Weiter, immer weiter. Zu den Sternen, tief unter die Erde, durch alle Ozeane. Durch alle Leiber, alle Worte. Mehr, immer mehr. Mehr Geld, mehr Sex. Mehr Schmerz, mehr Lust, mehr Vergessen. Stillstand ist der Tod. Das sind wir. Und Faust ist einer von uns. Nachdem Generationen von Lesern in ihm den tatkräftigen Titan lobten, der die Fesseln von Glauben, Tradition und Natur abstreift und mit seinem Schicksal zugleich die Welt in die Hand nimmt, erkennen wir heute, dass Faust sich verirrt hat – und wir uns mit ihm. In seinem pathogenen Hunger nach dem ultimativen Kick, seiner Sucht nach pausenloser Bewegung und seiner Negation jeglicher Grenzen steht Faust paradigmatisch für die Hybris des Menschen, der sich im selbst entfesselten Ereignissturm zu verlieren droht. Der Pakt mit Mephisto ist Ausgangspunkt für die Flucht in die Zukunft, das Versprechen lautet Unsterblichkeit. Faust reist, nach Katastrophen dürstend und sie mit Heilsversprechen verwechselnd, zu den Endpunkten der Zivilisation, wo die Luft nach Blut schmeckt und das Auge friert. Das einzige Wesen, das ihn retten könnte, wird er zerstören. Und der Himmel bleibt stumm.

 

Ankündigung der Inszenierung von Martin Kušej am Residenztheater in München

   

 

Zueignung

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,
Und manche liebe Schatten steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage
Kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
Und nennt die Guten, die, um schöne Stunden
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden.

 
   

 

 

Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang;
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
Verklungen, ach! der erste Widerklang.
Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,
Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,
Es schwebet nun in unbestimmten Tönen
Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,
Ein Schauer faßt mich, Träne folgt den Tränen,
Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich;
Was ich besitze, seh ich wie im Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.

 

 



 
 
 

Direktor:

Ihr beiden, die ihr mir so oft,
In Not und Trübsal, beigestanden,
Sagt, was ihr wohl in deutschen Landen
Von unsrer Unternehmung hofft?
Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,
Besonders weil sie lebt und leben läßt.
Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,
Und jedermann erwartet sich ein Fest.
Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
Gelassen da und möchten gern erstaunen.
Ich weiß, wie man den Geist des Volks versöhnt;
Doch so verlegen bin ich nie gewesen:
Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,
Allein sie haben schrecklich viel gelesen.
Wie machen wir's, daß alles frisch und neu
Und mit Bedeutung auch gefällig sei?
Denn freilich mag ich gern die Menge sehen,
Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,
Und mit gewaltig wiederholten Wehen
Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt;
Bei hellem Tage, schon vor vieren,
Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht
Und, wie in Hungersnot um Brot an Bäckertüren,
Um ein Billet sich fast die Hälse bricht.
Dies Wunder wirkt auf so verschiedne Leute
Der Dichter nur; mein Freund, o tu es heute!

Dichter:

O sprich mir nicht von jener bunten Menge,
Bei deren Anblick uns der Geist entflieht.
Verhülle mir das wogende Gedränge,
Das wider Willen uns zum Strudel zieht.
Nein, führe mich zur stillen Himmelsenge,
Wo nur dem Dichter reine Freude blüht;
Wo Lieb und Freundschaft unsres Herzens Segen
Mit Götterhand erschaffen und erpflegen.

Ach! was in tiefer Brust uns da entsprungen,
Was sich die Lippe schüchtern vorgelallt,
Mißraten jetzt und jetzt vielleicht gelungen,
Verschlingt des wilden Augenblicks Gewalt.
Oft, wenn es erst durch Jahre durchgedrungen,
Erscheint es in vollendeter Gestalt.
Was glänzt, ist für den Augenblick geboren,
Das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

Lustige Person:

Wenn ich nur nichts von Nachwelt hören sollte.
Gesetzt, daß ich von Nachwelt reden wollte,
Wer machte denn der Mitwelt Spaß?
Den will sie doch und soll ihn haben.
Die Gegenwart von einem braven Knaben
Ist, dächt ich, immer auch schon was.
Wer sich behaglich mitzuteilen weiß,
Den wird des Volkes Laune nicht erbittern;
Er wünscht sich einen großen Kreis,
Um ihn gewisser zu erschüttern.
Drum seid nur brav und zeigt euch musterhaft,
Laßt Phantasie, mit allen ihren Chören,
Vernunft, Verstand, Empfindung, Leidenschaft,
Doch, merkt euch wohl! nicht ohne Narrheit hören.

