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EINE SEITE VON THEODOR FREY

Pulse of Europe – worum geht es?


   

Daniel Röder (Mitbegründer von pulse of europe) im Gespräch mit Sarah Zerback im Deutschlandfunk am 3.3.2017


"Wir sind nun mal ganz überzeugt und dezidiert für Europa und deswegen wollen wir auch dafür eintreten. Abgesehen davon muss ich sagen, dieses für etwas sein hat auch eine unglaubliche Kraft. Unser Ziel war, diese negativen Energien, die negative Stimmung und diese Antihaltung, die sich allenthalben zeigt und die auch auf den Straßen sichtbar war, diesen Stimmungen etwas Positives entgegenzusetzen, mit Haltung auf die Straße zu gehen und zu zeigen, hier gibt es etwas Erhaltenswertes, bitte bedenkt, das sind unsere Grundlagen, die wir sowohl in der Bundesrepublik in unserem Grundgesetz wiederfinden als auch in den europäischen Verträgen. Und da das wirklich so erhaltenswert ist und unsere Gesellschaft seit Jahrzehnten in einer positiven Art und Weise prägt und uns Freiheit und Sicherheit gewährt, lohnt es sich auch, ganz dezidiert dafür einzutreten."

PulseofEurope am 19. März 2017 in München auf den Max Joseph Platz

hier: Video auf you tube

 

 

 

"Allmählich lösen sich die Europa-Freunde aus der Schockstarre....
Vor allem aber setzen sich die europafreundlichen Bürger nun in Marsch.
Bewegungen wie „Pulse of Europe“ demonstrieren in vielen Städten und machen sich gegenseitig Mut. Von Woche zu Woche werden es mehr. So können sie die Dynamik gegen Europa drehen, die in den vergangenen Jahren herrschte. Europas Pulsschlag gewinnt wieder an Kraft."

SZ vom 20.3.2017

 

ERICH PRZYWARA

"IDEE EUROPA"
 

IN DER REDE ANLÄSSLICH DER VERLEIHUNG DES KARLSPREISES
in der Sala Regia, am Freitag, 6. Mai 2016, erwähnt Papst Franziskus die Schrift "Idee Europa" von Erich Przywara. Er bezeichnet  es als ein "großartiges Werk". Deshalb möchte ich hier seinen Inhalt in Auszügen mit Hinweisen (Hervorhebung von mir) wiedergeben. Przywara hat das Werk im Winter 1955 abgeschlossen. Aus dieser Zeit heraus sind die Ausführungen Przywaras zu verstehen. Manches kann ich heute noch nachvollziehen, manches bleibt mir aber heute fragwürdig. Vor allem frage ich mich, ob und wie diese christlichen Vorstellung in der europäischen Realität von heute noch Gestalt annehmen können.

 

Vorwort

"Coudenhove-Kalergi [stellte] um die Jahrhundertwende. . .die Idee eines „Pan-Europa" auf. Ihr schloß sich um die fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts der Versuch Schumans und Adenauers an, von einem Ausgleich zwischen Frankreich und Deutschland aus eine „europäische Vereinigung" (EVG) wirtschaftlich, militärisch und schließlich politisch zu begründen (von der nur die „Montan-Union" übrig blieb). Endlich strebt die heutige Sowjet-Union der Bulganin und Chruschtschow, ein solches vereintes Ost-Europa unter russisch-kommunistischer Führung zu bilden, das, unter der Parole einer „Koexistenz", das übrige Europa an sich zu schließen sucht.

In all diesen Versuchen ist ein rein praktisch Politisches das Treibende, ohne eine echte Diskussion einer „Idee Europa". Infolgedessen spielt auch in diesen Versuchen die Beziehung Europas zu Asien und Afrika so gut wie keine Rolle. Endlich zeigen diese Versuche deutlich, wie in ihnen ein echter „Christlicher Universalismus" (wie er bis zu Leibniz die Grund-Idee eines einigen „Abendlands" war) zu Gunsten politischer und wirtschaftlicher „Zweckverbände" fast völlig beseitigt ist. Die Folge davon ist, daß alle heutigen, restaurativen, Bestrebungen zu einem „neuen Abendland" schattenhaft ideologisch bleiben.


Europa platonisch oder aristotelisch

(1) Platonisch oder Aristotelisch

Eine „Idee Europa", die nicht einfach Firmenzeichen für eine profit-versprechende Verbindung von Industrien sein soll, wird von einem Wesen Europa her gewonnen werden müssen. So müssen wir zunächst die zwei großen Meister des Denkens fragen, auf die unser abendländisches Denken zurück geht: Platon und Aristoteles.

Alles Wesentliche wurzelt für Platon im „Himmel der Ideen". „Idee" ist die Fremdwort-Form von dem, was Platon „eidos" nennt, d.h. Schaubild. Ein „Himmel von Schaubildern", der aber ebenso in der innersten Seele des Menschen seinen Ort hat, das ist für Platon das Eigentliche. Alles Materielle, Leibhafte, Sinneshafte ist in sich nur eine „reine Möglichkeit" für die Selbstverwirklichung der „himmlichen Schaubilder". Eine „Idee Europa" wäre ein solches „himmlisches Schaubild", das sich in eine „reine Materie" hineinsenkt, damit so. ein reales Europa durch „Teilnahme" an einer „reinen Idee Europa" entstünde: wie der Künstler zuerst die reine Idee seiner Schöpfung „konzipiert", d. h. empfängt, um sein Werk als Abbild seiner „künstlerischen Idee" zu gestalten. - Für Aristoteles, den größten Schüler, aber unbarmherzigen Kritiker Platons, gibt es einen „Himmel von Schaubildern" nicht. Es gibt für ihn nur die „Formen" mitten im realen Dasein. Das materielle und vitale Dasein ist innerlich geformt, es ist seinshaft morphologisch, und alles Denken kann nur darin bestehen, diese seinshaften Formen zu erkennen und herauszuheben: zu einer „Morphologie" des realen Daseins, zu einer Lehre von den inneren Formen dieses Daseins. Eine „Idee Europa" kann, von Aristoteles her, nur als eine „Form Europa" verstanden werden, die als Letztes im realen Sein Europas liegt und aus ihm heraus - geholt, das heißt „abs - trahiert", „abgezogen" werden muß.

