidegger"( Hrsg. von Hans Saner - Notiz 227; S. 239 f.) stellt Jaspers kurz und einfach dar, was er unter "einfacher Anständigkeit" (Noblesse) versteht und schließt mit dem Satz: "Ich vermisse bei Heidegger jede Noblesse." Am Ende der Notiz fragt er: "Wie dieses alles noch zu unterscheiden vom "Existentiellen"?

1.


Die Unterscheidung von wahr und falsch, von gut und böse - untrüglich im Willen dazu und durchweg im Blick auf Menschen und Dinge.

2.


Die Distanz zu sich selbst und den anderen.

3.


Die Dankbarkeit

4.


Die Treue.

5.


Die Verpflichtung des Anstandes in allen menschlichen sofort geschichtlich bestimmten und je einmaligen Beziehungen.

6.


Die Sachlichkeit.

7.


Die Trennung der Sphären des Lebens und Denkens, - aber die Einheit im Ja zu einem Menschen, - die Zurückhaltung im Nein.

8.


Der Stolz der inneren Ehre, in der Bescheidenheit

9.


Die Unabhängigkeit von Herkunft, soziologischen und psychologischen Bindungen, - selbst da sein.

10.


Redlichkeit.

11.


Offenheit. Klares Schweigen aber nicht ausweichendes Schweigen. - Rede und Antwort stehen.

12.


Keine Pathetik.

13.


Das Wort gilt.

 

 

Heideggers Verhältnis zum Nationalsozialismus ist ein heiß umstrittenes Thema. "Während einige Kritiker von der Einheit von Leben und Werk ausgehen und seinem politisches Engagement nach 1933 eine bedeutende Rolle beimessen, sind andere der Auffassung, die philosophischen Schriften würden nicht davon berührt. ...In einer Tischrede bei der Feier des Instituts für Pathologische Anatomie (Anfangs August 1933) ...polemisiert Heidegger zunächst gegen die herkömmliche Medizin, die 'auf weiten Strecken zu einer bloßen Technik der Beseitigung und Erleichterung von Krankheitszuständen' herabgesunken sei. Stattdessen will er die Medizin in den Dienst der völkischen Erneuerung stellen. Die Volksgesundheit solle dazu dienen, dass das deutsche Volk sein eigenes Wesen wiederfinden und sein großes Schicksals würdig machen soll. ... Demnach wäre Hitler berufen, dem Deutschen Volk seine durch den Vertrag von Versailles verlorene Würde zurückzugeben. Der Preis dafür waren die Abschaffung der Demokratie und die Gleichschaltung der Lebensbereiche. ... Heidegger, einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts, hat sich politisch verrannt und sich anderthalb Jahre lang für ein verbrecherisches Regime engagiert. Indem er dem Nationalsozialismus seinen berühmten Namen lieh, hat er größere Schuld auf sich geladen als unbedeutende Professoren."

 SZ - F-R. Hausmann

 

Das Einfache verwahrt das Rätsel des Bleibenden und des Großen. Unvermittelt kehrt es bei den Menschen ein und braucht doch ein langes Gedeihen. Im Unscheinbaren des immer Selben verbirgt es seinen Segen. Die Weite aller gewachsenen Dinge, die um den Feldweg verweilen, spendet Welt. Im Unausgesprochenen ihrer Sprache ist, wie der alte Lese- und Lebemeister Eckehardt sagt, Gott erst Gott.

 

Hans Jonas - Philosophie - Rückschau und Vorschau am Ende des Jahrhunderts
Vortrag, gehört am 25. Mai 1992 im Prinzregententheater, München

Geht das Verhalten Heideggers im Jahre 1933 die Philosophie etwas an? 

" Ich meine, ja. Die Philosophie steht seit alters, ungleich jeder sonstigen Wissenschaft, unter der Idee, daß ihr Dienst nicht nur das Wissen, sondern auch das Verhalten ihrer Diener formt, und zwar im Sinne des Guten, um das es dem Wissen doch geht. Zumindest vor Ansteckung durch die Massenmeinung sollte ihre Schule der Wertunterscheidung schützen. Das Bild des Sokrates, das der Philosophie vom Anfang des Weges voranleuchtete, ließ den Glauben an eine solche adelnde Kraft nie erlöschen. So war denn das Einschwenken des tiefsten Denkers der Zeit in den tosenden Gleichschritt der braunen Bataillone nicht nur eine bittere persönliche Enttäuschung, sondern in meinen Augen ein Debakel der Philosophie: Sie, nicht nur ein Mensch, hatte versagt. War ihr Nimbus etwa immer falsch gewesen? Würde sie je etwas vom Glanz der alten Erwartungen wiedererlangen? Das einmalige Kaliber der Figur machte den Sündenfall zum historischen Ereignis."