Direktor:

Besonders aber laßt genug geschehn!
Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.
Wird vieles vor den Augen abgesponnen,
So daß die Menge staunend gaffen kann,
Da habt Ihr in der Breite gleich gewonnen,
Ihr seid ein vielgeliebter Mann.
Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,
Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;
Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.
Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!
Solch ein Ragout, es muß Euch glücken;
Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.
Was hilft's, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht?
Das Publikum wird es Euch doch zerpflücken.

Dichter:

Ihr fühlet nicht, wie schlecht ein solches Handwerk sei!
Wie wenig das dem echten Künstler zieme!
Der saubern Herren Pfuscherei
Ist. merk ich. schon bei Euch Maxime.

Direktor:

Ein solcher Vorwurf läßt mich ungekränkt:
Ein Mann, der recht zu wirken denkt,
Muß auf das beste Werkzeug halten.
Bedenkt, Ihr habet weiches Holz zu spalten,
Und seht nur hin, für wen Ihr schreibt!
Wenn diesen Langeweile treibt,
Kommt jener satt vom übertischten Mahle,
Und, was das Allerschlimmste bleibt,
Gar mancher kommt vom Lesen der Journale.
Man eilt zerstreut zu uns, wie zu den Maskenfesten,
Und Neugier nur beflügelt jeden Schritt;
Die Damen geben sich und ihren Putz zum besten
Und spielen ohne Gage mit.
Was träumet Ihr auf Eurer Dichterhöhe?
Was macht ein volles Haus Euch froh?
Beseht die Gönner in der Nähe!
Halb sind sie kalt, halb sind sie roh.
Der, nach dem Schauspiel, hofft ein Kartenspiel,
Der eine wilde Nacht an einer Dirne Busen.
Was plagt ihr armen Toren viel,
Zu solchem Zweck, die holden Musen?
Ich sag Euch, gebt nur mehr und immer, immer mehr,
So könnt Ihr Euch vom Ziele nie verirren
Sucht nur die Menschen zu verwirren,
Sie zu befriedigen, ist schwer –
Was fällt Euch an? Entzückung oder Schmerzen?

Dichter:

Geh hin und such dir einen andern Knecht!
Der Dichter sollte wohl das höchste Recht,
Das Menschenrecht, das ihm Natur vergönnt,
Um deinetwillen freventlich verscherzen!
Wodurch bewegt er alle Herzen?
Wodurch besiegt er jedes Element?
Ist es der Einklang nicht, der aus dem Busen dringt,
Und in sein Herz die Welt zurücke schlingt?
Wenn die Natur des Fadens ew'ge Länge,
Gleichgültig drehend, auf die Spindel zwingt,
Wenn aller Wesen unharmon'sche Menge
Verdrießlich durcheinander klingt –
Wer teilt die fließend immer gleiche Reihe
Belebend ab, daß sie sich rhythmisch regt?
Wer ruft das Einzelne zur allgemeinen Weihe,
Wo es in herrlichen Akkorden schlägt?
Wer läßt den Sturm zu Leidenschaften wüten?
Das Abendrot im ernsten Sinne glühn?
Wer schüttet alle schönen Frühlingsblüten
Auf der Geliebten Pfade hin?
Wer flicht die unbedeutend grünen Blätter
Zum Ehrenkranz Verdiensten jeder Art?
Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?
Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart.

Lustige Person:

So braucht sie denn, die schönen Kräfte
Und treibt die dichtrischen Geschäfte
Wie man ein Liebesabenteuer treibt.
Zufällig naht man sich, man fühlt, man bleibt
Und nach und nach wird man verflochten;
Es wächst das Glück, dann wird es angefochten
Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,
Und eh man sich's versieht, ist's eben ein Roman.
Laßt uns auch so ein Schauspiel geben!
Greift nur hinein ins volle Menschenleben!
Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt,
Und wo ihr's packt, da ist's interessant.
In bunten Bildern wenig Klarheit,
Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit,
So wird der beste Trank gebraut,
Der alle Welt erquickt und auferbaut.
Dann sammelt sich der Jugend schönste Blüte
Vor eurem Spiel und lauscht der Offenbarung,
Dann sauget jedes zärtliche Gemüte
Aus eurem Werk sich melanchol'sche Nahrung,
Dann wird bald dies, bald jenes aufgeregt
Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt.
Noch sind sie gleich bereit, zu weinen und zu lachen,
Sie ehren noch den Schwung, erfreuen sich am Schein;
Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen;
Ein Werdender wird immer dankbar sein.