 

REDE VON PAPST FRANZISKUS ÜBER EUROPA
ANLÄSSLICH DER VERLEIHUNG DES KARLSPREISES

 

HINWEISE

Erich Przywara (1889-1972), katholischer Religionsphilosoph und Theologe, Jesuit, beeinflusst hat ihn seine Bekanntschaft mit Edith Stein. Er selbst wirkte vor allem auf Hans Urs von Balthasar, Karl Rahner und Josef Pieper.

Idee Europa, Nürnberg 1956; Glock und Lutz, 1956. - 37 S.

Mit kirchlicher Druckerlaubnis. München, 3. 2. 56. GV Nr. 823. Dr. Johann Fuchs, Generalvikar. Das Werk erschien 1956 im Glock und Lutz Verlag zu Nürnberg. Alle Rechte vorbehalten. Hergestellt durch Otto Wirth, Amberg (Opf.) [Druck] und Georg Gebhardt, Ansbach [Einband].
 

Über Coudenhove-Kalergi und die Pan-Europa-Bewegung . . .

Richard Nikolaus Graf von Coudenhove-Kalergi erhielt 1950 in Würdigung seiner Lebensarbeit für ein geeintes Europa den Karlspreis.

 

 

 

Warum benutzt Przywara noch 1955 den Begriff "jüdisch russischer Marxismus", da doch der "Jüdischer Bolschewismus zu antikommunistischer und antisemitischer Hetze gebrauchtes Schlagwort geworden war, das in Russland entstand und nach dem Ersten Weltkrieg auch in Europa und Nordamerika Verbreitung fand. Große Bekanntheit erlangte dieser Begriff vor allem durch Reden und Schriften in der Zeit des Nationalsozialismus.

Przywara weist auf das Judentum hin, um Bezüge zum jüdischen Prophetismus bei Marx und zum griechisch-orthodoxen Christsein bei Bakunin herzustellen. So führt er aus:

" So entspringt also der „dialektische Materialismus" als der revolutionär „neue Geist", - so sehr er auch von Anfang an atheistisch, ja anti-theistisch sein will, - doch wesentlicher aus dem revolutionären alt-jüdischen Prophetismus, wie er in Karl Marx das innerste Feuer ist (was man bis heute nicht sehen will!). Er entspringt aber ebenso aus dem apokalyptisch-endzeitlich russischen revolutionären Gnostizismus, dessen flammendster Prophet Bakunin ist. So atheistisch Marx sich gebärdet, er ist doch tiefer Jude des echten Alten Bundes. So anti-theistisch Bakunin sich gebärdet, er ist doch tiefer griechisch-orthodoxer Christ des Neuen Bundes einer Erwartung und Vorwegnahme des Reiches der Wiederkunft Christi. So tritt im „Neuen Tempel" des marxistischen Bolschewismus eigentlichst Tempel gegen Tempel: Neuer Tempel Israels in Karl Marx, Neuer Tempel der Glorie Christi in Bakunin. Während in: Marx der Tempel Israels, den Malachias und der Herr selbst als „Handelshaus" brandmarkten, zum offenen Handelshaus der „Ware der Wirtschaft" ward, flammt in Bakunin leidenschaftlich dagegen ein Tempel des Prophetismus „schöpferischer Zerstörung", Tempel von „Tod und Auferstehung". So ist im „Neuen Geist" des „dialektischen Materialismus" die Erd-Nüchternheit einer „Waren-Konvertierung" in Marx garantiert, - in Bakunin aber die innere Mystik des „Feuers"."

Auch auf den Staatslehrer Carl Schmitt bezieht sich Przywara, den er als "groß" bezeichnet: Er führt aus:

"daß niemals das Spiel der Wahlziffern, wie es alle unechten Parteien so sehr lieben, der Grund eines Staates sein kann, sondern immer nur eine echt personale Autorität. Es ist die Ur-Weisheit Homers: Nicht gut ists [!], daß viele Herren seien. Einer sei Herr."

(2) Platonischer Mythos Europa

Für eine platonische „Idee Europa" geht es um ein „himmlisch künstlerisches Schaubild „Europa", d. h. aber dann, um ein Schaubild, das sich in einem Mythus darstellt: wie Platon seine tiefsten Ideen aus Mythen entwickelt. . . .Denn Mythen sind niemals Realitäten, die einer Realforschung zugänglich wären oder ihrem Gericht unterständen. Mythen sind „himmlische Schaubilder", die ihren realen Ort einzig in der Tiefe einer Volksseele haben. Solcher „Mythus Europa" als Wesen einer platonischen „Idee Europa" ist der römische Mythus vom Raub der phönikischen Königstochter Europa durch Jupiter als römischer Ober-Staats-Gott, der sich in einen Stier verwandelt, um sie auf seinem Rücken davonzutragen. Es ist der Mythus, wie ihn der römische Dichter Ovid in seinen „Metamorphosen", seinen „Verwandlungen", erzählt:

Und der gebietende Vater der Ewigen, dem in der Rechten flammt dreistrahlige Glut, und vom Wink aufschaudert das Erdreich, hüllt sich ein in des Stieres Gestalt
Es staunt die Tochter Agenors
Schon wagt die erhabene Jungfrau ... dem Stier auf dem Rücken
zu sitzen
ganz in die Mitte der Meerflut trägt er den Raub
Zurück zum verlassenen Ufer schauet sie, rechts ein Horn in der Hand, und die Linke dem Rücken aufgelehnt; und es flattern, gewölbt vom Winde, die Kleider.

Es ist in diesem „Mythus Europa" eine phönikische Europa: aus dem asiatischen Tyrus und Sidon, das zuerst, Jahrhunderte vor Christus, ein asiatisches Weltreich begründete, um dann, nach dessen Zusammensturz, ein afrikanisches Weltreich im Karthago der Dynastie von Hasdrubal und Hannibal aufzurichten, dessen Gewalt das römische Reich zeitweise unterlag, bis der große Scipio in den sogen. punischen Kriegen diesen ärgsten Todfeind Roms richtig „total" zu „verbrannter Erde" machte. . . .Wie der Frauenraub an den Sabinerinnen Rom als Landmacht begründete, so begründet der Jupiter-Frauenraub an der phönizischen Europa Rom als Seemacht. Hier haben wir die „Idee Europa" im „Mythus Europas": ein ursprünglich asiatisch-afrikanisches Europa.