Das Gegenbeispiel: Julius Ebbinghaus, ein scharfer und starrer Kantianer, an Bedeutung nicht zu vergleichen mit Heidegger.

"Er hatte die Probe rühmlich bestanden; ich hörte davon und besuchte ihn 1945 in Marburg, um ihm meine Huldigung darzubringen. er sah mir mit dem alten Feuer unbedingter Überzeugung ins Auge und sagte: 'Aber wissen Sie , Jonas, ohne kant hätte ich es nicht gekonnt.' Da durchzuckte es mich. Hier waren Lehre und Leben eins. In wessen Händen war die Philosophie also besser aufgehoben? Bei dem schöpferischen Großen, den Tiefsinn in der Stunde der Entscheidung nicht vor Treuebruch schützte, oder bei dem Unorginellen, aber Aufrechten, der rein geblieben war? Bis heute getraue ich mir keine Antwort auf diese Frage ..."

Heidegger über Heimat: (Ein Text, der uns seine Verstrickung begreiflicher machen läßt?)

Heimatlos ist der Mensch, obgleich sich fast kaum mehr eine Stelle der Erde ausfinden läßt, wo der Mensch sich nicht einrichtet und nicht seine Umtriebe betreibt. Bedenken wir dies alles auch nur flüchtig, dann möchten wir dazu neigen, überall nur Verlust und Verderb zu sehen. Wir sind versucht, gegenüber solcher Bedrohung auf ein Rettendes zu sinnen, das uns unmittelbar, gleichsam über Nacht, schon das Rettende in die Hand spielt, wodurch Sprache und Heimat in ihr Eigenes bewahrt werden. Allein Rettung wird uns erst und nur dort gewährt, wo wir zuvor die Gefahr im Ganzen erblicken, wo wir die Macht des Gefährdenden eigens erfahren und sie als ein solches anerkennen, was ist. Denn es könnte sein, daß in dem, was zunächst und weiterhin nur wie Verfall und Zerstörung, wie Niedergang und Untergang aussieht, sich Anderes und Höheres verbirgt. Solches könnte aber, zureichend gedacht und durchdacht, zum Anstoß einer Besinnung werden, die unumgänglich bleibt, gesetzt, daß eh und je die Gedanken alles Werk und jede Tat bestimmen. Mag nun auch eine solche Besinnung einen so weiten Weg vor sich haben, daß wir Heutigen ihn nicht durchmessen können, es dürfte schon genügen, wenn wir von einem geringen Ort aus versuchen, den Weg erst einmal einzuschlagen.

 

 

Das Volkstum als Wurzel des Geistes - Neue Diskussion um Heideggers Verstrickung

Von Kurt Flasch wurde in der SZ vom 14.Juni 2005 eine ausführliche Rezension über das neue Buch von EMMANUEL FAYE: Heidegger, l?introduction du nazisme dans la philosophie. Albin Michel, Paris 2005, veröffentlicht.

 Sein Resümee: Insgesamt "eine gescheite und durchdachte Herausforderung. Es zwingt Heideggerianer, vom hohen Ross herunterzukommen und sich erneut der Textarbeit zu widmen. ... Es schadet nichts, wenn in Deutschland ein Sturm wegen Heidegger ausbricht. Schließlich wissen wir seit Heideggers Rektoratsrede: "Alles Große steht im Sturm."

Faye geht es um die Frage: "Gibt es einen, belegbaren philosophisch-immanenten Zusammenhang von Heideggers Denken mit dem Nazismus"?

Sein emigrierter Schüler Karl Löwith notierte dazu nach einem Gespräch im Frühjahr 1936:  "Heidegger stimmte mir [auf die Frage, ob die Parteinahme für den Nationalsozialismus im Wesen seiner Philosophie liege] ohne Vorbehalte zu und führte mir aus, dass sein Begriff von ?Geschichtlichkeit? die Grundlage für seinen politischen ?Einsatz? sei. Er ließ auch keinen Zweifel über seinen Glauben an Hitler."

Faye fragt: Was steht in Heideggers Texten? Seine Konzeption der Geschichtlichkeit ist in § 74 von "Sein und Zeit" (1927) nachzulesen. Dazu Flasch: "Die Sorge ist 'vorlaufende Entschlossenheit', dem Tod ins Auge zu blicken und das je eigene Schicksal auf sich zu nehmen. Aber das ?Dasein? dürfen wir nicht als vereinzeltes Subjekt denken. Als Erfahrung von Schicksal steht es immer zusammen mit anderen. Schicksalhaftes Geschehen ist Mitgeschehen, und nur das meinen wir mit Geschick. Damit bezeichnen wir 'das Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes'. Was wirklich geschichtlich ist, das ist das Volk. Das je eigene Volk, also das deutsche Volk." Daher konnte Heidegger auch definieren: "Das Volkstum ist die 'Wurzel des Geistes"."