Dichter:

So gib mir auch die Zeiten wieder,
Da ich noch selbst im Werden war,
Da sich ein Quell gedrängter Lieder
Ununterbrochen neu gebar,
Da Nebel mir die Welt verhüllten,
Die Knospe Wunder noch versprach,
Da ich die tausend Blumen brach,
Die alle Täler reichlich füllten.
Ich hatte nichts und doch genug:
Den Drang nach Wahrheit und die Lust am Trug.
Gib ungebändigt jene Triebe,
Das tiefe, schmerzenvolle Glück,
Des Hasses Kraft, die Macht der Liebe,
Gib meine Jugend mir zurück!

Lustige Person:

Der Jugend, guter Freund, bedarfst du allenfalls,
Wenn dich in Schlachten Feinde drängen,
Wenn mit Gewalt an deinen Hals
Sich allerliebste Mädchen hängen,
Wenn fern des schnellen Laufes Kranz
Vom schwer erreichten Ziele winket,
Wenn nach dem heft'gen Wirbeltanz
Die Nächte schmausend man vertrinket.
Doch ins bekannte Saitenspiel
Mit Mut und Anmut einzugreifen,
Nach einem selbstgesteckten Ziel
Mit holdem Irren hinzuschweifen,
Das, alte Herrn, ist eure Pflicht,
Und wir verehren euch darum nicht minder.
Das Alter macht nicht kindisch, wie man spricht,
Es findet uns nur noch als wahre Kinder.

Direktor:

Der Worte sind genug gewechselt,
Laßt mich auch endlich Taten sehn!
Indes ihr Komplimente drechselt,
Kann etwas Nützliches geschehn.
Was hilft es, viel von Stimmung reden?
Dem Zaudernden erscheint sie nie.
Gebt ihr euch einmal für Poeten,
So kommandiert die Poesie.
Euch ist bekannt, was wir bedürfen,
Wir wollen stark Getränke schlürfen;
Nun braut mir unverzüglich dran!
Was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan,
Und keinen Tag soll man verpassen,
Das Mögliche soll der Entschluß
Beherzt sogleich beim Schopfe fassen,
Er will es dann nicht fahren lassen
Und wirket weiter, weil er muß.

Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen
Probiert ein jeder, was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen.
Gebraucht das groß, und kleine Himmelslicht,
Die Sterne dürfet ihr verschwenden;
An Wasser, Feuer, Felsenwänden,
An Tier und Vögeln fehlt es nicht.
So schreitet in dem engen Bretterhaus
Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Und wandelt mit bedächt'ger Schnelle
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

ie hören nicht die folgenden Gesänge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang;
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
Verklungen, ach! der erste Widerklang.
Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,
Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.

Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,
Es schwebet nun in unbestimmten Tönen
Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,
Ein Schauer faßt mich, Träne folgt den Tränen,
Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich;
Was ich besitze, seh ich wie im Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.

 






























































































































 

 



 

 

Faust:

Aber ach! Schon fühl’ ich bei dem besten Willen
Befriedigung nicht mehr aus dem Busen quillen.
Aber warum muss der Strom so bald versiegen,
Und wir wieder im Durste liegen?
Davon hab’ ich so viel Erfahrung
Doch dieser Mangel lässt sich ersetzen,
Wir lernen das Überirdische schätzen,
Wir sehnen uns nach Offenbarung,
Die nirgends würd’ger und schöner brennt
Als in dem Neuen Testament.
Mich drängt’s, den Grundtext aufzuschlagen,
Mit redlichem Gefühl einmal
Das heilige Original
In mein geliebtes Deutsch zu übertragen.

Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!“
Hier stock’ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh’ ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

 

 

Faust:

So fluch ich allem, was die Seele
Mit Lock- und Gaukelwerk umspannt,
Und sie in diese Trauerhöhle
Mit Blend- und Schmeichelkräften bannt!
Verflucht voraus die hohe Meinung
Womit der Geist sich selbst umfängt!
Verflucht das Blenden der Erscheinung,
Die sich an unsre Sinne drängt!
Verflucht, was uns in Träumen heuchelt
Des Ruhms, der Namensdauer Trug!
Verflucht, was als Besitz uns schmeichelt,
Als Weib und Kind, als Knecht und Pflug!
Verflucht sei Mammon, wenn mit Schätzen
Er uns zu kühnen Taten regt,
Wenn er zu müßigem Ergetzen
Die Polster uns zurechte legt!
Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben!
Fluch jener höchsten Liebeshuld!
Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben,
Und Fluch vor allen der Geduld!