 

(3)Aristotelische Form Europa:
Geographie Europa; Geokultur Europa

Europa und der Stier
Fresko aus Pompeji
1. Jahrhundert etwa zur Zeit Ovids

 

Gegenüber solcher platonischer „Idee Europa" im klassischen „Mythus Europa" wird eine aristotelische „Form Europa" sich aus einer „Realität -Europa" folgerichtig abzuheben haben.
Solche „Realität Europa" gibt sich grundlegend in der Geographie Europas. . . . Solche Geo-Metaphysik Europas ist das letztbestimmend „Mittlere" zwischen einer rein empirischen, d. h. erfahrungshaften Geographie Europas, und dem, was man seit Jahrzehnten „Geo-Politik" nennt, d. h. Politik, wie sie nicht aus theoretischen Partei-Programmen entspringt, sondern aus der Physis, der physischen Natur der „Erde" Europa, und also dann aus der „Erde" der „Polis" Europa: wie das Wort Polis im Wort Politik anzeigt, daß es in einer echten Politik, die Europa meint, um Europa als Polis geht, d. h. als „Burg" oder „Stadt-Burg" oder „Staats-Burg", und daß darum Politik in ihrem echten Verstand „Burg-Gesinnung" und „Burg-Kunst" ist, die nicht eine Partei-Gesinnung oder Partei-Kunst ist, sondern Gesinnung und Kunst, die sich aus dem Erd-Wesen einzig einer „Burg Europa" ableitet.

Dies alles bestimmende Erd-Wesen Europas ist in seiner geographischen Lage gegeben. Europa ist in der Hauptsache Halbinsel Asiens, als dessen größte Halbinsel. Aber durch Sizilien, durch die Insel-Fülle Griechenlands und ebenso auch durch den unmittelbaren Zusammenhang des Südens der spanisch-portugiesischen Iberischen Halbinsel mit dem afrikanischen Marokko hängt das selbe Europa ganz eng mit Afrika zusammen. Dieses rein Geographische hat sich in eine ganz bestimmte Geo-Kultur Europas ausgewirkt, in eine europäische Kultur, wie sie der Erde Europas entspricht.


Die klassisch griechische Kultur hat ihre Ursprünge im klein-asiatischen Jonien: dem Homer, Hesiod, Heraklit, Parmenides entstammen, die der eigentliche Muttergrund für die athenische Kultur sind, in Platon und in Aristoteles. - Die klassisch römische Kultur, von der alle klassisch romanische Kultur abstammt, gründet geradezu total in der etruskischen Kultur, die nicht nur aus Klein-Asien stammt, sondern ebenso auf die klassisch afrikanisch ägyptische Kultur zurückweist, in ihrem wesentlichen Toten- und Gräber-Kult. Und von dieser afrikanisch ägyptischen Kultur wissen wir, daß sie die für die ganze Welt urbildliche sakrale Kultur ist, nicht nur hinein in die heidnische sakrale Kultur Griechenlands und Roms, nicht nur hinein in die sakrale Kultur der alten großen Kulturen Süd-Amerikas (die sogar den Pyramiden-Stil Ägyptens aufweisen), sondern auch und grad hinein in den Stil der christlichen Liturgie Alten und Neuen Bundes (in Psalmen-Sprache und Tracht und Kult-Rhythmen).

Germanische Kultur, wie sie durch Ostgoten, Westgoten, Langobarden und Wikinger zur letzten Form für nachrömisch italische, spanische, englische, französische, deutsche Kultur ward und über die Waräger auch für Rußland, hängt aufs innigste mit der arisch-sanskritischen Kultur des asiatischen Indien zusammen.
Die slavische Kultur ist innerlich dadurch bedingt, daß die Slaven durch die Völkerwanderung aus Ost-Rußland in den Westen getrieben wurden. . . .

Fügen wir als Letztes noch hinzu, daß die drei großen Theologen, die praktisch das ganze geistige Gesicht Europas urhaft geprägt haben, alle drei Afrikaner sind: Origenes aus dem afrikanischen Alexandrien, Tertullian aus dem afrikanischen Karthago, Augustinus aus dem afrikanischen Hippo.

Und diese eur-asiatischen und eur-afrikanischen Bindungen unserer gesamten abendländisch europäischen Kultur sind urhaft darin begründet, daß das Israel des Alten Bundes, aus dem der Neue Bund Jesu von Nazareth als seine Erfüllung entsprang, das Israel Abrahams ist, den der Herr aus dem südasiatischen Chaldäa rief, und das Israel jener Erde Palästina ist, die der klassische Durchgangsweg zwischen Asien und dem afrikanischen Ägypten ist. Und dies Aug in Aug dazu, daß die zwei großen Religionen, die die einzig wirklichen Rivalen des abendländischen Christentums sind, nämlich Buddhismus und Islam, asiatisch afrikanisch sind, durch und durch bestimmt durch die „Erde Asien" und die „Erde Afrika".

Und die klassische Gnosis, die vom Frühchristentum an bis heute als gefährlichster Feind diesen drei Weltreligionen gegenübersteht, nämlich der Manichäismus, - diese Lehre eines letzten Zusammenfalls von Gott und Teufel, von Gut und Bös, von Haß und Liebe, von Licht und Finsternis, - dieser Manichäismus, dem Augustinus gegenüberstand, der die große französisch provençalische Kultur durchgiftete, der immer auf dem Grund der Reformation lauerte, der, in Baader, Schelling, Hegel, Balzac, Solowjew, im geheimen Urgrund der gesamten Neuzeit steht, der heutig ist als eigentlicher Urgrund der Bolschewismen und Faschismen, - dieser unheimliche, verführende Manichäismus stammt nicht nur vom Perser Mani, sondern entspringt in ihm aus den Tiefen der asiatisch persischen Avesta-Kultur.

