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"Ein wirklich starker Gedanke erregt in mir, ja, fast erotische Gefühle. 
Ich kann Verstand und Leidenschaft nicht trennen. 
Denken ist eine leidenschaftliche Tätigkeit. 
Unser größtes Sinnesorgan ist eben das
Gehirn."

Hans Magnus Enzensberger
geboren am 11.11.1929 in Kaufbeuren.

Empfinden  - Denken - Tun



Ganzheit, ganzheitliches Denken


 „Die Summe der Teile ist nicht das Ganze.“
Laotse angeblich in Kap. 39 des Tao-Te-King, gemäss Übersetzung von Alexander Ular, 1903. In den Reclam-Ausgaben (Stuttgart 1961, Leipzig 1978) fehlt just dieser Satz.

 

500 v.Chr.    „Nur das Seiende ist.
Wie es niemals geworden, so kann es auch nimmer vergehen. Ganz ist es, nicht zu erschüttern, auch zielt es nicht in die Ferne.
Auch nicht teilbar ist das Sein, da es überall gleich ist. Weder gibt es ein stärkeres Sein noch ein schwächeres, welche Den Zusammenhang störten; von Seiendem voll ist das Ganze. Ganz Zusammenhang ist es; an Sein nur schliesst sich das Sein an."
Parmenides, Fr.8 (Auszug der Übersetzung von Hermann Glockner)

 

370 v.Chr.    Platon: Zusammenschau (synopsis): "Wer Fähigkeit für jenen Überblick hat, der hat auch Fähigkeit für Dialektik". Nur wer zusammenschauen kann, also der Systematiker, ist der wahre Dialektiker.
„Jede Figur, jede Zahlenverbindung, das ganze System der Harmonie und des Umlaufs der Gestirne muss demjenigen, welcher auf die rechte Weise darüber belehrt wird, als ein einziges und gemeinsames grosses Ganzes erscheinen, und es wird ihm so erscheinen, wofern er, dieser Anleitung folgend, dieses Eine beständig als sein Ziel im Auge behält.“
Platon, Anhang zu den "Gesetzen" (991e)

 

350 v.Chr.    „Von Natur ursprünglicher ist der Staat als das Haus und jeder einzelne von uns. Denn das Ganze ist notwendig ursprünglicher als der Teil" (und zwar nicht der Zeit, sondern dem Begriffe nach).
Aristoteles „Politik“ (1253a20)
„Dasjenige, was so zusammengesetzt (sýnholon) ist, dass das Ganze eins ist, nicht wie ein Haufen, sondern wie die Silbe, ist noch etwas anderes ausser den Elementen (stoicheîa).“
Aristoteles „Metaphysik“ (1041b 11)
„Ganzes (hólon) heisst etwas, dem erstens keiner von den Teilen (mére) fehlt, auf Grund derer es naturgemäss ein Ganzes genannt wird und das zweitens sein Umfasstes so umfasst, dass es eines (hén) ist.“
Aristoteles „Metaphysik“ (1023b20)

 

300 v.Chr.    Epikur: Epibolé (Intuition) als schlagartiges Erfassen des ganzen Erkenntnisgegenstandes.

 

300 v.Chr.    Euklid: Elemente 1 (5. Axiom): "Und das Ganze ist grösser als der Teil."

 

23 v.Chr.      "Wenn sie (die Laien) aber bemerkt haben, dass alle Wissenszweige unter sich sachlich miteinander in Verbindung stehen und etwas Gemeinsames haben (omnes disciplinas inter se coniunctionem rerum et communicationem habere) ... Enzyklopädische Bildung ist nämlich als ein einheitlicher Körper aus diesen Gliedern zusammengesetzt (encyclios enim disciplina uti corpus unum ex his membris est composita).“
Vitruv: „De architectura“

 