 

 

Faust:

Du hörest ja, von Freud' ist nicht die Rede.
Dem Taumel weih ich mich, dem schmerzlichsten Genuß,
Verliebtem Haß, erquickendem Verdruß.
Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist,
Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen,
Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist,
Will ich in meinem innern Selbst genießen,
Mit meinem Geist das Höchst' und Tiefste greifen,
Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen,
Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern,
Und, wie sie selbst, am End auch ich zerscheitern.

Mephistopheles:

O glaube mir, der manche tausend Jahre
An dieser harten Speise kaut
Daß von der Wiege bis zur Bahre
Kein Mensch den alten Sauerteig verdaut!
Glaub unsereinem, dieses Ganze
Ist nur für einen Gott gemacht!
Er findet sich in einem ew'gen Glanze
Uns hat er in die Finsternis gebracht,
Und euch taugt einzig Tag und Nacht.

Faust:

Allein ich will!

 

 

 

 



Albert Daur - Die Tragödie Fausts - Ein Versuch - 1947 - S. 88 f.



"Wir fragen jetzt, ob danach jene Auffassung, daß Faust die Schrift verfälsche, möglich ist, ja ob denn überhaupt ein Grund dafür besteht, in dieser Szene Faust als Gott abtrünnig aufzufassen? Und zu glauben, daß er sich dem Chaos, dessen 'Sohn' der Teufel ist, ergebe, wenn er sich zur Tat bekennt? Denn auf dies Wort entgegnet ja der Pudel, indem er heult und bellt, besonders feindselig. Warum? Weil Faust sich jetzt noch deutlicher als schon zuvor zu Gott bekannte, weil die Tat, die, wie er glaubt, im Anfang war, die gleiche Tat ist, die am Ende sein wird: Gottes Tat. Gott tat im Anfang; denn er schuf, dies ist der Sinn der. Übersetzung, durch sein Schöpferwort die Welt. Das kündet nach Fausts Meinung das Johannesevangelium. Und wie die Welt ihm hier, bevor er an des Teufels Seite tritt, im Anfang Gottes Tat ist, so ist Gottes Tat auch die am Ende sein Bestreben adelnde Verklärung, die Er-lösung aus der irdischen Verstrickung, die ihm, als des Lebens Wirrungen vorüber sind, zuteil wird, weil er seinem dunklen Drang, trotz seines Irregangs, die Treue hielt.
Der dunkle Drang, der sich ihm selbst, durch alle seine Tage, nie erhellt, führt Faust zu Gott. Er weiß es nicht, er folgt nicht dem Gebote Gottes, weil ihm dies Gebot vermittelt worden wäre und er also darum weiß, er folgt vielmehr dem Seelentrieb, den Gott in ihn gelegt hat, der ihm Mitgift ist. Er weiß das nicht und weiß auch nicht, wohin ihn diese Mitgift führt, Gott aber weiß es. Und das Urteil Gottes über ihn ist anders, als die Menschen drunten auf der Erde es nach ihrem eigenen Ermessen fällen, Gott vollzieht nicht, was die kecke Meinung ihm vortut, wenn sie das Unerforschliche zu wissen und an Gottes Statt hier auf der Erde über den, den sie für sündig ansieht, richten zu dürfen glaubt, und 'Meine Wege sind nicht eure Wege' gilt auch hier. In Goethes 'Faust' ist Gott nicht, was die Menschen, wenn sie Ihn nach sich beurteilen und über Wolken ihresgleichen sieh erdichten, zu erkennen glauben, er ist Das ganz andere, an das kein Wissen reicht.
Wie aber, fragen wir zum Schluß, wird Gottes Tat, wenn sie vom Anfang bis zum Ende alles Sein durchwirkt, in uns als diese höchste Kraft, als reinste Wirksamkeit erlebt? Wir fühlen sie als Liebe. Sie, die Liebe, ist es, die auf unsrer schweren Erde, wenn wir alle tief in Schuld verstrickt sind und im Dunkel gehen, jenes Licht aussendet, das die Ewigkeit in der Vergänglichkeit erscheinen, das Vergängliche im Ewigen aufgehen läßt, sie ist der Strahl, der auch das Herz des schuldbeladenen durchführt, der Strahl, zu dessen Quelle der verklärte Faust empor-dringt, er, der auf der Erde nie nach drüben blicken wollte, weil die Aussicht in dies Drüben ihm versagt und ihm dies Nichtwissen der Menschen Schicksal schien, obwohl der Strahl von dort auch in sein Herz gefallen war und ihn dies Göttliche im Menschen auch durch seine tiefste Nacht und ohne daß er es ermaß geleitete und schließlich alle Dunkelheit durchdrang.