Einzig das klassische China, im Ur-Buch des I Ging, in den kosmisch mystischen Ur-Hymnen des Lao-Tse und der adligen Ur-Ethik des Kungtse (Konfuzius), schlingt sich nicht in diese eur-asischen und eur-afrikanischen Verschlingungen ein, sondern steht als Menschheits-Ur-Kultur unmittelbar der Einen Offenbarung Gottes in Altem und Neuem Bund gegenüber. . . .,

 

Politisches Europa

 

(1) Politik und Politisch: Burg, Reich, Staat, Bund

„Politik" und „politisch" kommt von Polis. Es ist ein griechisches Wort und heißt in seiner ursprünglichen Bedeutung: Burg, und was zur Burg gehört. Darum sagt auch das Wort „Bürger" ursprünglich: Burgmanne, der der Burg dient, zu der er gehört. Politik, objektiv genommen, sagt demnach: amtliche Sorge für den Schutz der Burg, also auswärtige Politik, und für die Ordnung in der Burg, also innere Politik. Und Politik, subjektiv genommen, sagt eine solche theoretische und praktische Gesinnung, die restlos zur Burg, theoretisch und praktisch, „Ja" sagt, also Dienst an der Burg und für die Burg. So sehr ist für die Antike der Griechen und Römer dieser Dienst ein totaler Dienst, daß dem Wort „Privat" und „Privatmann" das lateinische „privare" zugrundeliegt, das „berauben" und „sich berauben" besagt, d. h. mit Eigen-Interessen den totalen Burgdienst berauben und hierdurch sich selbst der: Teilnahme an der Burg berauben.


Von diesem Ur-Sinn von Politik her sind also sogenannte „Parteien" ein Widersinn. Denn das Wort „Partei" kommt vom lateinischen „pars", was „Teil" heißt und „Teilstück". Partei ist also etwas, was schon im Wort das Ganze und Unteilbare der Burg und des Burgdienstes verneint um des Interesses eines „Teils" willen. Partei als bewußter „Teil", ist ein Privates, das sich als kollektives Ganzes setzt. Im sogenannten Wettbewerb der Parteien wird dann der Wettbewerb von Teilen, die sich, in eigenen Interessen, total setzen, an die• Stelle der allein totalen, gemeinsamen Burg gesetzt. Industrie total, Finanz total, Hausbesitzertum total, Mietertum total, das sind dann die üblichen Parteien, von denen jede kollektiv ein verschiedenes Privat-Interesse vertritt und das kollektive Gegen-Interesse zu untergraben sucht.

Möglich in einer echten Burg ist nur ein Zweifaches. Entweder: ein Ringen zwischen den echten „Ständen", Bauernstand, Handwerkerstand, Gewerbestand, Gelehrtenstand, Priesterstand etc. um eine solche Ordnung der Burg, in der alle echten Stände sich ergänzen können. Oder: ein Ringen zwischen Gruppen, die eine verschiedene Verfassung der Einen Burg vertreten: wie. Monarchie, Oligarchie1 Demokratie solche Verfassungen sind, d. h. König oder Senat oder Volk als letzte Autorität.

Wenn Platon und Aristoteles, die beiden Meister des Abendlands, eine Demokratie der Zahl als „Warenhaus" brandmarken und nur eine Verbindung zwischen Monarchie und Demokratie als echte Staatsform anerkennen, so ist hierin jene Weisheit mächtig, die der große Staatslehrer Carl Schmitt in unsern Tagen erneuert hat, und die in der „präsidialen Demokratie" Amerikas realisiert erscheint: daß niemals das Spiel der Wahlziffern, wie es alle unechten Parteien so sehr lieben, der Grund eines Staates sein kann, sondern immer nur eine echt personale Autorität. Es ist die Ur-Weisheit Homers: Nicht gut ists, daß viele Herren seien. Einer sei Herr.


Bund im echten alten Sinn ist also niemals ein Zweckverband, in dem wirtschaftliche oder finanzielle Interessen ehmals selbständiger Staatsgebilde den „Bund" eines Zweck-Ausgleichs schließen. Sondern Bund sagt, gemäß der ganzen Geschichte seines Begriffs, das Tiefste in Burg, Reich, Staat: daß in ihm die personale Autorität nicht nur Repräsentation der Göttlichen Majestät ist, sondern daß personale Autorität und Volk gleichsam zu einander eingehochzeitet sind, und dies „in Blut und Tod", für einander zu sterben und so einander wahrhaft das Leben zu geben. Darum ist das Mysterium Christi als des „Königs der Könige und Herrn der Herren", aber in „Tod und Auferstehung", das formende Ur-Mysterium aller Staatlichkeit des geschichtlichen Abendlands: daß, in Kraft dieses Mysteriums, der König sein Leben gebe für das Volk und das Volk für den König, und sie also eins seien in wechselseitiger „Auferstehung im Tod". Diese „Auferstehung im Tod" ist der Grund echter totaler Staatlichkeit (wie Leo XIII. in seiner Staats-Enzyklika dem Staat eine echte „Totalität in seinem Bereich" zuweist).

 

(2) Politisches Europa: Burg Rom und Burg Wien

Ein „politisches Europa" ist, gemäß diesem Sinn von Politik, also ein solches, das eine Burg hat und ist, in der die „Europäer" als „Burgmannen" in totaler „Burggesinnung" den „Burg-Dienst" total vollziehen, - anstatt kollektive Privat-Interessen zu betreiben, hin zu einem möglichst profitablen Interessen-Ausgleich in einem Zweck-Verband. Für ein neues „politisches Europa" gilt also ein strenges Entweder-Oder. Entweder erneuern die Nationen, die aus der Einen „Burg" des Abendlands um ihrer „Interessen" willen ausgebrochen sind, diese Eine Burg des Abendlands, indem sie, in einer echten „Umkehr", diese Interessen untergehen lassen zu Einem Burg-Dienst und Einer Burg-Gesinnung. Oder sie verhandeln, wie Handelsleute sonst, um einen „Ausgleich der Interessen", daß dieser Markt-Ausgleich in immer neuem Feilschen und Feilschen die einzige „Burg des Abendlands" sei, das heißt dann aber Burg als „Markt", auf dem einzig gerissene Marktleute einander zu übervorteilen suchen, so daß Angst um den Markt-Profit die reale Politik als „Burg-dienst" und „Burg-Gesinnung" ist, in der die „Markt-Interessenten" sich begegnen als „homo homini lupus", als Mensch dem Menschen wie ein Wolf.