180 n.Chr.    "Oft erwäge die Verknüpfung von allen Dingen in der Welt und ihre gegenseitige Beziehung. Denn alle Dinge sind gewissermassen miteinander verflochten und alle insofern einander lieb." (6,38)
„Es soll als erster Satz gelten, dass ich ein Teil des von der Natur durchwalteten Ganzen bin; zweitens dass ich irgendwie in innerlicher Verbindung mit den verwandten Teilen stehe... Indem ich mich also erinnere, dass ich ein Teil des so gearteten Ganzen bin, werde ich mich mit allem Begegnenden befreunden.“ (10,6)
Alle Dinge verflechten sich miteinander, und die Verknüpfung ist heilig, und sozusagen kein Ding ist einem andern fremd; denn es ist eingereiht und ordnet dieselbe Weltordnung mit.
Denn es gibt eine Welt aus allem und einen Gott durch alles und eine Substanz und ein Gesetz...“ (7,9)
Mark Aurel

 

1000            engl.: wholeness (seit 1400: the whole)

 

13.Jh.           frz.: le tout

 

1250            "Das Ziel und der Zweck aller unserer Handlungen ist entweder: die Ganzheit unserer Natur wiederherzustellen oder die Unvollkommenheiten, denen unser Leben unterworfen ist, zu erleichtern."
Vincent von Beauvais

 

1300            Raymundus Lullus: ars magna oder characteristica universalis

 

1309            „Die Menschheit ist ein Ganzes mit Bezug auf bestimmte Teile und ist ein Teil mit Bezug auf ein bestimmtes Ganzes. Sie ist ein Ganzes mit Bezug auf die einzelnen Reiche und die Völker...“
Dante: De Monarchia

 

1380             "Das Vollkommene ist das Ganze.“
Theologia deutsch (1516/18 von Luther erstmals veröffentlicht)

 

1435             "...dass die Schönheit eine bestimmte gesetzmässige Übereinstimmung aller Teile, was immer für einer Sache, sei (certa cum ratione concinnitas universarum partium in eo), die darin besteht, dass man weder etwas hinzufügen noch hinwegnehmen oder verändern könnte, ohne sie weniger gefällig zu machen."
Leon Battista Alberti

 

1440             "Die Schönheit ist eine Art Übereinstimmung und ein Zusammenklang der Teile zu einem Ganzen (consensum et conspirationem partium in eo), das nach einer bestimmten Zahl, einer besonderen Beziehung und Anordnung ausgeführt wurde, wie es das Ebenmass, das heisst das vollkommenste und oberste Naturgesetz, fordert."
Gott hat "die Verhältnisse der Teile wechselweise aufs genaueste zusammengestimmt, dass überall die Bewegung der Teile zum Ganzen führt".
Nicolaus Cusanus: De ignorantia

 

1580             "L'universo è tutto in tutto"
Giordano Bruno

 

1684             Leibniz: volle Zusammenschau (cognitio intuitiva) des Ganzen; mathesis universalis, ars combinatoria

 

1769             "Es gibt nur ein einziges grosses Individuum, nämlich das Ganze (le tout). In diesem Ganzen gibt es wie bei einer Maschine oder irgendeinem Lebewesen einen Teil, den Sie so oder so nennen; aber wenn Sie diesen Teil des Ganzen als Individuum bezeichnen, geschieht das nach einem ebenso falschen Konzept, wie wenn Sie bei einem Vogel den Flügel oder eine Feder des Flügels als Individuum bezeichnen würden."
Denis Diderot: "Rève d'Alembert".

 

1770             Natur ist "das grosse Ganze, das aus der Zusammenfügung (assemblage) der einzelnen Stoffe, ihren verschiedenen Kombinationen und den verschiedenen Bewegungsarten resultiert, die wir im Universum sehen."
Aber auch: "Jeder Mensch ist ein zusammenhängendes Ganzes (un tout lié), dessen Teile in einer notwendigen Verbindung stehen.“
P. H. D. de Holbach: "Système de la nature".

 

1781             Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft.

 

1785             „In jedem lebendigen Wesen sind das, was wir Teile nennen, dergestalt unzertrennlich vom Ganzen, dass sie nur in und mit denselben begriffen werden können, und es können weder die Teile zum Mass des Ganzen noch das Ganze zum Mass der Teile angewendet werden, und so nimmt ... ein eingeschränktes lebendiges Wesen teil an der Unendlichkeit, oder vielmehr es hat etwas Unendliche in sich, wenn wir nicht lieber sagen wollen, dass wir den Begriff der Existenz und der Vollkommenheit des eingeschränktesten lebendigen Wesens nicht ganz fassen können, und es also ebenso wie das ungeheure Ganze, in dem alle Existenzen begriffen sind, für unendlich erklären müssen."
J. W. v. Goethe: Studie nach Spinoza

 

1787            J. H. Lambert (urspr. 1764/71): System = zweckmässig zusammengesetzes Ganzes

 

1790             Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft, § 65.