Die ewige Liebe hat ja immer an Faust teilgenommen: so singen es am Schluß die Engel aus, die sein Unsterbliches in die Verklärung tragen, und die Liebe als die Gottestat im Menschen war es auch, die Faust an jenem Osterabend fühlte und zu der er sich bekannte, als der Teufel bei ihm war. Er weiß am diesen Sinn der Tat und hat ihn in sich. Aber als er dann sich an den Teufel bindet, überläßt er in der tragischen Verstrickung seines Erdengangs, wenn seine Wünsche sein Vermögen übersteigen, jedesmal die Tat dem Teufel. Dieser ist es, der von da ab immer wieder 'tut' und Faust verschafft, was er genießen will und wieder fahren läßt. Das ist das tragische Problem, in dem er steht. Denn ihm, der sich zu Gottes Tat als zu dem ewigen Schaffen und zu dem, was Er geschaffen hat, bekannte, war die Forderung gestellt, auch selbst im Sinn des ewig Schaffenden tätig zu sein. Er ist es in entscheidungsvollen Augenblicken seines Lebens, aber dies sein Tun schließt stets mit einem Mißerfolg. Und was gelingt, tut stets der Teufel. Aber es gelingt auf seine Art, durch seine magischen Mittel und nur insofern sie ein Gelingen möglich machen. Dies ist das Verhängnis, das Fausts Bahn bestimmt, und diesem Verhängnis macht er erst ein Ende, als er des Teufels Mittel von sich tut und jene Zukunft schaut, in der die Menschen nur aus ihren Menschenkräften zu erringen suchen, was er, Faust, dem Teufel schuldig ward.
Und wenn er dann zur ewigen Liebe aufsteigt und sie ihn empfängt, ist zwar die Tat, wie sie in seinem Inneren lebendig war, zu Gott gewandt und er, die Kraft, die ihn durchdrang, auch auf dem Weg zu Gott; jedoch nicht Gott ist es, den jetzt die Andacht
noch einmal, den jetzt das aus dem irdischen Gewand gelöste Streben Fausts erreicht, es ist vielmehr, als sei, indem Fausts Erdenbahn vorüberzog, Gott in die ewige Verborgenheit zurückgekehrt, in die kein Menschenauge dringt, zu jener fernen Höhe, der das Erdenwesen sehnsuchtsvoll entgegenstrebt. Dort, wo dies Streben sich im mittelalterlichen Christentum, in dem die deutsche Art des religiösen Fühlens ‚sich begründet hat, so schlicht wie hoheitsvoll verbildlichte, dort schwebt Maria, die Verklärung reinen Frauentumes, die, als unser seelischer Besitz entstand, die innigste Gestalt, Verkörperung der Liebe ward, wie sie auch Goethe in der Frauennatur am reinsten wirken sah. Die Liebe führt, als im Geleit der Gottesmutter Gretchen als verklärte Büßerin voll Glück den jetzt nicht mehr Getrübten und zu ihr Zurückkehrenden sehen darf, auch Faust, der, überstrahlt, der alten Hülle seiner Erdentrübnis, sich entrafft, in die Unendlichkeit, aus der herab die letzte Kunde, die auch ihre erste ist, ertönt, die Kunde von der Liebe als der innern, uns, wenn sie in unsrer Seele lebt, unüberwindlich machenden, der höchsten Kraft der Welt."

 

 

 

Faust

Was seh ich? Welch ein himmlisch Bild
Zeigt sich in diesem Zauberspiegel!
O Liebe, leihe mir den schnellsten deiner Flügel,
Und führe mich in ihr Gefild!
Ach wenn ich nicht auf dieser Stelle bleibe,
Wenn ich es wage, nah zu gehn,
Kann ich sie nur als wie im Nebel sehn! –
Das schönste Bild von einem Weibe!
Ist's möglich, ist das Weib so schön?
Muß ich an diesem hingestreckten Leibe
Den Inbegriff von allen Himmeln sehn?
So etwas findet sich auf Erden?