Echte „Burg des Abendlands" war ehdem die „Ewige Stadt" Rom. Denn sowohl das heidnische Imperium Romanum, wie das christliche Imperium Romanum (bis die Nachfolger Kaiser Konstantins nach Konstantinopel, dem späteren Byzanz gingen), war ein europäisches Reich im Sinne der Geographie Europas, die Europa als Eur-Asien und Eur-Afrika bestimmt. Der wahre Name Europas war darum: Abendland, und Abendland, wie es nicht von einem wesensfremden Morgenland sich abscheidet, sondern wie es der Ort der fruchtbaren Spannung zwischen Abendland und Morgenland selber ist. Darum blieb auch Rom die ‚Burg des Abendlandes" für das Sacrum Imperium, das „Heilige Römische Reich", wie es von Karl dem Großen begründet ward und in der Zeit Napoleons erlosch. Dieses „Heilige Reich" war niemals, wie es eine zähe Geschichtsfälschung will, ein „Heiliges Römisches Reich deutscher Nation". Vielmehr hießen seine Kaiser einzig „römische Kaiser" und dies rechtens über das ganze Abendland, während der Name „Nation" die vier „nationes" des Bamberger Evangeliars waren: römische, gallische, germanische und slavische Nation. Die innere Problematik des „Heiligen Reichs" lag vielmehr darin, daß die Kaiser von Byzanz als eigentliche Nachfolger der Kaiser von Rom sich ansahen. Byzanz sah sich als „zweites Rom" an, wie später Moskau sich als „drittes Rom" ansehen sollte. Das Kern-Problem für das Heilige Reich mit Rom als seiner eigentlichen „Burg" war darum immer eine Vereinigung mit dem byzantinischen Reich: wie sie die Ottonen durch die Heirat Ottos III. mit der byzantinischen Prinzessin Theophano anstrebten, und wie es später die Habsburger versuchten durch eine Heirat zwischen einem Habsburger und einer Zarentochter. Aber in allem Kampf zwischen dem Rom des „Heiligen Reich", und Byzanz und Moskau als „zweitem" bzw. „drittem" Rom, war dies die Grund-Idee: weder eine einzelne Nation als „Reich", noch ein geographisches Europa als „Reich", sondern Abendland u n d Morgenland als das „Reich".

 

Geistige Europa


(1) Geist

Rationaler Geist; Geistgermanisch, lateinisch, griechisch, hebräisch

Unter „Geist" und „Geistigkeit" und „Geistig" verstehen wir Abendländer seit Kant und Hegel und Leibniz eine Welt der reinen Begriffe oder reinen Ideen oder einer reinen Ordnung oder einer reinen Dynamik, die im Verstand erfaßt wird, und die das geheim Letzte in der Realität des Kosmos ist. Geist, - das ist für uns das Abstrakte, das durch unseren Verstand „abgezogen" wird (was „abstrakt" als lateinisches Wort bedeutet), nämlich abgezogen aus der konkreten Realität um uns und in uns, abgezogen aus unserer konkreten Erfahrung (die, nach dem griechischen Wort, „Empirie" genannt wird), und exakt abgezogen durch Experiment und Mathematik der Wissenschaft. Ein „geistiges Europa" heißt dann: Gemeinschaft in dieser „Wissenschaftlichkeit", - „wissenschaftliche" Gemeinschaft, wie sie im sowjetischen Kommunismus das Ein und Alles ist, - gegenüber der alt-slavisch orthodoxen „Brüderlichkeit".
Aber mit dieser Fassung von „Geist" stehen wir gegen die ursprüngliche sprachliche Bedeutung des Wortes „Geist". - Im Deutschen selbst hängt das Wort Geist mit dem angelsächsischen „geistjan" zusammen, das ein „in Schrecken setzen" sagt. Die Wurzel „gheis" in dem Wort sagt, entsprechend, ein „außer Fassung geraten", bis zum Entsetzt-sein und Schaudern. * Im lateinischen Wort „spiritus" für Geist wiederum ist ursprünglich der wehende Wind gemeint. - Und das entsprechende griechische Wort „pneuma" betont den „keuchenden Atem" des Sturmwinds. - Im Hebräischen endlich hängt das Wort „ruah"' für Geist wesentlich mit „raha" und „rehem" zusammen, die den Mutterschoß und das Ausbrüten sagen. Der Geist Gottes, der nach der Schöpfungsgeschichte über der „Wüste und Leere der Erde" „schwebte und webte", trägt darum das Symbol des Schwebens und Webens des Vogels über seinen Jungen (wie dieser „Geist Gottes" über dem Chaos schwebt, es gleichsam „auszubrüten" und wie er bei der Taufe Jesu im Jordan über Ihm in Gestalt der „Taube" schwebt, das messianische Reich ebenfalls gleichsam „auszubrüten"). Darum erscheint dieser „Geist Gottes" in der ganzen Heiligen Schrift sowohl als „Sturm, Erdbeben und Feuer", wie als Prinzip des Eins der Liebe, darin Gott fruchtbar ist in Sich Selbst und in die Welt und Menschheit hinein.. . .So steht „Geist", wie wir heutigen Abendländer ihn fassen, geradezu unvereinbar gegen die Ur-Bedeutung von Geist in allen entscheidenden Völkersprachen.

Was wir „Geist" nennen (im Idol unserer „reinen Wissenschaftlichkeit") erscheint wie eine rationale Domestizierung, d. h. „Haustier-Zähmung zu Haus-Gebrauch" dessen, was die Ur-Gewalt und Ur-Bewegtheit und Ur-Fruchtbarkeit des „Geistes" ist, wie er dem Ur-Germanischen, dem Römischen, Griechischen und Hebräischen gemeinsam ist.