 

1793             "An jeder Komposition ist es nötig, dass sich das Einzelne einschränke, um das Ganze zum Effekt kommen zu lassen."
Friedrich Schiller an Körner, 23.2.1793

 

1797            "Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schliess an ein Ganzes dich an!"
Schiller/Goethe (musenalmanach, "Tabulae votivae")

 

1799            "Nicht das Ganze konnte aus den Teilen, sondern die Teile mussten aus dem Ganzen entspringen".) Friedrich Wilhelm Joseph Schelling

 

1800             "Denn Wissenschaft ist ein Ganzes der Erkenntniss als System und nicht bloss als Aggregat."
Immanuel Kant "Logik"

 

1807             „Das Wahre ist das Ganze. Das Ganze aber ist nur das durch seine Entwicklung sich vollendende Wesen.“
Ferner: Dialektik von Teil und Ganzem.
G. W. F. Hegel 1807

 

1808             "Die Wurzel aller Sittlichkeit ist die Selbstbeherrschung, die Selbstüberwindung, die Unterordnung seiner selbstsüchtigen Triebe unter den Begriff des Ganzen."
Johann Gottlieb Fichte. Reden an die deutsche Nation. 10. Rede.

 

1817             "Da nichts existieren kann, wenn es in sich nicht die Bedingungen vereinigt, welche seine Existenz möglich machen, so müssen die verschiedenen Teile eines jeden Naturkörpers so zusammengeordnet sein, dass das Gesamtwesen derselben nicht nur in sich selbst, sondern auch in Beziehung auf seine Umgebungen möglich sei."
Georges Cuvier, 1817, dt. 1831

 

1818             "Jede Betrachtung über den Menschen und über die Natur führt uns von dem Einzelnen zu seinem Verhältnisse mit dem Ganzen ... Aus dem Einzelnen geht die volle Erkenntniss des Ganzen nicht hervor, wenn nicht auch dieses zugleich erkannt ist."
1818 Carl Ritter: Einleitung zur allgemeinen vergleichenden Geographie

 

1840             Um 1840 in der Schweiz: Die Radikalen drängen zu „ganzen Lösungen", insbesondere zu einer starken staatlichen Zentralgewalt.
Sigmund Widmer: Illustrierte Geschichte der Schweiz, 1973, S. 339.

 

1843            „Die Wirkung zusammenwirkender Ursachen ist nicht immer genau die Summe der einzelnen Wirkungen dieser Ursachen, noch auch immer eine Wirkung von derselben Art wie diese Wirkungen.“
John Stuart Mill (A System of Logic, 6. Buch, 4. Kap. §3)
(daraus machten Popularisatoren: "Das Verhalten einer chemischen Verbindung ist niemals die Summe der Verhaltensweisen ihrer einzelnen Teile.")

 

um 1880      G. Th. Fechner unterscheidet synechologische Betrachtungsweise von einer monadologischen

 

1890            Christian von Ehrenfels: Über Gestaltqualitäten

 

1894             Wilhelm Dilthey: ganzheitliches Verstehen

 

1895             „Unter einer 'Menge' verstehen wir jede Zusammenfassung M von bestimmten wohlunterschiedenen Objekten m unserer Anschauung oder unseres Denkens (welche die 'Elemente' von M genannt werden) zu einem Ganzen.“
Georg Cantor

 

1914             "Die Ganzheit wird in den Gliedern geboren."
Othmar Spann

 

1917            Hans Driesch: Ganzheit, Wirkungseinheiten, dynamische Systeme (letztere stehen zwischen logischer und realer Ganzheit)

 