 

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FAUST.
Ich bin nur durch die Welt gerannt!
Ein jed Gelüst ergriff ich bei den Haaren,
Was nicht genügte, ließ ich fahren,
Was mir entwischte, ließ ich ziehn.
Ich habe nur begehrt und nur vollbracht
Und abermals gewünscht und so mit Macht
Mein Leben durchgestürmt: erst groß und mächtig,
Nun aber geht es weise, geht bedächtig.
Der Erdenkreis ist mir genug bekannt.
Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt;
Tor, wer dorthin die Augen blinzelnd richtet,
Sich über Wolken seinesgleichen dichtet!
Er stehe fest und sehe hier sich um:
Dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm!
Was braucht er in die Ewigkeit zu schweifen?
Was er erkennt, läßt sich ergreifen.
Er wandle so den Erdentag entlang;
Wenn Geister spuken, geh er seinen Gang,
Im Weiterschreiten find er Qual und Glück,
Er, unbefriedigt jeden Augenblick!

Franz Rosenzweig - Stern der Erlösung S. 46 ff.

 Erinnern wir uns hier dessen, was wir über das Verhältnis der Welt zu ihrem Logos in der Einleitung vorangeschickt haben. Das Denken ist als ein vielverzweigtes System einzelner Bestimmungen in die Welt ergossen. Es ist das allerorten und jederzeit in ihr Geltende. Es verdankt seine Bedeutung für die Welt, seine „Anwendbarkeit“, jener Verzweigung, jener Vielfältigkeit, zu der es sich entschlossen hat. Es ließ das, mit dem Tragiker zu reden, „einfältige Wort der Wahrheit“ in seinem Rücken liegen; eben dieser Abwendung entspringt die Kraft seiner Hinwendung zum Sein. Das System der Denkbestimmungen ist System nicht durch einen einheitlichen Ursprung, sondern durch die Einheit seiner Anwendung, seines Geltungsbereichs, - der Welt. Ein einheitlicher Ursprung kann, und sogar muß, von diesem auf das Sein und nur das Sein gerichteten Denken wohl vorausgesetzt, aber nicht erwiesen werden. Denn indem es sich ganz zum angewandten, weltheimischen Denken machte, verzichtete es darauf, die Einheit seines Ursprungs nachweisen zu können: da dieser einheitliche Ursprung nicht in der Welt lag, so kam auch der Weg von dem vorauszusetzenden „reinen“ zum „angewandten“ außerhalb des Machtbereichs des angewandten Denkens zu liegen. Das bloß vorausgesetzte Denken mag gedacht werden müssen, denkt aber nicht; bloß das wirkliche, das weltgültige, weltangewandte, weltheimische Denken denkt. So bleibt die Einheit des Denkens außerhalb; das Denken muß sich dafür trösten mit der Einheit der Anwendung in den geschlossenen Mauern der Welt. Ob die unendliche Einheit des göttlichen Seins, die ja ausdrücklich vor aller Identität von Denken und Sein und damit ebensosehr vor dem seinsgültigen Denken wie vor dem denkbaren Sein liegt, etwa der Quell ist, aus dem das verzweigte logische Bewässerungssystem des Weltackers entspringt: das kann hier zwar nicht gradezu ausgeschlossen, aber doch noch weniger bewiesen werden; es bleibt hier eine bloße Vermutung; dem Denken ist in der Welt, wo es heimisch ist, kein Tor verriegelt, aber – „nach drüben ist die Aussicht ihm verrannt“.

 

 

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"Wenigstens soll man sagen
es war kühn entworfen"
 
 
Sie wendeten sich, den Schöpfer anbetend, gegen die aufgehende Sonne,
als der auffal
lend herrlichsten Erscheinung.
Dort glaub
ten sie den Thron Gottes, von Engeln umfunkelt, zu erblicken.
Die Glorie dieses herzerhebenden Dienstes konnte sich jeder,

auch der Geringste täglich vergegenwärtigen.

Aus dem West-östlicher Divan. Stuttgart, 1819.
 
   

 

 

   

 

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 Das ist die Welt;
    Sie steigt und fällt
      Und rollt beständig;
         Sie klingt wie Glas –
            Wie bald bricht das!
                Ist hohl inwendig.
                   Hier glänzt sie sehr,
                       Und hier noch mehr:
                           »Ich bin lebendig!«
                                 Mein lieber Sohn,
                                     Halt dich davon!
                                        Du mußt sterben!
                                              Sie ist von Ton,
                                                   Es gibt Scherben.

   

 

 

 

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