„Geist" ist für uns: Beherrschung eines irrationalen Lebens, eines irrationalen Kosmos durch die „ratio", d. h. die rechnende Vernunft des Menschen, bis die ganze Unendlichkeit von Leben und Kosmos schließlich vor dem Auge der heutigen Naturwissenschaft und Technik als ein klares Zahlen-Gebilde liegt, das der rechnende Naturwissenschaftler und Techniker „mathematisch beherrscht", - bis er schließlich, in der heutigen Atom-Physik und Atom-Technik, diesen mathematisierten Kosmos so „von den Ursprüngen" her in mathematischen Formeln gefangen hält, daß er ihn von diesen Ursprüngen her vernichten kann: - in einer Welt-Revolutionierung, die aus kühlst überlegener mathematischer Formel und aus kühlst überlegenem technischem „Druck auf den Auslöse-Knopf". stammt. „Geist" ist für unser heutiges Abendländertum (ob Amerika oder Rußland) diese „kalte Überlegenheit" reiner „wissenschaftlicher Technik", wie sie der Mathematiker als mathematische Formel grundlegt, daß der Techniker zur letzten Entladung „auf den Knopf drücke".

„Geist" dagegen in der großen, alt-germanischen wie römischen wie griechischen wie hebräischen Tradition ist das grade Umgekehrte. Es ist - im Alt-Hebräischen - grundlegend der Geist des Gottes, von dem das Alte Testament immer wieder sagt: „Gott, der tötet und lebendigt, zur Unterwelt abführt und aufführt". Geist Gottes ist die Freiheit der Souveränität Gottes, der das Hohe niedrigt und das Reichel hin-armt. . . .- Geist ist dann im Griechischen der kosmische Geist als „keuchender Atem", cl. h. als der fruchtbare Geist der „stöhnenden Geburtswehen" der ganzen Schöpfung, heraus aus ihrer „Verweslichkeit", hinein in die „Freiheit der Glorie der Kinder Gottes", wie das achte Kapitel des Römerbriefes den Geist als „pneuma" deutet. - Geist ist im Lateinischen das „Windwehen", in dem alles beharrend-Statische jeweils neu dynamische Bewegung wird. - Entsprechend zu diesem althebräischen, griechischen und lateinischen „Geist" ist dann endlich der alt-germanische „Geist" das Entsetzende, d.h. im Grunde das, was im alt-hebräischen „Geist" waltete: unbegreifliche Gewalt, die jählings überfällt, um alles, was sich in sich selbst hinein „ge-setzt" hat, aus diesem„zähen" „Sitz" zu „ent-setzen".

 

(2) Europäischer Geist:

Zwischen kalvinischem Kapitalismus und jüdisch russischem Marxismus

Es dürfte damit klar sein, wie der seit Descartes, Kant und Hegel herrschende „europäische Geist" der Aufruhr ist gegen diesen „Geist" der klassischen Menschheit, - aber nicht vital direkter Aufruhr, sondern Aufruhr als „rationale Methode". . . Da seit Galilei und Descartes das organisierte All einer rational technischen Menschheit • an die Stelle des versterbenden „Heiligen Reich" trat, als ein „Reich der Menschheit" oder „Reich der Geister" öder schlechthin als „geistiges Reich", -. . . Es ist dann nur selbstverständlich, daß dieses „Geistige Europa" . . .in. Wirklichkeit -. durch die heutige moderne Physik - zu einem „mathematischen Feld" geworden ist, auf dem alle lebendigen Konkretheiten überführt sind in das reine Spiel der Zahl, die aber, im letzten technischen Zielsinn solcher Mathematik, nur das Theoretische ist, das zur Praxis der Technik werden muß, die am Schaltbrett und Druckknopf über Fortschritt oder Vernichtung von Menschheit und All entscheidet,— —. wie einst für die klassische Menschheit der souveräne lebendige Geist Gottes „tötete und lebendigte". Aber gerade diese Entwicklung zu einem „europäischen Geist" nationaler Technik trug von Anfang an ihren unheimlichen Gegner in sich selbst.

 

Ehe das „geistige Europa" der rationalen Technik in Galilei und Descartes sein Haupt erhob, hatte Calvin ... [einen Staat für seine Auserwählten propagiert] die Erde zu Nutzung und Frucht gibt, nach Gesetz. und Ordnung. Die „rational-göttliche Erde" Genfs erweiterte sich durch den Puritanismus, der England. und Amerika eroberte und bis heute innerlich formt, zur „rational-göttlichen angelsächsischen Erde", die, nach Gesetz und Ordnung, Nutzung und Frucht eines kalvinisch unterbauten „Kapitalismus" trug und trägt. Eines solchen Kapitalismus, der gewiß heute profan „prosperity" sagt, Fortschritt zu immer größerer Fortgeschrittenheit, aber, dies, auch heute, in einem dynamischen „göttlichen Geist", der Seine „vorbestimmt Auserwählten" „treibt und treibt" (wie der angelsächsische Kalvinismus das' Wort aus Röm 8; 14 zu. seinem geheimen Grundwort hat: „Die vom Geist Gottes getrieben werden, die sind Söhne. 'Gottes"). . .

Das Unheimlichste für ein heutig „geistiges Europa" aber ist die Verschlingung der beiden unerbittlichen Gegner im Europa des rational-technischen europäischen „Reich des Geistes". Auf der einen Seite ist der westliche kalvinische Kapitalismus die anerkannte „Thesis" (Grund-Setzung) für die Antithese (Gegen-Setzung) des jüdisch-russischen Bolschewismus, - und kehrt darum in der Formel einer „amerikanisierten Diktatur des Proletariats" in der Synthese (In-Eins-Setzung) des „Arbeiter-Staats-Kapitalismus" wieder. Auf der anderen Seite aber sucht der heutige amerikanische Kapitalismus sehnsüchtig nach einem „Mythos« für seine „Technik" . . .sucht also, noch so unbewußt, nach dem, was Besonderheitlich dem jüdisch-russischen Bolschewismus von seinem Ursprung her eignet: nämlich einen prophetischen Mythos. . . .