1921             "In der Philosophie als der Wissenschaft vom Ganzen der Welt kommt alles auf den Zusammenhang des Systems an, in dem die Resultate des Nachdenkens sich darbieten. In den Spezialwissenschaften sind die einzelnen Ergebnisse für sich wichtig. Das All lässt sich begrifflich nur im System fassen. Jedes unsystematische Denken bleibt daher notwendig partikular“. (VII)
Zunächst, d.h. am Anfang der Philosophie, ist daher von dem Ganzen nur zu sagen, dass es mehr als die Summe seiner Teile ist. (17)
"Fast jeder 'höhere' Mensch hat eine Weltanschauung als Auffassung von den Zielen oder dem Sinn seines Lebens... (Aber:) Auch die Maslowa, die arme Prostituierte in Tolstois 'Auferstehung' hat so etwas wie eine Weltanschauung, die ihr Leben und Handeln bestimmt." (25)
 "Jedes Ganze ist als Teil faktisch gegeben und zugleich als Teil eines grösseren Ganzen mit nicht faktisch Gegebenem verknüpft. Jeder Teil ist umgekehrt als Ganzes gegeben und besteht aus Teilen, die faktisch nie gegeben sein können. Erst das Eine und das Andere zusammen machen nach dem Prinzip des Relationalismus das letzte oder absolute Ganze aus." (173f)
Heinrich Rickert. System der Philosophie, Erster Teil

 

1923             Hans Driesch: Ganzheit kann nicht definiert werden; sie ist eine Setzung.

 

1925             Max Wertheimer: Was an einem Teil geschieht, wird von den Strukturgesetzen des Ganzen bestimmt.

 

1927             Ferdinand Weinhandl: Relationengeflecht im Ganzen.

 

1932             "Die ganzheitliche Betrachtungsweise besteht darin, das gesamte Betriebsgeschehen und die Betriebsstruktur unter verschiedenen, einzelnen, jeweils anderen Gesichtspunkten anzusehen... Die so gekennzeichnete ganzheitliche Betriebsauffassung vom wirtschaftlichen Standpunkte ist nun aber noch nicht die ganzheitliche Betriebsauffassung im eigentlichen, vom Leben und seiner Ganzheit her gesehenen Sinne ...Dieser Gesamtzusammenhang ist es nun aber, von dem aus die Wirtschaft und das 'wirtschaftliche Geschehen im Betrieb' seinen Sinn erhält, in dessen Wesen es dadurch liegt, dass dieser Sinn über den der Wirtschaft hinausgeht."
Arthur Lisowsky

 

1938             H Feuerborn: "Das 'Ganze' des lebenden Systems ist die Summe seiner spezifisch geordneten und spezifisch gearteten stofflichen und energetischen Teile."

 

1938             "Für unsere Zwecke können wir sagen, dass ein System etwas ist, das als Ganzes behandelt werden muss, weil jeder Teil zu jedem anderen Teil, den es umfasst, in einer signifikanten Weise in Beziehung steht. (Diese 'signifikante Weise' besteht darin, dass die Komponenten interdependente Variablen sind)."
Chester Barnard

 

1938            "for the treatment of wholes we can use 'system'"
Andras Angyal

 

1948             "Gegenwärtig treten auf allen Gebieten Auffassungen in den Vordergrund, die mit einem recht verschwommenen Begriff als 'ganzheitlich‘ bezeichnet zu werden pflegen."
Ludwig von Bertalanffy

 

1949             „Der Mensch ist das Ganze seiner Mutationen; und nur insofern es ihm gelingt, die Ganzheit zu leben, ist sein Leben ein ganzheitliches.“
Jean Gebser: Ursprung und Gegenwart 1949 (dtv-Ausgabe, 1. Teil. S. 228)

 

1950             Ludwig von Bertalanffy: "General System Theory is a new scientific doctrine of 'wholeness'."

 

1950             „Ganzheit kann nicht eigentlich definiert, sondern nur aufgewiesen oder 'aufgezeigt' werden; dies aber mit unmittelbarer Einsichtigkeit nur im und am Erleben.“
Albert Wellek

 

1951             verkündete das "Philosophische Wörterbuch", begründet von Heinrich Schmidt: "In der Gegenwart ist die ganzheitliche Auffassungsweise aller Gegebenheiten vorherrschend."
Jedoch: "Der Atomismus herrscht noch heute in den kausal-mechanischen Natur- und Weltauffassungen und wird erst allmählich durch die moderne ganzheitliche Betrachtungsweise verdrängt."
Schmidt/Schischkoff: Philosophisches Wörterbuch, auch 1968 und 1979