Flasch geht ausführlich auf Heideggers Reden ein und zitiert seinen Satz: ?Wahrheit ist die Offenbarkeit dessen, was ein Volk in seinem Handeln und Wissen sicher, hell und stark macht.? ?Diese Heideggersche Verwandlung der europäischen Philosophie? ? so Flasch ? ? in ?seinsgeschichtliche Betrachtung? und der seinsgeschichtlichen Betrachtung in das Selbstbewusstsein des deutschen Volkes unter Adolf Hitler ist unbestreitbar. Das ist eine Tatsache von öffentlicher Bedeutung.?

Es wird interessant sein zu beobachten, welche Reaktionen dieses Buch von FAYE noch hervorrufen wird. Eine deutsche Übersetzung gibt es wohl noch nicht.

Weiteres zu Heideggers Verstrickung ...

Während des Krieges hatte Hans Jonas in Auseinandersetzung mit seinem Lehrer Martin Heidegger und dessen Affinität zum Nationalsozialismus begonnen, eine ?Gegenphilosophie? gegen den Nihilismus zu entwerfen, der aus seiner Sicht dem modernen Existentialismus innewohnte und für den Mangel an intellektuellem Widerstand gegen die Unmenschlichkeit der Nazi-Ideologie mit verantwortlich war.

Jürgen Busche schreibt heute in der SZ eine Replik auf Kurt Flasch. Dabei geht er allerdings kaum auf die Flasch geforderte Textarbeit und auf den problematischen "Wahrheitsbegriff"in Heideggers Werk ein.
Er bezeichnet Heideggers Engagement für die Diktatur Hitlers als einen großen Skandal der Philosophiegeschichte. Die stetige Wiederholung der Verführbarkeit und Verirrung ergibt sich jedoch nicht aus neuen Tatsachen, "sondern geht mit der Absicht zusammen Heideggers 'philosophische Lehre' als nationalsozialistisch zu erweisen. Dass dies 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch nicht erreicht ist, sollte die Bannerträger solchen Bemühens stutzig machen."
Busche kommt zu der Auffassung:
"Der Denker, von dem diese Wirkung weltweit über Jahrzehnte und Generationen hinaus ausging [Schüler waren u.a. Herbert Marcuse, Hannah Arendt, Karl Löwith, Hans Georg Gadamer, Max Müller - beeinflusst hat er die Philosophen Leo Strauss, Jean-Paul Satre, Michel Foucault, Jaques Derrida], bezog diese Fähigkeit zu dieser Ausstrahlung nicht aus der Idiotie, dass er sich für einen Nationalsozialisten hielt."

Thomas Meyer schreibt in der "ZEIT" über das Buch von FAYE. Sein Resümee lautet:

www.zeit.de/2005/30/Heidegger

"Zwei Tatsachen über Martin Heidegger sind so unleugbar, wie sie den Umgang mit seinem Werk kompliziert machen: Er ist einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts, und er war ein Nazi. An dieser Spannung entzünden sich bis heute immer neue Diskussionen um das Werk des deutschen Denkers."

"An Heideggers »Fehl« ... gibt es nichts zu deuteln. Doch Bücher wie das von Faye tragen zum Verständnis dieses Fehlens nichts bei. Was weltweit bereits von jungen Forschern getan wird, muss fortgesetzt werden: die Rekonstruktion der historischen und ideengeschichtlichen Zusammenhänge, in denen Heideggers Werk steht. Erst dann wird man sich der nach wie vor nicht einmal annähernd beantworteten Frage nach dem Verhältnis von Nationalsozialismus und Philosophie stellen können."

Martin Bauer bespricht in der SZ Nr. 222 die von Gertrud Heidegger (älteste Tochter des ersten Sohnes von Heidegger) herausgegebenen Briefe von Martin Heidegger an seine Frau Elfriede /"Mein liebes Seelchen" DVA 2005).

Sein Resümee: Die ausgewählten Briefe werfen ein "irritierendes, mitunter schlicht beschämendes Licht" auf Heidegger.

Er nennt Beispiele:
18.10.1918:
"Die Verjudung unsere Kultur u. Universitäten ist allerdings erschreckend u. ich meine die deutsche Rasse sollte noch so viel innere Kraft aufbringen, um in die Höhe zu kommen. Allerdings das Kapital!"

Juli 1918:
"Eine solche Luft künstlich hochgezüchteter Sexualität hätte ich nicht für möglich gehalten, ich verstehe aber jetzt Berlin schon besser - der Charakter der Friedrichstraße hat auf die ganze Stadt abgefärbt  u. in einem solchen Milieu kann es keine wahrhafte Geisteskultur geben - a priori nicht."

TAM - Heidegger - auf einem Auge blind?