Zwischen einem angelsächsischen kalvinischen Markt-Kapitalismus und einem russischen und, jüdisch .. griechisch-orthodoxen Arbeiter-Staats-Kapitalismus ward das eigentlich europäisch-abendländische „Reich des Geistes", in das das ehedem „Heilige Reich" sich säkularisiert, rationalisiert und technisiert hat, - ward ein „geistiges Europa" geradezu zu reiner Ausbildungsstätte für die beiden Imperien des „Neuen Geist". Damit aber, daß diesem ganzen Zueinander als Tiefstes das Religiös-Christliche zugrundliegt, Judentum Alten Bundes und Orthodoxie und Kalvinismus. Neuen Bundes, damit reduziert sich die Frage „Geistiges Europa" in die End-Frage „Christliches Europa".


Christliches Europa

 

(1) Das Christliche

Kosmos im Austausch

„Christlich" ist das Eigenschaftswort zu Christus. Es heißt darum nicht nur „von Christus her" oder „zu Christus gehörig" oder „zu Christus hin". Sondern es heißt genau das, was Augustinus von den Christen sagt: „Ihr seid nicht nur Christ-i, sondern ihr seid Christ-us" . . .. Wie jegliches Glied des natürlichen Leibes der ganze Leib jetzt und hier ist und darum diesen ganzen Leib repräsentiert, d. h. gegenwärtig macht je und je, so hat der Christ als Glied des „Haupt und Leib Ein Christus" den Einen Christus je und je gegenwärtig zu machen, d. h. ganz und gar Repräsentation Christi zu sein. - Christlichkeit ist also nicht einfach etwas Ethisches oder Moralisches im Sinne einer Nachfolge oder Nachahmung eines Tugend-Bildes Christi, sondern es ist grundlegend etwas Seinshaftes: Christus Selbst zu sein als Sein seinshaftes Glied, wie das Auge schauender Leib ist, das Ohr horchender Leib ist, usw. - Das Wort Christus aber ist. das latinisiert griechische Wort für das alt-hebräische Wort „Messias", was „der Gesalbte" heißt, wie es der Name für Jesus von Nazareth ward. . . . Und, an dieser Heilig-Geist-Salbung Christi als des Einen gesalbten Königs und Hohenpriesters und Propheten nehmen wir teil als „königliches Priestertum ...
Jesus von Nazareth, als dieser Eine Gesalbte, dessen Salbung „Bleibe" ist „im" Christen als Christen, ist aber dieser Gesalbte wesentlich vom Alten Bund her, der sich in Ihm erfüllt, - so sehr, daß Er nur von diesem Alten Bund her gesehen und verstanden werden kann. Weil aber dieser Alte Bund nur Werkzeug Gottes ist „zur Erleuchtung der Heiden", so ist Jesus als Messias des Alten Bundes noch wesentlicher „Erlöser des Kosmos" (Joh. 4;42), so sehr, daß Er wahrhaft gesehen und verstanden werden muß aus der ganzen. vielfarbigen Fülle der Erlösungs-Sehnsucht aller Völker des ganzen Kosmos heraus: wie die frühen Kirchenväter von einem heidnischen Advent zu Christus hin sprachen. Im Mysterium aber von Juden und Heiden gesamt ist endlich dieser Eine „Messias der Juden" und „Erlöser des Kosmos" am wesentlichsten- 'das Mysterium eines Sich „austauschenden" Allerheiligsten Gottes, der Sich in diesem Messias und Erlöser „austauscht" gegen die „Sünde des Kosmos" . . .

".In diesem Mysterium des „staunens-würdigen Austausch" ist Jesus von Nazareth „totus Deus", total Gott, der Sich zum Menschen hin als Austausch schenkt, - und ebenso ist Er „totus homo", total Mensch, der, im „Austausch", ganz „aufgenommen" wird in Gott hinein. Der Eine geschichtliche Jesus von Nazareth ist totale Sichtbarkeit und Hörbarkeit und Tastbarkeit des „Gottes, den nie jemand eraugt hat". . .- In diesem Mysterium ist endlich jeder Christ „totos filius Dei", total „Kind und Erbe Gottes", - und ebenso „totos peccator", schlechthin „armer Sünder". - Aber alle drei Mysterien, Christi, der Kirche, und des Christen, tragen ihr Doppel-Gesicht nicht um irgendeines „metaphysischen Widerspruchs" willen (was einem Manichäismus entspräche), sondern einzig und allein um des „Heiles der Welt willen", deren Erlösung darin steht, daß Christus als Haupt, die Kirche als Leib, und der Christ als Glied dieses Leibes, das Eine „Lamm Gottes" sind und zu sein haben, das „nimmt und aufnimmt und trägt und austrägt die Sünde der Welt".
Darum steht das wesentliche und entscheidend „Christliche" 'darin, daß wir mitzuvollziehen haben in unserm ganzen Sein und Leben und Wirken und Leiden und Sterben  . . .


(2) Christliches Europa

Christliches Mittelalter, christliche Aufklärung, christliche Restauration, christlicher Austausch