 

1957ff           "Zeitschrift für Ganzheitsforschung", Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Ganzheitsforschung, Wien, an der Hochschule für Welthandel

 

1962             "So schwierig es auch sein mag, wir müssen mehr holistisch als atomistisch denken lernen."
Abraham Harold Maslow: Psychologie des Seins (dt. 1973)

 

1963             Gestalt kann nicht definiert werden. "Organismische Gestalten sind... zumeist sehr innerliche Bezüge."
Adolf Meyer-Abich

 

1963             Charles E. Lindblom: „Synoptisches Vorgehen“ ist ein blosses Ideal, da es die Vermögen des Menschen übersteigt.

 

1964            "In Fortsetzung der Einsichten Hegels in die Dialektik von Teil und Ganzem und bei gleichzeitiger Überwindung seines Idealismus schuf der dialektische Materialismus eine erstmals wirklich wissenschaftliche Ganzheitstheorie."
Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie

 

1964            "Ganz ist, wovon keine andre als komplementäre Beschreibung gegeben werden kann."
Klaus Meyer-Abich

 

1965            "Jedes System muss als einheitliches Ganzes aufgefasst werden, obwohl es aus mehreren, für verschiedene Zwecke spezialisierten Strukturen und Teilfunktionen besteht."
Harold Chestnut: "Systems Engineering Tools"

 

1969             "Allenthalben erschrickt man vor der eigenen Tüchtigkeit, aber auch vor dem Gefühl der Ohnmacht und der Erkenntnis, dass wir die Übersicht und die Verantwortung für die Ganzheit verloren haben."
Nicol Biert in der NZZ

 

1970             „Die ganzheitliche Denk- und Sehweise scheint sich ganz natürlich und automatisch bei gesünderen, mehr selbstverwirklichenden Menschen einzustellen und scheint sehr schwierig für weniger entwickelte, reife, gesunde Menschen errreichbar zu sein.“
„Der Holismus ist offenkundig wahr...“
Abraham Harold Maslow im Vorwort zur Neubearbeitung von „Motivation and Personality“, 1970, dt. 1971.

 

1973             "Das Modewort vom ganzheitlichen Denken bedeutet nichts weniger als die Umkehr der gewohnten Denkrichtung, bedeutet die Berücksichtigung von Realitäten, welche nicht auf die stofflichen Prozesse reduzierbar sind."
Philippe Matile an einem ETH-Symposium

 

1975            Das Makroskop ist ein Werkzeug symbolischer Art. Es erlaubt die "Gesamtschau" auf Systeme (ferner: "Pattern recognition").
Joel de Rosnay: "Le macroscope" (dt. 1977)

 

1986             Das „Ganze“ denken „ ist identisch mit materialistischer Dialektik“.
Manfred Buhr




Dr. phil. Roland Müller, Switzerland 
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SYMBOL

Das Wort Symbol kommt aus dem Griechischen und heißt wörtlich: „das Zusammengefügte." Der Göttinger Theologe Peter Biehl, der entscheidenden Anteil an der neueren Symbolforschung hat, erläutert an einer konkreten Szene, was ein Symbol ursprünglich ist:

Zwei Freunde im alten Griechenland nehmen Abschied voneinander. Sie ritzen ihre Namen auf eine Tonscherbe und brechen sie in zwei Stücke. Jeder nimmt eine Hälfte mit; jeder weiß, daß er den Freund lange nicht sehen wird. Das Brechen von Ton und Namen drückt den Schmerz des Abschieds aus. Das sorgfältige Bewahren bringt Treue zum Ausdruck. Jede Hälfte verweist auf die Freundschaft, die gestern erlebt wurde, und ist zugleich ein Zeichen der Hoffnung auf die Freundschaft, die morgen neu erfahren werden kann. Der zerbrochene Teil der Tonscherbe (des Ringes oder der Schale) ist zwar selbst nicht Freundschaft, aber er ist ein sinnliches Erkennungszeichen, das abwesende Freundschaft vergegenwärtigen, in die Gegenwart hineinziehen kann. Nach langer Zeit treffen sich die Freunde wieder: Bei einer Schale Wein setzen sie die Tonstücke wieder zusammen. Ton und Namen ergänzen sich wieder. Sie feiern das Glück der Wiedervereinigung der Getrennten.

Das griechische Verb „symballein" heißt „zusammenwerfen, zusammenfallen, zusammenpassen oder vereinigen"; das entsprechende Substantiv „symboion" heißt das „Zusammengefügte". Symbolisieren  bedeutet etwas zusammenfügen,  das zusammengehört, aber vorher getrennt war. Das wird an dem Ritual des Scherbenbrechens und -zusammenfügens anschaulich. Dann könnte man vorläufig definieren: Ein Symbol ist ein „Zusammengeworfenes" aus einem sinnlichen Zeichen und dem Bezeichneten oder dem, was symbolisiert wird. Zwei wichtige Kennzeichen sind: Symbole haben Hinweis-Charakter. Die Tonscherbe weist über sich hinaus auf eine Wirklichkeit, nämlich die Freundschaft, die nicht unmittelbar zugänglich ist. Symbole enthalten ein sinnliches Zeichen, einen „symbolischen Stoff" (die Hälfte der Tonscherbe) und als zweites Element das „eigentlich Gemeinte", das Symbolisierte (die Freundschaft), das nur indirekt durch den symbolischen Stoff ausgedrückt werden kann. Symbole haben dadurch die Möglichkeit, auf eine verborgene, tiefere Wirklichkeit zu verweisen.

Das Symbol verweist nicht nur auf eine andere Wirklichkeit, sondern läßt sie gegenwärtig sein; es repräsentiert sie. Repräsentation meint in seiner ursprünglichen Bedeutung nicht, daß etwas uneigentlich oder indirekt da ist, also ob es ein Ersatz wäre. Das Repräsentierte ist vielmehr selber da. Folgt man diesem Symbolverständnis, dann leuchtet es ein, dass die alte Kirche ihre formulierten Glaubensbekenntnisse Symbole genannt hat. Denn sie fassen in verdichteter Form die grundlegenden Wahrheiten des Glaubens zusammen. Zugleich weisen sie über den knappen Wortlaut hinaus und geben zu denken: Was heißt das, was da in einem Satz steht, in der Breite meines Lebens?

Ich schließe mit einem modernen Symbol, einem Glaubensbekenntnis, das in unserer Zeit formuliert worden ist, von Dorothee Sölle. Es enthält auf seine Weise viel von dem, was uns heute, ausgehend vom Symbol des Kreuzes, beschäftigt hat:

 

Ich glaube an gott

der die welt nicht fertig geschaffen hat

wie ein ding das immer so bleiben muß

der nicht nach ewigen gesetzen regiert

die unabänderlich gelten

nicht nach natürlichen Ordnungen

von armen und reichen

sachverständigen und uniformierten

herrschenden und ausgelieferten

ich glaube an gott

der den Widerspruch des lebendigen will

und die Veränderung aller zustände

durch unsere arbeit

durch unsere politik

Ich glaube an Jesus Christus

der recht hatte als er

»ein einzelner der nichts machen kann«

genau wie wir

an der Veränderung aller zustände arbeitete

und darüber zugrunde ging

an ihm messend erkenne ich

wie unsere Intelligenz verkrüppelt

unsere fantasie erstickt

unsere anstrengung vertan ist

weil wir nicht leben wie er lebte

jeden tag habe ich angst

daß er umsonst gestorben ist

weil er in unseren kirchen verscharrt ist

weil wir seine revolution verraten haben

in gehorsam und angst

vor den behörden

ich glaube an Jesus Christus

der aufersteht In unser leben

daß wir frei werden

von vorurteilen und anmaßung

von angst und haß

und seine revolution weiter/treiben

auf sein reich hin

Ich glaube an den geist

der mit Jesus in die welt gekommen ist

an die gemeinschaft aller Völker

und unsere Verantwortung für das

was aus unserer erde wird

ein tal voll jammer hunger und gewalt

oder die Stadt gottes

ich glaube an den gerechten frieden

der herstellbar ist

an die möglichkeit eines sinnvollen lebens

für alle menschen

an die Zukunft dieser weite gottes

amen

 

theodor  frey

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