Darin also steht der „Dienst" eines „christlichen Europa" als „christlichen Abendlands": die Eine „Diakonie des erlösenden Austausch" mit und in Christo zu vollziehen. . .
Gewiß war es im Ursprung eine „christliche Idee": daß der paulinische „Leib Christi" sich ausbaute zu einem augustinischen „Staat Gottes" und einem konstantinischen und mittelalterlichen „Heiligen Reich" als Form eines „christlichen Abendlands". - Aber, wie der österreichische Historiker Friedrich Heer unerbittlich nachweist, dieses „Reich Gottes auf Erden" wuchs sich zu einem neuen Alten Bund eines „auserwählten Volks" aus: da die Karolinger, wie die byzantinischen Kaiser, wie die Ottonen, Hohenstaufen und Habsburger sich einzig als gloriose Präsenz der Göttlichen Majestät auf Erden ansahen und auswirkten, bis dazu, in den „Christus-losen und Gott-losen" nur den „Feind" zu sehen, der mit „Kreuzzügen" auszurotten oder zur Taufe zu zwingen sei.
Gewiß war es, dem gegenüber, in der Reformation im Ursprung eine „christliche Idee": diese ganze gloriose Präsenz Gottes in einer gloriosen Repräsentation möglichst auszulöschen zu einer Betonung der Verborgenheit Gottes in einer „sündigen Kirche" und „sündigen Menschheit". - Aber die „Kirche des Evangeliums" und der „Mensch des Evangeliums" (was konfessionell „evangelisch" heißt) wuchs sich ebenfalls aus zu einem neuen Alten Bund: zum neuen Alten Bund der immer neuen „Umkehr" der Propheten, . „Umkehr", die dann das verbindende Band einer neuen „außerwählten Gemeinde" ward, wie Luther sie grundlegte und wie Calvin sie ausbaute zum Genf der „vorbestimmten Auserwählten", das sich dann ausweitete zu „Gottes eigenem Land" der „auserwählten Angelsachsen", die in „moralischen Kreuzzügen" ebenfalls „Welt-Eroberer" sein wollten und wollen. Gewiß entstand, gegenüber mittelalterlicher Glorie und reformatorischer Auserwähltheit, und gegenüber den leidenschaftlichen Kämpfen beider gegeneinander, im achtzehnten und. neunzehnten Jahrhundert die so- genannte Aufklärung: unter der echten „christlichen Idee" einer „christlichen Humanität", in der jeglicher „Feind", der christliche wie der nichtchristliche, der gott-gläubige wie der gott-lose „Feind", als „Bruder" genommen wird, wenngleich als „Bruder im Gegensatz", - getreu dem Wort des Herrn in der Bergpredigt, daß wir „Söhne des Vaters" sein sollen, der „Seine Sonne aufgehen läßt über mühende Bösewichte und bewundernswerte Edle, und Regen träuft über Rechte und Unrechte" (Mt 5;44). - Aber dieses „Christentum der Humanität" wuchs sich ebenfalls zu einem neuen Alten Bund aus: zum neuen Alten Bund der „menschlich Vollkommenen", wie sich die moralisch humanitären Freimaurer-Logen . als eine ausgesonderte „Elite" ansahen, denen in ihrem „Meistertum" die „Erziehung des Menschengeschlechts" zusteht. Gewiß war es, gegenüber diesem moralisierenden Humanitarismus, eine echte „christliche Idee", daß die sogenannte Romantik in Frankreich, Deutschland und Spanien eine Restauration einer „christlichen Gesellschaft" anstrebte unter dem Leitbild des „Leibes der vielen Glieder in Christo". - Und gewiß war und ist es „christliche Idee", daß seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, und dann besonders nach dem Zusammenbruch der zwei Weltkriege in Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien und Belgien die sogenannten „christlichen Parteien" sich bildeten, deren Programm ebenfalls, in bewußter oder unbewußter Nachfolge zur geschichtlichen. Romantik, diese „Restauration" ist. - Aber die „christliche Gemeinschaft" der. alten Romantik wie der „christliche Sozialismus" der heutigen „christlichen Parteien" wuchs und wächst sich aus zu einem letzten neuen Alten Bund eines „christlichen Organismus" . . .:Die romantische „Gemeinschaft" ebenso wie der heutige „christliche Sozialismus" (,‚christlich-demokratischer" oder „christlich-sozialer" Parteien) wuchs und wächst sich darum aus zu einer „Gemeinschaft-unter sich" und „Sozialismus-unter-sich", der um eines „Prestige" willen allzu geneigt ist, gleich den Pharisäern des Alten Bundes zu den „politischen Feinden" wie zu einem „Auswurf der Menschheit" zu sprechen: „Weiche weg von mir, weil .ich rein bin!", - völlig blind dafür, daß der Apostel grad von den Christen und den Aposteln selbst sagt: „Wie Schmutzwasser dieser Welt wurden wir, aller Auswurf annoch" (1 Kor 4;4,12), - weil Christen nämlich dazu berufen sind, nach dem „Beispiel" Christi die „Schmutz-Füße" einer „schmutzigen Welt" knieend abzuwaschen (Joh 13;1 bis 14). Darum, folgerichtig, verfiel die „Gemeinschaft" der Romantik ebenso wie der „Sozialismus" der christlichen Parteien allzuleicht der typischen Unfruchtbarkeit von „Eliten Gleichgesinnter": in glänzenden Programmen sich zu erschöpfen, die dann „zu schön" erscheinen, um eine „schmutzige Wirklichkeit" zu berühren.
So aber, von dieser geschichtlichen Entwicklung her, mag ein „christliches Europa" als „christliches Abendland" fast wie eine Wiederkehr des Israel erscheinen, das Moses wie die Propheten ein „steif-nackiges Haus des Widerspruchs" nannten. Denn all die „christlichen Formen", die vor unserm Auge erschienen, tragen in sich ein hartnäckiges Nein zu der Einen wahren Christlichkeit: zur Christlichkeit des „erlösenden Austausch". Es ist wie eine trainierte Flucht aus der Region von „Schmutzwasser. der Welt zu sein und Auswurf aller", daß durch solche Christenheit des „Schmutzwasser und Auswurf" die „Welt" und „Alle" ihres „Schmutzes" und ihres „Auswurfs" ledig würden. Es ist darum wie Eine trainierte Flucht in die Region irgendwelcher „sakralen Ausgesondertheit", „Staat Gottes" zu sein oder „Heiliges Reich" oder „Gemeinde der Auserwählten" oder „Loge christlicher Humanität" oder „christliche Gemeinschaft" oder „christliche Partei". Darum aber kann ein wahres neues „christliches Europa" als „christliches Abendland" einzig darin stehen, daß wir Christen mit Christo als „Freund und Tischgenoss der Sünder" (Mt 11; 19) uns echt „den Sündern gefreunden" und echt „am Tisch der Sünder sitzen", - um so allein Christ als „Christus" zu sein, der nicht Seine „Feinde" „auslöscht", (Is 42;3 Matth 12;20), sondern Der „auf Sich nimmt und nimmt und trägt und austrägt die Sünde der Welt" (Joh 1; 29).

 

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